mini|hochkant|Horst Janssen (1968) mini|hochkant|Das Horst-Janssen-Museum in Oldenburg/Niedersachsen mini|hochkant|Horst Janssen: Stock des Farbholzschnitts „Der Kaiser“ als Beton-Stele, U-Bahn-Eingang Farmsen, Hamburg 1960
Horst Janssen (* 14. November 1929 in Wandsbek bei Hamburg; † 31. August 1995 in Hamburg) war ein deutscher Zeichner, Grafiker, Autor, Plakatkünstler, Illustrator und Fotograf. Mit seinen Zeichnungen, Aquarellen, Gouachen, Radierungen, Holzschnitten und Lithographien gilt Janssen als einer der herausragendsten und produktivsten Zeichner und Grafiker des 20. Jahrhunderts 1968 wurde er mit dem Graphikpreis der Biennale in Venedig ausgezeichnet. 2000 wurde das ihm und seinem Werk gewidmete „Horst-Janssen-Museum“ in Oldenburg eröffnet.
Leben Kindheit und Jugend Horst Janssen wuchs im niedersächsischen Oldenburg als nichtehelicher Sohn seiner Mutter Martha Janßen, einer Damenschneiderin, auf. Seinen Vater Karl Gottlob Bauder, einen schwäbischen Handelsreisenden, lernte er nie kennen. Horst Janssen lebte zusammen mit seiner Mutter bei den Großeltern, Schneidermeister Johann Friedrich (genannt Fritz) und Anna Janßen, in einem Giebelhaus in der Lerchenstraße. Sein Großvater nahm ihn an Kindes statt an. Als der Großvater 1939 an Tuberkulose starb, wurde ein Amtsvormund bestellt. Im September 1942 wurde er Schüler der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt Emsland (NAPOLA) in Haselünne im Emsland. Dort erkannte der Zeichenlehrer Hans Wienhausen Janssens künstlerische Begabung und förderte sie. Im Januar 1943 starb seine Mutter, ebenfalls an Tuberkulose. Im Jahr darauf wurde er von Anna Janssen adoptiert, der jüngeren Schwester seiner Mutter.Vgl. Teil I Eros, Tod und Maske — Kinderjahre (S. 21–43) sowie Jungmann Janssen (S. 45–47, 61) in: Henning Albrecht: Horst Janssen. Ein Leben. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2016. ISBN 978-3-498-00091-2. 1945 zog Janssen nach Hamburg zu seiner Adoptivmutter. Sie finanzierte sein Kunststudium. Ihr hat er dann auch unter dem Kosenamen „Tantchen“ sprachlich und bildkünstlerisch immer wieder ein Denkmal gesetzt.Vgl. das Kapitel Tantchen in: Henning Albrecht: Horst Janssen. Ein Leben. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2016, ISBN 978-3-498-00091-2, S. 83–89.
Ehen und Beziehungen Anfang der 1950er-Jahre hatte Janssen eine Beziehung mit der verheirateten Gabriele Gutsche, geborene Schwimmer.Tochter der Grafiker Max Schwimmer und Eva Schwimmer. Aus dieser Verbindung ging sein erster Sohn hervor. Von 1955 bis 1959 war Janssen mit Marie Knauer verheiratet. Nach der Scheidung war er wenige Wochen mit Birgit Sandner (der vormaligen Gefährtin des Professors Gustav Hassenpflug) verheiratet. Seine dritte und letzte Ehe ging Janssen 1960 mit Verena von Bethmann-Hollweg ein. Die Scheidung erfolgte 1968. Von 1968 bis 1972 lebte Janssen mit Gesche Tietjens zusammen. Die Beziehung zur Mathematikerin Roswitha Hartung Ende 1972 blieb ein Intermezzo. Anfang 1973 hatte Janssen eine kurze, sehr leidenschaftliche Liaison mit Bettina Sartorius. Von 1974 bis 1990 war er liiert mit Birgit Jacobsen, Viola Rackow, Kerstin Schlüter, Annette Kasper, Britta Kerinnes und schließlich Heidrun Bobeth.Vgl. Personenregister. In: Henning Albrecht: Horst Janssen. Ein Leben. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2016, ISBN 978-3-498-00091-2, S. 708–718. Alle diese Beziehungen schlugen sich in einer Vielzahl unterschiedlicher Porträts und erotischer Darstellungen der betreffenden Frauen nieder, die man, wie auch andere seiner Themenschwerpunkte, in einer Werkübersicht mit dem Titel Frauenbildnisse von 1988 nachblättern kann. Aus seinem Alkoholismus macht er nie ein Geheimnis.
Kinder 1950 wurde der Sohn Clemens Gutsche geboren, 1956 Tochter Katrin, genannt „Lamme“, aus der Ehe mit Marie Knauer. 1961 brachte Verena von Bethmann-Hollweg den Sohn Philip zur Welt. Gesche Tietjens bekam 1973 den Sohn Adam.Henning Albrecht: Horst Janssen. Ein Leben. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2016, S. 123, 162, 366, 629, ISBN 978-3-498-00091-2. Auch seine Kinder regten ihn zu zahlreichen zeichnerischen und druckgraphischen Porträts an.
