mini|„Lo Coms de Peit(i)eus“, Guillem VII, AutorenporträtUrsula Peters: Das Ich im Bild: Die Figur des Autors in volkssprachigen Bilderhandschriften des 13. bis 16. Jahrhunderts. Verlag Böhlau, Köln 2008, ISBN 978-3-412-18806-1 (). aus dem illumierten Chansonnier provençal „K“. Die historisierte Initiale „P“ markiert das Incipit der „canso“: « Pos de chantar m’es pres talens » (BdT 183,10). BnF ms. fr. 12473, folio 128r (13. Jh.) (Gallica). Wilhelm IX. (* 22. Oktober 1071; † 10. Februar 1126),Robert A. Taylor: An assessment on what we know and we don’t know about the first troubadour. Google Books, S. 876. bekannt als (BdT 183)BdT dieses Kürzel verweist auf das Standardwerk: Alfred Pillet, Henry Carstens: Bibliographie der Troubadours (Kürzel: BdT), Max Niemeyer Halle 1933. Ristampa anastatica dell’edizione Halle (Saale), Max Niemeyer Verlag, 1933, a cura di Paolo Borso e Roberto Tagliani. Ledizioni Milano 2013, ISBN 978-88-95994-64-2. 460 Trobadore sind hier namentlich aufgelistet und in alphabetischer Reihenfolge durchnummeriert von 1. Ademar bis 460. Vescoms de Torena. « Lo coms de Peiteus »(sic), also Wilhelm IX., trägt die Nummer 183., war Herzog von Aquitanien und der Gascogne sowie Graf von Poitou.

„Lo coms de Peiteus“ ist der erste namentlich bekannte Troubadour, Gründervater der Trobadorlyrik. In der Literaturgeschichte wird er als „trovatore bifronte“, als doppelgesichtiger Trobador, bezeichnet,Pio Rajna: Guglielmo conte di Poitiers Trovatore Bifronte. In: Mélanges de linguistique et de littérature offerts à M. Alfred Jeanroy, Éditions E. Droz Paris 1928. weil er einerseits derb-vulgäre, „unhöfische“ Lieder und andererseits feinsinnige, „höfische“ Kanzonen gedichtet hat, in denen zum ersten Male das Ideal der höfischen Liebe, des „amour courtois“, die Liebesideologie der „fin’amors“Man findet in der Literatur sowohl die Schreibweise «fin’amor» als auch «fin’amors». Der Nominativ des femininen Substantivs «amor» lautet im Alktokzitanischen «amors». Somit wäre «la fin’ amors» die richtige Graphie. Die altokzitanischen Mundarten besitzen ein Zweikasussystem: casus rectus und casus obliquus. Der Casus rectus, der Nominativ, «amors», endet auf s. Im Casus obliquus (Genitiv, Dativ, Akkusativ) heißt es dagegen «amor» ohne ‚s‘.Marilyn Yalom: Wie die Franzosen die Liebe erfanden. 900 Jahre Leidenschaft. Graf Verlag, 2013, ISBN 978-3-86220-038-2, S. 29–30 (Google Books).Moshé Lazar: Amour courtois et « fin’amors »: dans la littérature du XIIe siècle. Librairie C. Klincksieck, 1964. vorgestellt wurde.

Wilhelm IX., Herzog von Aquitanien, ist der Stammvater einer bedeutenden dynastischen Linie, Großvater Eleonores von Aquitanien, der berühmten Mäzenin, „Königin der Troubadoure“,Régine Pernoud: Königin der Troubadoure. Eleonore von Aquitanien. dtv 1461, 15. Auflage. München 1979, ISBN 3-423-30042-6, S. 145–160. Herzogin von Aquitanien, Königin von Frankreich, dann von England. „Lo coms Guilhem VII de Peitieus“ ist somit auch Urgroßvater zweier englischer Könige, des Troubadour-Königs Richard Löwenherz und des Königs Johann Ohneland, beide Söhne seiner Enkelin Eleonore.Henriette Walter: Aventures et mésaventures des langues de France. Honoré Champion, Paris 2012, ISBN 978-2-7453-2339-2, S. 140/141.

Seine Urenkelin Marie de Champagne, Tochter Eleonores aus ihrer Ehe mit dem französischen König Ludwig VII., war wie ihre Mutter eine Literaturmäzenin. An ihrem gräflichen Hofe in Troyes förderte sie den Trouvère Chrétien de Troyes, den Begründer des „höfischen Romans“, der durch seine fünf Versromane über die „Ritter der Tafelrunde“ weltberühmt wurde und dessen Werk die gesamte abendländische Epik seit dem Hochmittelalter bis in die Neuzeit beeinflusst.

