Der Murrgau (in Urkunden: Murrachgowe, Murrahgouue, Murragouue, Murrechgouue), benannt nach der Murr, einem rechten Seitenfluss des Neckars, war ein früh- und hochmittelalterlicher Gau in Austrasien, später im Ostfränkischen Herzogtum des Ostfränkischen Reichs und schließlich im Heiligen Römischen Reich. Bis 746 war er Grenzgau zur südlich gelegenen AlemanniaKleinknecht: Geschichte des Murrgaus. S. 33 f.. Die Malstatt der zentralen Grafschaft Ingersheim lag zunächst wohl im ehemaligen Römerkastell in Benningen oder im ehemals alemannischen Huntare-Hauptort Murr und vermutlich nach 746 nordwestlich von GroßingersheimSchäfer: Geschichte Marbachs. S. 40.Kleinknecht: Besiedlung des Marbacher Raums. S. 48 f.Kleinknecht: Geschichte des Murrgaus. S. 38, S. 61 f.. Weitere wichtige Orte waren in unterschiedlichen Epochen Marbach, Steinheim, Großbottwar, Oberstenfeld, Backnang, Wolfsölden und Murrhardt.
Räumliche Eingrenzung mini|Gebiet, Orte und Grenzen des früh- und hochmittelalterlichen Murrgaus Die Berghöhen rechts und links des Neckartals und seiner Seitentäler waren zu Beginn der fränkischen Herrschaft im Gebiet des Murrgaus in der Regel dicht bewaldet und wurden erst nach und nach gerodet und im Zuge des fränkischen Landausbaus besiedeltMüller: Erdmannhausen. S. 17 ff.Schäfer: Marbach. S. 53 ff.. Im Murrtal war dies vor allem im Süden und Osten der Fall. Dort können die damaligen Gaugrenzen nicht mit starr festgelegten Grenzen, wie sie heute zwischen Verwaltungseinheiten existieren oder wie es beim römischen Limes der Fall war, beschrieben werden. Vielmehr bildeten die Etter bzw. Weichbilder der jeweiligen Orte die Grenze des EinflussbereichsMolitor: Erdmannhausen. S. 25.Kleinknecht: Geschichte des Murrgaus. S. 38..
Die im Norden angrenzenden Schwäbisch-Fränkischen Waldberge und die Löwensteiner Berge waren zunächst ebenfalls mit dichtem Urwald bewachsen und blieben bis auf wenige Ausnahmen bis zur fränkischen Ausbauzeit unbesiedeltSchweizer: Oberrot. S. 18 ff.. Den nördlichsten Punkt des Murrgaus bildete somit Gronau. Einzelne Fernwege, oft den sich auflösenden römischen oder vorzeitlichen Wegen und Straßen folgend, verliefen dennoch wohl auch durch diese abgelegenen Landschaften und verbanden frühe, meist lokale Macht- und Handelszentren entlang der Südgrenze Austrasiens.
Die Lage zur im Süden gelegenen Alemannia machte den Murrgau bis zum Cannstatter Blutgericht von 746 zu einer Art Markgrafschaft, obgleich keine der hier ansässigen Geschlechter sich als Markgrafen ausgaben oder so bezeichnet wurden. Dennoch lassen sich auch heute noch Ortsbezeichnungen entlang dieser Stammesgrenze ableiten (im Murrgau z. B. Marbach, 972: Marcbach oder die Schweißbrücke, 1310: SwabespruggeZur Diskussion des Grenzverlaufs zwischen dem frühen Murrgau und der Alemannia, siehe: Schäfer Marbach. S. 40; Molitor: Erdmannhausen. S. 25; vgl. dazu auch: Kleinknecht: Geschichte des Murrgaus. S. 43.). So lagen die Orte Möglingen, Pflugfelden, das abgegangene Geisnang, Oßweil, Poppenweiler, Hochdorf, Bittenfeld, Siegelhausen, Weiler zum Stein, Nellmersbach, Hertmannsweiler, Öschelbronn, Rudersberg, Althütte und Welzheim auf alemannischem GebietKleinknecht: Geschichte des Murrgaus. S. 34, S. 37.. Eglosheim bildete somit den südwestlichsten, Heiningen und Murrhardt sowie die nicht urkundlich in die Zeit der frühmittelalterlichen Gaupolitik fallenden Orte in der Backnanger Bucht bildeten die südöstlichen Orte des Murrgaus.
Konkreter lässt sich die Grenze zu den benachbarten fränkischen Gauen im Westen und Nordwesten nachvollziehen: Asperg und Tamm werden dort bereits dem Glemsgau zugerechnet, Bietigheim und Hessigheim werden als im Enzgau gelegen genanntKleinknecht: Geschichte des Murrgaus. S. 35 f., S. 37.. Eglosheim, Heutingsheim, Geisingen und Ingersheim waren dagegen die westlichen Murrgauorte.
