mini|William Harvey (Ausschnitt aus einem Gemälde von Daniel Mytens, ca. 1627, Öl auf Leinwand, National Portrait Gallery) mini|William Harvey (Gemälde von Richard Gaywood, Kopie nach einem Original der späten 1640er Jahre, Öl auf Leinwand, National Portrait Gallery) William Harvey (* 1. April 1578 in Folkestone/Grafschaft Kent; † 3. Juni 1657 in Roehampton, einem Stadtteil von London) war ein englischer Arzt und Anatom sowie – mit dem experimentellen Nachweis und der 1628 veröffentlichten Arbeit „Über die Bewegung des Herzens und des Blutes“, einer erstmaligen Beschreibung des Kreislaufs vom Blut im Körper (des großen Blutkreislaufs) – der Wegbereiter der modernen, die antike Humorallehre ablösenden, Physiologie. Er legte mit seinen Publikationen einen Grundstein für die heutige Kardiologie und damit auch für die Herzchirurgie. Zudem entwarf er eine Theorie zur Entstehung allen Lebens aus dem Ei.
Leben Herkunft und Ausbildung William Harvey wurde als ältestes von neun Kindern des Kaufmanns Thomas Harvey und seiner Ehefrau Joan in Folkestone geboren. Er lernte in Canterbury an der King’s School Latein sowie GriechischBarbara I. Tshisuaka: Harvey, William. 2005, S. 538. und studierte zunächst ab dem Jahr 1593Ralf Bröer: William Harvey. In: Wolfgang U. Eckart, Christoph Gradmann (Hrsg.): Ärztelexikon. Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert. C. H. Beck München 1995, S. 172–174; Ärztelexikon. Von der Antike bis zur Gegenwart. 2. Auflage ebenda 2001, S. 148 f.; 3. Auflage. Springer-Verlag, Heidelberg / Berlin / New York 2006, S. 156 f. doi:10.1007/978-3-540-29585-3. am Caius College der Universität Cambridge. Dieses Studium beendete er 1597 mit dem Bachelor of Arts (Baccalaureus artium). Von 1599Wolfgang U. Eckart: Geschichte der Medizin. Springer, Berlin / Heidelberg / New York 1990; 3., überarbeitete Auflage ebenda 1998, S. 177. bis 1602 studierte er Medizin an der Universität Padua in Italien, der renommiertesten medizinischen Fakultät jener Zeit. Im April 1602 wurde er dort zum Doctor medicinae promoviert. In Padua hatte Harveys wichtigster Lehrer, der angesehene Chirurg und Anatom Hieronymus Fabricius ab Aquapendente zwar die Funktion der VenenklappenWolfgang U. Eckart: Geschichte der Medizin. 1998, S. 177. als Erster eingehender erforscht, ihre Bedeutung jedoch noch nicht verstanden, da nach den damals gültigen Auffassungen Galens ein Kreislauf des Blutes nicht vorstellbar war. Vielmehr war man seit 14 Jahrhunderten der galenischen Auffassung, das Blut werde laufend in der Leber produziert und durch Kontraktion der Arterien in Bewegung versetzt.
Wirken Mit diesen Eindrücken kehrte Harvey zwei Jahre später zurück nach England. In London eröffnete er eine Praxis und heiratete Elizabeth Browne, die Tochter des Leibarztes von Königin Elisabeth I. 1607 wurde Harvey Mitglied des Royal College of Physicians, 1608 an den Hof von König James I. berufen, und nach dessen Tod 1625 auch Leibarzt von dessen Nachfolger Charles I., mit dem er befreundet war und der seine Forschungen großzügig unterstützte. Vorlesungen über Physiologie und Anatomie hatte Harvey ab 1615 gehalten. Im Rahmen dieser Vorlesungen trug er bereits 1616, zwölf Jahre vor der gedruckten Publikation, seine ihn so bekannt machende Theorie der Blutbewegung vor.Wolfgang U. Eckart: Geschichte der Medizin. 1998, S. 177 f. Im Jahr 1636 nahm Harvey an einer Gesandtschaft zu Kaiser Ferdinand II. nach Regensburg teil mit anschließendem Abstecher nach Italien. Über die Stationen dieser gefährlichen Reise - in Deutschland tobte der Dreißigjährige Krieg - wurde ein Tagebuch geführt, das 2011 unter dem Titel Blutiger Sommer veröffentlicht wurde.William Crowne: Eine Deutschlandreise im Dreißigjährigen Krieg. Hrsg.: Alexander Ritter, Rüdiger Keil. 2. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2012, ISBN 978-3-534-24296-2. Nach seiner Rückkehr nach London betrieb Harvey wieder seine Praxis.
