mini|Schlittschuhläuferin, um 1760; Wiener Porzellanmanufaktur (Ausführung), Wien Museum Die Geschichte des Eiskunstlaufes reicht bis in die Jungsteinzeit zurück. Archäologische Funde belegen, dass Gleitkufen aus Unterbeinknochen (Rind, Pferd oder Rentier) gefertigt wurden. Der älteste Fund wird auf 4000 Jahre geschätzt und stammt aus der Schweiz. Er wird in der Berner Stadtbibliothek aufbewahrt. Ein etwas jüngerer Fund trat in Nähe des Burabai-Sees im nördlichen Kasachstan zu Tage. Weitere Funde aus frühgeschichtlicher Zeit verzeichnet der Forscher Matthias Hampe für Ungarn, Österreich, Holland, England und Skandinavien, später auch für Deutschland.
Vorwiegend in wasserreichen Gebieten des Nordens wurden diese Schlittschuh-Vorformen als Mittel zur schnellen Fortbewegung eingesetzt. In ihrer Frühgeschichte ist die Bewegungskultur auf dem Eis daher eher als Eislauf zu bezeichnen. Mit Kufen versehenes Schuhwerk diente dem Zurücklegen großer Strecken und wurde auch zur Jagd genutzt. Doch die Übergänge vom funktionellen Eislauf zum gestalteten Eiskunstlauf zeigen sich als fließend.
Verschiedene Erzählungen und eine reiche Bildgeschichte dokumentieren, dass das Eislaufen in den Niederlanden seit dem 14. Jahrhundert praktiziert und als darstellungswürdig wahrgenommen wurde. Dabei lösten um 1300 eisenbeschlagene Holzschlittschuhe den Knochenschlittschuh ab. Kanten boten nun Halt und Abstoß. Stöcke erübrigten sich, die Arme wurden frei, die Bewegungen waren steuerbar.
Seit dem 16. Jahrhundert entwickelte sich die Fortbewegung auf Schlittschuhen zu einem bürgerlichen Breitenphänomen. Aus den Niederlanden strahlte der Trend in andere europäische Länder aus.Meisinger 2017, S. 18 Eisfeste, teils als Karnevals-Maskeraden gestaltet, sind für die führenden Höfe in WienHampe 1994, S. 26–27 und VersaillesHampe 1994, S. 23–24 belegt. Im Rahmen höfischer Repräsentation spielten Prunkschlitten jedoch eine übergeordnete Rolle.
Rückkehrende politische Flüchtlinge aus Holland brachten den Eiskunstlauf etwa um 1660 nach England. Hier übte sich vornehmlich der Adel in der neuen Bewegungskunst. Als „Gentle Art“ gewann „Skating“ zunehmend eine elitäre Färbung und wurde in exklusiven Clubs gepflegt: 1742 wurde in der schottischen Stadt Edinburgh unter Patronage des Herzogs der weltweit erste Eislaufverein gegründet. Eingeübte Posen und Haltungen dienten zur Abgrenzung von volkstümlicher Vergnügung. Nur über eine Eingangsprüfung wurde die Aufnahme in den Edinburgh Skating Club gewährt. Robert Jones gab 1772 das erste illustrierte Eiskunstlauf-Lehrbuch der Welt heraus.Hampe 1994, S. 21Meisinger 2017, S. 19
In Ländern des späteren Deutschen Reiches stellte sich die Akzeptanz für die in den Niederlanden verbreitete Bewegungskultur nur zögerlich ein und blieb lange Zeit mit negativen Moralvorstellungen behaftet. Eislaufen galt als jugendliches Vergnügen und war eher in einfacheren Schichten beheimatet. Erst Intellektuelle wie der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock, der mit dem Eislaufen am Kopenhagener Hofe Friedrich V. vertraut gemacht worden war, konnten im aufklärerischen Sinne von dem Nutzen der individuellen physischen Betätigung in freier Natur überzeugen. Zu nennen sind hier seine Oden „Der Eislauf“ (1764)Friedrich Gottlieb Klopstock: Der Eislauf. In: Oden. Hamburg 1771, S. 151. (), „Braga“ (1766), und „Die Kunst Tialfs“ (1767). Das Eislaufsymbol, so der Forscher Matthias Hampe, erscheint als Metapher des Protestes gegen tradierte gesellschaftliche Zwänge.Hampe 1994, S. 28–29 Einen treuen Verbündeten fand der Eislaufwerber Klopstock in Goethe, der den Eislauf 1775 am Weimarer Hofe einführte.Hampe 1994, S. 28 und S. 141–143 Im Jahr 1796 schrieb auch er ein Eislaufgedicht „Der Winter“.Johann Wolfgang von Goethe: Vier Jahreszeiten: Winter. In: Berliner Ausgabe. Poetische Werke (Band 1–16) (= Berliner Ausgabe. Poetische Werke. Band 1). Berlin 1960, S. 267–271. (online)
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts kam es schließlich in vielen Teilen der Welt zur Gründung von Eislaufvereinen.Meisinger 2017, S. 19 Inzwischen vermochte man es auch, künstliche Eisflächen zu präparieren. Die winterliche Bewegungskultur erlebte einen enormen Aufschwung und sah einer zunehmenden Kultivierung als sportliche, musische und ästhetische Betätigung entgegen.
