mini|Lage der Zips (slowakisch: Spiš) in der Slowakei mini|Verbreitung der Karpatendeutschen mit Bevölkerungsanteilen auf dem Gebiet der heutigen Slowakei nach der österreichisch-ungarischen Volkszählung 1900. Die Konzentration im mittleren Osten zeigt die Zipser Sachsen.
Die Zipser Sachsen, Zipser Deutschen oder kurz Zipser (slowakisch: Spišskí Nemci, ungarisch: Szepesi Szászok oder cipszerek) sind eine deutschsprachige Minderheit und eine Untergruppe der Karpatendeutschen in der Slowakei. Sie gelangten im Rahmen der hochmittelalterlichen Ostsiedlung in die Zips und sprachen verschiedene deutsche Mundarten, die man unter Zipserdeutsch oder Zipserisch zusammenfasst. Umgangssprachliche Selbstbezeichnungen sind auch Potoken für die Zipser Sachsen der nordwestlichen Oberzips und Mantaken für jene in der südöstlichen Unterzips mit Nachbargebieten.Vgl. Begriffsverwendung in dieser Trilogie von Erzählungen und Erinnerungen, oder in dieser Rezension im „Karpatenblatt“
Die Zipser Sachsen waren neben den Sudetendeutschen eine der beiden wichtigsten deutschen Gruppen in der ehemaligen Tschechoslowakei. Zusammen mit den Siebenbürger Sachsen im heute rumänischen Siebenbürgen bildeten sie eine der ältesten deutschen Siedlergruppen in Ostmitteleuropa. Seit den Kolonisationen des 18. Jahrhunderts unter Maria Theresia und Joseph II. leben Zipser auch in anderen Regionen des ehemaligen Österreich-Ungarn.
Der größte Teil der Zipser Sachsen wurde zwischen 1944 und 1946 nach Deutschland und Österreich evakuiert und vertrieben; eine nennenswerte deutschsprechende Bevölkerung hat sich lediglich in den Orten Chmeľnica (Hopgarten) und Medzev (Metzenseifen) erhalten.
Geschichte Herkunft und Ansiedlung mini|Zipser Kapitel, das 1198 gegründete kirchliche Zentrum der Zips (seit dem Mittelalter Propstei, ab 1776 Bischofssitz), heute Ortsteil des nahen Kirchdrauf (slowakisch Spišské Podhradie, ungarisch Szepesváralja). Beide gehören zu den ältesten Siedlungen der Zipser Sachsen und sind zusammen mit Schigra, der Zipser Burg und der Altstadt von Leutschau seit 1993 UNESCO-Weltkulturerbe. Die meisten Zipser Städte haben ihren Ursprung in deutschen Siedlungen, in der Unterzips vor allem Bergbausiedlungen. Die ursprünglich hauptsächlich slawisch-altslowakische Bevölkerung in diesem Gebiet war beim Mongoleneinfall 1241/42 deutlich dezimiert oder vertrieben worden. In der folgenden zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, zu geringem Anteil in der Unterzips schon in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, siedelten die ungarischen Könige deutschsprachige Siedler an.
Die meisten Siedler waren Bauern und Bergleute und stammten nach dialektologischen Untersuchungen der zipserdeutschen Dialekte anfangs vorwiegend aus dem mittelfränkischen Dialektgebiet (Rheinland und Moselgebiet) mit kleineren Anteilen aus dem ostmitteldeutschen Dialektbereich (Schlesien, Thüringen und der Markgrafschaft Meißen, die erst seit dem 15. Jahrhundert Sachsen genannt wurde). Eine spätere kleinere Besiedlungswelle, die „schlesische Hausiedlung“ folgte Anfang 14.–Anfang 15. Jahrhundert, als die polnischen Könige und die ungarischen Könige um die Besiedlung und Befestigung des Grenzgebietes wetteiferten, womit Rodungsdörfer oft mit der Namensendung „-hau“ (slowakisch Poruba/Lehota, ungarisch -vágás) im Norden entstanden. Diese Kolonisten waren deutschsprachige Schlesier, Einheimische und slowakische Binnenkolonisten. In einigen Orten setzte sich Slowakisch, in anderen Deutsch-Schlesisch (heute noch als Outzäpsersch im Dorf Chmeľnica erhalten) als Sprache der Dorfgemeinschaften durch.Mária Papsononvá: Geschichte und Gegenwart der deutsch-slowakischen Sprachkontakte. In: brücken. Germanistisches Jahrbuch Tschechien – Slowakei. 4 (1994), S. 73–94, hier S. 75. Eine Siedlergruppe, wohl erst Zuwanderer ab Ende 15. Jahrhundert in den Bergbau, stammte aus dem bairischen DialektgebietErnst Schwarz: Die Herkunft der Siebenbürger und Zipser Sachsen. Siebenbürger und Zipser Sachsen, Ostmitteldeutsche, Rheinländer im Spiegel der Mundarten. Verlag des Südostdeutschen Kulturwerks, München 1957.Juraj Valiska: Nemecké nárečia horného Spiša [Die deutschen Mundarten der Oberzips]. Stará Lubovna 1982; Peter Wiesinger: Deutsche Dialektgebiete außerhalb des deutschen Sprachgebiets: Mittel-, Südost- und Osteuropa. In: Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung (= Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft. Band 1.2). Hrsg. von Werner Besch, Ulrich Knoop, Wolfgang Putschke, Herbert Ernst Wiegand. 2. Halbband. Walter de Gruyter, Berlin / New York 1983, S. 900–929, zur Zips S. 909 f., vorwiegend Bergleute aus Bayern und Tirol.Gerhard Seewann: Geschichte der Deutschen in Ungarn, Band 1: Vom Frühmittelalter bis 1860. Herder-Institut, Marburg 2013, S. 26
Diese Neusiedler wurden zusammenfassend „Zipser Sachsen“ genannt, wobei der Name „Sachsen“ wie bei den Siebenbürger Sachsen eine im ungarischen Feudalsystem mit autonomer Selbstverwaltung privilegierte deutschsprachige Minderheit meint, nicht als regionale Herkunftsangabe missverstanden werden sollte. Zum heutigen Bundesland Sachsen hat der Name entgegen älterer und populärwissenschaftlicher Literatur keinen Bezug, denn es erhielt den Namen erst 1423 durch Erbfall, bis 13. Jahrhundert bezeichnete Saxones die heutigen Niedersachsen. In ungarischen Quellen des 11.–13. Jahrhunderts tauchen die Namen Theutonici et Saxones (Deutsche und Sachsen) so oft nebeneinander auf, dass z. B. Katalin Gönczi die genaue Bedeutung als schwer erklärlich bezeichnet, bevor Saxones im 13. Jahrhundert zum übergreifenden Namen aller privilegierten Deutschsprachigen in Ungarn wird. Genaue ethnische Bezeichnungen sind im Mittelalter nicht üblich. Gerhard SeewannGerhard Seewann: Geschichte der Deutschen in Ungarn, Band 1: Vom Frühmittelalter bis 1860. Herder-Institut, Marburg 2013, S. 2–3, 16–17 (mit Fußnote 32) und 21–22 deutet drei Erklärungsmöglichkeiten an: 1. entstand die Fremdbezeichnung „Sachsen“ oft zur Zeit der Herrschaft der aus Niedersachsen stammenden Ottonen (z. B. finnisch-estnisch saksa), während sich später mit Herrschaft der aus Schwaben stammenden Staufer oft „Schwaben“ verbreitete (z. B. oder ruthenisch šwabij), 2. ist in Quellen zu beobachten, dass Theutonici tendenziell eher Süddeutsche bezeichnet, Saxones eher Mittel- und Norddeutsche, 3. wurde beobachtet, dass die im 12.–14. Jahrhundert in die wichtigsten europäischen Bergbaureviere in Bosnien und Serbien eingewanderte deutsche Bergleute ausschließlich Saxones genannt wurden – vielleicht weil der (nieder)sächsische Harz (vor der Entdeckung von Silber 1168 im sächsisch-böhmischen Erzgebirge) das mit Abstand wichtigste und größte Bergbaugebiet im deutschsprachigen Raum war. Ungarische Quellen könnten diesen Sprachgebrauch in der Nachbarschaft übernommen haben, womit bis ins 13. Jahrhundert Saxones eher deutsche Bergleute bezeichnen könnte, während Theutonici die bäuerlich-städtischen Siedler waren. Wie auch immer der Name entstand, bildeten Zipser Sachsen bis ins 18. Jahrhundert, teilweise noch länger das wirtschaftliche und kulturelle Rückgrat der Zips, allerdings nie die einzige Bevölkerung. Die Zips war seither immer vielsprachig und multiethnisch.
