Russinen (oft auch Ruthenen, Rusinen, Rusniaken, Russynen, Karpato-Ukrainer, Karpatorussen, Karpatenrussinen, Ungarnrussinen) sind eine ostslawische und gemischtsprachige Bevölkerungsgruppe, die hauptsächlich in den Karpaten in der Karpatenukraine, den an die Ukraine angrenzenden Staaten Mitteleuropas, in Südosteuropa sowie in Nordamerika lebt.
mini|Russinisches Siedlungsgebiet in der Karpatenukraine und im slowakisch-polnischen Grenzgebiet mini|Russinen in Volkstracht (Lemken) mini|Russinen aus Galizien, aus den Karpaten und aus Podolien, Lithographie aus dem Jahre 1836 mini|Russinen aus der Umgebung von Gorlice, Niedere Beskiden, Galizien, Lithographie aus dem Jahre 1860
Im Gegensatz zu insgesamt 22 Staaten, in denen sie als eigenständige Nationalität (Ethnie) anerkannt werden, gilt die Minderheit in der Ukraine als Teil des Staatsvolks der Ukrainer. Ziel der russinischen Nationalbewegung ist es, das Bewusstsein einer eigenständigen russinischen Nation zu fördern.Ernst Lüdemann: Ukraine. Verlag Beck, München 2006, ISBN 3-406-54068-6, S. 39.
Begriffsabgrenzung und Verbreitung Obwohl die Begriffe Russinen und Ruthenen den gleichen etymologischen Hintergrund haben und Ruthenen früher für Altrussen oder von den Österreichern für die Ukrainer im Habsburgerreich verwendet wurde, ist die simple Einordnung der Russinen als „Ukrainer außerhalb der Ukraine“ heute umstritten.
Unter Ruthenen waren einst alle Ostslawen im Habsburgerreich zu verstehen, die Russinen Transkarpatiens ebenso wie galizische Ukrainer. Der Begriff „Russinen“ wurde im 19. Jahrhundert auch als Synonym für „Ruthenen“ verwendet.Michael Moser: „Ruthenische“ (ukrainische) Sprach- und Vorstellungswelten in den galizischen Volksschullesebüchern der Jahre 1871 und 1872. Verlag Lit Verlag, Berlin 2007, ISBN 3-8258-0213-2, S. 7; siehe beispielsweise den zeitgenössischen Artikel Ruthenen (Russinen, Rußniaken) in Meyers Konversationslexikon 1885–1892, Band 14, S. 104. Heute nennen sich all jene ethnische Minderheiten in den Nachfolgestaaten der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, die man einst „Ruthenen“ nannte, Russinen; die meisten Ukrainer Galiziens jedoch ausgenommen. Ukrainer, Slowaken, Russen oder Polen haben die Russinen teilweise oder als Ganzes oft als Teil ihres eigenen Volkes betrachtet und viele Russinen haben sich in diesen Nationen auch assimiliert.James Stuart Olson (Hrsg.): An Ethnohistorical dictionary of the Russian and Soviet empires. Greenwood Publishing Group, Westport, Conn. 1994, ISBN 0-313-27497-5, S. 135 f. Seit den 1990er Jahren entflammte die Kontroverse, ob die Russinen eine separate ethnische Gruppe seien oder ein Teil der ukrainischen Nation, von neuem.
Primär leben die Russinen in der einst zu Ungarn, ab 1919 zur Tschechoslowakei, heute zur Ukraine gehörenden Karpatoukraine sowie in Polen, der Slowakei, Tschechien, Ungarn, Rumänien (so in Știuca, Kreis Timiș), Kroatien und Serbien (Vojvodina, Zentrum Ruski Krstur). Die Russinen in Kroatien und Serbien waren Kolonisten, die ab dem 17. Jahrhundert in diese durch die Türkenkriege teilweise entvölkerten Gebiete (Militärgrenze) umsiedelten.Marta Harasowska: Morphophonemic variability, productivity, and change. The case of Rusyn. Verlag de Gruyter, Berlin 1999, ISBN 3-11-015761-6, S. 2. Die Russinen in den USA sind Nachkommen der Emigranten aus dem 19. und 20. Jahrhundert.