Schwerer Unfall
Am 19. Mai 1990 stürzte er mit dem Balkon seines Hauses aus 3,40 m Höhe in die Tiefe, mitsamt den Gefäßen, in denen er die für seine Radierungen benötigten Säuren verwahrte. Neben einer Schädelplatzwunde, Schienbeinfraktur und doppeltem Beckenbruch erlitt Janssen eine beiderseitige Hornhautverätzung, wie der Unfallbericht von D. Hallermann festhält. In Horst Janssens Der Foliant ist nicht nur dieser Bericht auf der Innenumschlagklappe abgedruckt.Horst Janssen: der Foliant. Katalog zur Präsentation des „Folianten“ und zur Ausstellung anlässlich der Betriebseröffnung des Deutschen Krankenhausmuseums in Oldenburg am 16. Mai 1992, Verlag St. Gertrude. ISBN 3-923848-45-5 Janssen liefert auch in Wort und Bild einen anschaulichen und sensiblen Bericht über „den Leidens- und Heilungsprozess in den folgenden Wochen und Monaten“ und „über das allmähliche Wiedererwachen der physiologischen und künstlerischen Sehfähigkeit“Axel Hinrich Murken: Zu Horst Janssen. In: Horst Janssen: der Foliant. Katalog zur Präsentation des „Folianten“ und zur Ausstellung anlässlich der Betriebseröffnung des Deutschen Krankenhausmuseums in Oldenburg am 16. Mai 1992, Verlag St. Gertrude, Hamburg 1992, S. 4. ISBN 3-923848-45-5 – „ein außergewöhnliches Kompendium zu Kunst und Medizin“, wie der Arzt und Kunsthistoriker Axel Hinrich Murken vermerkt.Axel Hinrich Murken: Zu Horst Janssen. In: Horst Janssen: der Foliant. Katalog zur Präsentation des „Folianten“ und zur Ausstellung anlässlich der Betriebseröffnung des Deutschen Krankenhausmuseums in Oldenburg am 16. Mai 1992, Verlag St. Gertrude, Hamburg 1992, S. 5. ISBN 3-923848-45-5 mini|hochkant|Grabstätte auf dem Gertruden-Kirchhof in Oldenburg (Oldb)
Tod
Am 31. August 1995 starb Janssen im Alter von 65 Jahren in Hamburg an den Folgen eines Schlaganfalls und wurde, wie er es sich gewünscht hatte, auf dem Gertrudenkirchhof in Oldenburg beigesetzt. Die Stadt Oldenburg widmete ihm eine große Werkschau.
Künstlerischer Werdegang 1946 bis 1951 Ab 1946 studierte Janssen an der Landeskunstschule in Hamburg, wo er von Anfang an Meisterschüler des Malers und Grafikers Alfred Mahlau war und dank ihm erste Aufträge zugespielt bekam. 1947 wurde die Zeichnung mit dem Titel Die Prinzessin auf der Erbse in der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit veröffentlicht.Vgl. Die Zeit vom 3. April 1947. 1948 erschien das von Janssen illustrierte Kasperle-Buch Seid ihr alle da? mit Versen von Rolf Italiaander. 1950 wurde sein Sohn Clemens Gutsche geboren. Zu dieser Zeit experimentierte Janssen mit Monotypien und Holzschnitten. Formales Vorbild war unter anderem der norwegische Symbolist Edvard Munch und das zeichnerische Werk von Paul Klee. Vom Sujet her dominierte neben Tierdarstellungen das Thema Mann und Frau. 1951 wurde Janssen vom Direktor Gustav Hassenpflug, der ihn partout nicht leiden konnte, von der Landeskunstschule ohne akademischen Abschluss relegiert.Vgl. hierzu näher Horst Janssen: Hinkepott. Autobiographische Hüpferei in Briefen und Aufsätzen. Bd. I, 3., vorsichtig korrigierte Aufl., Merlin Verlag, Gifkendorf bei Lüneburg 1988, S. 139–144. ISBN 3-926112-06-9 sowie Carl Vogel in: Maria und Eberhard Rüden (Hrsg.): An und für ihn. Horst Janssen zum Siebzigsten, 120 Geburtstagsgaben von Freunden und Weggefährten. Verlag St. Gertrude, Hamburg 1999, S. 103–105. ISBN 3-923848-87-0 und was die „hinterm Rücken (s)eines geliebten Lehrers“ stattfindenden Intrigen betrifft auch Henning Albrecht: Horst Janssen. Ein Leben. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2016, S. 113–117. ISBN 978-3-498-00091-2
