mini|Lage des Reiches von Ghana

Das Reich von Ghana war eines der Reiche, die vor etwa tausend Jahren in Westafrika existierten. Der Name war in dieser Form wohl nur unter den nordafrikanischen Händlern im Umlauf, vor Ort bezeichnete man das Reich entweder als Wagadu oder als Reich des Kaya Magha (Ta'rikh al-Sudan). Das Reich wird in arabischen Quellen erstmals im 9. Jahrhundert namentlich erwähnt und als „Goldland“ bezeichnet.Levtzion: Ancient Ghana, S. 22 (spätere Korrektur). Nach Erkenntnissen des Geographen und Historikers des 9. Jahrhunderts, al-Yaʿqūbī, war Ghana neben Kanem und Gao das bedeutendste Reich im Sudan.

Um dieses Reich vom modernen Staat Ghana zu unterscheiden, wird es in der Literatur gelegentlich auch als Gana geschrieben.Winfried Speitkamp: Kleine Geschichte Afrikas, Reclam, Stuttgart 2007, S. 46 Da die Schreibweise Ghana jedoch aus der gebräuchlichen Umschrift des arabischen Namens Ghāna () für das mittelalterliche Ghana entstanden ist, ist die Schreibweise Ghana international gebräuchlich.

Hypothesen zu den Reichsgründern Zur Gründung des Reiches von Ghana liegen nur mündliche Überlieferungen vor. In den Chroniken von Timbuktu, dem Ta'rikh al-Sudan und dem Ta'rikh al-Fattash finden sich Angaben aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Die Wagadu-Legende der Soninke und die Ursprungstradition der Fulbe wurden erst während der Kolonialzeit aufgenommen. Archäologische Forschungen der Nachkolonialzeit ergaben zusätzliche Anhaltspunkte zur Siedlungsgeschichte des Gebietes des Ghanareiches. Von dieser dünnen Quellenbasis ausgehend versuchen Historiker ein Szenario für die Gründung des Reiches zu entwerfen.

Migranten aus Syrien-Palästina In der Kolonialzeit war die von Maurice Delafosse (1870–1926) vertretene Hypothese einer Gründung Ghanas durch sogenannte „Judéo-Syriens“ (jüdische Syrer) besonders einflussreich. Die hochspekulative Annahme stützt sich auf mündliche Überlieferungen der Fulbe, wonach die Staatsgründer sich auf israelitische Figuren wie Yakuba (Jakob) und Suleiman (Salomon) beriefen, die in Kenana (Kanaan) und Sam (Syrien) beheimatet waren. Delafosse nimmt an, dass „Judéo-Syriens“ im Anschluss an die Machtübernahme durch Ptolemaios I. Soter in Jerusalem etwa 320 v. Chr. aus Israel in die Cyrenaika deportiert worden waren, von wo sie im 2. Jahrhundert n. Chr. nach Westafrika gewandert seien. Diese israelitisch geprägten Einwanderer hätten um 300 n. Chr. das Ghanareich gegründet und seien um 800 n. Chr. durch einheimische Soninke gestürzt worden.Delafosse, Haut-Sénégal, I, S. 211; II, S. 22–23. Siehe jetzt auch D. Lange, "Abwanderung der assyrischen tamkāru nach Nubien, Darfur und ins Tschadseegebiet", (PDF; 207 kB) in: B. Nowak et al., Europejczycy Afrykanie Inni, Warschau 2011, 226.

Berber-Nomaden der Sahara Den Angaben der Chroniken von Timbuktu ist zu entnehmen, dass man im 17. Jahrhundert Berber der Sahara als Reichsgründer vermutete. Al-Sa'di, der Autor des Ta'rikh al-Sudan, überliefert eine Tradition, wonach 22 Könige vor der Hidschra und 22 Könige nach der Hidschra in Ghana herrschten. Diese seien „Weiße“ (beiḍān) gewesen.al-Sa'dī, T. al-Sūdān, S. 9; Übers. 18. Nach Ibn al-Mukhtār, dem Autor des Ta'rikh al-Fattash, waren die Reichsgründer vermutlich Sanhadscha und keine „Schwarzen“ (sūdān).al-Ka'ti, T. al-Fattāsh, S. 42, Übers. 78. N. Levtzion hat diese Angaben dahingehend interpretiert, dass spätere nomadische Eroberer ihren Stempel in den mündlichen Überlieferungen hinterließen, was aber Reichsgründungen durch schwarzafrikanische Ackerbauern nicht ausschlösse.Levtzion, Ancient Ghana, S. 8 Andere Autoren sehen in der matrilinearen Thronfolge einen entscheidenden Hinweis auf eine Reichsgründung durch Berber. Wenn die chronologischen Angaben al-Sa'dis auf einer im 17. Jahrhundert noch erinnerten Königsliste beruhen, dann wäre auf dieser Grundlage an eine Gründung des Staates im 1. Jahrhundert n. Chr. zu denken.

