mini|Zur Komplet (Kloster Eisbergen) Die Komplet () ist das Nachtgebet im Stundengebet der Christenheit. Im Byzantinischen Ritus wird sie (wörtlich „nach dem Essen“) genannt.

Entstehung und Prägung Die liturgische Tradition sowohl der katholischen als auch der anglikanischen und lutherischen Breviere geht auf die Benediktsregel zurück, die von der Magisterregel beeinflusst war, einer anonymen Mönchsregel aus dem 6. Jahrhundert. Die Komplet trat in dieser Zeit als Nachtgebet zum traditionellen Abendgebet, der Vesper, hinzu, da nach der Vesper in den Klöstern zu Abend gegessen und noch nötige Arbeiten erledigt wurden. Die Komplet wurde von den Mönchen unmittelbar vor der Nachtruhe im Schlafsaal gehalten.Liborius Olaf Lumma: Liturgie im Rhythmus des Tages. Eine kurze Einführung in Geschichte und Praxis des Stundengebets. Regensburg 2011, S. 47f. Sie umfasste täglich die traditionellen drei Psalmen 4, 91 und 134. Auch das Responsorium breve „In manus tuas, Domine“ und die Oration „Visita, quaesumus“ gehen auf mittelalterliche Tradition zurück. Das Canticum Nunc dimittis wurde ursprünglich in der Vesper gesungen und ging später auf die Komplet über.

Die traditionellen Texte der Komplet sind geprägt von Gottvertrauen und Zuversicht und der Parallele von Schlaf und Tod: „Die Betenden dürfen gewiss sein, dass sie behütet sind, wenn sie im Schlaf ihr Bewusstsein aufgeben und die Kontrolle und Sicherheit über ihre Lebensgestaltung verlieren. […] Vor dem Hintergrund von Tod und Auferstehung Jesu wird jedes Einschlafen zu einer Vorausschau des eigenen Sterbens in die Hand Gottes hinein, dem das Auferstehen in die Gegenwart Gottes am nächsten Morgen (und darin versinnbildlicht nach der Auferweckung vom Tod) als Spiegelbild gegenübersteht.“Liborius Olaf Lumma: Liturgie im Rhythmus des Tages. Eine kurze Einführung in Geschichte und Praxis des Stundengebets. Regensburg 2011, S. 96. Gegen Ende des ersten Jahrtausends kam der Brauch auf, die Komplet mit einem marianischen Gesang zu schließen.

Die klösterliche Tradition wurde in Martin Luthers Abendsegen (im Kleinen Katechismus 1529) rezipiert, der damit eine Popularisierung der Komplet für den Gebrauch in der evangelischen Familie darstellt und eine große Breitenwirkung erreichte.

Komplet seit der Brevierreform 1911 Im römischen Brevier wechselten seit der Brevierreform Papst Pius’ X. 1911 die Texte in einem wöchentlichen Zyklus. Das heutige, 1975 erschienene Stundenbuch führte für die Psalmen in den Horen einen vierwöchigen Turnus (Vierwochenpsalter) ein, für die Komplet wurde jedoch der einwöchige Turnus beibehalten, wenn auch mit anderer Psalmenauswahl. Die Psalmen 4, 91 und 134 wurden von 1911 bis 1975 am Sonntag gebetet, jetzt sieht das Stundenbuch nach der ersten Vesper des Sonntags die Psalmen 4 und 134 und den Psalm 91 nach der zweiten Vesper des Sonntags vor, für die übrigen Wochentage andere Psalmen. Man kann diese wechselnde Ordnung aber auch durch das tägliche Gebet der Sonntagspsalmen ersetzen, vor allem dann, wenn man die Komplet auswendig beten will.Allgemeine Einführung ins Stundengebet AES, Nr. 88

Im Stundengebet der monastischen Orden (beispielsweise Benediktiner, Zisterzienser, Trappisten) wird die ältere Form der Komplet bis heute gebetet. In diesen Orden segnet der Obere die Mitglieder des Konvents nach der Komplet mit Weihwasser. Danach gilt bis zum Morgen das nächtliche Stillschweigen.

Die Kirche empfiehlt allen nicht zum vollen Stundengebet verpflichteten Gläubigen vor allem das Gebet von Laudes und Vesper als den „Eckpunkten“ des liturgischen Tages. Viele Menschen haben aber zur Komplet – gerade wegen ihres vertrauensvollen Charakters als Nachtgebet der Kirche – einen besonders guten Zugang.

