mini|Illustration von Anton Robert Leinweber, 1893 mini|Der Eisenhans im Käfig. Gordon Browne, 1894 Der Eisenhans ist ein Märchen (ATU 314). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm ab der 6. Auflage von 1850 an Stelle 136 (KHM 136) und basiert teilweise auf Der eiserne Hans in Friedmund von Arnims Sammlung Hundert neue Mährchen im Gebirge gesammelt (Erstausgabe 1844).

Handlung mini|Unbekannter Illustrator Ein König hat einen großen Wald mit vielen wilden Tieren darin. Er schickt einen Jäger aus, um dort ein Reh zu schießen, aber der Jäger kommt nicht zurück. Der König schickt noch mehrere Jäger aus, um nach dem Verbleib des ersten zu forschen, aber es kehrt kein einziger Jäger aus dem Wald zurück. Schließlich wagt sich niemand mehr in den Wald.

Eines Tages kommt ein neuer Jäger, der mit seinem Hund den Wald durchstreift. Der Hund findet die Gefahrenstelle in Form eines Tümpels, auf dessen Grund ein wilder Mann haust, der am ganzen Leib von rostbrauner Farbe ist und Mensch und Tier in die Tiefe zieht. Der Jäger lässt den Tümpel ausschöpfen und nimmt den wilden Mann, der wegen seiner Hautfarbe „Eisenhans“ genannt wird, gefangen.

Eisenhans wird in einem Käfig im Hof des Königs gefangen gehalten. Der Sohn des Königs lässt sich von dem wilden Mann überreden, den Schlüssel für den Käfig, der unter dem Kopfkissen seiner Mutter liegt, zu stehlen und ihn freizulassen. Der wilde Mann nimmt den Königssohn mit und versteckt sich mit ihm wieder im Wald. Der Königssohn soll fortan auf einen besonderen Brunnen des wilden Mannes aufpassen, in dem alles, was hineingerät, vergoldet wird. Er begeht aber drei Mal den Fehler, doch etwas hineinfallen zu lassen (vor allem sein eigenes, langes Haupthaar), und wird daher vom Eisenhans fortgeschickt. Allerdings verspricht er dem Königssohn, ihm bei Bedarf zu helfen.

Der Sohn kehrt nicht mehr an den Hof seines Vaters zurück. Er zieht durch die Welt, nimmt eine Arbeit als Gärtner bei einem anderen König an und verliebt sich in dessen Tochter, welche ihm ihrerseits nicht minder zugetan ist. Als dieser König mit einem anderen Reich in einen Krieg verwickelt wird, nimmt der junge Prinz erstmalig die Hilfe des Eisenhans in Anspruch, besiegt dadurch den Feind, verschwindet aber sogleich von der Bildfläche. Um den Unbekannten hervorzulocken und ihm für seine Hilfe zu danken, veranstaltet der König ein Siegesturnier, bei dem seine Tochter einen goldenen Apfel unter die Teilnehmer werfen soll. Der Prinz kann dieser Verlockung nicht widerstehen und erscheint, vom Eisenhans als Ritter ausstaffiert, bei allen drei Festtagen, um den Apfel zu fangen. Beim dritten Male aber wird er von den Leuten des Königs enttarnt und zur Rede gestellt, gesteht seine wahre Herkunft und verlangt nach der Hand der Prinzessin, die ihm sogleich mit einhelliger Freude des Königs und dessen Tochter gereicht wird.

Während der Hochzeitsfeier treffen aber nicht nur die Eltern des Prinzen ein, die damit ihren verlorengegangenen Sohn wieder in die Arme schließen können, sondern auch ein weiterer stolzer König mit seinem Gefolge. Er begrüßt den Königssohn, gibt sich als Eisenhans zu erkennen, erklärt dem Prinzen, dass dieser ihn aus einer Verwünschung befreit hat, und vermacht ihm als Dank seinen gesamten Reichtum.

Stil mini|Illustration von Otto Ubbelohde, 1909 Die lebendige, ideenreiche Handlung pendelt zwischen Königshof und Wald als märchentypischem Sitz des Magischen. Die einfache Form reiner Volkserzählung weit übersteigend, beginnt sie mit der Jägerepisode vor Auftreten des Helden, dessen Läuterung am Hof dafür in steigernden Wiederholungen die zweite Texthälfte einnimmt. Den Eisenhans kennzeichnen Eisen und Gold in szenenabhängiger Variation: Haut wie rostiges Eisen, Eisenkäfig, eisernes Kriegsvolk. Dessen Schwerter blitzen in der Sonne wie Goldkugel, Goldbrunnen, Goldhaare und Goldapfel. Der am Käfig verletzte Finger wird am Brunnen vergoldet, das dort ebenfalls vergoldete, schamhaft versteckte Haar von der Prinzessin enthüllt. Auch der Prinz durchläuft also eine Entwicklung, parallel zur Erlösung des wilden Mannes vom Pfuhl zum Goldbrunnen, aus Käfig und Verwünschung.

