Die nigerianische Literatur kann grob definiert werden als das literarische Schreiben von Bürgern der Nation Nigeria für nigerianische Leser, das sich mit nigerianischen Themen befasst. Dazu gehören Schriftsteller in einer Reihe von Sprachen, darunter nicht nur Englisch, sondern auch Igbo, Urhobo, Yoruba und im nördlichen Teil des Landes Hausa und Nupe. Im weiteren Sinne gehören auch britische Nigerianer, nigerianische Amerikaner und andere Mitglieder der afrikanischen Diaspora dazu.

Things Fall Apart (1958) von Chinua Achebe ist einer der Meilensteine der afrikanischen Literatur. Andere postkoloniale Autoren haben zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter den Literaturnobelpreis, der 1986 an Wole Soyinka verliehen wurde, und den Booker Prize, der 1991 an Ben Okri für The Famished Road ging. Nigerianer sind auch unter den Empfängern des Caine Prize und des Wole Soyinka Prize for Literature in Africa stark vertreten.

Nigerianische Literatur in englischer Sprache Die nigerianische Literatur ist überwiegend englischsprachig. Literatur in den Landessprachen Yoruba, Igbo und Hausa spielt nur eine untergeordnete Rolle. Die meisten wichtigen englischsprachigen Autoren in Westafrika stammen aus Nigeria.

Unter britischer Herrschaft Der Beginn der nigerianischen Literatur (insbesondere die der Yoruba) ist eng mit dem deutschen Phonetiker und Professor an der Universität von Ibadan Ulli Beier und seiner österreichischen Frau Susanne Wenger verbunden, die sich 1950 in Ibadan, später in Ede und Osogbo, niederließen und mit dem Mbari-Club zukünftige Literaten des Landes wie Soyinka und Achebe miteinander bekanntmachte und förderte. Beier (der in den 30er Jahren vor den Nationalsozialisten flüchten musste) und Wenger erhielten zur Anerkennung ihrer Verdienste die nigerianische Staatsangehörigkeit.

Einer der ersten modernen nigerianischen Autoren war Amos Tutuola. In seinem Hauptwerk The Palm Wine Drinkard (1952) folgt der Autor einem vom Palmwein berauschten Mann in eine märchenhafte Atmosphäre, die ihn in die Stadt der Toten führt. Dort entdeckt er eine magische Welt, die von Geistern, Dämonen und übernatürlichen Wesen bevölkert ist. Das Buch widersprach allen realistischen Erzählkonventionen und war in fehlerhaftem Englisch geschrieben. Gerade deshalb wurde das Buch später stilbildend und hoch angesehen, obwohl es damals kritisiert wurde, weil es die Nigerianer als barbarische, ständig betrunkene Menschen verunglimpfte und rassistische Phantasien provozierte.

Im Jahr 1957 gründete Prof. Beier (s. o.) die Zeitschrift Black Orpheus, sie wurde zum wichtigsten Forum für viele nigerianische Dichter und Schriftsteller dieser Zeit.

Unabhängigkeit Eine Reihe von Schriftstellern, die Mitglieder des Mbari-Clubs von Prof. Ulli Beier waren, wurden unmittelbar nach der Unabhängigkeit populär.

Das Arts Theatre der Universität von Ibadan entwickelte sich ab 1961 zu einem Tourneetheater, das jedoch hauptsächlich Stücke europäischer Autoren aufführte. Als kritische Reaktion auf die sich abzeichnende Entfremdung des Theaters vom afrikanischen Alltag in Ibadan entwickelte sich der Mbari Club zu einem literarischen Zentrum für afrikanische Literaten. Der Dramatiker John Pepper Clark-Bekederemo inszenierte hier 1962 sein erstes Stück Song of a Goat, eine Synthese aus Formen des antiken Theaters und einem in Afrika stets aktuellen Thema – Fruchtbarkeit und Mutterschaft – für die europäisch gebildete junge Generation. 1966 dokumentierte er in seinem Drama Ozidi das Fest eines Helden des Ijaw-Volkes, das alle 25 Jahre im Nigerdelta gefeiert wird, in der Originalsprache, bearbeitete es dramatisch und übersetzte es ins Englische. Er verwandelte die folkloristische Symbolik in eine psychoanalytische.

Als einziger Vertreter der négritude in Nigeria galt der Essayist und Literaturwissenschaftler Abiola Irele, der 1968 Direktor der Zeitschrift Black Orpheus wurde. Er kritisierte die Überbetonung der ideologischen Unterschiede zwischen den englisch- und französischsprachigen Schriftstellern Afrikas.

