mini|Hochschule für Gestaltung Ulm (1955)

Die Hochschule für Gestaltung Ulm (HfG Ulm) wurde 1953 von Inge Aicher-Scholl, Otl Aicher, Max Bill und weiteren in Ulm gegründet. Sie knüpfte an die Lehre und Erfahrungen des Bauhauses an, einer Hochschule, die in Kunst, Architektur und Gestaltung neue Wege beschritten hatte, auch personell gab es Verbindungen. Nach einem Grundstudium wurden die Fachbereiche Produktgestaltung, Visuelle Kommunikation, Bauen, Information (bis 1964) und Film (ab 1962) angeboten. Während ihres Bestehens bewegte sich die HfG Ulm zwischen wirtschaftsnaher Produktion zusammen mit Unternehmen wie Braun und methodologischer Forschung. International genoss sie einen hervorragenden Ruf und war Wegbereiter und Vorbild sowohl für künftige Design-Studiengänge an Hochschulen für Gestaltung als auch für das Berufsbild des Designers. 1968 wurde die Schule geschlossen, nachdem Konflikte über die Ausrichtung der Schule und finanzielle Probleme die Einrichtung in eine Krise geführt hatten.

Lage Nach einer anfänglichen Aufnahme des Lehrbetriebs in den Räumen der Ulmer Volkshochschule baute Bill, ab 1952www.bill-stiftung.ch. Rektor der Hochschule für Gestaltung, einen Neubau auf dem Kuhberg im Westen der Stadt Ulm. In den Gebäuden befindet sich heute unter anderem das Archiv der Hochschule. Von der Anhöhe des Kuhbergs ist die Altstadt Ulms sichtbar. Neben dem Grundstück liegt die ehemalige Festung Fort Oberer Kuhberg, in der sich in der Zeit des Nationalsozialismus ein Konzentrationslager befand.

Geschichte der Hochschule für Gestaltung mini|Ulmer Hocker mini|Triebwagen DT2 der Hamburger Hochbahn von 1962 mini|Corporate Design der Lufthansa mini|Spielzeug, entworfen von Hans von Klier mini|Teekanne als Bestandteil eines stapelbaren Service, gestaltet von Hans Roericht mini|Max Bill entwarf diese Küchenuhr während seiner Zeit auf der HfG für Junghans.

Konzeption Der Architekturhistoriker Manfredo Tafuri schreibt, dass die Hochschule für Gestaltung die Erfahrungen des Bauhauses fortführen sollte.

Die Jahre 1945 bis 1952 waren geprägt durch Konzipierungs-, Finanzierungs- und Strukturierungsplanungen. Durch Kontakte Max Bills zu Walter Gropius wurden US-amerikanische Stiftungen auf das Projekt aufmerksam. Der alliierte Hochkommissar John McCloy unterstützte die Initiative zur HfG-Gründung. Die HfG sollte einen College-ähnlichen Campus nach US-Vorbild erhalten, damit die Hochschulangehörigen in freier Gemeinschaft Lehrender und Lernender zusammenleben konnten. John McCloy überreichte Inge Scholl 1952 kurz vor seinem Abschied als Hochkommissar einen Scheck über eine Million DM unter der Voraussetzung, dass sie eine weitere Million in Deutschland aufbringen würde. Das Geld stammt aus einem US-Fonds, der nach dem Zweiten Weltkrieg zur demokratischen Erziehung der deutschen Bevölkerung vorgesehen war. Ein Teil der weiteren Gelder kam von der Norwegischen Europahilfe.

Offizielle Trägerin der künftigen HfG sollte die Geschwister-Scholl-Stiftung sein, die von Inge Scholl im Gedenken an ihre Geschwister Sophie und Hans Scholl gegründet worden war. Diese waren als Mitglieder der Widerstandsgruppe Weiße Rose im Jahr 1943 von den Nationalsozialisten hingerichtet worden.

Schuleröffnung und Bau der Hochschule Beginn des Lehrbetriebs Am 1. April 1953 wurde Max Bill erster Rektor der neu gegründeten Hochschule. Am 3. August 1953 begann der Lehrbetrieb in Räumen der Ulmer Volkshochschule. Josef Albers, Walter Peterhans, Johannes Itten und Helene Nonné-Schmidt unterrichteten die ersten 21 Studenten. Die Ausbildung war auf vier Jahre angelegt. Im ersten Jahr fand das Grundstudium statt, die weiteren drei Jahre dienten zur Vertiefung in den Fachgebieten Gestalter für Produktgestaltung, Visuelle Kommunikation, Bauen, Information (bis 1964) und Film, das bis 1961 bei der visuellen Kommunikation beheimatet war und ab 1962 als eigenständiges Fachgebiet weitergeführt wurde. Mit diesem Konzept wurden die Lehrmethoden und -inhalte des künftigen Berufsbildes Design entwickelt.

