mini|Karl Wolfskehl, Aufnahme von Theodor Hilsdorf Karl Joseph Wolfskehl (geboren am 17. September 1869 in Darmstadt, Großherzogtum Hessen; gestorben am 30. Juni 1948 in Auckland, Neuseeland) war ein deutscher Schriftsteller und Übersetzer. Sein Wirken umfasste Lyrik, Prosa und Drama. Er übersetzte aus dem Französischen, Englischen, Italienischen, Hebräischen, Lateinischen und Mittelhochdeutschen.
Leben mini|Die Kosmiker (v. l. n. r.) Karl Wolfskehl, Alfred Schuler, Ludwig Klages, Stefan George, Albert Verwey mini|Erinnerung an Karl Wolfskehl in München-Schwabing, Römerstraße 16 Karl Wolfskehl wurde als Sohn einer jüdisch-deutschen Kaufmannsfamilie, die ihre Wurzeln bis in die Zeiten Karls des Großen zurückverfolgen konnte,zu dem Gelehrten Calonymus ben Mashulam aus Lucca, der der Überlieferung nach 982 Kaiser Otto II. nach der Schlacht von Cotrone bei Tarent vor den Sarazenen rettete und deshalb von diesem zum Dank in Mainz angesiedelt wurde, wo er der Stammvater einer weitverzweigten Familie wurde (in eingedeutschter Form Callmann). Er war auch der Leibarzt des Kaisers. Voit Karl Wohlskehl. S. 17, Barner Wolfskehl and the Wolfskehl Prize, Notices AMS 1997, PDF-Datei, mit Angaben zur Familie Wolfskehl und auch zu Karl Wolfskehl in Darmstadt geboren, sein Vater war der angesehene Rechtsanwalt, Bankier und Landtagsabgeordnete Otto Wolfskehl (1841–1907). Karl Wolfskehl wuchs in liberaler Atmosphäre in Darmstadt auf und studierte Altgermanistik, Religionsgeschichte und Archäologie in Gießen, Leipzig und Berlin. Er promovierte mit einer Dissertation über Germanische Werbungssagen bei Otto Behaghel.Bernt Engelmann: Deutschland ohne Juden – Eine Bilanz. München 1970, S. 48. „Ein enger Vertrauter der Familie, der Rabbiner der liberal-jüdischen Gemeinde David Selver, war der erste Kritiker des mit summa cum laude ausgezeichneten Doktors und Jungschriftstellers … Was Ihre Darstellung betrifft: Ihre Ausdrücke und Begriffsbezeichnungen sind immer sachlich und trefflich, verrathen geschultes Denken. Dabei sind Satzbau und Übergänge etc. gerade elegant. Ihre Bemerkungen über das Verhältnis zwischen Kultus und Mythos waren für mich besonders interessant …“Eckhart G. Franz (Hrsg.): Juden als Darmstädter Bürger. Roether, Darmstadt 1984, ISBN 3-7929-0139-0, S. 254.
1898 heiratete er die aus einer nichtjüdischen Familie stammende Hanna de Haan (1878–1946), die Tochter des niederländischen Dirigenten des Darmstädter Kammerorchesters Willem de Haan und dessen Ehefrau Nina Carolina Elisabeth Schleuning, Tochter eines Oberförsters aus Wald-Michelbach. Aus der Ehe gingen die Töchter Judith (1899–1976) und Renate (1901–1983) hervor. Nach seinem Studium verbrachte Wolfskehl große Teile seines Lebens in München und Florenz.
Er war aktiv im Münchner Kreis um Stefan George, auf dessen Dichtung er durch seinen Freund Georg Edward aufmerksam geworden war und mit dem er von 1892 bis 1919 die Zeitschrift Blätter für die Kunst und von 1901 bis 1903 die Sammlung „Deutsche Dichtung“ herausgab. 1903 erschien auch ein Zyklus mit jüdischen Themen unter dem Titel An den alten Wassern.Zu dem Zyklus An den alten Wassern und Wolfskehls lebenslange Beschäftigung mit jüdischen Themen, s. Franke, Jüdisch, römisch, deutsch, S. 185 Der George-Kreis traf sich regelmäßig in Wolfskehls Haus in Schwabing. Auch die „Kosmiker“ wurden als „Männerrunde mit Gräfin“ von Wolfskehl um 1900 mit Alfred Schuler, Fritz von Herzmanovsky-Orlando, Ludwig Klages unter Einbeziehung der „Schwabinger Gräfin“ Franziska zu Reventlow begründet. Im Gegensatz zu seinen Weggefährten Klages und Schuler hielt Wolfskehl über alle Jahre zu George, den er wie alle anderen als „Meister“ ansprach. Es war Wolfskehl, der den Anfang des 20. Jahrhunderts hochgradig suggestiven Begriff des „Geheimen Deutschland“ in einem Aufsatz im Jahrbuch für die Geistige Bewegung (1910) geprägt hatte.Franke, Jüdisch, römisch, deutsch, S. 153–165
mini|Ehemalige Propstei des Zisterzienserklosters in Kiechlinsbergen 1915 wurde Wolfskehl Eigentümer eines Teils der ehemaligen Propstei des Zisterzienserklosters in Kiechlinsbergen im Kaiserstuhl, wohin die Familie umzog. Wolfskehl folgte ihr 1919 nach. Das Anwesen wurde in den Folgejahren zum geselligen Treffpunkt zahlreicher Freunde aus dem George-Kreis. Trotz seines lebenslangen Bekenntnisses zu Stefan George und dessen konservativer Ästhetik und Politik war Wolfskehl in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik mit einer Reihe von innovativen Künstlern und Gelehrten wie Franz Marc, Alfred Kubin, Else Lasker-Schüler, Walter Benjamin, Felix Noeggerath, Martin Buber und Albert Schweitzer bekannt.‘Das Affenherz ist so etwas Vielgestaltiges’, Albert Schweitzers Briefwechsel mit Karl Wolfskehl. In: Sinn und Form (64. Jg., 4/2012), S. 516–531 Wolfskehl hielt dem Germanisten Friedrich Gundolf noch freundschaftliche Treue, nachdem dieser aus dem George-Kreis verstoßen wurde. Else Lasker-Schüler setzte Wolfskehl in ihrem Roman Der Malik ein literarisches Denkmal.’Telegraphiere auch dem Erzengel Stefan George…’ Else Lasker-Schüler, Karl Wolfskehl und der George-Kreis. In: Lothar Bluhm and Andreas Meier (Ed.), Else Lasker-Schüler-Jahrbuch zur Klassischen Moderne. Bd. 3. Wissenschaftlicher Verlag Trier 2006, S. 26–48 Auch in anderen Schlüsselromanen, z. B. in Franziska zu Reventlows Roman Herrn Dames Aufzeichnungen spielt der wortgewaltige, gesellige und esoterisch interessierte Wolfskehl eine Hauptrolle.Norman Franke, „Mirobuk!“ Karl Wolfskehl als satirische Romangestalt. In: Studia Niemcoznawcze, Studien zur Deutschkunde. (Vol. XXXI.,Warschau, 2005), S. 339–360
Wolfskehl emigrierte wegen der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 in die Schweiz, wohin er am Tag nach dem Reichstagsbrand floh, und von dort 1934 weiter nach Italien. Nach einem kurzen Aufenthalt in Rom, unterbrochen durch eine Rückreise zur Teilnahme an den Gedenkfeierlichkeiten aus Anlass des Todes von Stefan George, zog er im November 1934 nach Florenz. Hier traf er unter anderem auf den bereits in der Emigration lebenden Verleger Kurt Wolff, den Germanisten Walter Jablonsky, Heinrich Kahane, Otti Binswanger, die jüngste Tochter Gustav Lilienthals, und den Danteforscher Karl Kilian Mayer. Außerdem lernte er hier seine spätere Lebensgefährtin Margot Ruben (1908–1980) kennen.Klaus Voigt: Zuflucht auf Widerruf. Exil in Italien 1933–1945. Erster Band, Klett-Cotta, Stuttgart 1989, ISBN 3-608-91487-0, S. 421 ff.
1935, während eines Sommeraufenthalts in Camogli an der ligurischen Küste, fasste er den Entschluss, Florenz zu verlassen, dem dann im November der Umzug ins Camogli benachbarte Recco folgte. Hier begegnete er Hans Weil und war häufig Gast in der „Schule am Mittelmeer“. Er konnte hier relativ frei leben, weil seine Familie und seine mehr als 8.800 Titel zählende Bibliothek in Kiechlinsbergen am Kaiserstuhl geblieben waren und er den deutschen Behörden ganz offiziell Recco als seinen Zweitwohnsitz angegeben hatte, an dem er aus gesundheitlichen Gründen leben müsse. Von Recco aus entfaltete er auch eine rege Reisetätigkeit, mehrfach in die Schweiz, nach Genua oder Mailand, und natürlich nach Florenz. Finanziell war er zu dieser Zeit noch gut abgesichert, da er unter anderem über ein Konto in Holland verfügen konnte und ihm auch Devisentransfers aus Deutschland heraus möglich waren.
Die zunehmende Annäherung zwischen Deutschland und Italien, gestärkt durch Mussolinis Besuch in München 1937 und Hitlers Gegenbesuch in Rom im Jahre 1938, wurde von Wolfskehl früh registriert. Die wachsenden antijüdischen Tendenzen bewogen ihn deshalb, sich im Mai 1938 zusammen mit Margot Ruben über Marseille zunächst nach Australien und dann nach Neuseeland einzuschiffen. Dort lebte er bis zu seinem Tode im Jahre 1948 als „Exul Poeta“, was auch auf seinem Grabstein steht. Zu seinen Freunden hielt er in Hunderten Briefen Kontakt, die er später wegen einer teilweisen Erblindung diktieren musste. Der Briefwechsel ist in gut kommentierten modernen Ausgaben exemplarisch erschlossen.