Bereits in den 1950er Jahren entstand in Nigeria eine populäre Großstadtliteratur nach amerikanischem Vorbild, die in Heften veröffentlicht wurde, die auf dem Markt verteilt wurden, die so genannte Onitsha-Marktliteratur, deren wohl bedeutendster Vertreter Cyprian Ekwensi war. Ekwensi, der Sohn eines Geschichtenerzählers, schrieb Hunderte von Kurzgeschichten sowie 35 Romane und Kinderbücher. Sein bekanntestes Werk ist Jagua Nana (1961), eine Beschreibung des Lebens einer alternden Sexarbeiterin, die nicht frei von Stereotypen ist. mini|Chinua Achebe Chinua Achebe, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2002, gilt als wichtigster Begründer der englischsprachigen Literatur in Westafrika. Sein Debüt als Romancier und Dichter gab er mit Things Fall Apart (1958), das zusammen mit No Longer at Ease (1960) sein Hauptwerk darstellt. In seinen Romanen stehen die afrikanischen Helden an der Schnittstelle zweier Welten: einer westlichen Welt mit einer abstrakten Rationalität ohne Gerechtigkeit und einem Afrika, dessen überholte traditionelle Werte seine Untertanen für das neue Zeitalter behindern. Er ist einer der bekanntesten afrikanischen Autoren in englischer Sprache. Deshalb wurde er auch mehrfach für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. Things Fall Apart beschreibt ein Afrika vor der Ankunft der Europäer, in dem alte Werte gelten, die Achebe hervorheben möchte. Das Buch erreichte 1969 eine Auflage von 400.000 Exemplaren und 1987 von drei Millionen Exemplaren. Es wurde in 45 Sprachen übersetzt. In Anthills of the Savannah (1987) beschreibt er ein Afrika, das von Korruption und der falschen Position der Intellektuellen beherrscht wird und in dem die Frauen die Zukunft sind. Chinua Achebe wurde 2007 in Anerkennung seiner gesamten Karriere als Romancier und Autor mit dem Man Booker International Prize ausgezeichnet. Bei der Verleihung des Preises bezeichnete Nadine Gordimer Achebe als „den Vater der modernen afrikanischen Literatur“.

Nach dem Biafra-Krieg Flora Nwapa begann ihre Karriere als Schriftstellerin, als sie an der Queen's School in Enugu unterrichtete. Zwei ihrer Romane, Efuru (1966) und Idu (1970), spielen in ihrem Heimatdorf und machen die Leser mit den örtlichen Bräuchen vertraut. Sie schildern die Funktionsweise der patriarchalischen und nach Altersgruppen gegliederten Gesellschaft, die die Lösung von Problemen und Konflikten ermöglicht, sowie die Rolle der Kolanuss bei allen Familienzeremonien. Sie sprechen die Themen an, die sich durch ihr gesamtes Werk ziehen werden: die Rolle der Kinder in der Familie, die Folgen der weiblichen Unfruchtbarkeit, die Stellung der Frau in der nigerianischen Gesellschaft und ihr vitales Bedürfnis nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Never again (1975) erinnert an die schrecklichen Jahre des Biafra-Krieges und die verheerenden Auswirkungen der Propaganda, die jegliches kritische Denken verbot. 1966, als bereits 25 Titel in der African Writers Series des Verlags erschienen waren, wurde Flora Nwapa als erste Frau in die Reihe aufgenommen. Es sollte noch 30 weitere Titel dauern, bis eine weitere Frau in der Reihe erschien. mini|Wole Soyinka Wole Soyinka ist ein Drehbuchautor und Regisseur. Er wurde 1986 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet und ist der erste schwarze Autor, der auf diese Weise geehrt wurde. Soyinka erhielt den Preis dafür, dass er „...in einer breiten kulturellen Perspektive und mit poetischen Obertönen das Drama der Existenz gestaltet“. Der produktive und vielseitige Künstler hat zahlreiche Theaterstücke, autobiografische Erzählungen, Gedichtbände und Kurzgeschichten, Romane sowie politische und literarische Essays geschrieben. Bekannt für den Reichtum seiner poetischen Bilder und die Komplexität seiner Gedanken, zählt er zu seinen Meisterwerken die antikolonialistische Tragödie Der Tod und der Reiter des Königs (1975).

