Kaufman-Plan oder Kaufmans Plan ist eine Bezeichnung der nationalsozialistischen Propaganda für ein Traktat des US-Amerikaners Theodore Newman Kaufman, das dieser Anfang 1941 unter dem Titel im Selbstverlag veröffentlichte. Kaufman hatte darin im Fall eines Krieges zwischen den USA und Deutschland und eines Sieges der USA in diesem Krieg für eine Sterilisierung aller Deutschen plädiert, um die Welt vor ihrer seiner Ansicht nach angeborenen Kriegsneigung zu bewahren. Die Schrift wurde in den USA kaum beachtet, aber von der NS-Propaganda zu einem Plan aus dem Umkreis des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt und, da Kaufman Jude war, zum Dokument jüdischer Vernichtungsabsichten stilisiert. Es diente als Material in einer groß angelegten Kampagne des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda, die alle Medien erfasste.

Theodore N. Kaufman und seine Broschüre Germany must perish! Vorgeschichte Über Kaufman ist wenig bekannt – so wenig, dass schon vermutet worden ist, es handle sich bei dieser Person um eine Erfindung oder auch einen Agenten der nationalsozialistischen Propaganda.Lang 2006, S. 372; siehe auch Benz 1981, S. 619. Kaufman existierte jedoch wirklich. Am 22. Februar 1910 als Sohn von Anton Kaufman, dem Herausgeber des Jewish Chronicle in Newark, geboren, absolvierte er die South Side High SchoolWilliam B. Helmreich: The Enduring Community. The Jews of Newark and Metrowest. New Brunswick (New Jersey), Transaction Publishers, 1999, S. 30 und 46 (Fußnote 51). und scheint sich dann beruflich in Newark auf verschiedenen Gebieten versucht zu haben: als Büroangestellter, in der Werbung, als Verkäufer.Benz 1981, S. 626. Weitere Angaben aus der Rezension von Time vom 24. März 1941, etwa dass Kaufman ein New Jersey Legal Record herausgegeben habe, konnten nicht verifiziert werden, da die Zeitschrift unauffindbar ist; es ist nicht sicher, ob sie jemals existiert hat.

Im Jahre 1939 machte er erstmals mit einer politischen Aktivität von sich reden. Im Namen einer American Federation of Peace versandte er ein Pamphlet an Medien, Politiker und Friedensfreunde unter dem Titel Life–Liberty–Pursuit of Happiness–Where? In The Graves of European Battlefields?. Auf Hochglanzpapier fanden sich dort Fotos von Kriegsverletzten und ausgehungerten Kriegsopfern sowie, im Rahmen einer „möglichen Petition“ (possible plea) an den Kongress der Vereinigten Staaten, in Fettschrift gesetzte flammende Aufrufe gegen eine amerikanische Kriegsbeteiligung. Es hieß unter anderem: „Lasst uns alle sterilisieren! Wenn ihr plant, uns in einen Krieg ins Ausland zu schicken, erspart uns jede Möglichkeit, Kinder in die Welt zu setzen – in dieses unser Land!“Time vom 23. Oktober 1939, Slick Stuff, vgl. auch Time vom 14. März 1941, A Modest Proposal, sowie Benz, S. 628. Das Pamphlet findet sich in der Bibliothek der McMaster University, Ontario, in den MILLS Research Collections, Signatur D 753 .A48 1940. Vgl. https://discovery.mcmaster.ca/iii/encore/record/C__Rb3092990?lang=eng. Das Pamphlet ist offenbar kaum beachtet worden. Die einzige nachgewiesene öffentliche Reaktion ist eine kurze Notiz in Time vom 23. Oktober 1939 in der Rubrik „War and Peace“ unter der Überschrift Slick Stuff, die sich über Ton und Stil mokiert und einige „ausgewählte Greuel“ (sample atrocities) zitiert.Time vom 23. Oktober 1939, Slick Stuff.