In der Okzitanistik (Provenzalistik)Okzitanistik oder Provenzalistik ist das Teilgebiet der Romanistik, das die Dialekte und die Literatur der „langue d’oc“ untersucht. Mit „Provenzalisch“ wurde in der älteren Romanistik die Gesamtheit der okzitanischen Dialekte bezeichnet. Seit den 1990er Jahren haben sich allgemein die Bezeichnungen „okzitanisch“, „Okzitanistik“ und „Okzitanist“ durchgesetzt.Joseph Salvat: Provençal ou occitan? In: Annales du Midi. 1954, S. 229–241. gilt Herzog Wilhelm IX. von Aquitanien, der 7. Graf von Poitiers, als Autor der elf Lieder eines in den „Chansonniers“, den illuminierten altprovenzalischen Liederhandschriften, nicht näher bestimmten „Coms de Peit(i)eu(s)“.George T. Beech: L’attribution des poèmes du comte de Poitiers à Guillaume IX d’Aquitaine. In: Cahiers de civilisation médiévale, Band 31 (1988), S. 3–16 (Volltext online).

Leben als Herrscher mini|Wilhelm aus einem Cancionero des 13. Jahrhunderts Wilhelm war ein Sohn Wilhelms VIII. von Aquitanien aus dessen dritter Ehe mit Hildegard (Audéarde) von Burgund, der Tochter Roberts I., Herzog von Burgund. Nach dem Tod seines Vaters übernahm er 1086 die Herrschaft – in Aquitanien und der Gascogne als Herzog Wilhelm IX und in Poitou als Graf Wilhelm VII. Damit besaß er „mehr Land als der französische König Philipp I., dem er sich spät erst als Kronvasall beugte“.Werner Dürrson: Wilhelm von Aquitanien. Gesammelte Lieder. Verlag Die Arche, Zürich 1969, S. 61.

Im Jahre 1089 heiratete er Irmgard von Anjou, die Tochter Fulkos IV., Graf von Anjou, genannt „der Zänker“ (frz. « le Rechin »). Die kurze Ehe blieb kinderlos und wurde 1091 annulliert. 1094 ging er seine zweite Ehe ein, mit Philippa, der Tochter Wilhelms IV., des Grafen von Toulouse. Diese zweite, kinderreiche Ehe führte ihn in langanhaltende Konflikte mit der Familie der Gattin.

1098 besetzte Wilhelm erstmals Toulouse. 1099 trat er seine Rechte gegen eine finanzielle Kompensation an einen Neffen der Gattin, Graf Bertrand von Saint-Gilles, ab. Das Geld floss vor allem in den Kreuzzug von 1101, an dem sich Wilhelm an der Seite von Welf IV. beteiligte. In Herakleia wurde sein Heer in einem Hinterhalt von seldschukischen Streitkräften vollkommen aufgerieben. Der Chronist Ordericus Vitalis berichtet – sicherlich übertrieben – von 300.000 Toten.Bernard Félix: Guillaume le Troubadour: Duc d’Aquitaine fastueux et scandaleux. Aubéron 2002, ISBN 978-2-84498-024-3, S. 126. Wilhelm konnte sich im Folgejahr mit Begleitern über Antiochia nach Jerusalem durchschlagen und gelangte im Herbst nach Frankreich zurück.

Im Jahr 1103 unterstützte Wilhelm Fulko IV. in dessen Auseinandersetzungen mit seinem Sohn Gottfried Martell – eine Unternehmung, die zu seinen Ungunsten ausging, als die Kontrahenten sich einigten. Wilhelm musste mehrere Burgen in der Saintonge aufgeben, konnte jedoch 1107 deren Rückgabe durch die Gefangennahme Fulkos V. von Anjou erzwingen.

Als Bertrand von Saint-Gilles 1112 im Heiligen Land starb, erneuerte Wilhelm seine Ansprüche auf Toulouse und nahm 1113 die Stadt zum zweiten Mal ein. Im darauf folgenden Jahr wurde über Wilhelm von Bischof Peter I. von Poitiers der Kirchenbann verhängt, weil er steuerliche Kirchenprivilegien zugunsten der Staatskasse angetastet hatte.

1115 verstieß Wilhelm seine Ehefrau Philippa, die sich in das Kloster Fontevrault zurückzog. Wilhelm hatte sich in die « Dange(i)rosa de L’Isle Bouchard » (Dangeirosa bedeutet wörtlich: die Gefährliche) verliebt, später genannt « La Maubergeonne », die Ehefrau seines Vasallen Aimery I., des benachbarten Vizegrafen von Châtellerault. Wilhelms Sohn, der spätere Wilhelm X., heiratete 1121 die Tochter Aimerys und der Dangeirosa, Aénor von Châtellerault. Aénors und Wilhelms X. Tochter war Eleonore von Aquitanien, Königin von Frankreich, dann von England, die offensichtlich die Liebe zur Poesie und das ungestüme Temperament ihrer Großeltern geerbt hatte. EleonoreRégine Pernoud: Königin der Troubadoure. Eleonore von Aquitanien. dtv 1461, 15. Auflage. München 1979, ISBN 3-423-30042-6, S. 145–160. förderte als Mäzenin am französischsprachigen (anglonormannisch) englischen Hof und am Hofe zu Poitiers Trobadordichtung und Minnesang (siehe Marie de France). Eine ihrer Töchter, Marie de Champagne, setzte das Literaturmäzenatentum ihrer Mutter fort und unterstützte unter anderem den großen Epiker und Trouvère Chrétien de Troyes.Henriette Walter: Aventures et mésaventures des langues de France. Honoré Champion, Paris 2012, ISBN 978-2-7453-2339-2, S. 140/141.