Buchi Emecheta, eine in London lebender Nigerianerin, beschäftigte sich mit Themen wie Mutterschaft, sozialen Gegensätzen sowie Unabhängigkeit und Freiheit für Frauen. Der tragisch-romantische Roman The Bride Price (1976) spiegelt die gesellschaftlichen Konventionen in Nigeria um 1970 wider, nämlich die der arrangierten Ehen, der Brautentführungen und des im Titel erwähnten Brautpreises. Die Heldin Aku-nna findet durch Klugheit und Mut den Ehemann, der ihre Gefühle erwidert. Allerdings bleibt ihr nicht viel Zeit, ihr Glück zu genießen. Second Class Citizen (1974) handelt von einer nigerianischen Frau, die mit ihren Kindern zu ihrem Mann zieht, der bereits in Großbritannien lebt. Sie stößt auf rassistische Ressentiments und häusliche Gewalt, bevor sie ihren Traum von einer Schriftstellerkarriere verwirklichen kann. mini|Ben Okri Ben Okri schrieb zunächst Kurzgeschichten über soziale und politische Probleme, von denen einige in Frauenzeitschriften und Abendzeitungen veröffentlicht wurden. Mit der Veröffentlichung seines ersten Romans, Flowers and Shadows (1980), hatte Okri Erfolg. Von 1983 bis 1986 arbeitete er für das West Africa Magazine, wo er als Redakteur für den Lyrikteil tätig war. 1991 gewann er den Booker Prize in der Kategorie Belletristik für The Famished Road, einen magisch-surrealistischen Roman über Azaro, ein „Geisterkind“.

Der Umgang mit der Diktatur Die Hauptthemen der 1980er und 1990er Jahre waren die Demokratisierungsbewegung und die Kritik an den Militärdiktaturen. Die Kritik an der nigerianischen Militärdiktatur kostete den Romancier, Drehbuchautor und Umweltaktivisten Ken Saro-Wiwa das Leben: Er wurde 1995 unter dem Regime von Sani Abacha zum Tode verurteilt. Helon Habilas Oil on Water (2010) beschäftigte sich mit den Opfern der Militärdiktatur und der anhaltenden Ölpest im Nigerdelta.

Das neue Jahrtausend mini|Sefi Atta Sefi Atta ist Schriftstellerin und Theaterautorin. Ihr Everything Good Will Come (2005) ist ein Bildungsroman, der das Leben zweier Frauen beschreibt. Nach einer Reihe dramatischer Ereignisse, Spannungen zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen, Rebellion gegen eine von Männern dominierte Gesellschaft und gesellschaftliche Erwartungen findet die Heldin bei einer Gruppe politischer Aktivisten Schutz und Verständnis.

Femi Osofisan verwendet in seinen rund 60 Stücken surrealistische Stilmittel und traditionelle afrikanische Ausdrucksformen mit pädagogischem Anspruch und adaptiert häufig europäische Klassiker. Seine Themen sind der Wandel von Traditionen, Geschlecht und sexuelle Unterdrückung. Women of Owu (2004) ist eine Nacherzählung von Euripides’ Troerinnen.

Chimamanda Ngozi Adichies literarische Karriere begann 2003 mit der Veröffentlichung von Purple Hibiscus, einem Initiationsroman, in dem ein Bruder und eine Schwester endlich ihre Stimmen wiederfinden. Der von der Kritik gefeierte Debütroman wurde 2004 für den Baileys Women's Prize for Fiction nominiert und 2005 als bestes Debüt beim Commonwealth Writers’ Prize ausgezeichnet. Ihr zweiter Roman, Half of a Yellow Sun, wurde 2006 veröffentlicht und spielt vor und während des Biafra-Krieges, in dem wir das Leben zweier durch den Krieg getrennter Schwestern verfolgen. Das Buch gewann 2007 den Orange Prize for Fiction sowie den Anisfield-Wolf Book Award. Ihr drittes Werk, die Kurzgeschichtensammlung The Thing Around Your Neck, erschien 2009. 2013 veröffentlichte sie ihr viertes Buch, den Roman Americanah, der die Geschichte einer jungen nigerianischen Frau namens Ifemelu erzählt, die in die USA ausgewandert ist, und eines jungen Mannes, der in das Vereinigte Königreich ausgewandert ist. Ifemelu ist mit Armut, Diskriminierung und Rassismus konfrontiert, bis sie in der Blogosphäre zum Star wird. Sie wird zur „ersten Bloggerin zum Thema Rasse“. Der Roman wurde von der New York Times zu einem der „10 besten Bücher des Jahres 2013“ gewählt.

Nach 2010: Soziale Netzwerke, Telekommunikation und ihre Auswirkungen auf die nigerianische Gesellschaft