Der Zwerg-Holunder, Zwergholunder oder Attich (Sambucus ebulus, Synonyme: zum Beispiel Viburnum ebulus und Ebulum humile) ist eine Pflanzenart aus der Gattung Holunder (Sambucus). Der Zwerg-Holunder ist eine krautige Pflanze und unterscheidet sich hierdurch von den beiden anderen in Mitteleuropa heimischen Arten der Gattung Holunder, dem Schwarzen Holunder und dem Roten Holunder, die zu den Gehölzen gehören.

Beschreibung mini|links|Illustration aus Flora Batava. Band 18 mini|Blütenstand mini|Ansichten einer einzelnen Blüte mini|Oberseite eines Blatts mini|Nebenblätter mini|Früchte miniatur|Der Pollen der Blüten wird gern von Rosenkäfern gefressen Vegetative Merkmale Der Zwerg-Holunder ist eine ausdauernde, sommergrüne, krautige Pflanze, die Wuchshöhen von 50 bis 150 bzw. 200 Zentimeter erreicht und unterirdische Ausläufer bildet. Der gefurchte Stängel ist normalerweise unverzweigt. Die gegenständigen Blätter sind unpaarig gefiedert und bestehen aus fünf bis dreizehn lanzettlichen, 5 bis 16 Zentimeter langen und 1 bis 4,5 Zentimeter breiten, fein gesägten Fiederblättchen. Die Fiederblättchen besitzen einen schiefen Blattgrund. Sie sind kahl oder können auf der Blattunterseite flaumig behaart sein. Die auffälligen, lanzettlichen bzw. mehr oder weniger eiförmigen Nebenblätter sind laubblattartig und besitzen einen gesägten Blattrand.

Generative Merkmale Die Blütezeit reicht von Juni bis Juli bzw. bis August. Zahlreiche Blüten stehen in wenig gewölbten, doldenrispigen Blütenständen mit einem Durchmesser von 5 bis 16 Zentimetern zusammen. Die Blüten sind bei einem Durchmesser von etwa 5 bis 7 Millimetern radiärsymmetrisch. Die Blütenkrone ist weiß und selten auf der Außenseite rosa. Die Staubbeutel sind rot und färben sich später schwarz. Die Blüten duften nach bitteren Mandeln.

Als Früchte werden glänzend-schwarze, beerenartige Steinfrüchte gebildet. Sie besitzen einen Durchmesser von 5 bis 7 Millimeter und enthalten meist 3(4) Samen. Die Fruchtäste sind zur Reifezeit normalerweise violett oder purpurrot gefärbt.

Sonstige Merkmale Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 36.

Der Zwerg-Holunder soll einen äußerst unangenehmen Geruch besitzen.

Vorkommen Der Zwerg-Holunder kommt ursprünglich im Mittelmeerraum, im warmgemäßigten Europa bis einschließlich Mitteldeutschland sowie östlich bis zum nördlichen Iran und Turkmenien vor. Weiter kommt er im westlichen Nordafrika vor. In Irland, Großbritannien, Dänemark, Schweden, den baltischen Staaten, Zypern und Teilen des westlichen Nordamerikas ist er ein Neophyt.

In Österreich kommt der Zwerg-Holunder in allen Bundesländern häufig bis zerstreut vor.

Der Zwerg-Holunder wächst an Gebüsch- und Waldrändern, auf Lichtungen und Ödland, auf frischen Waldschlägen und in ruderalen Staudenfluren. Im Tiefland tritt er nur vereinzelt auf, ebenso in kalkarmen Gebieten, sonst wächst er zerstreut und ist meist bestandsbildend. Er bevorzugt stickstoffreiche und basische Böden. Er ist eine Charakterart des Sambucetum ebuli aus dem Aegopodion-Verband, kommt jedoch auch in Gesellschaften des Atropion-Verbands vor.

In den Allgäuer Alpen steigt er in Vorarlberg am Hirschberg zwischen Oberer und Unterer Hirschbergalpe bis in eine Höhenlage von 1520 Meter auf.

Die ökologischen Zeigerwerte nach Ellenberg sind: Lichtzahl: 8 = Halblicht- bis Volllichtpflanze; Temperaturzahl: 6 = Mäßigwärme- bis Wärmezeiger; Kontinentalitätszahl: 3 = ozeanisch bis subozeanisch; Reaktionszahl: 8 = Schwachsäure-/Schwachbasen- bis Basen- und Kalkzeiger; Feuchtezahl: 5 = Frischezeiger; Stickstoffzahl: 7 = Stickstoffreichtumzeiger; Salzzahl: 0 = nicht salzertragend; Schwermetallresistenz: - = nicht schwermetallresistent.

Ökologie Der Zwerg-Holunder ist ein Hemikryptophyt, der sich durch Samen und vegetativ durch sein Ausläufer bildendes Rhizom vermehrt.

Die Blüten sind Scheibenblumen mit freiliegendem Nektar. Die Bestäubung der zwittrigen Blüten erfolgt normalerweise durch Insekten wie Käfer, Fliegen, Schwebfliegen, Wespen und mittelrüsselige Bienen.

Taxonomie Der Zwerg-Holunder wurde 1753 von Carl von Linné in Species Plantarum Band 1, Seite 269, als Sambucus ebulus erstbeschrieben. Das Epitheton „Ebulus“ hatte Linné von Leonhart Fuchs (1501–1566) übernommen.