So nahm das Internationale Olympische Komitee (IOC) den Eiskunstlauf bereits zu seiner Gründung 1894 in den Reigen durchzuführender Sportdisziplinen auf. Tatsächlich wurden erst 1908 Wettkämpfe im Eiskunstlauf in London ausgetragen, 1920 folgten in Antwerpen Wettbewerbe im Eishockey und 1924, anlässlich der ersten Winterspiele, in Chamonix, im Eisschnelllauf.Meisinger 2017, S. 39
Zuletzt wurde der Eistanz in Innsbruck 1976 in den Rang einer olympischen Disziplin erhoben.
Der Eislauf im Spiegel von Text und Bild
Der Eislauf in nordischer Mythologie Die Fertigkeit, sich auf dem Eis mit Schlittschuhen bewegen zu können und Gefährdungen glatter, brüchiger Flächen souverän zu beherrschen, fand an verschiedener Stelle Eingang in den Sagenkreis nordischer Mythologien und zeichnete Helden und Könige aus: In der Heimskringla (um 1230) charakterisiert der Skaldendichter Snorri Sturolson, den Bruder des Königs durch seine besonderen Fähigkeiten, Schlittschuhlaufen zu können.Hampe 1994, S. 17 In der Frithjofssage (um 1380) schreibt Frithjof die Runen seiner geliebten Ingeborg mit Stahlschuhen ins Eis.
Erste historische Erwähnungen und Bildfindungen mini|Kolorierter Holzschnitt aus: Johannes Brugman, Vita alme virginis Liidwine, Schiedam 1498. Das Bild zeigt den fatalen Sturz eines jungen Mädchens auf dem Eis. Der Legende nach litt Lidwina zeitlebens an den Folgen. 1890, unter dem Pontifikat Leo XIII, wurde sie als Märtyrerin heilig gesprochen und gilt seither als Patronin der Schlittschuhläuferinnen und -läufer Eine frühe Erwähnung liefert der Mönch William Fitzstephen aus Canterbury. In seiner um 1170 niedergeschriebenen Biographie über Thomas Becket schildert er eine Szene, die sich hinter den Londoner Nordstadtmauern abspielte:
Der erste bildliche Darstellung eines Eislaufszene überliefert ein Holzschnitt in der 1498 in Schiedam erschienenen Ausgabe der Biographie der Lidwina von Schiedam (1380–1433). Autor der Vita ist der Franziskaner Johannes Brugman; Der Holzschnitt zeigt den fatalen Sturz der jungen Schlittschuhläuferin auf dem Eis, der sich der Legende nach 1396 ereignet haben soll. Von diesem Sturz bis zu ihrem Lebensende gezeichnet, galt Lidwina forthin als Märtyrerin. Erst 1890, in einer Zeit allgemeiner Eislaufbegeisterung, wurde sie als Patronin der Schlittschuhläuferinnen und -läufer heilig gesprochen.Hampe 1994, S. 18 Für die Geschichte der Eislauftechnik ist das Motiv eines jungen Mannes im Hintergrund des Holzschnittes von Bedeutung: Sein Gleiten mit erhobenem Spielbein lässt auf Schlittschuhe mit Kanten schließen.mini|Pieter Bruegel der Ältere, Jäger im Schnee (Winter) Ausschnitt, Öl auf Holz; 1565; Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie. Das Bild zählt zu einer mehrteiligen Jahreszeitenfolge. Bruegel führt das Motiv des Schlittschuhlaufens als typische Tätigkeit für die Wintermonate ein. mini|Pieter Bruegel der Ältere, Winterlandschaft mit Eisläufern und Vogelfalle, Öl auf Eichenholztafel, 1565; Brüssel, Königliches Museum der Schönen Künste
Das Motiv des Eislaufs auf Bildern niederländischer Künstler Pieter Bruegel der Ältere führte um die Mitte des 16. Jahrhunderts das Motiv des Schlittschuhlaufens als eine der typischen Tätigkeiten ein, die in den Wintermonaten ausgeübt wird. Dabei bricht er mit der Tradition der Monatsbilder, die im Winter üblicherweise das Schlachten thematisierten. An prominenter Stelle zeigt er das Schlittschuhlaufen auf gefrorenen Teichen, beispielsweise in seinem Bild, Jäger im Schnee (1565), einem von sechs Bildern einer Jahreszeitenfolge. Zu sehen sind eingemummte Personen unterschiedlichen Alters und unterschiedlichen Geschlechtes, Dorfbewohner aus der