Wilhelms Gattin Philippa klagte 1119 auf dem Konzil zu Reims ihn des Ehebruchs an – ein Ereignis, mit dem Wilhelms spanischer Kriegszug in Verbindung gebracht wird (als mutmaßliche Sühneleistung). Gemeinsam mit Alfons I., dem Krieger, dem König von Aragón, eroberte Wilhelm in Spanien Calatayud. Im Rahmen dieses Kriegszugs gelang Wilhelm 1120 ein bedeutender Sieg über die Mauren in der Schlacht von Cutanda (Provinz Teruel) im Rahmen der Reconquista. Das Bündnis mit Alfons I. hatte allerdings keinen Bestand. Wilhelm wechselte in den Auseinandersetzungen um Toulouse zwei Jahre später die Fronten, angewiesen auf die Unterstützung Raimund Berengars III., Graf von Barcelona, gegen Alphonse Jourdain von Toulouse.

Gegen Ende seines Lebens verlor Wilhelm Toulouse endgültig.

Wilhelm IX. starb am 10. Februar 1126 in der Nähe von Blaye.

Im Gegensatz zu seiner glücklosen Politik stehen seine prunkvolle Hofhaltung, sein großzügiges Mäzenatentum und seine schöpferischen Leistungen als Poet, als Begründer der Trobadorlyrik, als Erfinder des Ideals der „höfischen Liebe“, des « amour courtois ».

Der französische Romanist und Mediävist Jean-Charles Payen findet, dass der herzogliche Trobador Guilhem IX mehr Beachtung verdiene:

Nachfahren Aus der Ehe mit Philippa gehen vier Kinder hervor: Wilhelm X., sein Nachfolger als Herzog von Aquitanien. 1121 heiratete er Aénor de Châtellerault. Aus dieser Ehe wurde 1122 Eleonore von Aquitanien geboren. Raimund von Poitiers (1099–1149),Raimund von Poitiers wird bei Schwennicke (Europäische Stammtafeln II (1984) Tafel 76 als unehelicher Sohn Wilhelms IX. (VII.) aus seiner Beziehung mit der Ehefrau des Amaury I., Vizegraf von Châtellerault, angegeben. Üblich ist jedoch, ihn als jüngeren Sohn Wilhelms aus seiner zweiten Ehe mit Philippa von Toulouse zu sehen, wo der Name Raimund der Leitname war, wobei jedoch festzuhalten ist, dass es gerade ihr Onkel Raimund IV. war, der ihr – mit Willen ihres Vaters Wilhelm IV. – die Grafschaft Toulouse, ihr angebliches Erbe mangels männlicher Nachkommen, vorenthielt. Die in der „Materialsammlung“ angeführten Quellen äußern sich nicht dazu, wer die Mutter Raimunds war, und auch Steven Runciman schweigt sich in seiner „Geschichte der Kreuzzüge“, (7. Buch, 2. Kapitel) dazu aus. Im Artikel „Wilhelm IX.“ des Lexikons des Mittelalters (Band IX, Spalte 140) wird diese Verbindung jedoch hergestellt: „konnte er [Wilhelm IX.] sich bis 1123 (…) in Toulouse halten, wo Philippa auch ihren Sohn Raimund (* 1114/17), dessen Namen ihn als Erben der Grafschaft auswies, zur Welt brachte“. Fürst von Antiochia Heinrich, Prior zu Cluny, Abt von Peterborough Abbey Agnes von AquitaineVgl. französischsprachige Wikipedia: Agnès de Poitiers (reine d’Aragon) (auch genannt: Inés von Poitou), heiratete Ramiro II. von Aragón.

Wirken als Dichter mini|„“ in roter Farbe, links unten: « Lo coms de perteus si fo uns dels maiors cortes del mon e dels maiors trichadors de domnas … » — „Chansonnier provençal K“; BnF, ms. fr. 12473, folio 128r; aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts Gallica

Anonyme Vida In einer wenige Zeilen umfassenden anonymen Vida, einer Lebensbeschreibung aus dem 13. Jahrhundert, heißt es über den Grafen von Poitiers:

Erster Trobador Literaturgeschichtlichen Ruhm errang Wilhelm IX. von Aquitanien, als Okzitanisten ihn als den „ersten“ Trobador identifizierten, von dem die Forschung bis heute weiß. Demnach ist er auch der erste bisher namentlich bekannte weltliche Lyriker des christlichen Europas, der in einer Volkssprache dichtete:

Nur iberoromanische, mozarabischen Chardschas aus al-Andalus zeigen noch ältere Zeugnisse von Lyrik in romanischer Volkssprache: