Die verschiedenen Praktiken und Teilbewegungen der Lebensreform breiteten sich in der Schweiz ab der Mitte des 19. Jahrhunderts aus. Wichtige Vordenker der Naturheilkunde und des Vegetarismus, wie Theodor Hahn, Arnold Rikli und Max Bircher-Benner, waren in der Schweiz tätig. Grenzüberschreitende Bekanntheit erlangten auch Naturheilanstalten wie der Monte Verità in Ascona und die Lebendige Kraft auf dem Zürichberg. Auguste Forel und Gustav von Bunge lieferten wissenschaftliche Argumente für die Ernährungsreform und Alkoholabstinenz, verknüpften die Lebensreform jedoch auch mit der Eugenik. In der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts gab es in der Schweiz bereits zahlreiche Reformhäuser, vegetarische und abstinente Restaurants, Licht- und Luftbäder, Landerziehungsheime und Naturheilanstalten. Durch Lebensreformer wie Ernst Schneider, Fritz Schwarz und Werner Zimmermann entwickelte sich die Schweiz zu einem Dreh- und Angelpunkt der international vernetzten Lebensreformbewegung. Weil die Schweizer Lebensreformbewegung die Zeit des Zweiten Weltkrieges weitgehend unbeschadet überstand, spielte sie nach 1945 eine wichtige Rolle beim Wiederaufbau und bei der Neuvernetzung der Lebensreformbewegung in Europa.
Einzelne Praktiken und Teilbewegungen Naturheilbewegung Die Schweiz war seit dem Mittelalter bekannt für Kurbäder wie Pfäfers, Baden oder Gurnigel. Jedoch stagnierte dieser Bädertourismus im 18. Jahrhundert.
Mit dem Aufkommen der Naturheilbewegung im 19. Jahrhundert breiteten sich neue Kuranstalten für Wasserbehandlungen in der Schweiz aus. Nach dem Vorbild der Prießnitz’schen Kaltwasser-Heilanstalt in Gräfenberg eröffnete der Winterthurer Arzt Wilhelm Brunner 1839 in Albisbrunn die erste Wasserheilanstalt der Schweiz. Unter anderem hielt sich dort 1851 der deutsche Komponist Richard Wagner für eine mehrwöchige Kur auf. 1854 übernahm der deutsche Apotheker Theodor Hahn die Naturheilanstalt Auf der unteren Waid in Mörschwil. Er kombinierte als erster Naturheilpraktiker die Wasserbehandlungen mit vegetarischen Diäten.
mini|338x338px|Ganzkörperwickel im Sanatorium «Lebendige Kraft», um 1910 Einen weiteren Ansatz entwickelte der Berner Färbereibesitzer Arnold Rikli. Er setzte nicht Wasser-, sondern Licht-, Luft- und Sonnenkuren als Naturheilmittel ein. 1854 eröffnete er in Bled im heutigen Slowenien eine Naturheilanstalt mit offenen Lufthütten und Luftparks. Ab den 1860er Jahren wurden auch in Höhenkurorten wie Davos und Arosa Tuberkulosekranke mit Licht-, Luft- und Sonnenkuren behandelt.
Um 1900 gab es in der Schweiz bereits zahlreiche Naturheilanstalten mit einem umfangreichen Angebot an Wasser-, Luft-, Sonnen-, Bewegungs- und Diätkuren; unter anderem die Naturheilanstalt Erlenbach (1898), die Kuranstalt Friedenfels bei Sarnen (1900), das Kurhaus Waidberg (1902), die Kuranstalt Sennrüti in Degersheim (1904) und das Kurhaus Cademario (1914). Zu den international bekanntesten Einrichtungen zählte das 1904 von Max Bircher-Benner eröffnete Sanatorium Lebendige Kraft in Zürich. Zum straff organisierten Tagesablauf gehörten nicht nur Luftbäder, Wasseranwendungen und vegetarische Diäten, sondern auch Spaziergänge, Körperübungen und Gartenarbeit. Unter den Gästen war Thomas Mann, der einige Eindrücke seines Aufenthalts im Roman Zauberberg (1924) verarbeitete.
1868 schlossen sich die Anhänger der Naturheilkunde erstmals im Schweizerischen Centralverein für Naturheilkunde zusammen, der nach wenigen Jahren aufgelöst wurde. Es folgten lokale Naturheilvereine in vielen Schweizer Orten wie Zürich (1892), Bern (1893), Winterthur (1898) und Basel (1899). Diese Vereine bauten in vielen Schweizer Städten öffentliche Licht- und Luftbäder mit Schrebergärten auf; unter anderem das Licht- und Luftbad auf dem Zürichberg (1901), im Berner Marzilibad (1902) und das Sonnenbad St. Margarethen bei Basel (1903).
Ab 1907 gab es mit dem Verband Schweizerischer Naturheilvereine erstmals einen gesamtschweizerischen Zusammenschluss der Naturheilbewegung. Ab 1908 gab der Verband die Zeitschrift Volksgesundheit heraus. 1910 zählte er 34 Sektionen mit mehr als 5‘000 Mitgliedern. 1912 folgte die Umbenennung in Schweizerischer Verband für naturgemässe Lebens- und Heilweise und 1917 in Schweizerischer Verein zur Hebung der Volksgesundheit (heute vitaswiss). Die Namensänderungen verweisen auf das wachsende Handlungsfeld der Schweizer Naturheilbewegung: Neben Naturheilkunde ging es zunehmend auch um Ernährung, Hygiene, Erziehung, Sport, Versicherungswesen, Wasserversorgung und öffentliche Gesundheitspflege. Ab den 1930er Jahren wurden auch eugenische und rassehygienische Massnahmen propagiert. Auch nach 1945 bot die Volksgesundheit bekannten Eugenikern eine Publikationsplattform.
Ähnlich wie in Deutschland befand sich die Schweizer Naturheilbewegung in einem andauernden Konflikt und Aushandlungsprozess mit Vertretern der wissenschaftlichen Medizin. 1904 versuchte der Zürcher Naturheilverein erfolglos, mit der «Initiative zur Freigabe der arzneilosen Heilweise (Naturheilverfahren)» das Behandlungsmonopol akademisch ausgebildeter Ärzte im Kanton Zürich abzuschaffen. 1912 und 1933 bekämpfte er hingegen erfolgreich die Revision des Zürcher Medizinalgesetzes. Besonders kontrovers waren auch die Auseinandersetzungen um das Impfen. Aus der Naturheilbewegung kamen die ersten Impfgegner der Schweiz. Schon 1876 versammelten sich Anhänger der Naturheilkunde im Schweizerischen Verein gegen Impfzwang, um das eidgenössische Epidemiegesetz zu verhindern, das unter anderem verpflichtende Pockenschutzimpfungen vorsah. Zusammen mit katholisch-konservativen Akteuren und dem linksliberalen Grütliverein ergriff die Naturheilbewegung das Referendum und gewann die Abstimmung deutlich.
Ernährungsreform und vegetarische Bewegung Im 19. Jahrhundert war die Intensivierung der Milchwirtschaft und Entstehung der verarbeitenden Lebensmittelindustrie ein wichtiger Motor der Industrialisierung in der Schweiz. Unternehmen wie Nestlé, Maggi oder Anglo-Swiss Condensed Milk Company entwickelten neuartige Produkte aus stark verarbeiteten, tierischen Lebensmitteln. Zugleich nahm durch den wachsenden globalen Handel der Konsum von Genussmitteln wie Tabak, Zucker und Kaffee stark zu. Die ersten Vordenker der vegetarischen Bewegung in der Schweiz wie der deutsche Apotheker Theodor Hahn kritisierten diesen Wandel der Ernährungsgewohnheiten. In Anlehnung an Heinrich Friedrich Francke ging Hahn davon aus, dass der Konsum von Alkohol, Kaffee, Tee und Salz sowie tierischen Produkten wie Eiern, Milch und Fleisch die Entstehung sogenannter Zivilisationskrankheiten fördere. Eine vegetarische Diät sollte nicht nur der Wiederherstellung der Gesundheit dienen, sondern auch chronischen Erkrankungen vorbeugen. Seine Überlegungen zum Vegetarismus veröffentlichte Hahn seit den 1850er Jahren in zahlreichen Artikeln und Büchern. Dabei bediente er sich der medizinischen, evolutionärbiologischen und ökonomischen Argumente US-amerikanischer Vegetarier wie William Andrus Alcott und Russel Trall, deren Schriften er ins Deutsche übersetzte. Mit seinen Publikationen beeinflusste Hahn nicht nur Vordenker der vegetarischen Bewegung in Deutschland wie Eduard Baltzer, sondern geriet auch in Konflikt mit Vertretern der akademischen Ernährungswissenschaft wie Rudolf Virchow, Justus von Liebig und Jakob Moleschott.