Herkunft mini|Illustration von Otto Ubbelohde, 1909 Der Eisenhans ersetzte ab der 6. Auflage das ähnliche De wilde Mann als Nr. 136. Grimms Anmerkung nennt als Quelle die „Maingegenden“ (Regina Ehemant) und Der eiserne Hans in Friedmund von Arnims Sammlung Hundert neue Mährchen im Gebirge gesammelt. Letzteres hat die Episode mit dem Brunnen und den goldenen Haaren, die er dann unter der Mütze versteckt, wofür ihn der König von der Tafel verweist, die wilden Blumen für die Prinzessin sowie die drei Bälle und verschiedenfarbigen Pferde. Wilhelm Grimm sah sich bei seiner Überarbeitung mit der Gold- und Eisensymbolik wohl auch an KHM 1 Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich erinnert, wo in seiner Version der Diener ebenfalls als mystischer Bruder erlöst wird.

In der Anmerkung der Brüder Grimm zum Märchen „Der Eisenhans“ (KHM 136) in der Ausgabe letzter Hand (7. Auflage, 1857) verweisen sie auf eine Vielzahl von verwandten Erzählmotiven und Märchenstoffen. So ziehen sie Parallelen zu anderen Märchen aus ihrer Sammlung wie Aschenputtel (KHM 21) und Allerleirauh (KHM 65), zu einem österreichischen Märchen vom sogenannten „Stiefelstoß“ – einem Bären, der unter der Treppe lebt und an dem sich alle die Stiefel abputzen –, sowie zu jüdischen Sagen über den Dämon Aschmadai. Darüber hinaus nennen sie vergleichbare Stoffe bei Vulpius, Müllenhoff (Nr. 12. Der starke Franz) Vgl. Hans mit de isern Stang’, XVI (Nr. 16, bei Neuausgaben Nr. 609), S. 432–449 (digitale-sammlungen.de, Wolf (S. 269), Sommer (S. 86, 133, 135) und Zingerle (Nr. 28 und 33, S. 198), sowie ausländische Varianten, etwa ein norwegisches Märchen bei Asbjørnsen (S. 74), ein dänisches bei Winther (S. 31), ein italienisches bei Straparola (Band 5, Geschichte 1), ein russisches bei Anton Dietrich (Nr. 4) und ein böhmisches bei Milenowski (Nr. 6). Schließlich wird auch auf den norwegischen König Harald den Haarschönen Schönhaar hingewiesen, wie er im Flatöbuch überliefert ist. In einem Märchen aus Grimms Nachlass wird ein alter Soldat zum König, indem sein magischer Schimmel aus dem Schloss eines Hexers ihn dreimal die Schlacht gewinnen lässt.Rölleke, Heinz (Hg.): Märchen aus dem Nachlass der Brüder Grimm. 5. verbesserte und ergänzte Auflage. Trier 2001. S. 28–30, 106. (WVT Wissenschaftlicher Verlag Trier; ISBN 3-88476-471-3)

Märchenforscher Hans-Jörg Uther kam nach Textvergleich zu dem Schluss, dass Wilhelm Grimm das Märchen nur auf Basis von De wilde Mann und Arnims Der eiserne Hans gestaltete, der sich inhaltlich teilweise wiederum an De wilde Mann orientiert. Goldfinger und Goldhaar als Signum der Tabuübertretung nahm Arnim aus Andreas Justinus Kerners Märchen Goldener (1813). Weiteres literarisches Vorbild ist Der eiserne Mann, oder: Der Lohn des Gehorsams aus Christian August Vulpius’ Sammlung Ammenmärchen (1791). Älteste gedruckte Variante der Erzählung vom wilden Mann AaTh 502 ist Straparola 5,1 (wohl Guerrino, Ergötzliche Nächte).Günter Dammann: Mann: Der wilde M.. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 9. Berlin / New York 1999, S. 218–222. Die unerkannte Turnierteilnahme kommt in mittelalterlichen Ritterromanen vor.Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. de Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-019441-8, S. 288–292. Erst Heinz Rölleke beachtete den handschriftlichen Nachtrag Wilhelm Grimms im Anmerkungsband: „Auch in einer Erzählung, die ich von Frl. Reg. Ehemant in Frankfurt am M. 1846 erhielt.“ Vielleicht auf Vermittlung Brentanos hatte er sie auf dem Weg zur Germanistenversammlung 1846 in Frankfurt besucht. So spät noch einmal eine mündliche Quelle heranzuziehen, lässt große Hochschätzung für sie oder den Text ahnen.Heinz Rölleke, Albert Schindehütte: Es war einmal … . Die wahren Märchen der Brüder Grimm und wer sie ihnen erzählte. Eichborn, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-8218-6247-7, S. 403, 411. Philine in Goethes Wilhelm Meister lässt sich auch Blumen bringen.

Interpretation mini|Illustration von Otto Ubbelohde, 1909 mini|Illustration von Otto Ubbelohde, 1909