umliegenden Ansiedelung. Sie versuchen sich in verschiedenen Spielen, präsentieren ungelenke Posen oder tanzen zu dritt und zu zweit. Auch Stürze hält der Maler fest. Daniela Hammer - Tugendhat hat auf die ethischen Dimensionen der Bildschöpfungen Pieter Bruegels aufmerksam gemacht. In dem Gemälde „Jäger mit Schnee“ wird der Eislauf mit einer Vogelfalle kontrastiert, ein Motiv, das Bruegel auch zum zentralen Thema der Winterlandschaft mit Eisläufern und Vogelfalle macht. Es entstand im selben Jahr und fand in sehr vielen zeitgenössischen Repliken und Kopien weite Verbreitung. Der Leichtsinn unbekümmerter Lebensfreude, die sich der Fragilität des irdischen Lebens nicht bewusst ist, wird als eine Deutung vorgeschlagen. mini|Der Eislauf als Gleichnis des Lebens Abraham a Sancta Clara, Huy! und Pfuy der Welt, Nürnberg 1710. S. 300mini|Georg Emanuel Opiz, Eislaufen im zugefrorenen Hafen des Wiener Neustädter Kanals vor dem Stubentor 1805, Aquarell, Wien Museum. Zu sehen ist ein städtisches Publikum, das sich auf dem Eis amüsiert. Im Zentrum tanzt ein elegantes Paar auf Schlittschuhen
Anfänge des Modernen Eislaufes mini|hochkant|Jackson Haines (1840–1876) mini|hochkant|Ulrich Salchow (1877–1949)
Die Entdeckung des Eislaufens als darstellende Kunst: Jackson Haines (1840–1875) Wegbereiter für die weitere Entwicklung des Eiskunstlaufes sowohl in künstlerischer und technischer Hinsicht, als auch in Bezug auf internationale Bewertungskriterien und Klassifizierungen war der Amerikaner Jackson Haines.Hampe 1994, S. 39–44Meisinger 2017, S. 24–27
In eine theaterbegeisterte New Yorker Familie hineingeboren, erhielt Jackson Haines von 1850 bis 1857 seine erste Ausbildung in Europa. Er genoss Unterricht in Musik, Tanz und Französisch. Anschließend arbeitete er bis 1864 als Tanzlehrer und Ballettmeister in Philadelphia.
Während dieser Zeit entwickelte er einen neuen Schlittschuhtyp mit Schraubbefestigung und kombinierter Kufengestaltung: Diese war nun an der Spitze und am Ende stark gekrümmt. Weite schwungvolle Bögen konnten so mit kurzen schnellen Drehungen kombiniert werden. Mit dem neuen Schuhwerk gelang es Haines, Bühnen- und Parkett-tänze in fließenden Bewegungen zu Musik auf dem Eis vorzutragen. „Basierte der Figurenlauf [bisher] auf Befriedigung von inneren Bedürfnissen wie Vergnügungen, Gesunderhaltung, Geselligkeit und sportlichem Konkurrenzdenken, zielte Haines auf Darstellung und Wirkung. Er wollte eine spezifische Kunstform schaffen.“Hampe 1994, S. 39
Obwohl Haines 1863 und 1864 die bereits gut organisierte amerikanische Meisterschaft im Figurenlauf für sich entscheiden konnte, fand seine expressive Bewegungskunst in dieser Umgebung wenig Anklang. Zu sehr behauptete sich die steife und strenge britische Eislauftradition als stilbildendes Ideal. Kritiker warfen Haines vor, sich zu sehr auf Körper- und Extremitätsposen zu konzentrieren und dabei den Figurenlauf zu vernachlässigen. Noch während der amerikanische Bürgerkrieg tobte, begab sich Haines 1864/65 auf eine Europa-Tournee. Er besuchte Großbritannien und Nordeuropa (Berlin, Christiana, Stockholm, St. Petersburg). Insbesondere sein Aufenthalt in Stockholm bereitete unerwartet große Erfolge.
Im Winter 1868 kam Haines auf Einladung des neu gegründeten Wiener Eislaufvereines nach Wien, einer Stadt, die sich seit dem 18. Jh. zu einem Zentrum der Ballkultur entwickelt hat und sich empfänglich für die Bewegungskunst des Amerikaners zeigte.Hampe 1994, S. 146–147 Mit einer beachtlichen Gage von 2.436 Gulden honoriert, zeigte er in sechs Vorstellungen vor insgesamt 18.000 Zuschauern sein Können. Weitere Stationen seines rastlosen Tournée-Lebens waren Budapest, Berlin, Prag.