Die Burg Haselstein steht oberhalb des Dorfes Zillis-Reischen im Kanton Graubünden in der Schweiz. Eigentümerin ist die Gemeinnützige Kulturinstitution für Geschichte und Denkmalpflege «Pro Castellis».
Geschichte 1273: Königskrönung mit Nebenwirkungen Am 1. Oktober 1273 wurde Rudolf von Habsburg einstimmig zum deutschen König gewählt. Damit endete die mehr als zwanzigjährige kaiserlose Zeit. Aber schon lange bevor die Kunde von der Königswahl zu Frankfurt in die Alpentäler Rätiens drang, wussten hoher und niederer Adel, dass es nun mit der herrenlosen Zeit zu Ende gehe. Also galt es, noch rasch eine Burg zu bauen, bevor dieses alte Königsrecht wieder einen Inhaber erhielt. Das Holz für seine neue Burg schlug Henricus de Rexene, Spross eines bäuerlichen Dienstmannengeschlechtes des Bischofs von Chur, im Frühjahr 1273; dies ist durch Jahrringforschung belegt. Nach der Schneeschmelze baute er mit ein paar Bauleuten in aller Eile eine turmlose Burg über sein Dorf am Hinterrhein als Ersatz für den eng gewordenen Turm jenseits der Vidosschlucht.
Während eines Jahrhunderts war die Burg nun standesgemässer Wohnsitz, kleines Verwaltungszentrum und Mittelpunkt einer eigenen Landwirtschaft. Ihre Herren hatten zwar durch das mehrfach bestätigte Lehen des Bischofs die Führungsrolle innerhalb der kleinen Dorfgemeinschaft, aber sie blieben der Scholle verhaftet, auch wenn sie unterdessen ein eigenes Siegel führten und vom Bischof bei Vertragsabschlüssen in die ehrenvolle Rolle von Zeugen gebeten wurden. Auch bei einem Vertragsabschluss siegelte ein Reischener zusammen mit einem Caramamma für die «Grafschaft» Schams, weil diese kein eigenes Siegel hatte.
In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts war auch der Waltensburger Meister auf Haselstein zu Gast, der in der Kirche St. Martin in Zillis arbeitete. Er malte einen Raum mit dekorativen Fresken aus, deren Reste 600 Jahre später auf Verputzstücken im Schutt wiedergefunden wurden.
Gegen Ende des Trecento stürzte nach langanhaltenden Regenfällen die fundamentlos auf die Moräne gestellte Westfront des Südpalas zu Tal. Danach wurde die Burg aufgelassen. Die Herren von Reischen bauten sich als Ersatz ein komfortableres festes Haus am Dorfrand. Zurück blieben auf dem Hügel eine gründlich ausgeräumte Halbruine, ein paar Scherben zerbrochener Lavezgeschirre und die Knochenabfälle eines Jahrhunderts. Die für eine Burg dünnwandigen Mauern von 0,8–1,1 Metern Stärke zerfielen in den folgenden Jahrhunderten, die Mauerreste versanken unter Haselstauden und Espen.
Präsenz und Verschwinden des Namens in den Urkunden Die Namensformen gehen vom lateinischen der Rexeno oder Rexno über das umgangssprachlich rätoromanische Reschen bis zum deutschen Reyschen: 1218: de Rexene 1275: ser Henricus filius condam ser Gieccemayri de Rexno. 1277: Diermarus antiquus des Rosin, Hainzino Ulricus, Albertus, Henricus, Conradus, Diermarus junior dicti de Rosin. 1377: Ulrich und Hans von Reischen, bischöfliche Vasallen 1395: Ulrich und Hans von Reischen, bischöfliche Vasallen 1419: Hans von Reischen wurde vom Bischof der Zehnten zu Reischen bestätigt. 1446 Junker Hans von Reyschen erscheint in einem Vertrag.
Nach dieser Nennung fünf Jahre vor der Schamserfehde von 1451 verschwand das Geschlecht aus der Geschichte. Die Familie teilte das Schicksal vieler churrätischer Ministerialgeschlechter: Sie stieg durch Tüchtigkeit und wachsenden Wohlstand aus der Masse der landwirtschaftlich geprägten Bevölkerung auf, ohne sich ganz von der Scholle zu lösen, ihre Exponenten übernahmen lokale Verwaltungsfunktionen für den Landesherrn und erhielten dafür Ehren und den bescheidenen Reischener Zehnten, der aus Korn, Ziegen und Schafen bestand, die Grossviehwirtschaft also nicht besteuerte. Sie nahmen bei Verhandlungen Funktionen für die ganze Talgemeinschaft ein, blieben aber immer Teil dieser Gemeinschaft, ohne sich über sie zu erheben. Und sie verschwanden wieder, bevor ein Mitglied eine Stellung erreicht hatte, die über die Viamala hinaus ausgestrahlt hätte.