Zunehmend verarmt und erblindet war Wolfskehl in Neuseeland stark auf die praktische Hilfe seiner Exilbegleiterin Margot Ruben angewiesen, die auch seine Korrespondenz führte, die Manuskripte seiner Dichtung transkribierte und die Fassungen mit Wolfskehl diskutierte.Franke, Jüdisch, römisch, deutsch, S. 276–304 Da sie tagsüber in einer High School Latein unterrichtete, war Wolfskehl, in wechselnden, im Winter oft schlecht beheizbaren Unterkünften („Ich friere wo am weiten Ozean..“),Franke, Jüdisch, römisch, deutsch, S. 266 oft über lange Zeit sich selbst überlassen. Er nutzte die Zeit, ohne größere bibliothekarische Hilfsmittel und daher vor allem auf seinen reichen Wissens- und Erfahrungsschatz gestützt, sein hoch bedeutendes, tief in der europäischen Kulturgeschichte verankertes Spätwerk zu schaffen. Dennoch gelang es dem stets kommunikationsfreudigen Dichter, der anfänglich auch nur geringe Englischkenntnisse besaß, in den Jahren seines antipodischen Exils die Bekanntschaft mit einer Reihe von wichtigen neuseeländischen Autoren zu schließen. Seine Erscheinung, sein Schicksal und sein Werk faszinierten u. a. Frank Sargeson, A. R. D. Fairburn und R. A. K. Mason. Fairburn und Mason widmeten dem „last European“ (Frank Sargeson) auch eigene wichtige Veröffentlichungen.Franke, Jüdisch, römisch, deutsch, S. 259–350
Karl Wolfskehl war der Neffe von Paul Friedrich Wolfskehl. Sein Enkel ist Jakob Köllhofer (* 1947), der langjährige Leiter des DAI Heidelberg, der seinen Großvater wie folgt zitiert: „Ein Imperativ wie ‚Lasst das Wort stehn, / Lasst das Wort stehn, / sonst brechen Euch die Finger …‘ ist in Zeiten von ‚Fake News‘ und alternativen Wahrheiten höchstaktuell als Mahnung.“
Werk und Rezeption Karl Wolfskehl war zugleich bekennender Zionist und leidenschaftlicher Deutscher: „Mein Judentum und mein Deutschtum, ja mein Hessentum – das sind keine biologischen Antagonismen, es sind Ströme einander befruchtenden Lebens“,Karl Wolfskehl: Briefwechsel aus Italien 1933–1938. Hamburg 1993, S. 16. erklärte Wolfskehl seine ungeheure Empörung über die Machtergreifung Hitlers. Karl Wolfskehl hat sich über den Charakter des Regimes nichts vorgemacht. Während andere seiner Freunde, vornehmlich aus dem Georgekreis, noch abwarteten, reiste er am Tage der Machtergreifung über Basel erst ins schweizerische, dann ins italienische, 1938 schließlich ins neuseeländische Asyl, ins Antithule, wie er die Insel am entgegengesetzten Teil der Erde nannte, so weit von Deutschland weg wie irgendwie möglich.Friedrich Voit: Karl Wolfskehl, 2005 In einer Reihe von autobiographisch grundierten Gedichten, so in seinem Das Lebenslied. An die Deutschen gibt Wolfskehl bewegendes Zeugnis von seiner Zugehörigkeit zu den drei Kulturkreisen, die seine Selbstkonstruktion bestimmten: „Jüdisch, römisch, deutsch zugleich.“Franke, Jüdisch, römisch, deutsch, S. 369–411 In seinen späten neuseeländischen Exilgedichten beschäftigte er sich auch mit der Anpassung und dem Widerstand verschiedener George-Anhänger und alter deutscher Freunde während der Zeit des „Dritten Reiches“, unter anderen mit Berthold von Stauffenberg, Claus von StauffenbergNorman Franke, Karl Wolfskehl und die Brüder von Stauffenberg. Rückblick auf das ’Geheime Deutschland’. In: Kalonymos. Beiträge zur deutsch-jüdischen Geschichte aus dem Salomon-Ludwig Steinheim-Institut. (5, 4/2002), S. 11–16 und Ricarda Huch.Norman Franke, Das ‚Geheime Deutschland‘ als anarchische Republik? Zur Rezeption poetischer Reichs-Visionen Ricarda Huchs in der Lyrik Karl Wolfskehls. In: Germanisch Romanische Monatshefte