Ethnische Einordnung Die Russinen sind nach manchen Autoren historisch eine kulturelle Splittergruppe der altrussischen Ethnie, die die Kiewer Rus bevölkerte, anderen Ansichten zufolge handelt es sich historisch um eine slawische Ethnie aus den nordöstlichen Karpaten mit einer von den restlichen Ostslawen separaten Entwicklung. Einer dritten Auffassung zufolge handelt es sich zwar um eine Splittergruppe der Bewohner der Kiewer Rus, diese sei jedoch inzwischen als eine eigenständige Nation aufzufassen.
Harald Haarmann bezeichnet die Russinen als die „am engsten mit den Ukrainern verwandten Slawen“ (Ostslawen), nicht aber direkt als „Ukrainer“.Harald Haarmann: Kleines Lexikon der Völker – von Aborigines bis Zapoteken, S. 296.
Die Russinen haben im 20. Jahrhundert viele Veränderungen erlebt, die ihr Nationalbewusstsein in verschiedene Richtungen beeinflusst haben. Ungünstige wirtschaftliche und politische Bedingungen und mehrere Eingriffe in die ethnische Entwicklung führten dazu, dass die selbstidentifizierenden Prozesse des Volkes bis heute nicht abgeschlossen wurden.Adela Mad'arová: Ruthenen in der Slowakei. Nationale, sprachliche und kulturelle Identität der ruthenischen Nationalminderheit in der Slowakei in ihrer historischen Entwicklung bis in die Gegenwart. Ungedruckte Diplomarbeit, Wien 2004, S. 5.
Gliederung mini|Regionale Gruppen, wegen der zerklüfteten Karpatentäler klar abgrenzbar: Lemken (blau), Bojken (braun), Doljanen (violett) und Huzulen (grün). Zu den Untergruppen der Russinen in Polen, der Slowakei und Transkarpatien gehören die Lemken, Bojken, Huzulen, Werchowiner (im Tal um Werchowyna, meistens zu den Huzulen gezählt) und Doljanen.
Sprache
Entsprechend der umstrittenen ethnischen Zuordnung gilt auch die russinische Sprache bei manchen Sprachforschern als Dialekt des Ukrainischen, andere sehen sie als eigenständige Sprache, wieder andere als einen ostslowakisch-westukrainischen Übergangsdialekt.
Faktisch haben die Slowakei, Polen, Ungarn, Rumänien, Serbien, Kroatien und die Tschechische Republik die Russinen als nationale Minderheiten anerkannt und fördern die Sprache gemäß dem Rahmenübereinkommen des Europarats zum Schutz nationaler Minderheiten. Die Ukraine erkannte 2012 die russinische Sprache als regionale Sprache an.
Religion Trotz der durch Polen zum Teil gewaltsam betriebenen katholischen Missionierung der ostslawischen Gebiete unter polnisch-litauischer Herrschaft behielten die russisch-orthodoxen Russinen überwiegend ihre ursprüngliche Konfession oder traten zur griechisch-katholischen Kirche über. In der amerikanischen Diaspora wandten sich viele griechisch-katholische Russinen wieder der orthodoxen Kirche zu, nachdem die dortigen Bischöfe der Lateinischen Kirche versucht hatten, die griechisch-katholischen Bräuche der russinischen Gemeinden im Sinne der römischen Liturgie zu verändern, insbesondere den Pflichtzölibat für einfache Gemeindepriester durchzusetzen, den weder die orthodoxe noch die griechisch-katholische kirchliche Tradition kennen.
Frühe Geschichte und Etymologie Im 5. und 6. Jahrhundert siedelten kleine Gruppen von ersten Slawen in den Tälern der Karpaten. In den 860ern erreichte die Christianisierung durch Kyrill und Method die Karpatenslawen.Paul R. Magocsi: Encyclopedia of Rusyn history and culture. University of Toronto Press 2002, ISBN 978-0-8020-3566-0, S. 185 ff. Aus der Zeit der Landnahme der Magyaren gibt es eine Sage vom Prinzen Laboret von Uschhorod, der den Eindringlingen unterlag. Diese Sage wurde später sowohl von ukrainischen als auch von russinischen national gesinnten Literaten als glorifizierendes Symbol ihrer Geschichte verarbeitet.Elaine Rusinko: Straddling borders. Literature and identity in Subcarpathian Rus'. University of Toronto Press, 2003, ISBN 0-8020-3711-9, S. 28. Das Grenzgebiet blieb kaum kontrolliert, wodurch eine weitere Einwanderung von Slawen aus dem Norden und dem Osten, vor allem aus dem späteren Galizien, möglich war. Diese Migration setzte sich bis ins 17. Jahrhundert und sogar danach fort. Spätestens am Ende des 11. Jahrhunderts, als die Grenze des Königreichs Ungarn im relevanten Gebiet ihren neuzeitlichen Verlauf erreichte, lebten die Vorfahren der Russinen (in den erhaltenen Quellen seit dem 11. Jahrhundert als Rutheni bezeichnet) im Königreich Ungarn statt in der benachbarten Kiewer Rus. Sie sind anfangs schriftlich nur als Wächter belegt, seit dem 13. Jahrhundert auch als Landwirte.