Im selben Jahr publizierte Kaufman unter seinem eigenen Namen einen zehnseitigen Aufruf A Will and Way to Peace: Passive Purchase, als Herausgeber fungierte erneut die American Federation of Peace. Wiederum war der Tenor dieses Aufrufs isolationistisch: Die Bürger der USA sollten sich zwei Wochen beim Kauf einheimischer Waren zurückhalten, also Konsumverzicht üben und damit der Forderung nach Neutralität und Kriegsabstinenz der USA Nachdruck verleihen. Im Anhang wurde die American Federation of Peace vorgestellt: Sie sei unpolitisch, bejahe das Recht auf militärische Selbstverteidigung, trete aber entschieden gegen die Beteiligung amerikanischer Truppen an imperialistischen Abenteuern ein. Als Kontaktadresse war ein Bürogebäude in Newark, Kaufmans Wohnort, angegeben. Wolfgang Benz fasste die Stoßrichtung des Textes so zusammen: „Kaufman wollte den amerikanischen Traum einer großen Zukunft materiellen Wohlstands der Amerikaner mithilfe seines fundamentalistischen Demokratieverständnisses realisieren.“Benz 1981, S. 628. Eine Rezeption dieser Broschüre ist nirgendwo dokumentiert.

Diese beiden Schriften sind die einzigen Spuren einer American Federation of Peace. Diese ist sonst nirgends nachzuweisen, mit den etablierten Friedensorganisationen der USA, etwa der American Peace Society, hat sie nichts zu tun. Wahrscheinlich war Kaufman ihr einziges Mitglied.

Germany must perish! mini|Titelbild von Germany must perish! (1941) Kaufmans teilweise schrille neutralistische Töne hatten bis zu diesem Zeitpunkt kaum Beachtung gefunden. Das änderte sich zunächst nicht wesentlich, als er, vermutlich im Februar 1941,Das Copyright-Deposit-Exemplar wurde am 28. Februar 1941 in der Library of Congress hinterlegt. Vgl. Benz 1981, S. 619. in dem eigens dafür von ihm selbst gegründeten Verlag Argyle Press eine gut hundertseitige Broschüre herausbrachte, die den Titel Germany must perish! trug (zu Deutsch etwa: ‚Deutschland muss zugrunde gehen!‘). In einer Einleitung (Introductory Note) bekräftigte Kaufman erneut seine Überzeugung, dass ein Kriegseintritt der USA ausschließlich als Mittel der militärischen Selbstverteidigung zulässig sei. Er argumentierte im Folgenden, dass der mittlerweile entfachte Weltkrieg keineswegs der Krieg Hitlers, sondern der Krieg des deutschen Volkes sei. Sodann versuchte Kaufman, im Großteil des Textes mittels einer Zitatensammlung (unter anderem von Friedrich Nietzsche, Heinrich von Treitschke, Karl Lamprecht, Paul Rohrbach) zu zeigen, dass die Deutschen seit der germanischen Frühzeit bis heute von aggressivem Germanism befallen seien und daher unausrottbar zu Krieg, Rassismus und Barbarei neigten.

Im letzten Kapitel (Death to Germany) bot er seine Lösung an: Man müsse die Deutschen mit einer „modernen Methode“ daran hindern, sich als Volk weiterhin zu reproduzieren. „Diese moderne Methode, der Wissenschaft als eugenische Sterilisierung bekannt, ist zugleich praktikabel, human und gründlich.“Kaufman 1941, hier zitiert nach Lang 2006, S. 366. Konkret sollten nach dem Sieg Großbritanniens und seiner Alliierten alle deutschen Frauen unter 45 und alle deutschen Männer unter 60 zwangssterilisiert werden. Ferner befürwortete er anhand einer selbstgezeichneten Landkarte eine Aufteilung Deutschlands unter seinen Nachbarstaaten. Den einleitenden Kapiteln ist zu entnehmen, dass die Überfälle der Nazis auf diverse europäische Staaten (genannt werden unter anderem die Tschechoslowakei, Polen, Dänemark, Norwegen und Frankreich) ihn auf seine Radikallösung gebracht hatten.Vgl. Kaufman 1941, Time vom 24. März 1941 sowie Benz 1981, S. 622f.

