mini|Georg Mühlbergs Renommierbummel (um 1900): Verbindungsstudenten mit frischen Schmissen beim Spaziergang, vermutlich am Morgen nach einem Pauktag Ein Schmiss ist eine in einer studentischen Mensur davongetragene Schnittverletzung sowie die daraus entstandene Narbe. Bis zur Auflösung der Studentenverbindungen in der Zeit des Nationalsozialismus galt ein Schmiss im Gesicht vielfach als das typische Erkennungszeichen eines deutschen Akademikers. Heute sind sichtbare Schmisse selten und selbst bei Angehörigen schlagender Verbindungen nicht unbedingt vorhanden.

Etymologie Schmiss bzw. Schmiß (von schmeißen) bezeichnete im 17. Jahrhundert einen Hieb oder Schlag. Daraus entwickelte sich im 19. Jahrhundert in der Studentensprache die heutige Bedeutung als in einer Mensur entstandene Wunde oder Narbe. Umgangssprachlich wird häufig auch eine von einer anderen Verletzung stammende Narbe im Gesicht als Schmiss bezeichnet.

Geschichte

Spätes 18. und frühes 19. Jahrhundert mini|hochkant=1.5|Zeittafel der studentischen Fechtwaffen in Deutschland mini|Tübinger Mensur, 1831 Der für Studenten und Akademiker lange Zeit typische Schmiss im Gesicht hat seinen Ursprung im späten 18. Jahrhundert, als im studentischen Duellwesen allmählich der Wechsel vom Stoß- zum weniger lebensgefährlichen Hiebfechten vollzogen wurde, und mit dem Schläger die auch heute noch verwendete studentische Fechtwaffe entwickelt wurde.

Um 1800 waren Hiebfechten und Stoßfechten an deutschen Universitäten regional unterschiedlich verbreitet. Wegen der weniger sichtbaren Schmisse sollen damals Stoßmensuren trotz der höheren Lebensgefahr besonders bei Theologiestudenten beliebt gewesen sein.Peter Hauser: Zum Geleit: Über das Paukarztwesen im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung von Heidelberg. In: Peter Hauser (Hrsg.): Schmisse, Lappen, Knochensplitter – Paukärztliche Schriften des 19. Jahrhunderts. S. 3–41, hier S. 15.

Bis zum Aufkommen antiseptischer Wundversorgung war es lange Zeit üblich, einen Zweikampf bereits bei der ersten Verletzung zu beenden, weshalb die Zahl der Schmisse zunächst insgesamt gering und auffällige Schmisse relativ selten blieben.Wilhelm Fabricius: Die Deutschen Corps. Eine historische Darstellung mit besonderer Berücksichtigung des Mensurwesens. Thilo, Berlin 1898, S. 417.

Dieses Fechten bis zum ersten Schmiss wird unter anderem im 1822 verfassten Studentenlied Studentenleben beschrieben. Dort ist mit dem – erhaltenen oder ausgeteilten – Schmiss der Tusch, also die die Mensur auslösende Beleidigung, „vergessen“:

Will zum Kontrahieren einer mich touchieren, gleich gefordert wird er, augenblicks: „Bist ein dummer Junge!“ Und mit raschem Sprunge auf Mensur geht’s im Paukantenwichs. Schleppfuchs muß die Waffen auf den Paukplatz schaffen, Quarten pfeifen, Terzen schwirren froh. Hat ein Schmiß gesessen, ist der Tusch vergessen von dem kreuzfidelen Studio.

Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Zeit des Nationalsozialismus mini|Christian Wilhelm Allers: Drei Stufen der Rekonvaleszenz nach einer Mensur, 1902

Um 1850 löste die Bestimmungsmensur schließlich das Duell mit dem Schläger ab. Mit Erfindung der Paukbrille 1857 und der folgenden Verbreitung wurden schwere Verletzungen und Todesfälle bei Mensuren immer seltener.Werner Lackner: (PDF; 667 kB) Wien 1997, S. 66f. Die Zahl der Zweikämpfe nahm zu, und mit ihr die Zahl der Schmisse. Einen Schmiss zu erhalten, war allerdings nicht das Ziel der Mensur, sondern nur eine häufige Begleiterscheinung.Martin Biastoch: Tübinger Studenten im Kaiserreich. Eine sozialgeschichtliche Untersuchung. Thorbecke, Sigmaringen 1996, ISBN 3-7995-3236-6, S. 200.

Bereits seit den 1830er Jahren gab es auch nichtschlagende Studentenverbindungen, insbesondere katholische, die das Fechten von Mensuren gerade wegen des Verletzungsrisikos ablehnten.

Entwicklung zum Erkennungszeichen

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Schmiss zu dem Erkennungszeichen mitteleuropäischer Akademiker schlechthin und blieb es bis in die 1930er Jahre hinein. Dieses Zeichen wurde durchaus mit Stolz getragen, symbolisierte es doch das nach damaliger Auffassung herrschende Ideal eines tatkräftigen, unerschrockenen Mannes, der auch vor bedrohlichen Situationen nicht zurückschreckt. Irreversibel in das Gesicht eingeschrieben, waren Schmisse ein eindeutiges und für die Gesellschaft sichtbares ZeichenSilke Möller: Zwischen Wissenschaft und „Burschenherrlichkeit“. Steiner, Stuttgart 2001, ISBN 3-515-07842-8, S. 160. und dienten als Gewähr für den Charakter ihres Trägers.Silke Möller: Zwischen Wissenschaft und „Burschenherrlichkeit“. Steiner, Stuttgart 2001, ISBN 3-515-07842-8, S. 166.Thomas Friedrich: Bewußtseinsleistung und Struktur. Königshausen & Neumann, Würzburg 1999, ISBN 3-8260-1572-X, S. 63ff.

Viele junge Männer eiferten diesem Ideal dann auch im Übermaße nach, sodass spätestens im Deutschen Kaiserreich der farbentragende, mit Schmiss ausgestattete Korporierte zum Leitbild der Studentenschaft wurde.Konrad Jarausch: Deutsche Studenten 1800–1970. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984, S. 59. Es wird geschätzt, dass im Kaiserreich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg jedes Jahr um die 12.000 Bestimmungsmensuren gefochten wurden. Bis in die 1930er Jahre waren vier bis fünf Mensuren pro Semester durchaus die Regel; jedes aktive Mitglied einer schlagenden Verbindung stand samstags fast automatisch auf Mensur, wenn es dazu medizinisch in der Lage war. Mit den Fortschritten in der Medizin und dem Aufkommen der antiseptischen Wundversorgung verringerte sich die Gefahr von Infektionen drastisch, wodurch auch die Mensuren blutiger wurden, da sie nun nicht mehr mit dem ersten Schmiss beendet werden mussten.

mini|hochkant=1.2|The First Wound, Illustration zu Mark Twains A Tramp Abroad, 1878/1880

Neben der Suche nach Abenteuer und dem Nervenkitzel war auch eine „implizit sexuelle Konnotation“ des Schmisses ein Faktor, der die Tradition der Mensur begünstigte, da der Schmiss eine „große sexuelle Attraktivität“ auf Frauen ausübte und so häufig „den Anfang der sexuellen Aktivitäten mit dem anderen Geschlecht“ markierte.Frank Grobe: Zirkel und Zahnrad. Ingenieure im bürgerlichen Emanzipationskampf um 1900 – Die Geschichte der technischen Burschenschaft. In: Klaus Oldenhage (Hrsg.): Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert. Band 17. Heidelberg 2009, S. 144. Der britische Autor Jerome K. Jerome schrieb über den Stellenwert des Schmisses in Deutschland in seiner 1900 erschienenen humoristischen Erzählung Drei Männer auf Bummelfahrt:Jerome K. Jerome: Drei Männer auf Bummelfahrt. Bristol 1900; deutsche Übersetzung: Frankfurt 1905. Zitiert nach: Georg Nilreh: Kompendium corpsstudentischer Weisheiten. 2012, ISBN 978-3-8442-3066-6, S. 34.

Hinzu kam, dass der Schmiss sich im Kaiserreich als „narbige Visitenkarte“ allerorten zur Eintrittskarte in die höhere Gesellschaft entwickelte.Hans-Ulrich Wehler: Das Deutsche Kaiserreich 1871–1918. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1994, S. 130. Der Schmiss kennzeichnete seinen Träger als Mitglied der Gruppe der Satisfaktionsfähigen, und zwar unabhängig davon, ob dieser Angehöriger des Adels, Reserveoffizier oder Provinzakademiker war.Norbert Elias: Die satisfaktionsfähige Gesellschaft. In: Michael Schröter (Hrsg.): Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-518-28608-1, S. 61–158, hier: S. 85.

Manipulationen mini|Franz Burda mit – vermutlich selbst zugefügtem – Schmiss auf der linken Wange Speziell aus der Kaiserzeit gibt es Berichte von Studenten, die zwar die Mensur scheuten, aber dennoch nicht auf das akademische Statussymbol verzichten wollten. Ärzte berichteten davon, dass sie von Studenten gebeten worden seien, ihnen Schmisse chirurgisch beizubringen, damit sie in Akademikerkreisen nicht negativ auffallen. Franz Burda soll sich einen Schmiss auf der Wange selbst zugefügt haben, „um abenteuerlicher und für die jungen Damen interessanter zu wirken“.Ute Dahmen: Senator Dr. Franz Burda – Geschichten eines Lebens. Petrarca, München 2011, S. 24. 1926 wurde der Fall eines Hochstaplers bekannt, der sich selber Schmisse zufügte, um als Verbindungsstudent auftreten zu können.Moritz Föllmer: Die Berliner Boulevardpresse und die Politik der Individualität in der Zwischenkriegszeit. In: Wolfgang Hardtwig (Hrsg.): Ordnungen in der Krise. Zur politischen Kulturgeschichte Deutschlands 1900–1933. Oldenbourg, München 2007, S. 293–326, hier S. 300.

Angeblich soll es auch Methoden gegeben haben, aus einer empfangenen kleineren Wunde „stolze Kampfnarben“ entstehen zu lassen, z. B. durch das Einreiben mit Salz oder Einlegen von Rosshaaren, sodass der Heilungsprozess verschlechtert und die Narbenbildung verstärkt wurde. Auch Mark Twain berichtet bei seinen Schilderungen der Mensur von Gerüchten, dass einige ihre Schmisse wieder aufrissen und dann mit Rotwein einrieben.Mark Twain: A Tramp Abroad. American Publishing, 1880. S. 64. Das Einlegen von Rosshaaren diente damals aber in Wirklichkeit als Drainage und hatte daher medizinische Gründe. Das Einreiben mit Salz oder Rotwein ist eher in den Bereich der Legenden zu verweisen. Häufiger dürfte hingegen das sogenannte „Schmisse-Ziehen“ gewesen sein, bei dem die Heilung harmloser Gesichtsschmisse durch Auseinanderziehen der Wunde behindert wurde.Peter Hauser: Zum Geleit: Über das Paukarztwesen im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung von Heidelberg. In: Peter Hauser (Hrsg.): Schmisse, Lappen, Knochensplitter – Paukärztliche Schriften des 19. Jahrhunderts. S. 3–41, hier S. 18. Das Schmissziehen war allerdings allgemein verpönt und bei vielen Verbindungen auch streng verboten.

Rezeption

Der Schmiss war in zeitgenössischen Publikationen allgegenwärtig, sowohl in ernsten als auch in satirischen.Sonja Levsen: Elite, Männlichkeit und Krieg: Tübinger und Cambridger Studenten 1900–1929. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, S. 101. Auch aus politischen wie humoristischen Karikaturen, beispielsweise in den Fliegenden Blättern oder dem Simplicissimus, war der Schmiss zur Kennzeichnung von Studenten lange Zeit nicht wegzudenken.Peter Krause: O alte Burschenherrlichkeit – Die Studenten und ihr Brauchtum. Verlag Styria, Graz/Wien/Köln 1979, ISBN 3-222-11127-8, S. 136. In politischen Karikaturen der 1920er und 1930er wurde der Schmiss als stereotypes Attribut für reaktionäres Gedankengut verwendet, häufig in Kombination mit einem Monokel.

In Heinrich Manns satirischen Roman Der Untertan ist der Schmiss mit negativen Eigenschaften verbunden. Diederich Heßling, die Hauptfigur, wird Mitglied in einer schlagenden Studentenverbindung und bezieht fortan sein Selbstwertgefühl aus dem Kollektiv, wobei seine Schmisse als sichtbares Zeichen für seine Zugehörigkeit zu diesem stehen:Heinrich Mann: Der Untertan. Kurt Wolff, Leipzig 1918, S. 30f.

Der insbesondere für Beobachter von außerhalb des mitteleuropäischen Kulturraums befremdlich wirkende Schmiss beeinflusste auch das Bild Deutschlands und der Deutschen im Ausland.Manfred Koch-Hillebrecht: Das Deutschenbild. Gegenwart, Geschichte, Psychologie. C.H. Beck, München 1977, S. 177f.

Seit dem Zweiten Weltkrieg

Veränderte Wahrnehmung Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Deutschland und Österreich alle vor 1945 gegründeten Organisationen mit Skepsis betrachtet, auch die von den Nationalsozialisten verbotenen Verbindungen, wobei häufig nicht zwischen schlagenden und nichtschlagenden differenziert wurde.