Zehnten zu Reischen Am Tage des heiligen Ambrosius (4. April) 1419 wurde in einem Ämterbuch des Bistums die Verleihung oder wohl eher die Bestätigung der Verleihung des Reischener Zehntens an die Familie von Reischen eingetragen:
Bischof Johann verlicht Hanns von Reschen und sinen
bruedern ze rechten lehen:
die drytail des zehenden ze Reschen an korn, an lembern
und an kitzin mit aller zuogehoerd, und darumb hat uns
der obgenante Hanns von sin und siner brueder wegen
von des obgenanten lehens wegen gelobt und zuo den
hailigen gesworen getruiw und gewertig ze sind, und
davon ze tuend alles, dz ain lehenman sinem lehenheren
schuld ist ze tuend und tuen sol an all geverd.
Chur ipso die Sti Ambrosii episcopi, Anno 1419
Daraus wird ersichtlich, welche Erwartungen der Lehensherr an seinen Lehensmann hatte: Einen Treueschwur, der die Gefolgschaft auch im Kriege, den Gehorsam, aber auch das Offenhalten seines Hauses für den Lehensherrn zum Inhalt hatte. Andererseits können wir erkennen, dass der Reischener Zehnten keine Lebensgrundlage war für eine Grossfamilie, sondern eher eine Zugabe zur eigenen landwirtschaftlichen Produktion. Die Burgleute erhielten jedes zehnte Lamm und jedes zehnte Kitzlein, das die Muttermilch nicht mehr brauchte, und dazu bei der Kornernte ihren kleinen Anteil. Die Familie von Reischen betrieb auf ihrem Rodungsland um die beiden Burgen über dem Dorf ihre eigene Landwirtschaft mit allem, was im Zehnten nicht eingeschlossen war: Milchwirtschaft, Imkerei, Hühnerzucht, aber sicher auch Ackerbau. Bei Haselstein ist eine Mistlege im Burghof nachgewiesen, und oberhalb der Burg stecken die Fundamente eines landwirtschaftlichen Gebäudes noch unausgegraben im Boden.
Baugeschichte Reischen Bauplatz und Baugliederung Haselstein liegt wie Reischen I auf der Randmoräne des Taspingletschers. Während bei Reischen II eine kegelförmige Erhebung der Moräne als sichere Bodenform für den Bauplatz gewählt wurde, war es bei Haselstein nur ein Absatz in der abfallenden Silhouette der Moräne. Der bergseitige Halsgraben ist eine künstliche Bodenform, hier wurden Sand und Steine für den Bau entnommen. Haselstein zeigt eine im Entstehungsjahr 1273 sehr moderne Bauform für eine Burg im alpinen Raum, ihre Gliederung versucht, das Leben auf der Burg komfortabler und einfacher zu machen, ohne zu viel Sicherheit dafür preiszugeben. Ein zweigeteilter Palasbau auf der sichereren und freundlicheren Talseite enthielt die Wohnräume. Ostwärts bestand ein grosser, offener Hof, der in der Südostecke der Burg kleinräumige Stallungen enthielt. Ein Nebengebäude im Burghof scheint ebenfalls Wohnzwecken gedient zu haben.
Die Zeichnung RahnsMappe mit Zeichnungen von Johann Rudolf Rahn in der Graphischen Sammlung der Zentralbibliothek Zürich. zeugt von der grossen räumlichen Vorstellungkraft Rahns: Das Vogelschaubild, das er nach seiner Feldaufnahme einer Grundrissskizze wohl nach der Rückkehr am Arbeitstisch anfertigte, weist nur geringe Irrtümer auf. So vermutet er zu Unrecht im Innern des Burghofes eine geschosstiefe Schuttschicht und zeichnet den Hof als «ausgegraben». Tatsächlich ist der Hof aber gewachsene Moräne ohne erhebliche Schuttmengen.
Trotz grosszügiger Raumanordnung bleibt die Burg wehrhaft: Auf der bergseitigen Feindseite liegt an der höchsten Stelle des Bauplatzes die mit einem Wehrgang versehene Ringmauer (Bering) um einen Hof, deren am meisten exponierte Nordostecke einem Angreifer zwei schwer ausbrechbare stumpfe Winkel anbietet. Der mit seinen Fensteröffnungen leichter angreifbare Wohntrakt liegt auf der feindabgewandten Westseite über steil abfallendem Gelände. Das äusserste Tor (Tor I) ist so angelegt, dass mit Rammbalken anstürmende Feinde durch das steil abfallende Gelände auf einen schmalen Weg gezwungen waren, der direkt unter der Ringmauer lag und dem Steinhagel der Burgbewohner ausgesetzt war. Konnte das erste Tor eingedrückt werden, fanden sich die Angreifer in einem schmalen langen Torzwinger (Zwinger I), in dem ein Rammbalken schwer um neunzig Grad zu drehen war. In diesem Winkel führt das Tor II in einen inneren Zwinger (Zwinger II), der erneut die Bewegungsfreiheit der Angreifer stark einschränkt. Das Tor III führt von diesem Zwinger aus im rechten Winkel in den Palas Süd.
