mini|301x301px|Schrein Bahāʾullāhs bei Akkon, Israel.Die Bahai-Lehren sind die auf den Schriften Bahāʾullāhs und seiner autorisierten Nachfolger beruhenden Glaubensinhalte und Prinzipien der Bahai-Religion.

Bahāʾullāh erklärt, der Zweck seiner Religion sei, „das Wohl des Menschengeschlechts zu sichern, seine Einheit zu fördern und den Geist der Liebe und Verbundenheit unter den Menschen zu pflegen“. Vers 110

Die Bahai-Lehren behandeln Themen wie die Einheit Gottes, die Einheit der Religionen und die Einheit der Menschheit, die edle Natur des Menschen, die Harmonie zwischen Religion und Wissenschaft, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern und die entscheidende Rolle der Gerechtigkeit in allen Belangen. Diese Lehren sollen die Gestaltung einer harmonischen und friedlichen Gesellschaft ermöglichen und die Fähigkeit aller Menschen stärken, zu dieser beizutragen.

Gott und seine Manifestationen mini|301x301px|Dieses von ʿAbdul-Bahāʾ entworfene Symbol verdeutlicht die Verbindung des Menschen zu Gott über die Manifestationen Gottes. Die Bahai-Schriften beschreiben Gott als allwissenden, allliebenden und barmherzigen Schöpfer des Universums. Das Licht Gottes scheine wie die physische Sonne auf die gesamte Schöpfung. Die Zeichen Gottes seien überall in der Welt zu finden und jedes erschaffene Ding führe zu seinem Wissen – Schönheit und Vielfalt der Welt seien Ausdruck göttlicher Attribute.Vargha Bolodo-Taefi: God, Revelation, and Manifestation. In: Robert H. Stockman (Hrsg.): The World of the Bahá'í Faith. Routledge, London, New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 175–187Sasha Dehghani: Progressive Revelation. In: Robert H. Stockman (Hrsg.): The World of the Bahá'í Faith. Routledge, London, New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 188–200Manfred Hutter: Iranische Religionen. Zoroastrismus, Yezidentum, Bahaitum. De Gruyter, Berlin, Boston 2019, ISBN 978-3-11-064971-0. S. 171–174

Doch das wahre Wesen Gottes werde sich dem menschlichen Verständnis immer entziehen. Denn etwas, das erschaffen wurde, könne seinen Schöpfer nie begreifen. Genauso wie ein Gemälde das Wesen des Malers nie begreifen werde, stehe auch Gott jenseits des menschlichen Vorstellungs- und Fassungsvermögens und lasse sich für den Menschen auch nicht beschreiben. Die Namen und Eigenschaften Gottes, wie der Allliebende, der Allmächtige oder der Allwissende, gehören zur Welt der Schöpfung, nicht zur Welt Gottes. Was wir Gott zuschreiben, diene demnach dem Lobpreis Gottes und nicht dem Verständnis seines wahren Wesens.Vargha Bolodo-Taefi: God, Revelation, and Manifestation. In: Robert H. Stockman (Hrsg.): The World of the Bahá'í Faith. Routledge, London, New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 175–187Sasha Dehghani: Progressive Revelation. In: Robert H. Stockman (Hrsg.): The World of the Bahá'í Faith. Routledge, London, New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 188–200Manfred Hutter: Iranische Religionen. Zoroastrismus, Yezidentum, Bahaitum. De Gruyter, Berlin, Boston 2019, ISBN 978-3-11-064971-0. S. 171–174

