mini|Christa Wolf (1963) mini|Unterschrift Christa Wolf alt=Christa Wolf sitzt an ihrem Schreibtisch|mini|Christa Wolf fotografiert von Oliver Mark in ihrer Wohnung in Berlin-Pankow, 2010 Christa Wolf, geborene Ihlenfeld (* 18. März 1929 in Landsberg an der Warthe; † 1. Dezember 2011 in Berlin), war eine deutsche Schriftstellerin. Sie zählte zu den bedeutendsten Schriftstellerpersönlichkeiten der DDR und wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Georg-Büchner-Preis. Ihr Werk wurde in viele Sprachen übersetzt.
Leben Jugend, Ausbildung und Familie Christa Wolf wurde 1929 in Landsberg an der Warthe als Tochter der Kaufleute Otto und Herta Ihlenfeld geboren. Sie besuchte dort bis kurz vor Kriegsende die Schule. Nach der Flucht vor den anrückenden Truppen der Roten Armee fand die Familie 1945 vorerst in Mecklenburg eine neue Heimat. Wolf arbeitete als Schreibhilfe beim Bürgermeister des Dorfes Gammelin bei Schwerin. Sie beendete die Oberschule 1949 mit dem Abitur in Bad Frankenhausen und trat im selben Jahr in die SED ein, deren Mitglied sie bis zu ihrem Austritt im Juni 1989 blieb. Von 1949 bis 1953 studierte sie Germanistik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Universität Leipzig. Ihre Diplomarbeit schrieb sie bei Hans Mayer zum Thema: Probleme des Realismus im Werk Hans Falladas.
Im Jahre 1951 heiratete sie ihren Studienfreund, den späteren Schriftsteller und Verleger Gerhard Wolf, mit dem sie bis zu ihrem Tod zusammenlebte. 1952 wurde ihre erste Tochter Annette geboren, die spätere Annette Simon, die heute mit Jan Faktor verheiratet ist. Die Journalistin Jana Simon ist Wolfs Enkelin. 1956 wurde ihre zweite Tochter Katrin geboren.
Berufliche und Autorentätigkeit mini|Schutzumschlag zum Buch „Wir, unsere Zeit“ Besonders die Erfahrungen ihrer Kindheit und Jugend zur Zeit des Nationalsozialismus prägten Christa Wolf entscheidend und stellten für Wolf selbst „ein[en] elementare[n] Antrieb“ für ihren weiteren Werdegang als Schriftstellerin dar.
Christa Wolf arbeitete von 1953 bis 1957 als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Schriftstellerverband, im Anschluss als Cheflektorin des Verlags Neues Leben und von 1958 bis 1959 als Redakteurin bei der Zeitschrift neue deutsche literatur. Von 1955 bis zu ihrem Ausschluss 1977 war sie Mitglied im Vorstand des Schriftstellerverbands der DDR.
Im Jahre 1959 gab das Ehepaar Christa und Gerhard Wolf zwei Bücher heraus: Wir, unsere Zeit. Prosa aus 10 Jahren und Wir, unsere Zeit. Gedichte aus 10 Jahren. Der Anlass war der 10. Jahrestag der DDR, und es sollten die großen Erfolge auf literarischem Gebiet dargelegt werden. Das Buch mit der literarischen Prosa umfasst über 850 Seiten. Die Beiträge berichten über Erlebnisse aus dem 20. Jahrhundert und dem Zweiten Weltkrieg. Die von den beiden Wolfs ausgewählten Beiträge stammen von etwa 40 Schriftstellern. Der Druck erfolgte im Aufbau Verlag Berlin.
Von 1959 bis 1962 lebte Wolf mit ihrer Familie in Halle und arbeitete dort als freie Lektorin beim Mitteldeutschen Verlag. In dieser Zeit arbeitete sie gemäß den Leitlinien des Bitterfelder Weges zeitweise in einer Brigade im Waggonbauwerk Ammendorf, wo sie gemeinsam mit ihrem Mann auch einen „Zirkel Schreibender Arbeiter“ leitete. Ihre dort gemachten Erfahrungen verarbeitete sie im 1963 erschienenen Roman Der geteilte Himmel. 1961 debütierte Christa Wolf mit ihrer Moskauer Novelle über die Liebesbeziehung einer Ostberliner Ärztin zu einem russischen Dolmetscher und erhielt dafür den Kunstpreis der Stadt Halle. Wolf bemühte sich mit der Moskauer Novelle u. a. die „Nachkriegsproblematik“ zwischen Russen und Deutschen in Form einer Liebesgeschichte aufzuarbeiten.
Seit 1962 arbeitete Christa Wolf als freie Schriftstellerin. Sie lebte von 1962 bis 1976 in Kleinmachnow und danach in Berlin. Von 1963 bis 1967 war sie Kandidatin des ZK der SED. 1974 wurde sie Mitglied der Akademie der Künste der DDR. Bereits 1972 unternahm sie eine Reise nach Paris und besuchte ab 1975 mehrfach die USA zu Studien- und Lehraufenthalten.