Neubau Am 8. September 1953 erfolgte der erste Spatenstich für den Bau des HfG-Komplexes auf dem Oberen Kuhberg nach Entwürfen von Max Bill. Die HfG war dabei einer der ersten Hochschul-Neubauten Deutschlands in Stahlbetonskelettbauweise mit großzügigen Werkstätten, Studentenwohnheim und Mensa. Der Innenausbau und auch die Möblierung waren auf den flexiblen Nutzen der Hochschule ausgelegt. Am 5. Juli 1954 wurde das Richtfest gefeiert. Ab 1955 fand der Lehrbetrieb in den Räumen der HfG statt. Die offizielle Eröffnung des Unterrichtsgebäudes erfolgte am 2. Oktober 1955, auf der Walter Gropius die Eröffnungsrede hielt.

Hochschulbetrieb Rücktritt Max Bills als Rektor 1955 trat Max Bill aus Gründen eines Richtungswechsels im pädagogischen Aufbau und in den Lehrveranstaltungen der HfG als Rektor zurück und verließ die Hochschule 1957 aus denselben Gründen. Bill befürwortete ein Fortführen des Bauhaus-Modells, andere Dozenten wollten ein mehr an Wissenschaft und Theorie orientiertes Ausbildungsmodell. Ein Rektoratskollegium wurde eingesetzt, unter ihnen Otl Aicher.

Nationales Interesse und Beziehungen zu Unternehmen 1958 erschien die erste Ausgabe der HfG-Zeitschrift ulm, die bis zum Ende der Hochschule in deutscher und englischer Sprache herausgegeben wurde. Die Öffentlichkeit wurde ab 1959 durch Rundfunk und Fernsehen auf die HfG aufmerksam, nachdem in den Jahren zuvor Dozenten und Studenten erste Erfolge mit dem Design für die Audiogeräte des Unternehmens Braun, dem Erscheinungsbild der Lufthansa und den Zügen für die Hamburger Hochbahn sammelten, die den Ruf der HfG prägten. Nach sieben Jahren Rektoratkollegium trat 1962 eine neue Verfassung für die HfG in Kraft, die wieder einen alleinigen Rektor vorsah. Die Wahl fiel auf Otl Aicher. 1963 bekam die Hochschule die Ausstattung aus dem Siemens-Studio für elektronische Musik geschenkt, das kurz zuvor aus Kostengründen geschlossen worden war.

Interne Konflikte, externe Kritik und finanzielle Probleme Interne Streitigkeiten über die pädagogische Ausrichtung des Lehrbetriebs der Hochschule gaben der Presse 1963 erste Gelegenheiten zu Angriffen gegen die HfG. In einem Spiegel-Artikel aus diesem Jahr hieß es: „Keine Gründung hat aber auch so viel mehr versprochen als gehalten, keine andere akademisch-künstlerische Lehr- und Forschungsanstalt wurde bis auf den heutigen Tag von so vielen Krisen und Querelen heimgesucht, von Mitgründern und Mitarbeitern so scharf kritisiert wie das von der „Geschwister-Scholl-Stiftung“ getragene Unternehmen auf dem Ulmer Oberen Kuhberg.“ Der Landtag von Baden-Württemberg stellte ein Zehn-Punkte-Ultimatum, auf das die HfG einging, womit die Zuschüsse seitens des Landes gesichert waren. Dennoch häuften sich die Probleme, nachdem der Landtag 1967 die Angliederung der HfG an die Ingenieurschule, die Vorläuferin der Ulmer Fachhochschule, verlangte. Die Bundeszuschüsse wurden gestrichen, die finanzielle Lage immer schwieriger.

Schließung der HfG Im Lauf des Jahres 1968 mussten die ersten Dozenten aufgrund der schwierigen finanziellen Lage entlassen und die Anzahl der Lehrveranstaltungen eingeschränkt werden. Die Geschwister-Scholl-Stiftung, die Trägerin der HfG, war hoch verschuldet. Interne Zerwürfnisse und Attacken in der Presse lösten immer wieder Debatten im Landtag über die Förderungswürdigkeit der HfG aus. Die verbliebenen Dozenten verweigerten den Lehrbetrieb aus finanziellen und persönlichen Gründen. Der Stuttgarter Landtag bewilligte der HfG am 18. Juli 1968 erneut den Zuschuss für das Studienjahr 1969 unter Auflagen. Da diese Auflagen jedoch nicht fristgerecht erfüllt wurden, wurden die Mittel zum Jahresende 1968 gesperrt. Die Geschwister-Scholl-Stiftung stellte den Betrieb der Hochschule zum 31. Dezember 1968 ein.