Gemmrigheim, Neckarwestheim, das abgegangene Itzingen beim Liebenstein, Ilsfeld, Auenstein, die Vorgängersiedlungen Beilsteins, das abgegangene Kratzheim beim Oberstenfelder Petersberg und Winzerhausen mit dem Wunnenstein werden dem Schozachgau zugerechnet. Ottmarsheim, Großbottwar, Oberstenfeld und Gronau bildeten somit die nordwestlichen Murrgauorte.
Im Nordosten begrenzte der Brettachgau mit Stangenbach, Mainhardt und Oberrot den MurrgauLorenz: Wüstenrot. S. 17 ff.Schweizer: Oberrot. S. 24.. Aspach mitsamt den Gebieten um Kurzach, Nassach und den späteren Orten Jux und Spiegelberg sowie Strümpfelbach, Oppenweiler und Sulzbach waren also die nördlichen Murrgauorte.
Der Kochergau mit Westheim, Gaildorf, Laufen und Fichtenberg grenzte im Osten an den GauLorenz: Wüstenrot. S. 31., der mit den Aussiedlungen und Rodungen Murrhardts sein östliches Ende fand.
Urkundliche Ersterwähnungen der im Murrgau gelegenen Orte Im Fuldaer Schenkungsbuch werden genanntDronke: Traditiones Fuldense.:
Benningen am Neckar (779: Bunninga) Bottwar (779: Boteburon) Ingersheim (779: Ingiheresheim)
Im Lorscher Codex werden genannt:
Ottmarsheim (767?: Autmarsheim) Rielingshausen (776?: Reginherishusen) Zwingelhausen (794: Austrenhusen) Pleidelsheim (794: Blidolvesheim) Erbstetten (794: Stetin) Steinheim an der Murr (832: Steinheim) Beihingen (844: Biginga) Eglosheim (844: Hegolvesheim) Geisingen (844: Gisingheim) Höpfigheim (844?: Hofoheim)(Hofoheim wird häufig als Hofen bei Bönnigheim, also eigentlich im Zabergau gelegen, gedeutet. Höpfigheim wäre dann erst 1245 als Heppfikhem im Württembergischen Urkundenbuch (Bd. VI, Nr. 1040, S. 91) erwähnt.) Großaspach (859: Asbach)
Im Württembergischen Urkundenbuch werden genannt:
Murrhardt (788: Murrahart) Erdmannhausen (816: Erkenmarishusen) Sulzbach an der Murr (816: Sultzbach) Affalterbach (972: Affaltrebach) Heutingsheim (972: Hutingesheim) Marbach am Neckar (972: Marcbach) Murr (972: Murra) Weikershausen (abgegangen; 972: Husa) Oberstenfeld (1016: Oberestenvelt) Oppenweiler (1114: Oppiwiler) Heiningen (1134: Huningen) Wolfsölden (1134: Wolfesselden)
In einer Urkunde des Bistums Augsburg von 1067 wird zudem Backnang (Baccananc) genannt.
Geschichte
Beginn der Landnahme durch die Franken Bis um 500 waren die Gebiete des späteren Murrgaus Teil der Alemannia, die sich bis dahin noch bis zum Main und fast bis nach Mainz erstreckteFingerling: Alamannische Siedlungsgeschichte. S. 45.. Die sich nach Norden und Westen ausbreitenden Alemannen trafen seit dem Beginn des 5. Jahrhunderts immer wieder auf die nach Süden und Osten expandierenden FrankenGeuenich: Alemannen. S. 75 ff.Kleinknecht: Besiedlungsgeschichte Marbachs. S. 37.. Dadurch baute sich eine Spannung zwischen beiden Völkern auf, die sich schließlich in den großen Schlachten von 496 bei Tolbiacum und 506 bei Straßburg entluden. Die Alemannen hatten das Nachsehen, räumten daraufhin teilweise unfreiwillig das Elsass und den nördlichen Teil ihres Gebietes bis etwa zur Grenzlinie Asperg–Lemberg–Hagberg und zogen sich unter Schutz des Ostgotenkönigs Theoderich der Große in den südlichen Teil ihres Stammesgebiets und die angrenzenden Alpen zurückGeuenich: Alemannen. S. 78 ff., S. 86 ff..
Seit dieser Zeit wurde das Gebiet des Murrgaus zunächst wohl mit fränkischen Königszinsern besiedeltKleinknecht: Besiedlungsgeschichte Marbachs. S. 40 f..
Das westliche Kernsiedlungsland des Gaus, um die alte römische Siedlung des Vicus Murrensis, die sich von Benningen das untere Murrtal bis Steinheim hinaufzog, sowie in der Pleidelsheimer Ebene und dem gegenüberliegenden Neckarufer, als auch im Bottwarer und Backnanger Becken, war bereits recht dicht von alemannischen Siedlungen und Höfen durchzogenKleinknecht: Geschichte des Murrgaus. S. 38 f.. Deren Beziehungen zueinander scheinen noch heute in den Ortsnamen die auf -ingen enden sichtbar (Beihingen, Benningen, Geisingen, Neckarweihingen, im Osten Heiningen). Die ersten fränkischen Siedler gründeten zunächst dann wohl ab dem 6. Jahrhundert die auf das Grundwort -heim enden Orte (Eglosheim, Ingersheim, Mundelsheim, Ottmarsheim, Pleidelsheim, Steinheim). Ein Phänomen für diese fränkisch-alemannische Grenzregionen sind die fränkischen -heim-Neugründungen in vormals alemannischen -ingen-Siedlungen, diese Orte enden auf -igheim oder -ingsheimKleinknecht: Geschichte des Murrgaus. S. 42. (Hessigheim, Heutingsheim, Höpfigheim).