Komplet und liturgische Bewegung Zwischen den beiden Weltkriegen entdeckten im katholischen Bereich die liturgische Bewegung und die Jugendbewegung die Komplet neu. Große Bedeutung hatten dabei das Heft Deutsche Komplet zum Singen für die Gemeinde, das 1933 vom Oratorium in Leipzig herausgegeben wurde und bis in die 1950er-Jahre mehrfach wieder aufgelegt wurde,z. B. 1933: Verlag Jakob Hegner, Leipzig; 1935: Selbstverlag des Oratoriums, Leipzig (31.–50. Tsd.); 1947/1951/1954: Kösel Verlag, München; 1953: Benno Verlag, Leipzig. wie auch von Pius Parsch Das kirchliche Nachtgebet (Komplet) für Gesang eingerichtet, erschienen ab 1929 im Volksliturgischen Apostolat Klosterneuburg.Reihe: Volksliturgische Andachten und Texte Heft 37; 4. Auflage, 1932.

Als in der Zeit des Nationalsozialismus 1937 die kirchliche Jugendarbeit stark eingeschränkt wurde, versammelten sich viele Jugendliche regelmäßig zur Komplet und beteten um Vertrauen und Zuversicht.Theodor Schnitzler: Was das Stundengebet bedeutet. Hilfe zum geistlichen Neubeginn. Herder, Freiburg-Basel-Wien 1980, S. 187.

Der Komponist Christian Lahusen schuf 1948 Eine ruhige Nacht, einen vierstimmigen Kanon, dessen Worte aus dem Segen der Komplet stammen. Das Lied findet sich im Stammteil des Evangelischen Gesangbuches, EG 493 und im Gotteslob, GL 102.

Aufbau Es geht in der Regel ein Schuldbekenntnis voraus. Die Hore besteht aus einem Hymnus, Psalmen, einer Kurzlesung, dem Responsorium, dem neutestamentlichen Gesang Nunc dimittis (Lobgesang des Simeon; ) mit der Antiphon, einem Gebet und dem Segen für die Nacht.

Üblicherweise wird in der römisch-katholischen Kirche nach der Komplet noch die der Zeit im Kirchenjahr entsprechende marianische Antiphon gesungen.

Ablauf Katholisch (Stundenbuch, 1975)Katholisch (vor 1911, einzelne Orden)Lutherisch (Agende II/Evangelisches Gesangbuch)Eröffnung und SchuldbekenntnisEröffnungsversikel ()Gloria Patri, AlleluiaBitte um Segen, Segen („Eine ruhige Nacht…“)Aufforderung zum Gebet, Segen („Eine ruhige Nacht…“)Lesung Lesung (1 Petr 5,8–9)Versikel Bei der Punktierung und Kommentierung des hebräischen Bibeltextes durch die Masoreten kam es auch zu einer Revision in der Aufteilung und Nummerierung der Psalmen. Dadurch ergibt sich für die jetzt gültige hebräische Bibel zwischen den Psalmen 9 und 146 eine andere Einteilung als in der griechischen Septuaginta und der lateinischen Vulgata. Da Luther und die anderen Reformatoren den hebräischen Grundtext als Übersetzungsvorlage hatten, weichen die Nummerierungen bis ins 20. Jahrhundert zwischen evangelischen und katholischen Bibeln ab. Die Anführung der Bibelstellen folgt in der Tabelle einheitlich der Kapiteleinteilung, die in den heute üblichen deutschen Bibelübersetzungen verwendet wird. Die hier zitierten Psalmen und Psalmverse (Ausnahme: Psalm 4) finden sich in der Vulgata jeweils einen Psalm vor der angegebenen Stelle.Versikel (Ps 124,8) VaterunserConfiteor und VergebungsbitteConfiteor und VergebungsbitteConfiteor und Vergebungsbitteobiges ggf. gegenseitig Bekenntnis und Fürbitte: (Liturg-> Gem./Gem. ->Lit)Versikel Versikel Ps 85,4Eröffnungsversikel (Ps 70, 2)IngressusGloria Patri, Alleluiaobiges bestehend aus versikelhaftem Eröffnungsruf,Gloria Patri, HallelujaPsalmgebetPsalmgebetPsalmen 4/91/134Psalmen 4/91/134 (Kürzung möglich)Hymnus täglich wechselndHymnus Te lucis ante terminumHymnus Te lucis ante terminum (übersetzt)oder ein anderes LiedPsalmgebetSamstag: Psalmen 4 und 134Sonntag: Psalm 91Montag: Psalm 86Dienstag: Psalm 143Mittwoch: Psalmen 31,2–6 und 130Donnerstag: Psalm 16Freitag: Psalm 88Lesung (Kapitel, wechselnd)Lesung (Capitulum, )Lesung (Jer 14,9)Responsorium (nach )Responsorium (nach Ps 31,6)Responsorium (nach Ps 31,6)Versikel ()Versikel (Ps 17,8)Nunc dimittis (Lobgesang des Simeon)mit Antiphon Sei unser Heil, o Herr, wenn wir wachenNunc dimittismit Antiphon Salva nos, Domine, vigilantes…Nunc dimittisSchlussgebetKyrieVaterunserGebet (Sonntag)Wechselgebet (Preces)(nicht im EG)Oration(wechselnd)Nachtgebet (fest)Nachtgebet (fest)AbschlussWechselgrußWechselgrußBenedicamusBenedicamusSegen(„Eine ruhige Nacht…“)Segen(trinitarische Formel)Segen(trinitarische Formel)ggf. marianische Antiphonggf. marianische Antiphon

Textbeispiel: Komplet aus dem römischen Stundenbuch nach der zweiten Vesper am Sonntag und an Hochfesten Zeichen bei den Psalmversen:

* Der erste und zweite Psalmversabschnitt wird durch den Asteriskus, das Sternchen, geteilt. An dieser Stelle soll der Beter kurz innehalten. Beim Gesang der Psalmen geht dem Asteriskus die Mediatio (Mittelkadenz) voraus.

