mini|hochkant=2|Das Netz der antiken Seidenstraße und daran angeschlossene Handelsrouten Als Seidenstraße (, kurz: ; mongolisch ; ) bezeichnet man ein altes Netz von Karawanenstraßen, dessen Hauptroute den Mittelmeerraum auf dem Landweg über Zentralasien mit Ostasien verband. Auf der Seidenstraße wurde in westliche Richtung neben Seide unter anderem Porzellan, Kunstgegenstände und Gewürze, gen Osten vor allem Wolle, Gold und Silber gehandelt (siehe auch Indienhandel). Nicht nur Kaufleute, Gelehrte und Armeen nutzten ihr Netz, sondern auch Ideen, Religionen und ganze Kulturkreise diffundierten und migrierten auf den Routen von Ost nach West und umgekehrt: hierüber kamen zum Beispiel der Nestorianismus und der Buddhismus nach China. Allerdings wird in der neueren Forschung davor gewarnt, das Handelsvolumen (zumindest auf dem Landweg) und die Verkehrsinfrastruktur der verschiedenen Handelsrouten zu überschätzen.

Eine 6400 Kilometer lange Route begann in Chang’an und folgte dem Verlauf der Chinesischen Mauer in Richtung Nordwesten, passierte die Taklamakan-Wüste, überwand das Pamirgebirge und führte über Afghanistan in die Levante; von dort wurden die Handelsgüter dann über das Mittelmeer verschifft. Nur wenige Kaufleute reisten auf der gesamten Route, die Waren wurden eher gestaffelt über Zwischenhändler transportiert.

Seine größte Bedeutung erreichte das Handels- und Wegenetz zwischen dem 2. Jahrhundert v. Chr. und dem 13. Jahrhundert n. Chr., wobei unterschiedliche Großreiche die Hauptabschnitte der Route und damit den Handel kontrollierten. Im späten 13. Jahrhundert, als große Teile der Seidenstraße unter der Herrschaft des Mongolischen Reiches standen, nutzte der Venezianer Marco Polo die Strecke, um nach Cathay (China) zu reisen. Nach verbreiteter Ansicht war die Route einer der Hauptwege, über die Mitte des 14. Jahrhunderts Pestbakterien von Asien nach Europa gelangten und dort den Schwarzen Tod verursachten.

In der Gegenwart gibt es unter dem Namen „Neue Seidenstraße“ mehrere Projekte der Volksrepublik China zum Ausbau insbesondere der Verkehrsinfrastruktur im Gebiet der historischen Seidenstraße.

Bedeutung Auf der Seidenstraße wurde nicht nur Seide, sondern auch Waren wie Gewürze, Glas und Porzellan transportiert; mit dem Handel verbreiteten sich auch Religion und Kultur. So gelangte der Buddhismus über die Seidenstraße von Indien bis nach China und Japan und wurde dort vorherrschende Religion. Das Christentum drang über die Seidenstraße bis nach China vor. Die Kenntnis von Papier und Schwarzpulver kam entlang der Seidenstraße in die arabischen Länder und gelangte von dort später nach Europa.

Handelsgüter mini|hochkant|Ein europäischer Händler an der Seidenstraße in den Augen eines chinesischen Künstlers (Tang-Dynastie, 7. Jahrhundert)

Seide war für den Westen wohl das außergewöhnlichste Handelsgut, das die Seidenstraße passierte. Schließlich gab dieser Stoff der Route auch ihren Namen. Dennoch verzerrt diese Bezeichnung die Wirklichkeit des Handels, denn es wurden auch viele andere Waren über diese Handelsstraßen ausgetauscht. Karawanen in Richtung China transportierten unter anderem Gold, Edelsteine und vor allem Glas, weshalb Forscher darauf hingewiesen haben, aus östlicher Perspektive könne man die „Seidenstraße“ ebenso gut als „Glasstraße“ bezeichnen. In die andere Richtung wurden – außer Seide – vor allem Pelze, Keramik, Porzellan, Jade, Bronze, Lacke und Eisen getragen. Viele dieser Güter wurden unterwegs eingetauscht, wechselten mehrmals den Besitzer und gewannen so an Wert, bevor sie ihr endgültiges Ziel erreichten.

Neben Seide waren vor allem Gewürze bis in die Neuzeit wichtige Handelswaren aus Südostasien. Sie wurden nicht nur als Würzmittel und Aromastoffe, sondern auch als Medikamente, Anästhetika, Aphrodisiaka, Parfüm und für „Zaubertränke“ verwendet.