1628 veröffentlichte er sein 72-seitiges Werk Exercitatio anatomica de motu cordis et sanguinis in animalibus („Anatomische Studie über die Bewegung des Herzens und des Blutes in Tieren“) oder kurz De motu cordis, in dem er den der Lehre von der Blutbewegung Galens entgegenstehenden Blutkreislauf, wie er heute bekannt ist, beschreibt, was ihm zu Ansehen in ganz Europa verhalf, ihm andererseits auch harte Kritik der Anhänger Galens einbrachte, auf die er 1649 mit der Veröffentlichung seiner detaillierten Antworten reagierte. Harveys Theorie betraf den großen Blutkreislauf (Körperkreislauf), für dessen die ganze Physiologie Galens „ins Wanken“ bringende Entdeckung im Jahr 1627Johanna Bleker: Die Geschichte der Nierenkrankheiten. Boehringer Mannheim, Mannheim 1972, S. 52. unter anderem die zuvor publizierten Beobachtungen des kleinen Blutkreislaufs (Lungenkreislauf) durch Serveto und Colombo grundlegend waren.Wolfgang U. Eckart: Geschichte der Medizin. 1998, S. 178. Das große Rätsel, wie das Blut aus den Arterien in die Venen komme, löste mit Hilfe des Mikroskops der italienische Anatom Marcello Malpighi mit seiner Entdeckung der Kapillaren und schloss mit dieser Beobachtung des KapillarkreislaufsVgl. Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 24. Harveys Beweiskette. Erst danach setzte sich im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts die Zirkulationstheorie des zuvor als „Circulator“ verspotteten Harvey durch. Bis dahin galt vor allem Galen als Unterrichtsgrundlage.Wolfgang U. Eckart: Geschichte der Medizin. 1998, S. 179 und 204.
Mitentscheidend für Harveys Theorie des Blutkreislaufs war, dass er, obgleich geprägt von der aristotelisch-galenischen Tradition,Richard Toellner: Zum Begriff der Autorität in der Medizin der Renaissance. In: Rudolf Schmitz, Gundolf Keil (Hrsg.): Humanismus und Medizin. Weinheim 1984 (= Deutsche Forschungsgemeinschaft: Mitteilungen der Kommission für Humanismusforschung. Band 11), ISBN 3-527-17011-1, S. 159–179, hier: S. 163 f. die Existenz von zuvor angenommenen Poren in der Herzscheidewand anzweifelte. Diese Poren hatte Galen postuliert, konnten aber bereits von Andreas Vesal nicht bewiesen werden und wurden von diesem auch weiterhin, wenn auch als unsichtbar klein, angenommen.Wolfgang U. Eckart: Geschichte der Medizin. Springer, Berlin / Heidelberg / New York 1990; 3., überarbeitete Auflage ebenda 1998, S. 143 und 178. Zudem verfasste Harvey in seinem zweiten Essay über den Blutkreislauf die erste genaue Beschreibung einer Herzbeuteltamponade.Friedrich Wilhelm Hehrlein: Herz und große Gefäße. In: Franz X. Sailer, F. W. Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen: Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 164–185, hier: S. 170 f.
Im Alter von 79 Jahren erlag Harvey den Folgen eines Schlaganfalles. Begraben wurde er in Hempstead, einem Dorf im Distrikt Uttlesford.
Werk Fast alle seiner Handschriften sind entweder während des Bürgerkriegs oder aber bei dem großen Brand in London (1666) untergegangen.
Was William Harvey von vielen seiner forschenden Zeitgenossen unterschied, war seine klare Trennung von Hypothesen und Fakten. Ergebnisse seiner Forschungen akzeptierte er erst, wenn sie auch in Kontrollversuchen bestätigt wurden. Er war somit der erste, der wissenschaftliche Methoden auf dem Gebiet der Biologie und Medizin einführte, und kann somit als der Begründer der neuzeitlichen Medizin und Physiologie betrachtet werden. Seine Berechnung der Pumpleistung des Herzens ist die erste bedeutende Anwendung der Mathematik auf die Biologie. Das Herzzeitvolumen wurde bei Harvey erstmals wissenschaftlich untersucht. Er bezog seine Untersuchungen jedoch nicht auf das heutige Herzminutenvolumen, sondern – bedingt durch ihm zur Verfügung stehenden, aus heutiger Sicht ungenauen ZeitmessgeräteWerner Friedrich Kümmel: Der Puls und das Problem der Zeitmessung in der Geschichte der Medizin. In: Medizinhistorisches Journal. Band 9, 1974, S. 1–22, hier: S. 4–6. – auf ein Halbstundenvolumen.Gisela Teichmann: William Harvey und das Herzminutenvolumen. In: Innere Medizin. Band 19, 1992, Nr. 3, S. 94–96. Harveys neue Erkenntnisse eröffneten auch den philosophischen Kampf zwischen Vitalisten und Mechanisten, der sich etwa bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts hinzog, bevor er mit den Erkenntnissen der Zelltheorie und der Entdeckung der DNA sein Ende nahm. Bedeutsam war auch seine Tätigkeit am Royal College of Physicians, wo er seit 1615 Vorlesungen hielt, Sektionen sowie anatomische Demonstrationen durchführte, seine Thesen über den Blutkreislauf seit etwa 1618 vertrat und sich damit vor der Veröffentlichung seiner Ansichten der Kritik stellte. Bei einer Vorlesung im Jahr 1618 erwähnte Harvey auch, mit Berufung auf Caspar Bauhins Theatrum anatomicum (1605), widernatürlich im Herzen vorkommen könnende „kleine Mengen von steinhartem Fett“,Hans H. Lauer: Geschichtliches zur Koronarsklerose. BYK Gulden, Konstanz 1971 (Aus dem Institut für Geschichte der Medizin der Universität Heidelberg), S. 6. also die Verkalkung der Herzkranzgefäße.
Die wissenschaftliche Akzeptanz seiner aufgestellten Theorie des Blutkreislauf und seiner Ergebnisse zur Kreislaufforschung führten Ende des 17. Jahrhunderts zu erstmaligen Verabreichungen von Medikamenten über die Adern (Infusion, Injektion) und zur Durchführung von Blutübertragungen.Wolfgang U. Eckart: Geschichte der Medizin. 1998, S. 179 f. und 195.