+ Ein Kreuzchen oder ein Schrägstrich bezeichnet bei längeren Psalmversen die erste Teilung, die sogenannte Flexa (Beuge). Bei der Flexa wird keine metrische Pause gemacht, nur geatmet, beim Singen auf den Flexa-Ton gewechselt.Heinz-Walter Schmitz: Psalmenbegleitung – Eine Hinführung. Passau 2006

P = Priester, A = Alle, V = Vorsänger, Ch = Choralschola

+ Eröffnung und BußgebetP: Deus, in adiutorium meum intende, A: Domine, ad adiuvandum me festina. Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto, Sicut erat in principio et nunc et semper et in saecula saeculorum. Amen. (Alleluia.)P: O Gott, komm mir zur Hilfe, A: Herr, eile mir zu helfen. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit, und in Ewigkeit. Amen. (Halleluja.)In der Fastenzeit entfällt das Halleluja. Es folgt eine Gewissenserforschung in der Stille.A: Confiteor Deo omnipotenti et vos fratres, quia pecavi nimis cogitatione, verbo, opere et omissione: mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa Ideo precor beatam Mariam semper virginem, omnes Angelos et Sanctos et vos fratres, orare pro me ad Dominum Deum nostrum P: Misereatur nostri omnipotens Deus, et demissis pecatis nostris, perducat nos ad vitam aeternam. Amen.A: Ich bekenne Gott, dem Allmächtigen, und allen Brüdern und Schwestern, dass ich Gutes unterlassen und Böses getan habe, ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken, durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld. Darum bitte ich die selige Jungfrau Maria, alle Engel und Heiligen, und euch, Brüder und Schwestern, für mich zu beten, bei Gott, unserem Herrn. P: Der allmächtige Gott erbarme sich unser, Er lasse uns die Sünden nach, und führe uns zum ewigen Leben. Amen.

+ Hymnus1. Te lucis ante terminum, rerum creator poscimus, ut solita clementia sis praesul ad custodiam

2. Te corda nostra somnient, te per soporem sentiant, tuamque semper gloriam vicina luce concinant.

3. Vitam salubrem tribue, nostrum calorem refice, taetram noctis caliginem tua colustret claritas.

4. Praesta, Pater omnipotens, per Iesum Christum Dominum, qui tecum in perpetuum regnat cum Sancto Spiritu. Amen.1. Bevor des Tages Licht vergeht, o Herr der Welt, hör dies Gebet: Behüte uns in dieser Nacht durch Deine große Güt und Macht.

2. Hüllt Schlaf die müden Glieder ein, lass uns in Dir geborgen sein und mach am Morgen uns bereit zum Lobe Deiner Herrlichkeit

4. Dank Dir, o Vater, reich an Macht, der über uns voll Güte wacht, und mit dem Sohn und Heil’gen Geist des Lebens Fülle uns verheißt. Amen.

+ Psalmen An Sonntagen und Hochfesten nach der ersten Vesper werden die Psalmen 4 und 134 gesungen, nach der zweiten Vesper der Psalm 91. Antiphon:V/A: Alis suis obumbrabit tibi; non timeris a timore nocturnoV/A: Mit Seinen Fittichen schirmt Er dich; du brauchst den Schrecken der Nacht nicht zu fürchten. In der Osterzeit stattdessen: Alleluia, Alleluia, Alleluia. Psalm 91: Zuflucht bei GottV: Qui habitat in protectione Altissimi * Ch: sub umbra Omnipotentis commorabitur. A: Dicet Domino + „Refugium meum et fortitudo mea, * Deus meus, sperabo in eum.“ Ch: Quoniam ipse liberabit te de laqueo venantium * et a verbo maligno A: Alis suis obumbrabit tibi, * et sub pennas eius confugies. Ch: Scutum et lorica veritas eius; * non timeris a timore nocturno, A: a sagitta volante in die, + a peste perambulante in tenebris * ab exterminio vastante in meridie. Ch: Cadent a latere tuo mille + et decem milia a dextris tuis; * ad te autem non appropinquabit. A: Quodsi oculis tuis consideraveris, * retributionem peccatorum videbis. Ch: Quoniam tu es Domine, refugium meum, * Altissimum posuisti habitaculum tuum.