Zeit des fränkischen Landausbaus Spätestens seit der Regierung des Merowingerkönigs Dagobert I. (624–639) bis zur Zeit Kaiser Karls des Großen um 800, begannen die Franken ihre Gaue gezielt durch Rodung und Besiedlung auszubauenBomm sen. et al.: Backnang. S. 22.. Dies geschah im Murrgau flussaufwärts wohl häufig aus den frühen fränkischen -heim-Orten. So wurden die östlich Steinheims liegenden -hausen-, -hof- und -bach-Orte (Großaspach, Kleinaspach, Lehrhof, Zwingelhausen, Rielingshausen, Erdmannhausen, vermutlich auch Marbach, Affalterbach und Kirchberg sowie die abgegangenen Orte Sigebotsbuch, Kaisersberg, Hornungshofen, Eglofshofen und Weikershausen) vermutlich von hier ausgegründetWalter: Rielingshausen. S. 36 f.. Vielleicht auch früher schon Erbstetten und vermutlich später der Frühmeßhof (1344–1392: Atzstetten), Fürstenhof und die inzwischen abgegangenen Orte Wüstenasbach (heute Wüstenbachhof), Waibstatt, Kronfeld und Schwabstetten.
Von Bottwar und später Lichtenberg und Oberstenfeld aus wurden vermutlich der Sauserhof, Hof- und Lembach, Kleinbottwar, Oberstenfeld, Kleinaspach, Allmersbach am Weinberg, Völkleshofen, Rietenau, Einöd, Altenberg, Jettenbach, Billensbach, Kaisersbach, Etzlenswenden, Gronau, Prevorst, Warthof, Kurzach, Nassach und Röhrach angelegt, sowie die abgegangenen Orte Kratzheim, Glashausen, Schmaleneck und das Hausen, in dem die spätere Stadt Beilstein aufgegangen ist. Wahrscheinlich auch Winzerhausen und der Holzweilerhof und vielleicht auch Ottmarsheim und Mundelsheim samt dem abgegangenen Weiler TiefenbachWalter: Rielingshausen. S. 41.; vgl. auch: Ehmer: Oberstenfeld. S. 10; S. 42 ff. und: Decker-Hauff: Oberstenfeld. S. 64 f..
In der Backnanger Bucht und die Murr flussaufwärts bis Murrhardt wurden Zell, Hausen bei Murrhardt und sämtliche -weiler-Orte angelegt (Blindweiler, Cottenweiler, Ellenweiler, Etzlinsweiler, Hohnweiler, Kuhnweiler, Lippoldsweiler, Löfflinsweiler, Oppenweiler, Rodmannsweiler, Sachsenweiler, Schleißweiler, Schlichenweiler, Streitweiler, Vogtsweiler, Waldenweiler, Wattenweiler) und wohl bald darauf auch die Ortschaften, die durch Hydronyme beschrieben werden (Aichelbach, Allmersbach am Weinberg, Allmersbach im Tal, Bartenbach, Brüden, Dresselbach, Fautspach, Fornsbach, Hagenbach, Harbach, Heutensbach, Käsbach, Maubach, Oberweissach, Reichenbach, Reichenberg, Schöntal, Siebersbach, Steinbach, Strümpfelbach, Sulzbach, Unterweissach u. a.).
Kirchliche Verhältnisse mini|Das Landkapitel Marbach und die spätmittelalterlichen Diözesangrenzen im Gebiet des ehemaligen Murrgaus. Das von den Franken annektierte Gebiet am mittleren Neckar lag im Verwaltungsbereich des Erzbistums Mainz und war zunächst wohl bis zur alemannischen Grenze im Süden durchweg dem Bistum Worms zugeordnet. Die frühesten Kirchen bildeten dabei wohl Kapellen im Sinne von Eigenkirchen auf oder bei den Wirtschaftshöfen der fränkischen Grundherren. Diese meist der Maria geweihten Kapellen werden in den ehemaligen römischen Kastellorten Benningen (heute Annakirche), Murrhardt (heute Walterichskirche) und wohl auch in der im Murrgau am frühesten erwähnten Kirche in Beihingen (heute Amanduskirche) vermutet. Die abgegangene Klosterkirche des Klosters Mariental in Steinheim und die Kirche in Allmersbach im Tal (heute Annakirche) waren später ebenfalls der Maria geweiht. Auch in Backnang, Großaspach, Großbottwar und Wolfsölden gab es Frauenkirchen und -kapellen (Unserer lieben Frau), die inzwischen allesamt abgegangen oder umbenannt sind (die Totenkirche in Backnang).