mini|Papier nach Herrnhuter Art mini|Als Herrnhuter Kleisterpapier bezeichnetes Buntpapier in der Schublade einer um 1765 entstandenen, Mathäus Funk zugeschriebenen Schreibkommode Herrnhuter Kleisterpapier ist ein Kleisterpapier mit Verdrängungsdekor, welches ursprünglich von Schwestern der Herrnhuter Brüdergemeine hergestellt wurde.
Geschichte Ab Herbst 1764 bis ungefähr 1824 produzierten Schwestern der Herrnhuter Brüdergemeine Kleisterpapier mit Verdrängungsdekor.Haemmerle 1977, S. 143–144. „Ob es wirklich nur, wie in der Literatur beschrieben, die ledigen Schwestern waren, die diesem Handwerk nachgingen, läßt sich nicht belegen, da die Papiere keine Signaturen tragen.“Gisela Reschke: Technik und Geschichte. In: Wolkenkleister, Marmor und Brokat. Historische Buntpapiere. Staatsbibliothek. Berlin 1997, S. 15–36, hier S. 17. (Ausstellungskataloge / Staatsbibliothek zu Berlin. Neue Folge, 24). Die Brüdergemeine vermarktete ihre Papiere überregional.Haemmerle 1977, S. 143. Der Begriff Herrnhuter Kleisterpapier wurde zu einer Handelsbezeichnung, weshalb es kaum möglich ist, das tatsächlich in Herrnhut hergestellte Papier von den Nachahmungen zu unterscheiden.Kehrli 2021, S. 332.
Der in Bern tätige Ebenist Mathäus Funk verwendete ab ungefähr 1765 in hohem Maß Kleisterpapier mit Verdrängungsdekor zum Kaschieren von Schubladen und Fächern an Möbeln. Hierbei handelt es sich mit größter Wahrscheinlichkeit um Papier, welches durch die Herrnhuter Schwestern hergestellt wurde, denn Mathäus Funk und sein Bruder Johann Friedrich standen der Brüdergemeine nahe.Fischer 2001, S. 147. Funks Gattin und Töchter hatten enge Bezüge zu den Brüdergemeinen in Herrnhut und deren Niederlassungen in Neuwied und Montmirail, wie Korrespondenz der Gattin belegt.Fischer 2001, S. 147. Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang, dass Niklaus von Wattenwyl (1695–1783), Bruder des Herrnhuter Bischofs Friedrich von Wattenwyl aus Bern stammte. Niklaus' Sohn Rudolf Friedrich von Wattenwyl (1738–1809) war mit Benigna Justine von Zinzendorf verheiratet. Im Gründungsjahr der Herrnhuter Buntpapiermanufaktur wurde die Jahresrechnung der Familienkiste von Wattenwyl in Herrnhuter Kleisterpapier eingebunden.Fischer 2001, S. 342. Denselben Papiertyp findet man auch an einer Mathäus Funk zugeschriebenen Kommode.Fischer 2001, S. 343. Das häufige Vorkommen von Herrnhuter Kleisterpapieren an Mathäus Funks Möbeln lässt schließen, dass er diese Papiere in großen Mengen bezog.Kehrli 2021, S. 332.
Buntpapiere der Herrnhuter Art wurden auch in Neudietendorf erzeugt. Der gelernte Buchbinder Heinrich Gottlieb Petsch war 1763 in die dortige Gemeine aufgenommen worden und produzierte seit 1778 Buntpapier. In seinem Lebenslauf hielt er fest: „Nachher fing ich an die Leipziger Messe mit meinem Buntpapier zu beziehen, welches ich unausgesezt bis ins Jahr 1811 habe thun können.“Stephanie Böß: Gottesacker-Geschichten als Gedächtnis. Eine Ethnographie zur Herrnhuter Erinnerungskultur am Beispiel von Neudietendorfer Lebensläufen. Dissertation, Friedrich-Schiller-Universität Jena, 2014. (Studien zur Volkskunde in Thüringen, Band 6). Waxmann, Münster 2016, S. 135.
Beispiele von Herrnhuter Kleisterpapier finden sich unter der Bezeichnung Moravian paste paper bei dem nordamerikanischen Ableger Moravian Church in North America in den Moravian Archives, Bethlehem, Pennsylvania.Sidney E. Berger: American decorated paper from the Colonial Era to the 1950s. In: Mindell Dubansky (Hrsg.): Pattern and flow. A golden age of American decorated paper, 1960s to 2000s. With an introduction by Sidney E. Berger. Yale University Press, New Haven 2023, S. 24–37, hier S. 24 und 26.
Herstellung
Wertschätzung Gisela Reschke hat in der Unitätsbibliothek in Herrnhut die lange Reihe der Protokollbände untersucht und kommt zu der Feststellung, dass in der Zeit von 1764 bis 1800 in der Regel bei den verwendeten Buntpapieren eine hohe handwerkliche und künstlerische Qualität zu verzeichnen ist, die dann abflacht und ab 1820 auch nicht mehr den Zeitgeschmack der Buchgestaltung trifft.Gisela Reschke: „Herrnhuter Papier.“ Schlichtes Handwerk oder Farbe und Form mit symbolischem Hintergrund? In: Rainer Lächele (Hrsg.): Das Echo Halles. Kulturelle Wirkungen des Pietismus. Bibliotheca-Academica-Verlag, Tübingen 2001, S. 271–289, hier S. 286. In der Biedermeierzeit fanden die Herrnhuter Kleisterpapiere nicht mehr den anerkennenden Respekt. Christian Friedrich Gottlieb Thon bemerkte 1826 sehr kritisch:
Gabriele Grünebaum hebt 1982 hervor, das Typische bestehe darin, dass „verschiedene Muster in unterschiedlichen Techniken auf einem Papierbogen kombiniert werden“Gabriele Grünebaum: Buntpapier. Geschichte, Herstellung, Verwendung (= DuMont-Taschenbücher. 120). DuMont-Buchverlag, Köln 1982, S. 108. Claus Maywald betont im Jahr 2007 anlässlich einer Ausstellung der Buntpapierkünstlerin Gisela Reschke in Anlehnung an Feststellungen von Stefan Soltek die handwerkliche und ästhetische Qualität dieser Papiere:
Ausstellung 5. Oktober bis 16. November 1997, Heimatmuseum Herrnhut: Sonderausstellung Herrnhuter Papier und Andere Buntpapiere.
Literatur Hermann von Fischer: FONCK A BERNE. Möbel und Ausstattungen der Kunsthandwerkerfamilie Funk im 18. Jahrhundert in Bern, Bern 2001. Albert Haemmerle: Buntpapier. Herkommen, Geschichte, Techniken, Beziehungen zur Kunst. 2. Auflage. Callwey, München 1977. Manuel Kehrli: Buntpapier am Möbel. Dargestellt am Beispiel von Möbeln aus der Westschweiz. In: Susanne Krause und Julia Rinck: Handbuch Buntpapier, Stuttgart 2021, S. 330–336. Julia Rinck und Susanne Krause: Handbuch Buntpapier. Unter Mitarbeit von Frieder Schmidt, Mathias Hegeböck, Manuel Kehrli, Arne Krause, Henk Porck und Frank Sellinat, Hauswedell, Stuttgart 2021, ISBN 978-3-7762-2100-8, E-Book: Hauswedell, Stuttgart 2023, ISBN 978-3-7762-2303-3.
Einzelnachweise
Weblinks Herrnhuter Kleisterpapier auf herrnhuter-sterne.de
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