Inhaltsstoffe, Giftigkeit mini|links|Ebulosid Die Hauptwirkstoffe in den Früchten sind ein giftiger Bitterstoff mit den beiden Esteridoidglykosiden Ebulosid und Isoswerosid, daneben Kaffeesäure, p-Cumarsäure und Spuren eines Blausäureglykosids. Aus dem methanolischen Extrakt der Wurzel wurden 14 Substanzen isoliert, unter anderem Ebulosid als Hauptinhaltsstoff, 7-Hydroxyebulosid, 6´-O-β-D-Apiofuranosylebulosid, Isoswerosid, Secoebolosid, Morronisid und Koaburasid.

Alle Pflanzenteile sind giftig, besonders jedoch die Samen der schwarzen Beeren. Die akute Toxizität der Wurzel liegt im ungefährlichen Bereich und ist während der Blütezeit am größten.

Bei der Aufnahme von Früchten traten spontanes Erbrechen, Übelkeit und Durchfall auf; auch tödliche Vergiftungen sind bekannt.

Verwendung als Heilpflanze Der Zwergholunder gilt als wassertreibend, schweißtreibend und abführend. Die Anwendungsgebiete sind Wassersucht und Rheumatismus. Der arzneilich verwendete Pflanzenteil ist die Wurzel, die als Zwergholunderwurzel bzw. Ebuli radix (früher: Radix ebuli, auch AttichwurzGundolf Keil Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 355 (Attich und Attichwurtz) und 490 (zum Wortteil wurtz in attichwurtz).) bezeichnet wird. Allerdings wird der Zwergholunder heute kaum mehr als Heilpflanze genutzt.

Früher wurde der Zwerg-Holunder (auch Attich, gelegentlich auch Attig oder Atig;Vgl. etwa Andreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. Herausgegeben vom Oberpflegeamt der Stiftung Juliusspital Würzburg anlässlich der 425jährigen Wiederkehr der Grundsteinlegung. Stiftung Juliusspital Würzburg (Druck: Bonitas-Bauer), Würzburg 2001, ISBN 3-933964-04-0, S. 801: Atig Ebulis in Oeconomia von 1579). lateinisch in der Spätantike ebulum, später, vielleicht mit gallisch odocus „Attich“Helmut Genaust: Etymologisches Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen. Birkhäuser, Basel/Stuttgart 1976, ISBN 3-7643-0755-2, S. 152. verwandtem, ebulus und seltener sambucus,Otto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 141 (Ebulus) und 154 (Sambucus). sowie cameactus bzw. cameactisOtto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 179 („Ebulus – attich, […] cameactis […] atich, hollendorn, cameactus […]. Sambucus est actis sed ebulus est cameactis“) und 222 („Sambucus – holler, cameactus […]“). genannt) als schädliche Körpersäfte abführendesPeter Schönfelder, Ingrid Schönfelder: Der Kosmos-Heilpflanzenführer. Europäische Heil- und Giftpflanzen. 2. Auflage. Stuttgart 1988, S. 76. Heilmittel angesehen, das bereits im Altertum (so in der Medicina antiqua) unter anderem bei Nierensteinen, Milzschmerzen, Schlangenbiss und Wassersucht eingesetzt wurde.Hans Zotter: Antike Medizin. Die medizinische Sammelhandschrift Cod. Vindobonensis 93 in lateinischer und deutscher Sprache. Akademische Druck- u. Verlagsanstalt, Graz 1980 (= Interpretationes ad codices. Band 2); 2., verbesserte Auflage ebenda 1986, ISBN 3-201-01310-2, S. 160 f.

Verwendung als Zier- und Nutzpflanze Der Zwerg-Holunder wird als Zierpflanze verwendet und zur Dünenbefestigung gepflanzt.

Quellen Literatur

Einzelnachweise

Erhard Dörr, Wolfgang Lippert: Flora des Allgäus und seiner Umgebung. Band 2, IHW, Eching 2004, ISBN 3-930167-61-1, S. 518. Apotheker M. Pahlow: Das Grosse Buch der Heilpflanzen, Verlagsgruppe Weltbild GmbH, Augsburg, 2001, ISBN 3-8289-1839-5, S. 355 Lehrbuch der Biologischen Heilmittel, Madaus, 1938 In: Henriette's Herbal Homepage Datenblatt mit weltweiter Verbreitungskarte für Sambucus ebulus L. In: Plants of the World Online Gustav Hegi, Illustrierte Flora von Mitteleuropa, VI. Band, Erste Hälfte, J. F. Lehmanns Verlag, München, 1918, S. 236–237 Biologische Merkmale von Sambucus ebulus L., Zwerg-Holunder In: FloraWeb Lebensraum und Ökologie von Sambucus ebulus L., Zwerg-Holunder In: FloraWeb

T. G. Tutin, V. H. Heywood u. a.: Flora Europaea, Plantaginaceae to Compositae (and Rubiaceae). Band 4. Cambridge University Press, 1976, ISBN 0-521-08717-1, S. 44. Gross, G. A., Sticher, O., Anklin, C.: Ein neues Esteriridoidglycosid aus Sambucus ebulus L.(Caprifoliaceae). 1. Mitteilung über die inhaltsstoffe der Zwergholunderwurzel, Helvetica chimica acta, 1986, 69(1), S. 156–162,

Weblinks

Thomas Meyer: Holunder Datenblatt mit Bestimmungsschlüssel und Fotos bei Flora-de: Flora von Deutschland (alter Name der Webseite: Blumen in Schwaben) Attich-Abbildungen

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