Die Fenster der Kathedrale von Bourges gehören mit den Fenstern der Kathedrale von Chartres zu den bedeutendsten Bleiglasfenstern, die aus dem Mittelalter erhalten sind. Die um das Jahr 1195 begonnene und dem heiligen Stephanus gewidmete Kathedrale Saint-Étienne in Bourges, der Hauptstadt des Département Cher in der französischen Region Centre-Val de Loire, wurde mit ihren Fenstern im Jahr 1862 als Monument historique in die Liste der Baudenkmäler in Frankreich (Base Mérimée) aufgenommen. Seit 1992 gehört die Kathedrale zum UNESCO-Welterbe.Cathédrale de Bourges. UNESCO World Heritage Centre 1992–2022 Die über 100 Fenster der Kathedrale sind eigens in der Base Palissy, dem Verzeichnis denkmalgeschützter Objekte in Frankreich, eingetragen. mini|350px|Rosette der Westfassade Geschichte Die gotischen Fenster des Chorumgangs wurden vermutlich schon vor dem Jahr 1214 eingebaut, da bereits in diesem Jahr Messen in den Umgangskapellen erwähnt sind. Der Chor wurde vermutlich zwischen 1218 und 1225 fertiggestellt, die oberen Chorfenster entstanden spätestens um 1220 bis 1225. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts wurde das Langhaus vollendet. Die unteren Fenster der Seitenschiffe werden um 1230 datiert, die oberen Fenster entstanden nach 1250. Ab Beginn des 15. Jahrhunderts ließen Mitglieder des Hofes und andere bedeutende Persönlichkeiten an den Chor und die Seitenschiffe des Langhauses Kapellen anbauen und mit großen Bleiglasfenstern im Stil der Renaissance ausstatten. Ende des 16. Jahrhunderts wurden die drei Fenster 0, 1 und 2 der Chorscheitelkapelle (Marienkapelle) erneuert. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde das Fenster 39 in der Montigny-Kapelle eingebaut.
Die Glasmaler, die die Fenster des 12. bis 17. Jahrhunderts ausführten, sind, mit Ausnahme von Guy de Dammartin (1340/1345–1398), der 1395 die Westrosette schuf, nicht durch Dokumente belegt. Aufgrund großer Ähnlichkeit mit anderen Arbeiten und Aufträgen in Bourges werden die Fenster 31, 32 und 46 dem Glasmaler Jean Lécuyer (um 1490–1556) zugeschriebenMichel Hérold, Véronique David (Hrsg.): Vitrail Ve–XXIe siècle. Swan éditeur, Éditions du Patrimoine, Centre des Monuments Nationaux, Paris 2014, ISBN 978-2-7577-0343-4, S. 166–167., das Fenster 39 in der Montigny-Kapelle wurde vermutlich von Louis Pinaigrier (1579–um 1626) aus der Pariser Glasmalerfamilie Pinaigrier ausgeführt.Michel Hérold, Véronique David (Hrsg.): Vitrail Ve–XXIe siècle. Swan éditeur, Éditions du Patrimoine, Centre des Monuments Nationaux, Paris 2014, ISBN 978-2-7577-0343-4, S. 278–279. Für das Fenster 25 in der Kapelle Jacques Cœur dienten wahrscheinlich Kartons von Jacob de Litemont als Vorbild.Michel Hérold, Véronique David (Hrsg.): Vitrail Ve–XXIe siècle. Swan éditeur, Éditions du Patrimoine, Centre des Monuments Nationaux, Paris 2014, ISBN 978-2-7577-0343-4, S. 110–113 und S. 128–133.