1971 besuchte Christa Wolf mit ihrem Mann, ihrem jüngeren Bruder und der Tochter für 48 Stunden die Stadt ihrer Kindheit. Dieser Besuch war Auslöser für das Entstehen des Buches „Kindheitsmuster“, das autobiografische Züge trägt und gleichzeitig, gewissermaßen durch die Hintertür, das in der DDR geltende Tabu für die Themen Flucht und Vertreibung durchbrach. 1979 war sie zum letzten Mal in Gorzów Wielkopolski zu einem Autorenabend im städtischen Theater.
Da sie zu den Unterzeichnern des „offenen Briefes gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns“ gehörte, wurde sie 1977 aus dem Vorstand der Berliner Sektion des Schriftstellerverbandes der DDR ausgeschlossen und erhielt in einem SED-Parteiverfahren eine „strenge Rüge“. Sie wiederum hatte am 14. August 1977 aus Solidarität mit Sarah Kirsch, die zuvor die DDR verlassen hatte, ihren Austritt aus dem Vorstand des Schriftstellerverbandes der DDR erklärt und dies brieflich auch Honecker mitgeteilt.Barbara und Peter Gugisch: „Meine liebe.! Sehr veehrter.! 365 Briefe eines Jahrhunderts.“ Eine Sendereihe des Mitteldeutschen Rundfunks MDR Kultur, Rhino Verlag, Arnstadt, Weimar 1999, ISBN 978-3-932081-36-1. S. 446 f.
1979 wurde sie in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen und 1980 als erste in der DDR lebende Autorin mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet.„Lebensmuster – Wege zu Christa Wolf“, von Rüdiger Thomas, auf das-parlament.de mini|Gerhard Wolf (links) erhält Gratulationen von seiner Frau Christa Wolf und von Hermann Kant nach der Verleihung des Heinrich-Mann-Preises, 26. März 1974 1981 wurde sie Mitglied der Akademie der Künste in Berlin (West) und 1984 Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste in Paris. Zwei Jahre später trat sie der Freien Akademie der Künste in Hamburg bei. Wolf unternahm viele Lesereisen, unter anderem nach Schweden, Finnland, Frankreich und in die USA, wo sie das Ehrendoktorat der Ohio State University erhielt.
Ihre Sommerferien verbrachte sie von 1975 bis 1982 in Meteln („Sommerstück“) und nach dem Brand des Ferienhauses in Woserin bei Sternberg bis 1991 („Ein Tag im Jahr“). 1992 wurde sie nach Los Angeles („Stadt der Engel“) eingeladen.
2002 wurde Christa Wolf für ihr Lebenswerk mit dem erstmals verliehenen Deutschen Bücherpreis geehrt, weil sie sich, so die Jury, „mutig in die großen Debatten der DDR und des wiedervereinigten Deutschlands eingemischt“ habe.Biographie zu Christa Wolf, auf fembio.org
2003 war Christa Wolf mit Christine Bergmann (Bundesministerin a. D.), Heide Simonis (Ministerpräsidentin), Rita Süssmuth eine der Schirmherrinnen des POLITEIA-Projektes (wissenschaftliche Leitung Annette Kuhn und Marianne Hochgeschurz) des Deutschen Bundestags.
Politisches Leben und Literaturstreit mini|hochkant|Christa Wolf auf der Abschlusskundgebung der Berliner Großdemonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz mini|Gedenktafel vor dem Haus, Amalienpark 7, in Berlin-Pankow Christa Wolf sprach sich Ende Dezember 1965 auf dem 11. Plenum des ZK der SED (auch „Kahlschlagplenum“) als einzige Rednerin gegen eine neue restriktive Kulturpolitik aus. Daneben verteidigte sie entschieden den später verbotenen Wismut-Roman Rummelplatz von Werner Bräunig, dessen auszugsweiser Vorabdruck in der neuen deutschen literatur Empörung innerhalb der Parteispitze ausgelöst hatte: „Meiner Ansicht nach zeugen diese Auszüge in der NDL nicht von antisozialistischer Haltung, wie ihm vorgeworfen wird. In diesem Punkt kann ich mich nicht einverstanden erklären. Das kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.“ 1968 erklärte sie zwar, dass die ČSSR nur an der Seite der Sowjetunion eine Überlebenschance habe, verweigerte aber im Schriftstellerverband die Zustimmungserklärung zum Einmarsch. In der Folge begann für sie die Zeit schwieriger Konflikte mit dem SED-Machtapparat.