Zum Zweck der Rezensentenwerbung für dieses Elaborat versandte Kaufman per Post schwarze Pappsärge, die ein Kärtchen mit dem Hinweis auf seine Broschüre enthielten. Zumindest die New York Times und Time erhielten Rezensionsexemplare, von diesen reagierte aber nur Time. Die Zeitschrift publizierte am 24. März 1941 einen sarkastischen Beitrag in ihrer Bücherspalte, der in Anspielung auf Jonathan Swifts Satire den Titel A Modest Proposal trug. Der Artikel stellte Kaufmans „grässliche“ (grisly) Idee vor, die anders als Swifts „bescheidener Vorschlag“ keineswegs ironisch gemeint sei. Es hieß weiter: „Verblüffte Leser fragten sich, ob das seltsame Büchlein ein Meilenstein sei, das erste Erscheinen des Streicher-Geistes in den USA.“ Doch der Time-Autor hatte den zwei Jahre alten Sterilisierungsappell ausgegraben, den die Zeitschrift damals von Kaufman erhalten hatte, und kommentierte trocken: „Der Sterilisierer Kaufman hatte Schritt mit der Zeit gehalten und seine Grundidee ganz schlicht auf den Feind übertragen.“ Den Rezensenten hatte zudem der Hintergrund dieser Kuriosität interessiert, und so fügte er eine Reihe persönlicher Details zu Kaufman hinzu, die offenbar aus einem Gespräch mit diesem stammten. Er betonte, dass Kaufman „kein Nazi“ sei und das Buch im Selbstverlag als one-man-job produziert habe, um kein Lektorat seines Textes hinnehmen zu müssen; er habe auch Herstellung, Werbung und Versand komplett selbst übernommen und hoffe darauf, seine Kosten gerade so eben wieder hereinzubekommen.Vgl. Time vom 24. März 1941 sowie Benz 1981, S. 626–628, und Herf 2006, S. 111.

Dies war bis zum 23. Juli 1941, dem Beginn der NS-Kampagne zu Kaufman, die einzige dokumentierte Rezeption der Broschüre – abgesehen von einer kurzen Rezension (vermutlich von Erika Mann) in der von Klaus Mann herausgegebenen, in New York erscheinenden Zeitschrift Decision.Sie erschien in der Aprilnummer der Decision (Jg. 1, S. 72); vgl. dazu Stuart Ferguson: Language Assimilation and Crosslinguistic Influence. A study of German Exile Writers. Tübingen, Narr, 1997, S. 272 (Appendix II, der eine Chronologie von Erika Manns Arbeiten enthält). Die Time-Rezension war vermutlich auch die Quelle für sämtliche Angaben zum Inhalt des Buches in den ersten Wochen dieser Kampagne.Benz 1981, S. 617, 621, 626, 627.

Die nationalsozialistische Propaganda

Wie Nachrichten über Kaufmans Broschüre überhaupt nach Deutschland gelangten, ist nicht klar.Benz 1981, S. 619f, vermeldet eine ergebnislose Suche nach Hinweisen darauf im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes. Möglicherweise war der Geschäftsträger der Deutschen Botschaft in Washington, Hans Thomsen, daran beteiligt.Diese Vermutung, gestützt auf einen freilich erst im September verfassten Brief Thomsen an das Auswärtige Amt in Berlin, findet sich in: Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes, Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik. Blessing, München 2010, S. 194. Auch Berel Lang (S. 368) stellt vergleichbare Vermutungen an. Jedenfalls befürchtete man in Berlin seit dem Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941, dass die USA ihre Unterstützung nach dem Leih- und Pachtgesetz auf die Sowjetunion ausdehnen oder gar direkt in den Krieg eintreten könnten. Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop drängte die ihm nachgeordneten Stellen des Auswärtigen Amts, die amerikanische öffentliche Meinung zu beeinflussen, und äußerte gegenüber Thomsen am 19. Juli 1941 sogar, dies habe gegenüber der jüdischen Bevölkerung der USA Chancen, weil diese von einem Kriegseintritt der USA ein Ansteigen antisemitischer Stimmungen befürchten müssten.Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden. C. H. Beck, München, 2006, S. 234. Der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels wiederum hatte zu diesem Zeitpunkt bereits den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt zum Ziel seiner Angriffe auserkoren; dieser wurde am 23. Juli im Völkischen Beobachter in einem ganzseitigen Artikel als „Hauptwerkzeug der jüdischen Weltfreimaurerei“ beschimpft, nachdem Goebbels ein Foto von Roosevelt in Freimaurerkleidung beschafft hatte.Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden. C. H. Beck, München, 2007, S. 234.

Auftakt zur Pressekampagne