Ab 1843 fand erstmals eine Restaurierung der Fenster durch den Glasmaler Étienne Thevenot aus Clermont-Ferrand, der auch das Amt des Generalkonservators der Monuments historiques innehatte, statt. Weitere Restaurierungen wurden in den 1850er bis 1880er Jahren durch die in Paris ansässigen Glasmaler Nicolas Coffetier, Charles Leprévost, Louis Steinheil und dessen Sohn Adolphe durchgeführt.Karine Boulanger: Thévenot, Coffetier, Steinheil, restaurateurs des vitraux de la cathédrale de Bourges (1845-1858). In: Bulletin monumental. Band 161–4, 2003, S. 325–352, hier S. 152–153. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgten weitere Restaurierungen in der Glasmalereiwerkstatt von Francis Chigot in Limoges, von dem auch alle Fenster der Kathedrale im Jahr 1939 ausgebaut und nach dem Zweiten Weltkrieg ab 1946 in Zusammenarbeit mit dem Atelier Lorin in Chartres wieder eingesetzt wurden. Eine weitere Restaurierung einzelner Fenster erfolgte im Jahr 1976. In den 1980er und 1990er Jahren wurden weitere Restaurierungen durchgeführt.Principales restaurations pour les Monuments historiques. Jean Mauret Vitraux
Anordnung und Bildprogramm Die Kathedrale von Bourges ist in fünf Schiffe gegliedert und besitzt einen Chor mit einem doppelten Chorumgang und Umgangskapellen sowie an die Seitenschiffe angebaute Kapellen. Die Fenster sind auf drei Ebenen angeordnet, die Nummerierung der Fenster erfolgt nach dem französischen Schema des Corpus Vitrearum Medii Aevi.Numérotation des fenêtres et des panneaux. Corpus Vitrearum International
Die unteren Fenster im Chorumgang, die aus dem 13. Jahrhundert stammen, bestehen aus kleinteiligen Szenen, auf denen Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament sowie Legenden von Märtyrern und Heiligen dargestellt sind. Die Fenster bestehen aus einer Lanzette, deren Scheiben vielfältige Formen wie Quadrat, Kreis, Drei-, Vier- oder Achtpass sowie eine Kombination dieser Formen aufweisen. Auf manchen Fenstern sind auf den unteren Scheiben Handwerker wie Steinmetze, Kürschner, Metzger oder Bäcker dargestellt, die die jeweiligen Zünfte als Stifter der Fenster ausweisen.
Die Fenster der Seitenkapellen im Langhaus, die aus dem 15./16. Jahrhundert stammen, bestehen aus vier Lanzetten und einem abwechslungsreichen Maßwerk. Die Fenster weisen, mit Ausnahme des Dionysius-Fensters (Fenster 31) und des Laurentius-Fensters (Fenster 46), große Personendarstellungen auf, die in eine aufwändige Scheinarchitektur eingebettet sind. Auf den Fenstern sind die Apostel, die Evangelisten, die Kirchenväter sowie Märtyrer und Heilige dargestellt, meist mit den Stiftern der Fenster und ihren Schutzpatronen und den Wappen der Stifterfamilien.
Fenster der unteren Ebene Untere Fenster im Chorumgang Fenster aus dem 16. Jahrhundert (Fenster 0, 1, 2) mini|Fenster 0 Die Fenster 0, 1 und 2 in der Chorscheitelkapelle oder Marienkapelle stammen aus dem letzten Viertel des 16. Jahrhunderts. Sie nehmen vermutlich das Bildprogramm der ursprünglichen Fenster aus dem 13. Jahrhundert auf, an deren Stelle sie eingesetzt wurden. Die Fenster bestehen aus zwei Lanzetten und einem Maßwerk mit 21 Scheiben.
Fenster in der Marienkapelle Fenster 0 Das mittlere Chorfenster stellt unten den Marientod (auch als Pfingstszene interpretiert) und darüber die Aufnahme Marias in den Himmel dar. Im Maßwerk sind Engel und die Monogramme der Stifter, Claude de la Châtre und Jeanne Chabot, zu sehen. Die unteren Scheiben mit Wappen und Draperien sind moderne Ergänzungen.
Fenster 1 Auf dem linken Chorfenster ist unten links die Verkündigung an Joachim und rechts an Anna durch einen Engel dargestellt, der ihnen die Geburt ihrer Tochter Maria vorhersagt. In der Szene darüber sieht man die Begegnung von Joachim und Anna an der Goldenen Pforte und oben Mariä Tempelgang.
Fenster 2 Auf dem rechten Chorfenster ist unten die Verkündigung der Geburt Jesu an Maria durch den Erzengel Gabriel dargestellt, darüber die Anbetung der Heiligen Drei Könige und die Flucht nach Ägypten.
Fenster aus dem 13. Jahrhundert (Fenster 3 bis 24) mini|Fenster des 13. Jahrhunderts im Chorumgang Die Fenster 3 bis 24 im Chorumgang wurden zwischen 1210 und 1215 geschaffen. Sie wurden im 19. Jahrhundert restauriert und teilweise ergänzt. An der Nord- und an der Südseite des Chorumgangs öffnen sich jeweils zwei Kapellen mit je drei Fenstern, die Kapelle der Unbefleckten Empfängnis (Chapelle de la Conception de la Vierge) mit den Fenstern 7, 9, 11 und die Kapelle des heiligen Nikolaus (Chapelle Saint-Nicolas), auch Heilig-Kreuz-Kapelle (Chapelle de la Sainte-Croix), mit den Fenstern 17, 19, 21 im Norden und die Kapelle des heiligen Stephanus (Chapelle Saint-Étienne) mit den Fenstern 8, 10, 12 und die Bettelordenskapelle (Chapelle Notre-Dame-des-Blancs-Manteaux, auch Chapelle Notre-Dame-la-Blanche) mit den Fenstern 18, 20, 22 im Süden.