Der stark gegliederte Grundriss der Burg ohne einen einzigen rechten Winkel mag zufällig wirken und nicht von grosser Architektur zeugen. Aber intuitiv und pragmatisch hat der Bauherr Heinrich von Reischen seine Ansprüche an Komfort mit seinem Bedürfnis nach Wehrhaftigkeit auf dem schwierigen Gelände in Einklang gebracht.
Zustand vor der archäologischen Grabung 1891: Der Vorzustand wurde erstmals durch den Grundriss und das Vogelschaubild vom Johann Rudolf Rahn vom 29. September 1891 dokumentiert, die heute in der Zentralbibliothek Zürich liegen. 1930: Im Burgenbuch von Graubünden des Kunsthistorikers Erwin PoeschelErwin Poeschel: Das Burgenbuch von Graubünden. Orell Füssli, Zürich/Leipzig 1930. finden sich erstmals ein vermessener Grundriss samt Schnitt und eine Beschreibung der damalig sichtbaren Baureste. Vermessung durch Personal der Rhätischen Bahn. 1968–1977: Die Ruine wurde wissenschaftlich erforscht und dokumentiert. Bauforschung durch den Archäologiestudenten F. Nöthiger, Zillis; Vermessung und steingerechte Aufnahmen N. Kaspar, Wald ZH.Vollständiges Bildmaterial bei der Denkmalpflege GR. 1969: Werner Meyer nahm für sein Burgeninventar des Kantons Graubünden den Vorzustand fotografisch aufVollständiges Bildmaterial bei der Denkmalpflege GR.. Daraus entstand später die Neuausgabe von Das Burgenbuch von Graubünden, in dem Reischen II unter dem Namen Haselstein auf den Seiten 171/172 dargestellt wird.Otto P. Clavadetscher, Werner Meyer: Das Burgenbuch von Graubünden. Zürich 1984.
«Der Grundriss von 1891 ist nicht massgetreu gezeichnet, sondern eine nach Osten orientierte Skizze mit Masseintragungen. Die Feldskizze mit Bleistift, später mit Tinte nachgezogen. Ein Substanzverlust ist im Grundriss nur in der Westfront ersichtlich, wo von der talseitigen Mauer im Palas Süd bei der Masseintragung 12,55 noch ein Stück der Westfront erhalten war, das 1929 schon verschwunden war. In seiner Handschrift beschreibt Rahn den Befund im Palas Nord (A)»:
«Zwei durch ehemal. Balkendiele getrennte Etagen. Jm Erdgeschoss zwei hoch gelegene Fensterchen, die sich aussen auf nur kl. Scharten verengen. Im oberen Stock N-S und W Mauer ist eingestürzt. In W Ecke der N Wand und in N Hälfte der O Wand eine kl. Senk-Lichtn. (Lichtnische).» Der beschriebene Befund hat sich bis heute erhalten. Rahn erkannte aber nicht, dass die beschriebenen Schartenfenster zum zweiten Geschoss des Palas Nord gehören, dass also darunter noch ein ganzer Raum mit ebenfalls zwei Scharten mit Schutt gefüllt ist. In der Ostwand gibt es neben der genannten Lichtnische eine zweite Lichtnische in der rechten Wandhälfte.
Grundriss Haselstein im Burgenbuch von Graubünden 1930:
Der Grundriss im Burgenbuch von 1930 gibt mit Schwarzzeichnung mehrere Meter aufgehendes Mauerwerk, mit Schraffierung Mauerreste unter zwei Metern Höhe und mit gestrichelten Linien nur vermutete Mauerzüge an. Die Grabung ab 1968 hat alle Vermutungen Poeschels bestätigt.
Das Burgenbuch von 1930 enthält auch einen O-W-Schnitt durch den Burghof, den inneren Zwinger (Zwinger II) und die fast zwei Geschosse hoch mit Schutt gefüllte nördliche Palashälfte. Im Schnitt sichtbar sind ein Schartenfenster des zweiten Geschosses und eine Lichtnische. Im dritten Geschoss liegt eine weitere Lichtnische und ein Ausgussloch.
Der Bildteil der Burgenbuches von 1930 enthält keine Aufnahmen von Reischen II. Umso wertvoller ist die Bildserie, die Werner Meyer bei Beginn der archäologischen Grabung erstellte.Aufnahmen vom 7.–11. Oktober 1969, heute bei der Denkmalpflege GR.
Archäologische Grabung und Bauuntersuchung 1968–1977 Baubefund
Tor I und Torzwinger (Zwinger I)