Lokale Soninke In der Nachkolonialzeit waren Gründungsmodelle durch Migrationen und Eroberungen verpönt. Im Zuge der Entkolonialisierung der Geschichte Afrikas zog man es vor, Gründungsprozesse durch lokale Akteure anzunehmen. Für das Grenzgebiet zwischen der Sahara und der westafrikanischen Savanne war das Verteidigungsmodell besonders erfolgreich. Im Rahmen dieses Modells nahm man an, dass schwarzafrikanische Ackerbauern sich zu staatsähnlichen Organisationen zusammenschlossen, um sich gegen die Überfälle marodierender Nomaden zu verteidigen.Levtzion, Ancient Ghana, S. 10–11. Als wichtigste Quelle zur Rekonstruktion dieses Gründungsszenarios dient die Wagadu-Legende der Soninke. Danach gründete der aus dem Orient eingewanderte Dinga Cisse das Königreich von Wagadu (= Ghana), indem er in Koumbi mit der schwarzen Schlange Bida einen Pakt schloss, wonach die Einwanderer der Schlange jährlich eine schöne Jungfrau opfern sollten. Im Gegenzug dafür sollten sie reichlichen Regen und Gold erhalten. Der Sturz des Reiches sei dadurch ausgelöst worden, dass unter dem siebten König von Wagadu der Verlobte der zu opfernden Jungfrau die Schlange tötete. Im Sterben habe die Schlange aber einen Fluch ausgesprochen, wonach das Land austrocknen und das Gold versiegen sollte. Historiker vermuten, dass sich letztere Angabe auf den Zerfall des Ghanareiches zu Beginn des 13. Jahrhunderts bezieht.Levtzion, Ancient Ghana, S. 17–18

Handel mit Nordafrika In dem weiten Bereich des Senegal-Niger-Gebietes kontrollierten die Herrscher des Ghanareiches den lukrativen transsaharanischen Gold- und Sklavenhandel. Der arabische Geograph und Schriftsteller des 10. Jahrhunderts, Ibn Hauqal, bezeugte diesen Handel erstmals schriftlich zwischen dem marokkanischen Sidschilmasa und dem heute mauretanischen Aoudaghost/Ghana am Nord- und Südende der großen westsaharanischen Goldroute, nachdem Ghana 990 die Kontrolle über Aoudaghost übernommen hatte.Rudolf Fischer, S. 255 (Zusammenfassung) (s. Lit.) In der Hauptstadt Koumbi Saleh wurden Gold und Sklaven gegen die Waren aus dem Maghreb, Pferde, Stoffe und Waffen, aber auch gegen das Salz der Sahara getauscht. Die Wangara-Händler schafften das Gold aus Buré und Bambouk bis nach Koumbi Saleh und von dort brachten es berberische und arabische Händler weiter nach Norden.

Ausdehnung des Reiches Zum Höhepunkt seiner Macht im 10. Jahrhundert n. Chr. erstreckte sich das Ghanareich von Tagant im heutigen Zentral-Mauretanien bis in das Gebiet des Nigerbogens im Osten der heutigen Republik Mali. Zeitweise dehnte es seine Herrschaft sogar auf die saharanischen Sanhadscha aus.

Aufbau des Sakralkönigtums Beschreibung von al-Bakrī Al-Bakri, ein berühmter arabischer Geograph des 11. Jahrhunderts, erwähnt 1068 in seinem Kitāb al-masālik wa-'l-mamālik (Buch der Wege und Königreiche) die berberischen und arabischen Kaufleute, die in Aoudaghost die herrschende Schicht darstellten. Er beschreibt das Königreich von Ghana vor seiner Eroberung durch die Almoraviden und notiert zur Hauptstadt:

Laut al-Bakri war dieser König kein Muslim, ließ die Muslime aber in einer eigenen Stadt in der Nähe wohnen. Er habe seine Würde nicht von seinem Vater geerbt, sondern vom Bruder seiner Mutter. Diese matrilineare Erbfolge ist bei vielen Völkern Westafrikas verbreitet.Franz Ansprenger: Geschichte Afrikas. 5. Auflage, C.H. Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-73451-9, S. 36. Archäologische Untersuchungen haben ergeben, dass der Einfluss der nordafrikanischen Händler auf die Entwicklung Ghanas sehr gering war. Sie fungierten in erster Linie als marginale Kaufleute und residierten in der Händlerstadt Koumbi Saleh an der Südgrenze des heutigen Mauretanien.