Trotzdem war das begehrteste chinesische Produkt die Seide. Die Entwicklung der Seidenweberei lässt sich in China bis in das 2. Jahrtausend v. Chr. zurückführen. Die Herstellung großer Mengen für den Export, einhergehend mit der Ausbildung von Seidenmanufakturen, erfolgte erst mit dem Ende der „Zeit der Streitenden Reiche“ im 3. Jahrhundert v. Chr. Älteste Funde chinesischer Seide in Europa wurden im keltischen Fürstengrab auf der Heuneburg (Kreis Sigmaringen) gemacht, das aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. stammt.Ulrich Knefelkamp: Die Handelswege kostbarer Textilien nach Mitteleuropa vom 10. bis 15. Jahrhundert. In: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege: Textile Grabfunde aus der Sepultur des Bamberger Domkapitels. Internationales Kolloquium, Schloss Seehof, 22./23. April 1985. Arbeitshefte 33. München 1987, S. 99–106; Hans-Jürgen Hundt: Über vorgeschichtliche Seidenfunde. In: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz. 16, 1969. Verlag des Römisch-Germanischen Zentralmuseums, Mainz, , S. 59–71 (PDF; 24 MB).

Im Römischen Reich gehörte sie wie Purpur und Glas zu den Luxusartikeln. Nur die Reichsten konnten sich bescheidene Mengen des kostbaren Stoffes leisten. In der Zeit der Pax Romana, als auch das westliche Ende der Seidenstraße sicher war, verlangte die römische Oberschicht verstärkt nach östlicher Seide, Gewürzen und Juwelen. Obwohl es den Oströmern unter Kaiser Justinian I. in der ausgehenden Spätantike schließlich gelang, mit Hilfe eingeschmuggelter Raupen eine eigene Seidenproduktion aufzubauen, blieb der Import chinesischer Seide sehr bedeutsam.

Organisation des Handels Banditen und Räuber waren wegen des großen Warenstromes und der Reichtümer sehr häufig ein Problem der Sicherheit. Das Han-Reich stattete deshalb seine Karawanen mit besonderem Geleitschutz aus und erweiterte die Große Mauer nach Westen.

mini|Chinesische Zollstation auf der Seidenstraße in der Nähe von Dunhuang Die Organisation des transkontinentalen Handels war komplex und schwierig. Unzählige Tiere, eine große Anzahl von Viehtreibern und Tonnen von Handelsgütern mussten organisiert und bewegt werden. Dabei mussten Mensch und Tier auf der langen Reise unter erschwerten geographischen und klimatischen Bedingungen versorgt werden. Üblicherweise bereisten die Kaufleute aber nicht die gesamte Strecke, um ihre Waren zu verkaufen. Vielmehr lief der Handel über verschiedene Streckenabschnitte und mehrere Zwischenhändler ab. Während das westliche Ende der Seidenstraße lange die Parther und später die Sassaniden kontrollierten, waren es in Zentralasien vor allem verschiedene Gruppen von Reiterstämmen (etwa Xiongnu, Iranische Hunnen, Kök-Türken), die den Warenaustausch dominierten.

Eine wichtige Rolle spielten sogdische Händler, deren Kontakte bis nach China reichten.Étienne de La Vaissière: Sogdian Traders. A History. Leiden 2005. Erhaltene Briefe sogdischer Händler stellen zudem eine bedeutende Quelle zur Geschichte der Seidenstraße dar.Valerie Hansen: The Silk Road. A History with Documents. Oxford 2016, S. 193 ff.

Im Mittelalter nutzten auch die jüdischen Radhaniten die Seidenstraße. Außer durch Oasen wurde die Strecke auch durch militärische Stationen wie Haltepunkte zum Wechseln der Pferde unterbrochen, die den Durchgangsverkehr sicherten.

Eine große Bedeutung als Transportmittel kam dem Trampeltier zu, das in Zentralasien beheimatet war. Trampeltiere hatten den Vorteil, dass sie hitzeresistenter als Dromedare waren und ein Winterfell besaßen. Deswegen machten ihnen die extremen Temperaturschwankungen in den Steppen- und Bergregionen mit großen Höhenunterschieden nicht viel aus.

In der neueren Forschung wird davor gewarnt, dass das Handelsvolumen auf dem Landweg und die Verkehrsinfrastruktur der verschiedenen Handelsrouten oft überschätzt wurde, denn es handelte sich bei der Seidenstraße nicht um eine einzige, durchgängige Route von Ost nach West. Der Transport war oft mit dem Warenumschlag an verschiedenen Stationen verbunden und zeitraubend. In der älteren Forschung wurde zudem die Bedeutung der Transferlandschaften wie Zentralasien und Persien nicht genügend gewürdigt.Khodadad Rezakhani: The Road That Never Was. The Silk Road and Trans-Eurasian Exchange. In: Comparative Studies of South Asia, Africa and the Middle East 30, 2010, S. 420–433.

Kultur- und Techniktransfer mini|hochkant|Chinesische Darstellung zur Papierherstellung, 105 n. Chr. Der Transfer technischer Errungenschaften, kultureller Güter oder Ideologien geschah weniger absichtlich als der Austausch von Waren. Fernreisen aller Art, ob aus kommerziellen, politischen oder missionarischen Gründen, stimulierten den kulturellen Austausch zwischen verschiedenen Gesellschaften. Lieder, Geschichten, religiöse Ideen, philosophische Ansichten und unbekanntes Wissen kursierten unter den Reisenden. Die Seidenstraße bildete über mehrere Jahrhunderte den ausdauerndsten, weitreichendsten und vielfältigsten Austausch zwischen Orient und Okzident.

Neben der Einführung neuer Nahrungsmittel fand auch ein agrarkultureller Austausch statt.

Bedeutende Techniken wie die Papierherstellung und der Buchdruck, chemische Prozesse wie die Destillation und die Erzeugung von Schwarzpulver, sowie effizientere Pferdegeschirre und der Steigbügel wurden über die Seidenstraße aus Asien nach Westen verbreitet.

Ausbreitung von Religionen mini|hochkant|Ein westasiatischer und ein chinesischer Mönch, Tausend-Buddha-Höhlen von Bäzäklik, 9. Jahrhundert. Ein besonders langlebiges Gut, das über die Seidenstraße transportiert wurde, waren Religionen. So kam beispielsweise der Buddhismus über die nördliche Route von Indien nach China und Japan. Einige der ersten Beschreibungen der Seidenstraße stammen von chinesischen Pilgern, die ins indische Stammland des Buddhismus reisten.

Mongolen und Turkvölker verehrten ursprünglich den Himmelsgott Tengri, in Persien und in Parthien herrschte der Zoroastrismus vor, während in Sogdien ein eigener Volksglaube verbreitet war.

Das Christentum war bereits früh in Kleinasien und in Persien bzw. Iran präsent. Im 5. Jahrhundert bildete sich im Sassanidenreich die dem Nestorianismus anhängende Ostsyrische Kirche. Zu dieser Zeit konnte sich der Nestorianismus ins ostiranische Gebiet bis nach Sogdien und Baktrien ausbreiten. Im 8. Jahrhundert wurde Samarkand erreicht. Im Tarimbecken gab es eine erste Missionswelle im 8. und eine zweite im 11. Jahrhundert. Im Siebenstromland wurden im 9.–14. Jahrhundert viele nestorianische Grabsteine errichtet. Bereits früher erreichten Gläubige die damalige Hauptstadt von China, Chang’an, wie eine 781 errichtete Stele dokumentiert. Ein chinesisches Edikt von 845 wandte sich gegen alle fremden Religionen und brachte den Nestorianismus hier bis zum 10. Jahrhundert zum Verschwinden. Mit der Mongolenherrschaft erlebte er eine zweite Blütezeit und verschwand dann in China im 14. Jahrhundert endgültig. Unter den Turkvölkern hielt sich der Glaube ebenfalls bis ins 14. Jahrhundert, als er von dem islamischen Timur verdrängt wurde.Hans-Joachim Klimkeit: Die Seidenstraße. DuMont-Buchverlag, Köln 1990, S. 83.

mini|links|Manichäische Priester, Wandfresko aus Kocho, Xinjiang, 10./11. Jahrhundert n. Chr. (Museum für Asiatische Kunst in Berlin-Dahlem) Der Manichäismus entstand ab 240 n. Chr. in Mesopotamien und verbreitete sich schnell in Persien, wo er sich aber nicht gegen den Zoroastrismus durchsetzen konnte, und im östlich anschließenden Tiefland von Turan. Er konnte Gläubige in Turfan, Merw und Parthien gewinnen. In den bedeutenden Handelskolonien der Sogdier fanden sich neben Nestorianern und Buddhisten zahlreiche Manichäer, wie auch im China des 7. Jahrhunderts. 762 bekannten sich die Herrscher des uigurischen Steppenreiches zum Manichäismus und auch im Reich von Kocho hatte diese Religion neben dem Buddhismus eine starke Stellung. In Dunhuang verschwanden die Manichäer im 11. Jahrhundert, in Turfan erst zur Mongolenzeit im 13. Jahrhundert.Hans-Joachim Klimkeit: Die Seidenstraße. DuMont-Buchverlag, Köln 1990, S. 87.