1952 bis 1965 1952 erhielt Janssen das Hamburger Lichtwark-Stipendium. In den Jahren von 1952 bis 1956 hielt sich Janssen dadurch über Wasser, dass er die durch Vermittlung seines Lehrers Alfred Mahlau erhaltenen Aufträge des Aschaffenburger Buntpapierfabrikanten Guido Dessauer erfüllte: meist eher konventionelle und repräsentative Porträts der Dessauers, in Öl, angelehnt an Max Beckmann und an Modigliani.Henning Albrecht: Horst Janssen. Ein Leben. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2016, S. 145 f. ISBN 978-3-498-00091-2 Es entstanden erste Arbeiten auf Papier. In der Werkstatt der Buntpapierfabrik lernte Janssen die Technik der Lithografie beherrschen.Henning Albrecht: Horst Janssen. Ein Leben. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2016, S. 144–153. ISBN 978-3-498-00091-2 Spätestens seit Mitte der fünfziger Jahre ist Janssen in Hamburg als vielseitiger Grafiker etabliert und erhält sogar Aufträge außerhalb seiner vertrauten Arbeitsfelder. So entwirft er für die Familie Reemtsma den Teppich Helle Stunde. Die in dieser Schaffensphase entstandenen großformatigen Farbholzschnitte machten ihn weit über Hamburg hinaus bekannt. Ihr Absatz erlaubten ihm und seiner ersten Ehefrau Marie Knauer sowie der gemeinsamen Tochter „Lamme“ zum ersten Mal ein Auskommen.Henning Albrecht: Horst Janssen. Ein Leben. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2016, S. 172. ISBN 978-3-498-00091-2 Von Paul Wunderlich lernte er die Technik der Radierung und rühmte ihn später anerkennend: „Paul führte mich ein in die Alchemie und Physik des Radierens.“Horst Janssen: Radierungen. Konzeption, Zusammenstellung, Texte Gerhard Schack. Ausstellungskatalog, Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart 1990, S. 7. Eine grafische (Druck)-Technik, die Janssen alsbald vollendet beherrschte und in der er einen Großteil seines umfangreichen Gesamtwerkes schuf, das insgesamt etwa 4000 Blätter sowie 47 Radier-Zyklen umfasst. Obwohl Janssen in Gruppenausstellungen wie Jüngere Hamburger Maler (1956) im Kunstverein Hamburg, Farbige Graphik in der Kestner-Gesellschaft in Hannover sowie auf der ars viva in Lübeck (beide 1957) vertreten war und im gleichen Jahr ein Stipendium des Kulturkreises im BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie) erhielt,Vgl. H.S. Niepel: Satiriker mit Humor und spitzer Nadel. In: Die Kunst und das schöne Heim, 57 Jahrg., November 1958, S. 50. rückte eine Einzelausstellung von ihm in Hamburg in eher weite Ferne: frühestens in zwei Jahren wäre er dran gewesen.Henning Albrecht: Horst Janssen. Ein Leben. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2016, S. 167 f. ISBN 978-3-498-00091-2
Nationale Anerkennung Doch Janssen legte nicht etwa die Hände in den Schoß, sondern arrangierte die von ihm ersehnte Ausstellung auf eigene Faust, im Treppenhaus seines Wohnhauses in der Hamburger Warburgstraße 33b. Vom 18. Januar 1957 an zeigte er dort einen Monat lang 25 seiner Farbholzschnitte. Die Ausstellung wurde ein riesiger Erfolg, fast alle Blätter verkauft und Janssen musste von eigener Hand nachdrucken. Bis 1965 folgten noch vier weitere solcher Treppenhausausstellungen, sodass mehr und mehr Sammler auf ihn aufmerksam wurden. In den 1960er Jahren erfuhr sein Werk daher eine Beachtung, die weit über den regionalen Rahmen seiner Heimatstadt hinausging. So erhielt er 1964 den Kunstpreis der Stadt Darmstadt. Wie Kunstinteressierte in Augenschein nehmen und sich selbst überzeugen können, hatte der „große Außenseiter der deutschen Kunst unseres Jahrhunderts (bis dato) sein unverwechselbares Profil in der Zeichnung und Radierung gefunden.“Dorit Marhenke: Vorwort in: Horst Janssen. Ich bin ganz Auge. Zeichnungen und Radierungen 1957–1991, hrsg. von Wieland Schmied, Kunsthalle Darmstadt/Verlag St. Gertrude, Hamburg 1996, S. 5. ISBN 3-923848-67-6 1965 fand die erste große Werkschau seiner Handzeichnungen, Holzschnitte, Lithografien und Radierungen in der Kestner-Gesellschaft in Hannover statt.Horst Janssen. Katalog der Ausstellung in der Kestner-Gesellschaft Hannover 1965/66. Mit dem Werkverzeichnis der Grafik bis 1965 von Carl Vogel. Texte von Horst Janssen, Wieland Schmied und Carl Vogel. Hannover 1965. Anschließend wanderte die Ausstellung nach Hamburg, Darmstadt, Berlin, Düsseldorf, Stuttgart, München und Basel.
Internationale Anerkennung