Von einer politischen Geschichte der Ruthenen kann, ungeachtet der Bemühungen ruthenischer Historiker und Schriftsteller, die Geschichte ihres Volkes mit legendären Epochen und Gestalten auszuschmücken, bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht gesprochen werden. Auf Grundlage weniger, oft zweifelhafter Berichte wurde dennoch eine Art Geschichte der Russinen rekonstruiert. Ihr Kern ist die Lehre, dass die Ruthenen, schon vor der Ankunft der Magyaren oder zumindest gleichzeitig mit diesen, sich in den Karpaten angesiedelt und schon zu Beginn des 11. Jahrhunderts ein eigenständiges Gebiet besessen hätten. Dieses „Ruśka kraina“ wäre von Herzögen, vielleicht aus königlichem Geschlecht, wie Teodor Korjatovyč, regiert worden. Eine entsprechende Urkunde von 1360, Hauptstütze dieser Rekonstruktion, erwies sich aber als Fälschung. In der Realität gab es keinen reichen einflussreichen russinischen Adel; die Wenigen, die den Adelsstand erreichten, sind schnell im ungarischen Adel aufgegangen.Ivan Žeguc: Die nationalpolitischen Bestrebungen der Karpato-Ruthenen. 1848–1914. Harrassowitz, Wiesbaden 1965, S. 13 f. Es gab keine wichtigen Prälaten und keinen mit Privilegien ausgestatteten bürgerlichen Mittelstand. Das Volk bestand ausschließlich aus Bauern sowie wenigen Geistlichen und galt als Untertan des ungarischen Adels. Dass die Russinen überhaupt ihr nationales Wesen bewahren konnten, verdanken sie dem ausgeprägten „Stammesbewusstsein“ ihrer Kirche. Davon abgesehen, konnte sich lange kein historisches Bewusstsein entwickeln. Denn es gab kein kulturelles Zentrum für die Geistlichkeit und keine Chroniken für die Überlieferung.Ivan Žeguc: Die nationalpolitischen Bestrebungen der Karpato-Ruthenen. 1848–1914. Harrassowitz, Wiesbaden 1965, S. 14 f.
Das Wort Ruthene (Ruthenen) leitet sich vom lateinischen Ruthenus (Rutheni) ab, das wiederum ab dem 11. Jahrhundert als die lateinische Entsprechung des Ethnonyms Rusyn/Rusin belegt ist. Die Bezeichnung stammt von Rutheni, der latinisierten Form von Rus, Rusyn, Ruscia, Russia oder Ruzzia, den alten Eigenbezeichnungen der Ostslawen.Andreas Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine. Verlag Beck, München 2000, ISBN 3-406-45971-4, S. 21 f.; Ricarda Vulpius: Nationalisierung der Religion. Russifizierungspolitik und ukrainische Nationsbildung 1860–1920. Verlag Harrassowitz, Wiesbaden 2005, ISBN 3-447-05275-9, S. 34. Zwischen Ukrainern und den anderen ostslawischen (Unter-)Ethnien wurde dabei nicht unterschieden. Die tatsächliche frühe Verwendung des Wortes „Ruthenen“ sowie die genauen westlichen Grenzen der einstigen Kiewer Rus und die ethnischen Verhältnisse in den heutigen Hauptgebieten der Russinen im Mittelalter sind eher unklar und somit auch ihre Geschichte im Mittelalter. Seit dem 15. Jahrhundert bezeichnete das Wort jedenfalls vor allem die im Großfürstentum Litauen, in Polen-Litauen und dem Königreich Ungarn lebenden Slawen östlichen christlichen Glaubens; die (Groß-)Russen hießen damals bereits Moscovitae oder Russi. Andererseits wurden im Königreich im 16. Jahrhundert auch Wächter des königlichen Hofes als Rutheni bezeichnet, die keine Ostslawen mehr waren.