Lage der Hauptstadt Vermutlich gab es zwei Zentren des Ghanareiches. Das ältere Tendirma lag am westlichen Nigerknie, wo die landwirtschaftlichen Ressourcen ausreichten, um eine sesshafte Lebensform zu ermöglichen. Dort wurden auch Hügelgräber gefunden, von denen eines auf das 11. Jahrhundert datiert wurde. Das jüngere Koumbi Saleh lag in der Mitte des unwirtlichen Senegal-Niger-Gebietes, wo nur die Kontrolle des lukrativen Goldhandels der Grund für die Errichtung einer Residenzstadt gewesen sein kann. Bisher hat man allerdings nur die Händlerstadt von Koumbi Saleh gefunden, die teilweise von Archäologen ausgegraben wurde. Die nach al-Bakri nahegelegene Königsstadt wurde jedoch trotz intensiver Bemühungen noch nicht entdeckt.

Islamisierung unter dem Druck der Almoraviden: 1076 Expansion der Almoravidenbewegung Mit der Entstehung der militanten Almoravidenbewegung in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts entwickelte sich in der westlichen Sahara eine eminente Bedrohung für das Sakralkönigtum von Ghana. 1040/41 wurde der König des Volkes der Sosso im Nachbarstaat Tekrur Muslim. Die Almoraviden eroberten 1054/55 Sidschilmasa und Aoudaghost. Danach konzentrierten sie sich aber auf Nordafrika, sodass Ghana zunächst nicht direkt unter den Druck der berberischen Glaubenskämpfer geriet. Erst 1076 wurde der Sakralkönig im Zuge der weiteren Expansion der Almoraviden gestürzt und der Islam im ganzen Reich verbreitet.Levtzion/Hopkins: Corpus, S. 98.

Zur Deutung des von dem arabischen Geographen al-Zuhri festgehaltenen Ereignisses der Islamisierung im Jahr 1076 bestehen zwei gegensätzliche Ansichten.

These der Eroberung Ghanas Weit verbreitet ist die Vorstellung, dass die Almoraviden Ghana eroberten und dadurch den Islam mit Gewalt verbreiteten. Diese Vermutung stützt sich hauptsächlich auf das Zeugnis des am Ende des 14. Jahrhunderts schreibenden Ibn Chaldun.Levtzion, Ancient Ghana, S. 45.

These des inneren Umsturzes In letzter Zeit wird verstärkt die Ansicht vertreten, dass der Umsturz von 1076 und die anschließende Islamisierung des Königshofes das Werk einer einheimischen islamischen Partei war, die von den Almoraviden unterstützt wurde. Grundlage für diese Annahme sind zum einen die Aussagen der zeitnahen arabischen Geographen und zum anderen die Auswertung der zu Beginn des 12. Jahrhunderts errichteten Stelen von Gao-Saney.Conrad/Fisher, "Conquest, I", 21–59; Lange, Kingdoms, S. 510. Auch der weitere Fortbestand des Ghanareiches als unabhängige politische Einheit etwa 125 Jahre lang zeugt von dem Erhalt der Grundstrukturen des sakralen Königtums trotz der Islamisierungstendenzen.

Niedergang des Ghanareiches: 12. Jahrhundert Mit der Islamisierung durch die Almoraviden begann der Niedergang des großen Reiches. Es ist umstritten, ob das Eingreifen der heidnischen Sosso unter Sumanguru am Ende des 12. Jahrhunderts diesen Niedergang aufhielten oder beschleunigten. Der legendäre Sundiata Keïta gründete weiter im Süden unter den Malinke das zweite große Königreich Westafrikas, Mali, in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Er selbst oder einer seiner Nachfolger eroberten Ghana und inkorporierten es in das Malireich.

Der Ghana-Mythos