Im Unterschied zu den Siebenbürger Sachsen, bei denen sich neben Bauern auch zahlreich Städtebürger, Kleriker, kleinadelige Ritter und sogar Hochadelige an der Ansiedlung beteiligten, gab es unter den Zipser Siedlern anfangs wenig Standesunterschiede, die in Quellen als „einfache Leute“ bezeichnet werden. Ebenfalls geringer war die Beteiligung von latini, französisch- und italienischsprachigen Siedlern, die in der ersten Siedlungsphase im 12. Jahrhundert noch zahlreich unter den Neusiedlern waren, nur der Name von Spišské Vlachy (deutsch: Wallendorf) erinnert an die Beteiligung von Wallonen.Katalin Gönczi, Wieland Carls: Sächsisch-Magdeburgisches Recht in Ungarn und Rumänien. Autonomie- und Rechtstransfer im Donau- und Karpatenraum. Berlin, Boston 2013, S. 48, 55–57. Der im 13. Jahrhundert entstandene Name von Wallendorf hat noch nichts mit den auf Mittelhochdeutsch und Slowakisch namensgleichen „Walachen“ zu tun, die erst seit dem 15. Jahrhundert in der Zips angesiedelt wurden. Das zeigt auch der ungarische Name Szepesolaszi, denn ungarisch „olasz“ bezeichnete im Mittelalter Französisch- und Italienischsprecher, heute Italiener, während im Mittelalter „oláh“ (heute: „vlachok“) rumänischsprachige Walachen meint.
Privilegien mini|links|hochkant=0.8|Käsmark, neben der Rivalin Leutschau mächtigste und wohlhabendste Stadt der Zips, lange Zeit reicher und im 15. Jahrhundert kurzzeitig Zipser Hauptstadt, galt bis 1945 mit deutschsprachigen Bildungsinstitutionen, Bibliotheken und Theater und größerem sächsischen Bevölkerungsanteil als kulturelles Zentrum der Zipser Sachsen. mini|Leutschau, vom 12. bis 16. Jahrhundert Zentrum der Zipser Sachsen und ehemaliger Verwaltungssitz des ungarischen Komitats Zips neben der Zipser Burg Zu den im königlichen Zipser Freibrief von 1271 von König Stephan V. gewährten autonomen Privilegien gehörten ähnlich dem Goldenen Freibrief/Privilegium Andreanum von 1224 für die Siebenbürger Sachsen neben dem unbegrenzten Siedlungsrecht im Komitat/der Gespanschaft Zips, die Befreiung von einigen Sondersteuern und Zöllen, die Befreiung von Abgaben, Frondiensten und Leibeigenschaft für den ungarischen Adel und das Privileg, interne politische und juristische Angelegenheiten nach eigenen Rechtstraditionen selbst zu regeln. Nur eine gemeinschaftliche Abgabe an den ungarischen König, das terragium, auch „Martinszins“ genannt, weil die ungarischen Könige nach fränkischem Vorbild St. Martin als Schutzheiligen sahen, und sie jährlich am Martinstag erhoben wurde, musste entrichtet werden. Im Gegenzug hatten die Zipser Sachsen dem König 50 Lanzenreiter zu stellen (die Siebenbürger Sachsen 100, im Fall der Landesverteidigung 500, bei Feldzügen ohne den König auch 50) und die Grenzsicherung in der Zips zu übernehmen. Ganz ähnliche kollektive autonome Privilegien erhielten im 13. Jahrhundert in der Zips der Stuhl der zehn Lanzenträger, in Siebenbürgen die ungarischen Grenzsiedler der Szekler und die Siebenbürger Sachsen und in Zentralungarn zum Schutz der Hauptstadt die Jassen und Kumanen. Die ungarischen Könige verbanden in diesem komplexen Privilegiensystem somit das Motiv der Anwerbung von Siedlern aus dem im Hochmittelalter überbevölkerten Westmittel- und Westeuropa, die weiter entwickelte Landwirtschaftstechniken (z. B. Dreifelderwirtschaft, Wendpflug, Fischteiche) und Bergbautechniken zum Landesausbau mitbrachten, das alle ostmitteleuropäischen Herrscher für die hochmittelalterliche Ostsiedlung hatten, mit den Motiven der Grenzsicherung, der militärischen Stärkung und der Festigung ungarischer Herrschaft im Grenzgebiet durch aufgrund der Königsprivilegien loyale Bevölkerungsgruppen. In der Region der Handelswege entstand außerdem ein Wettlauf zwischen den polnischen und ungarischen Königen um Landesausbau, Besiedlung und Vorschub der Grenze in die Karpaten. Der frühe Zipser Graf Jordan von Gargau († 1257) erhielt seinen Landgut in Gargau/Gorg (Spišský Hrhov, ) in Anerkennung seiner Verdienste der Abwerbung von Walddeutschen von der polnischen Seite (de Ruthenia et Polonia=aus Rotruthenien und Polen), die vorher aus Schlesien und Thüringen stammten. Auf Jordan geht das ungarische, ursprünglich zipser-sächsische Adelsgeschlecht Görgey zurück, die noch mehrfach gewählte Grafen der Zipser Sachsen waren.Gerhard Seewann: Geschichte der Deutschen in Ungarn, Band 1: Vom Frühmittelalter bis 1860. Herder-Institut, Marburg 2013, S. 26.