Ursachen für die Schließung Die für die Schließung ausschlaggebenden Ursachen sind heute umstritten. Zeitzeugen machen vor allem die Baden-Württembergische Regierung unter Hans Filbinger verantwortlich, der Historiker René Spitz kommt auf Grund einer Analyse von Akten und Protokollen zu dem Schluss, dass die HfG an ihrem Ende weitgehend selbst schuld sei.

Manfredo Tafuri machte in den 1970er Jahren die innere Widersprüchlichkeit in der Ausrichtung der HfG für ihren Niedergang verantwortlich. Durch den Wandel von einer „produktiven Hochschule zu einem methodologischen Laboratorium“ sei die Schließung der Schule „unvermeidlich“ geworden. Einerseits habe es eine Nachfrage nach der Produktion der Schule durch einen wiedererstarkten deutschen Kapitalismus gegeben, allerdings ohne Interesse an kritischer Überprüfung. Anderseits bestand ein Wissen an der HfG um die ungenutzten, oder durch die Wirtschaftsentwicklung blockierten sozialen Möglichkeiten. Die Spannung zwischen Wirtschaft und Forschung habe die HfG in die Krise geführt. Diese von der HfG ausgehende Tendenz zeichne die methodologische Forschungen der Siebziger Jahre vor, das widersprüchliche Schwanken „zwischen Technokratie und Kritizismus“ sei dafür symptomatisch.

Nach der Schließung Als erste Institution übernahm die 1970 in Hochschule für Gestaltung umbenannte Hochschule in Offenbach am Main große Teile des Lehrkonzepts der HfG Ulm. Nach Ulm war sie die einzige Hochschule, die die vom Bauhaus übernommene Bezeichnung Hochschule für Gestaltung trug. 1971 folgte die Fachhochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd. Später folgten weitere Lehrstätten.

Um den verbliebenen Studenten einen Studienabschluss zu ermöglichen, wurde das Institut für Umweltplanung Ulm der Universität Stuttgart gegründet. Mehrere Dozenten wurden befristet berufen. Nachdem die Studierenden einen Abschluss hatten, wurde der Institutsetat an die Universität Stuttgart übertragen und diente dort teilweise der Einrichtung des ab 1973 von Horst Rittel geleiteten Instituts für Grundlagen der Planung.

Architektur mini|Eingang

Entwurf und Bau Max Bill war der Architekt der Hochschule und ein ehemaliger Bauhaus-Schüler; der Bauhausgründer Walter Gropius hielt 1955 die Festrede zur Eröffnung der Hochschule.

Max Bill entwarf die Hochschule im Kontext des Wiederaufbaus der Nachkriegszeit: Als Hochschule sollte der Campus den Nukleus einer zukünftigen, offenen Gesellschaft bilden.

Die Gebäude entstanden zwischen 1953 und 1955. Dabei war nicht nur das Budget knapp bemessen, Max Bill musste sich bei der Ausführung auch Materialien bedienen, die von Industriebetrieben gespendet wurden. Waren zuerst Stahlfirmen als Zuwender im Gespräch, kamen, nachdem diese abgesprungen waren, Betonhersteller ins Spiel, und die Gebäude wurden in Betonskelettbauweise errichtet. Bauleiter war Fred Hochstrasser.Fred Hochstrasser: Architekt Max Bill. „Er konnte vernichtend sein“. auf: einestages. 22. Dezember 2008.

Erstmals saniert wurden die Gebäude im Jahr 1976 ebenfalls durch Fred Hochstrasser. Eine zweite Sanierung fand zwischen 2009 und 2014 unter Leitung von Adrian Hochstrasser statt, einem Sohn von Fred Hochstrasser. In: deutsche bauzeitung. 9. April 2015.

Gestaltung Zur Gestaltung der HfG heißt es in einer Besprechung des in der Deutschen Bauzeitung im Jahr 2015:

Rezeption Max Bill arbeitete am Bau der Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bernau bei Berlin des damaligen Bauhaus-Direktors Hannes Meyer mit. In der Bundesschule, die 1930 fertiggestellt wurde, sieht Oliver Elser einen direkten Vorläufer des Brutalismus, auch wenn es den Begriff zur Bauzeit noch nicht gab. Die Gebäude der HfG wurde so auch bei ihrer Eröffnung von der FAZ als brutalistisch beschrieben. Die HfG entstand gleichzeitig zur Hunstanton School von Alison und Peter Smithson in Großbritannien, die als Schlüsselwerk des Brutalismus gilt. Laut Elser könnte die HfG gleichermaßen als konstituierendes Gebäude des Brutalismus betrachtet werden, wenn die Definition des Brutalismus über die von Reyner Banham und Alison und Peter Smithson erweitert wird.