Das Wissen um Gott und seinen Willen wird durch die Manifestationen Gottes dem Menschen vermittelt. Der Begriff „Manifestationen Gottes“ bezieht sich dabei auf ausgewählte Persönlichkeiten – darunter Abraham, Moses, Zarathustra, Krishna, Siddhartha Gautama, Jesus Christus, Mohammed, der Bāb und Bahāʾullāh. Diese seien keine gewöhnlichen Menschen, sondern sie würden ihr Wissen und ihre Souveränität von Gott erhalten. Sie könnten daher mit perfekt polierten Spiegeln verglichen werden, die das Licht Gottes, in dem Maß, wie es die Menschen zu fassen vermögen, vollkommen reflektieren.Vargha Bolodo-Taefi: God, Revelation, and Manifestation. In: Robert H. Stockman (Hrsg.): The World of the Bahá'í Faith. Routledge, London, New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 175–187Sasha Dehghani: Progressive Revelation. In: Robert H. Stockman (Hrsg.): The World of the Bahá'í Faith. Routledge, London, New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 188–200Manfred Hutter: Iranische Religionen. Zoroastrismus, Yezidentum, Bahaitum. De Gruyter, Berlin, Boston 2019, ISBN 978-3-11-064971-0. S. 171–174Manfred Hutter: Iranische Religionen. Zoroastrismus, Yezidentum, Bahaitum. De Gruyter, Berlin, Boston 2019, ISBN 978-3-11-064971-0. S. 172–174 Bahāʾullāh schreibt:

Die Manifestation Gottes seien göttliche Lehrer, die ein einziges Ziel verfolgen: die Seelen und Charaktere der Menschen zu erziehen und zu verfeinern und zum Fortschritt der Gesellschaft beizutragen. Das Kommen einer Manifestation Gottes führe also zu einem tiefgreifenden Wandel in der Menschheit. Bahāʾullāh beschreibt:

Das Erscheinen eines jeden dieser göttlichen Boten könne demnach mit der Ankunft des Frühlings verglichen werden, der eine frische Energie in die Welt bringe. Sie seien dafür verantwortlich, neue Kräfte freizusetzen, die die menschlichen Angelegenheiten nachhaltig beeinflussen und den Hauptimpuls für die weitere Entwicklung des Bewusstseins der Menschen und der Gesamtgesellschaft geben.Vargha Bolodo-Taefi: God, Revelation, and Manifestation. In: Robert H. Stockman (Hrsg.): The World of the Bahá'í Faith. Routledge, London, New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 175–187Sasha Dehghani: Progressive Revelation. In: Robert H. Stockman (Hrsg.): The World of the Bahá'í Faith. Routledge, London, New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 188–200 Laut Bahai-Religion können die Lehren der verschiedenen Manifestationen Gottes daher zwar unterschiedlich sein – insbesondere in Bezug auf soziale Praktiken und Normen – doch hätten alle einen gemeinsamen Kern.Vargha Bolodo-Taefi: God, Revelation, and Manifestation. In: Robert H. Stockman (Hrsg.): The World of the Bahá'í Faith. Routledge, London, New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 175–187Sasha Dehghani: Progressive Revelation. In: Robert H. Stockman (Hrsg.): The World of the Bahá'í Faith. Routledge, London, New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 188–200

Durch seine Manifestationen begleite und führe Gott die Menschen entlang historischer Etappen – es handle sich also um eine fortschreitende Offenbarung Gottes. Denn die Menschheit durchlaufe verschiedene Stufen der geistigen, moralischen und sozialen Entwicklung, indem sie die Lehren der Manifestation Gottes für die jeweilige Zeit akzeptiert und in die Praxis umsetzt. Die Lehren und Gesetze der Manifestationen würden zur Grundlage einer neuen Kultur oder Zivilisation und prägten dadurch ihre weitere Entwicklung.Sasha Dehghani: Progressive Revelation. In: Robert H. Stockman (Hrsg.): The World of the Bahá'í Faith. Routledge, London, New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 188–200

In Analogie zur Entwicklung eines einzelnen Menschen sprechen die Bahai-Schriften davon, dass die Menschheit heute an der Schwelle zur kollektiven Reife stehe, die durch die Verwirklichung der Einheit der gesamten Menschheit in ihrer Vielfalt zum Ausdruck komme. In den Schriften Bahāʾullāhs sehen die Bahai die Grundlage und den Impuls, die Neugestaltung der weltweiten Gesellschaft gemäß den Anforderungen dieser Entwicklungsstufe zu fördern. Seit Tausenden von Jahren erwarte die Menschen eine Zeit, die von Liebe, weltweitem Frieden und Einheit erfüllt sei, wie sie auch von den Religionen in der Vergangenheit vorausgesagt worden sei. Die Botschaft Bahāʾullāhs würde diese Hoffnung erfüllen.Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld, Oxford 2002, ISBN 1-85168-184-1. S. 323–324