Christa Wolf war eine der Rednerinnen bei der Alexanderplatz-Demonstration am 4. November 1989.Die wiedergefundene Sprache, der Freitag, 25. Oktober 2009 An die Auflösung oder Zerstörung des Staates DDR glaubte sie im November/Dezember 1989, wie auch viele ihrer Schriftstellerkollegen und -kolleginnen, nicht. Sie hielt wie etliche DDR-Intellektuelle noch einige Zeit eine Reform des Sozialismus unter anderer Führung für möglich. Am 26. November 1989 traten sie im Aufruf Für unser Land für die DDR und gegen den „Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte“ ein. Christa Wolf sprach sich in dieser Zeit dafür aus, dass die Veränderungen in der DDR nicht der Stabilisierung des Staatswesens gelten dürften, sondern der „Fortentwicklung des Sozialismus“.Vorwort Christa Wolf in: Angepaßt oder mündig? Briefe an Christa Wolf im Herbst 1989. Verlag Volk und Wissen Berlin 1990 (Digitalisat pdf) Deshalb lehnte sie die Bezeichnung Wende, die Egon Krenz zum Amtsantritt eingebracht hatte, entschieden ab; diese könne zu Missverständnissen im Sinne einer Kehrtwende führen, einer Restauration oder einer Wendung zum Westen hin.Vgl. Paul Gerhard Klussmann: „Die Geschichte ist offen“. Utopie und Utopieverlust am Ende des Jahres 1989, in: ders. und Frank Hoffmann (Hrsg.): Das Epochejahr 1989 in Deutschland, Kleine Schriften aus dem Institut für Deutschlandforschung, Bochum 2000 Christa Wolf sprach vielmehr von einer „Epochenwende“.Vgl. Christa Wolf: Auf dem Weg nach Tabou, 1994
Am 21. Januar 1993 gab Christa Wolf in dem Artikel Auskunft der Berliner Zeitung selbst bekannt, dass sie von 1959 bis 1962 als IM „Margarete“ beim Ministerium für Staatssicherheit der DDR geführt worden war. Sie hatte drei Berichte verfasst, die allerdings ein ausschließlich positives Bild der betroffenen Personen zeichneten. Entsprechend beklagte die Stasi in internen Aufzeichnungen von 1962 Wolfs „Zurückhaltung“ und beendete die Zusammenarbeit. In der Folge wurde die Autorin mit ihrem Ehemann – auch im Kontext ihrer von der offiziellen Linie abweichenden Meinungen – als Operativer Vorgang „Doppelzüngler“ minutiös observiert;Der Streit um Christa Wolf und die Intellektuellen im vereinten Deutschland, Ein Rückblick aus dem Jahr 1996, von Thomas Anz auf literaturkritik.de ein Zustand, der bis zum Ende der DDR 1989 anhielt. Auf die Frage, warum sie trotzdem in der DDR geblieben sei, antwortete sie 2010, dass sie das Gefühl gehabt habe, dass ihre Leser sie dort gebraucht hätten.
Die Veröffentlichung dieser Fakten über Wolf und die Kritik an ihrer Erzählung Was bleibt lösten den sogenannten „Literaturstreit“ aus. In vielen Medien wurde sie wegen ihrer Stasiverpflichtung, die ihr ungeachtet des gesellschaftlichen Kontextes, der Geringfügigkeit und langjähriger Selbstüberwachung – dokumentiert in 42 Aktenordnern – zum Vorwurf gemacht wurde, hart kritisiert. In diesem Zusammenhang forderte die Münchner CSU, der Stadtrat möge der Autorin den 1987 für ihr Buch Störfall verliehenen Geschwister-Scholl-Preis wieder aberkennen. Dies wurde – nicht zuletzt durch den engagierten Einsatz Inge Aicher-Scholls, der älteren Schwester von Hans und Sophie Scholl – abgewehrt. Wolf empfand dies als „Hexenjagd“ und als ungerechtfertigte Abrechnung mit ihrem Wunsch nach einem demokratischen Sozialismus und ihrer DDR-Biographie. Sie verglich ihre Situation mit ihrer Unterdrückung in der DDR. In den Jahren 1992/93 ging Christa Wolf für längere Zeit in die USA. Sie zog sich aus der politischen Öffentlichkeit zurück und erkrankte schwer – dokumentiert unter anderem in der Erzählung Leibhaftig. Um die Vorwürfe der Medien zu widerlegen, veröffentlichte sie 1993 ihre vollständige IM-Akte unter dem Titel Akteneinsicht Christa Wolf. Zerrspiegel und Dialog. Eine Dokumentation.Wolfgang Thierse: Fremd zieh ich wieder aus, 23. Juni 2010Hermann Vinke (Hrsg.): Akteneinsicht Christa Wolf. Zerrspiegel und Dialog. Eine Dokumentation. Luchterhand Literaturverlag, Hamburg 1993, ISBN 3-630-86814-2. Ihre bekannten literarischen Werke schrieb Wolf erst nach der Kooperation mit der Stasi.