Linke Seite (Nordseite) Fenster 3 mini|250px|Fenster 3: Neuer Bund Auf dem Fenster werden Szenen der Passion Jesu mit biblischen Erzählungen aus dem Alten Testament in Verbindung gebracht, sie sollen den Neuen Bund symbolisieren. Das Fenster besteht aus einer Lanzette mit zwei großen runden und zwei kleineren vierpassförmigen Scheiben, zwei kleineren Rundscheiben und zwei halben Vierpassscheiben. Auf der großen unteren Rundscheibe ist in der Mitte die Kreuztragung dargestellt, unten die Opferung Isaaks, links oben die Witwe von Sarepta und rechts oben das Tauzeichen, durch das nach der Offenbarung des Johannes die „Knechte Gottes“ gekennzeichnet werden (). Auf der kleineren, mittleren Rundscheibe ist die Kreuzigung Christi dargestellt, die weibliche Figur auf der linken Seite, die eine Krone auf dem Haupt trägt und das Blut Christi mit einem Kelch auffängt, soll die Ecclesia (Kirche) symbolisieren, die weibliche Figur auf der rechten Seite, deren Augen verbunden sind, die Synagoge. Auf den seitlichen Szenen sieht man links Moses, der Wasser aus dem Felsen schlägt, und rechts Moses und das Goldene Kalb. Die obere Rundscheibe stellt die Auferstehung Christi dar, unten links sieht man einen Pelikan, der mit seinem Blut seine Jungen nährt, und unten rechts Löwen, oben rechts ist der Prophet Jonas zu erkennen, der aus dem Maul eines Wales entkommt. In der mittleren oberen Szene segnet Jakob, der Sohn Isaaks, seine Enkel, die Söhne seines Sohnes Josef. Auf den unteren Szenen sind Metzger dargestellt, links wird ein Schwein, rechts ein Kalb geschlachtet. Das Fenster wurde von der Zunft der Metzger gestiftet.
Fenster 5 mini|hochkant|Fenster 5: Gleichnis vom verlorenen Sohn Thema des Fensters ist das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Das einbahnige Fenster besteht aus zwei großen, in fünf Szenen unterteilten Vierpassscheiben, zwei kleineren Rundscheiben und Teilen von Vierpassscheiben. Auf der unteren Scheibe ist der Sohn zu sehen, der sich sein Erbe aushändigen lässt und aufbricht. Nach einem ausschweifenden Leben wird er von einer Frau weggeschickt, verliert seine Kleider beim Spiel, verdingt sich als Hirte und wird zum Bettler. Er kehrt zu seinem Vater zurück, der ihn mit einer herzlichen Umarmung freudig begrüßt und eine Ziege für ein Festmahl schlachten lässt. In der kleinen oberen Rundscheibe ist das Festmahl dargestellt, darüber ist zu sehen, wie der Vater den zurückgekehrten Sohn mit dem Bruder versöhnt. Die kleinen unteren Scheiben stellen Gerber mit ihren Fellen dar, die Stifter des Fensters.
Fenster in der Kapelle der Unbefleckten Empfängnis (Fenster 7, 9, 11) Fenster 7 mini|150px|Fenster 7: Fenster des heiligen Martin Auf dem Fenster sind Szenen aus dem Leben des heiligen Martin von Tours dargestellt. Das Fenster ist in Quadrate und Vierpasshälften gegliedert, wobei sich eine Vierpasshälfte über zwei Quadrate erstreckt. Die unteren sechs Scheiben, wie die Darstellung, in der der heilige Martin seinen Mantel mit einem Bettler teilt, wurden im 19. Jahrhundert erneuert. Auf den oberen Scheiben ist der heilige Martin zu sehen, wie er eine Messe liest, wie er eine Taufe spendet, wie er den besessenen Knecht des Trierer Prokonsuls Tetradius heilt, worauf dieser sich zum christlichen Glauben bekehrt. Weiterhin sind die Einsetzung seines Nachfolgers Brictius als Bischof von Tours dargestellt sowie das Baumwunder, die Heilung eines Aussätzigen, die Wiedererweckung eines Kindes, der Tod des Heiligen und die Aufnahme seiner Seele bei Christus, dem ein weihrauchschwenkender Engel zur Seite steht.
Fenster 9 mini|150px|Fenster 9: Fenster der Apostel Petrus und Paulus