Religion In den Bahai-Schriften wird Religion als ein entscheidendes Instrument für die Entfaltung einer Gesellschaft und zur Herstellung von Ordnung in der Welt betrachtet. Durch ihre Lehren erwecken die Manifestationen Gottes – also die Stifter der Religionen der Welt – in der menschlichen Gesellschaft bisher ungenutzte und ungeahnte Fähigkeiten. Auf Basis der Lehren dieser göttlichen Boten könnte die Menschheit alte Denkmuster überwinden und ein neues Verstehen tiefgreifender Glaubensüberzeugungen erlangen. Sie trügen auch dazu bei, dass einzelne Menschen Eigenschaften wie Aufrichtigkeit, Exzellenz, Freundlichkeit, Mitgefühl, Großzügigkeit, Gerechtigkeit, Heldenmut und Dienstbarkeit entwickeln. Zudem könne Religion auch eine einigende Kraft entfalten, die für die gesellschaftliche Ordnung und Stabilität unerlässlich sei. Eine dauerhafte Veränderung in der Gesellschaft sei nur durch Einheit möglich. Und wahre Religion ziele darauf ab, ebendiese Einheit unter den Menschen fördern und Streitigkeiten zu beseitigen. Konflikte im Namen von Religion stehen demnach im Widerspruch zum wahren Zweck von Religion.Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld, Oxford 2002, ISBN 1-85168-184-1. S. 115, 289–290 ʿAbdul-Bahāʾ erläutert:

Laut Bahai-Religion haben die Lehren der verschiedenen Manifestationen Gottes daher alle einen gemeinsamen Kern – in diesem Sinne spricht Bahāʾullāh von der Einheit der Religion. Doch sei die religiöse Wahrheit auch relativ und entspreche den Bedürfnissen der jeweiligen Zeit einer Offenbarung. Die eine Religion Gottes werde gemäß den Fähigkeiten der Menschen und Gesellschaften, die sie aufnehmen sollen, unterschiedlich zum Ausdruck gebracht. Diese Anerkennung der wesentlichen Einheit der Religion könne zur Versöhnung zwischen ihnen führen und Spaltung und Hass vermeiden.Sasha Dehghani: Progressive Revelation. In: Robert H. Stockman (Hrsg.): The World of the Bahá'í Faith. Routledge, London, New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 188–200Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld, Oxford 2002, ISBN 1-85168-184-1. S. 289–290Manfred Hutter: Iranische Religionen. Zoroastrismus, Yezidentum, Bahaitum. De Gruyter, Berlin, Boston 2019, ISBN 978-3-11-064971-0. S. 172–173Sasha Dehghani: Progressive Revelation. In: Robert H. Stockman (Hrsg.): The World of the Bahá'í Faith. Routledge, London, New York 2022, ISBN 978-0-429-02777-2, S. 188–200

Der Mensch mini|328x328px|ʿAbdul-Bahāʾ, ältester Sohn und Nachfolger Bahāʾullāhs, ist für die Bahai beispielgebend dafür, wie ein Mensch sein sollte. Nach den Bahai-Schriften ist die Identität des Menschen seine „vernunftbegabte Seele“, die nicht zur materiellen Welt gehöre. Die Seele sei wie die Sonne, von der der Körper erleuchtet und gestärkt werde. Die Bahai-Religion betont, dass der menschliche Fortschritt durch die Ausübung der Kräfte der Seele erreicht werde. Alle menschlichen Wissenschaften, Künste, Institutionen und Unternehmungen entspringen demnach der Kraft der Seele.Manfred Hutter: Iranische Religionen. Zoroastrismus, Yezidentum, Bahaitum. De Gruyter, Berlin, Boston 2019, ISBN 978-3-11-064971-0. S. 174Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá'í Faith. Oneworld, Oxford 2002, ISBN 1-85168-184-1. 118–119, 186, 274–275, 310Theologische Realenzyklopädie, Studienausgabe Teil 1, Band. V. Walter de Gruyter, Berlin/New York 1993, ISBN 3-11-013898-0, S. 122