mini|Müesli mit Getreideflocken, Milch und Früchten Eine wichtige Vermittler- und Übersetzerfunktion zwischen deutsch- und französischsprachigen Anhängern der vegetarischen Bewegung in der Schweiz nahm der Naturheilarzt Wilhelm Dock ein. Er leitete die Naturheilanstalt Auf der unteren Waid in Mörschwil und trat in den 1870er und 1880er Jahren als Redner in Deutschland und Österreich auf. Er hielt aber auch in der Westschweiz und in Frankreich Vorträge über Naturheilkunde und Vegetarismus in französischer Sprache. Dock war Mitglied der Société Végétarienne de Paris und gründete zusammen mit dem Philosophieprofessor Edouard Raoux 1880 die Société d’Hygiène générale et de végétarisme de Lausanne als ersten, unabhängigen Vegetarierverein der Schweiz. Die Vegetarier in der Deutschschweiz schlossen sich dem 1867 im mitteldeutschen Oberhausen gegründeten Deutschen Verein für natürliche Lebensweise an. Erst 1894 gründete der Zürcher Naturheilpraktiker Friedrich Fellenberg den Zürcher Vegetarier-Verein als ersten eigenständigen Vegetarierverein in der Deutschschweiz, löste ihn jedoch nach wenigen Jahren wieder auf. Später entwickelte sich auch Fellenbergs 1898 eröffnete Naturheilanstalt in Erlenbach zu einem wichtigen Treffpunkt der vegetarischen Bewegung. Dort wurde 1906 die Vegetarische Gesellschaft Zürich gegründet.
Nach 1900 prägte der Aargauer Naturheilarzt Max Bircher-Benner die vegetarische Bewegung in der Schweiz. In seinem 1904 eröffneten Sanatorium Lebendige Kraft in Zürich behandelte er Patienten unter anderem mit Rohkost-Diäten. Weltweite Verbreitung fand seine vegetarische Apfeldiätspeise, das sogenannte Birchermüesli. Die Vorzüge der Rohkost führte Bircher-Benner auf die Sonnenenergie zurück, die in pflanzlichen, ungekochten Lebensmitteln gespeichert sei. Mit seinen Gesundheitsbüchern und der Zeitschrift Der Wendepunkt im Leben und Leiden prägten Bircher-Benner und später auch sein Sohn Ralph Bircher die Debatten über Vegetarismus und Ernährungsreform weit über die Schweiz hinaus.
Abstinenzbewegung Schon seit der Reformationszeit galt der übermässige Alkoholkonsum als moralisches Laster. In der Schweiz verschärften die sogenannten Schnapswellen der 1830er und 1870er Jahre das Problem. Infolge des intensivierten Kartoffelanbaus war billiger Kartoffelschnaps massenhaft verfügbar. Das führte im späten 19. Jahrhundert zum Aufkommen religiöser und wissenschaftlicher Abstinenzbewegungen in der Schweiz, die eng mit der Lebensreformbewegung verbunden waren. Während christliche Organisationen wie das 1884 gegründete Blaue Kreuz die sogenannte Trunksucht weiterhin als selbstverschuldetes Laster interpretierten, beschrieben Ärzte wie Gustav von Bunge und Auguste Forel den Alkohol als Nervengift und behandelten die Alkoholsucht als Krankheit. Gustav von Bunge machte sich 1887 mit seinem an der Universität Basel gehaltenen Vortrag Die Alkoholfrage einen Namen in der Abstinenzbewegung. Forel gründete 1892 die erste Deutschschweizer Loge des Internationalen Guttemplerordens und 1906 den Neutralen Guttemplerorden. Während sich die Abstinenzbewegungen vornehmlich auf den Kampf gegen den Alkohol fokussierten, war die Alkoholabstinenz für Akteure aus der Lebensreformbewegung immer nur ein Bestandteil einer viel weiter gefassten Ernährungsreform. Jedoch gab es einen intensiven Austausch zwischen den verschiedenen Bewegungen. Beispielsweise gelangte Max Bircher-Benner während seines Medizinstudiums in Zürich erst durch Auguste Forel zur Alkoholabstinenz.
Die Forderung nach Alkoholverzicht war häufig auch mit der Kritik am Tabakrauchen verbunden. Ähnlich wie beim Alkohol wurde auch das Nikotin im Verlauf des 19. Jahrhunderts vom moralischen Laster zum gesundheitlichen Problem umgedeutet. Schon Wilhelm Dock warnte 1874 in seinem Vortrag Ueber naturgemäße Heil- und Lebensweise vor der toxischen Wirkung des Tabakrauchens. 1912 wies Gustav von Bunge in seinem Vortrag Die Tabak-Vergiftung auf die Problematik des Passivrauchens hin. Die naturheilkundliche Zeitschrift Volksgesundheit veröffentlichte 1913 ein 20-Punkte-Programm zur Regulierung des Rauchens und zum Schutz der Nichtraucher. Vorgeschlagen wurden unter anderem Rauchverbote in öffentlichen Räumen und ein Verkaufsverbot für Minderjährige. Demgegenüber kamen aus der akademischen Medizin erst nach 1945 erste Stimmen auf, die sich gegen das Tabakrauchen aussprachen.
mini|266x266px|Auguste Forel auf der alten 1000-Franken-Note