Der Tudor-Mythos bezeichnet als erstmals von E. M. W. Tillyard geprägter Begriff eine Tradition in der englischen Geschichte, Geschichtsschreibung und Literatur, die die Zeit des 15. Jahrhunderts, einschließlich der Rosenkriege, in England als ein dunkles Zeitalter der Anarchie und des Blutvergießens darstellt. Dieser Mythos diente dabei vor allem dem politischen Zweck, die Tudorzeit des 16. Jahrhunderts im Gegensatz dazu als goldenes Zeitalter des Friedens, des Rechts, der Ordnung und des Wohlstands erscheinen zu lassen.Vgl. E. M. W. Tillyard: Shakespeare’s History Plays. Chatto & Windus 1948, ISBN 978-0-7011-1157-1, S. 29–32, sowie Ulrich Suerbaum: Das elisabethanische Zeitalter. Reclam, Ditzingen 1989, ISBN 3-15-008622-1, S. 41–43.
Shakespeares Richard II und Richard III Vor allem eine spezifische Stelle in Shakespeares Richard II wird in der Literatur- und Geschichtswissenschaft häufig als offenkundiger Ausdruck des Tudor-Mythos gesehen. Es handelt sich dabei um die kurze Rede des Bischofs von Carlisle, die er genau in dem Moment hält, als Bolingbroke andeutet, dass er den Thron Englands besteigen wird. Carlisle erhebt seine Stimme zum Widerspruch und beendet seinen Redebeitrag mit einer düsteren Zukunftsvision, die eben jene Bürgerkriege zu prophezeien scheint, die die realgeschichtliche Grundlage von Shakespeares Historien bilden:Nicholas Grene: Shakespeare’s Tragic Imagination. Springer 2016, ISBN 978-1-349-24970-1Robert Sanford Brustein: The Tainted Muse: Prejudice and Presumption in Shakespeare and His Time. Yale University Press 2009, ISBN 978-0-300-11576-5, S. 135Vgl. ebenso John Gillingham: The Wars of The Roses: Peace and Conflict in Fifteenth-Century England. Louisiana State University Press 1981, Phoenix Paperback, London 2005, ISBN 1-898801-64-9, Introduction: The Making of the Myth, S. 5 ff.
Richard II – englischer OriginaltextRichard II – deutsche Übertragung„My Lord of Hereford here, whom you call king, Is a foul traitor to proud Hereford’s king; And if you crown him, let me prophesy, The blood of English shall manure the ground And future ages groan for this foul act; Peace shall go sleep with Turks and infidels, And in this seat of peace tumultuous wars Shall kin with kin and kind with kind confound; Disorder, horror, fear, and mutiny, Shall here inhabit, and this land be call’d The field of Golgotha and dead men’s skulls. O! if you raise this house against this house, It will the woefullest division prove That ever fell upon this cursed earth. Prevent it, resist it, let it not be so, Lest child, child’s children, cry against you woe!“ (Richard II, Act 4, Scene 1)„Mein Herr von Hereford hier, den ihr König nennt, ist ein schändlicher Verräter am stolzen König von Hereford; Und wenn ihr ihn krönt, so lasst mich prophezeien, Englisches Blut wird den Boden düngen Und zukünftige Zeitalter ächzen wegen dieser schändlichen Tat; Der Friede wird zu den Türken und Ungläubigen schlafen gehen, und in diesem Sitz des Friedens werden aufrührische Kriege Brüder gegen Brüder und Bürger gegen Bürger erhitzen; Unordnung, Schrecken, Misstrauen und Aufruhr werden hier wohnen, und dieses Land wird genannt werden Das Feld von Golgatha und Totenschädel. O! Wenn ihr dieses Haus gegen das königliche Haus erhebt, wird die schlimmste Zwietracht entstehen, die jemals auf dieser verfluchten Erde gewütet hat. Verhindere es, widerstehe ihm, lass es nicht so sein, Damit Kind, Kindeskinder nicht Wehe über euch schreien!“ (Richard II, Akt 4, Szene 1)
Ebenso kommt der Tudor-Mythos in akzentuierter Form bereits in der Schlussszene des entstehungsgeschichtlich wahrscheinlich früher datierten Werks Richard III zum Tragen. In dieser Szene wird der jahrhundertelange Streit zwischen den Häusern York, der weißen Rose, und Lancaster, der roten Rose, abgeschlossen, ohne dass eines der beiden Häuser den Sieg errungen hätte. Mit dem Earl of Richmond, d. h. dem späteren Heinrich VII., besteigt der erste Tudor-König den Thron; dabei wird die besondere Legitimität dieses neuen Königshauses nachdrücklich herausgestellt („the true succeeders of each royal house“). Durch die Heirat Richmonds mit Elisabeth von York werden die beiden feindlichen Häuser in der neuen Tudor-Dynastie miteinander vereint, so dass von nun an dauerhaft eine glück- und friedenverheißende Zeit beginnt. Die Schlussverse von Richard III werden dabei in den Worten von Wolfgang Clemen von dem gesamten Tudor-Mythos „überglänzt“:Wolfgang Clemen: Kommentar zu Shakespeares Richard III. – Interpretation eines Dramas. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1957, S. 326 f.
Richard III – englischer OriginaltextRichard III – deutsche Übertragung And then, as we have ta’en the sacrament, We will unite the white rose and the red: Smile heaven upon this fair conjunction, That long have frown’d upon their enmity! What traitor hears me, and says not amen? England hath long been mad, and scarr’d herself; The brother blindly shed the brother’s blood, The father rashly slaughter’d his own son, The son, compell’d, been butcher to the sire: All this divided York and Lancaster, Divided in their dire division, O, now, let Richmond and Elizabeth, The true succeeders of each royal house, By God’s fair ordinance conjoin together! And let their heirs, God, if thy will be so. Enrich the time to come with smooth-faced peace, With smiling plenty and fair prosperous days! Abate the edge of traitors, gracious Lord, That would reduce these bloody days again, And make poor England weep in streams of blood! Let them not live to taste this land’s increase That would with treason wound this fair land’s peace! Now civil wounds are stopp’d, peace lives again: That she may long live here, God say amen! (Richard III, Act 5, Scene 5)Und dann, worauf das Sakrament wir nahmen, Vereinen wir die weiß’ und rote Rose. Der Himmel lächle diesem schönen Bund, Der lang’ auf ihre Feindschaft hat gezürnt! Wer wär’ Verräter g’nug, und sprach’ nicht Amen? England war lang’ im Wahnsinn, schlug sich selbst: Der Bruder, blind, vergoß des Bruders Blut; Der Vater würgte rasch den eignen Sohn; Der Sohn, gedrungen, ward des Vaters Schlächter; All dies entzweiten York und Lancaster, Entzweiet selbst in greulicher Entzweiung. – Nun mögen Richmond und Elisabeth, Die echten Erben jedes Königshauses, Durch Gottes schöne Fügung sich vereinen! Mög’ ihr Geschlecht (wenn es dein Will’ ist, Gott!) Die Folgezeit mit mildem Frieden segnen, Mit lachendem Gedeihn und heitern Tagen! Zerbrich der Bösen Waffe, gnäd’ger Gott, Die diese Tage möchten wiederbringen, Daß England weinen müßt’ in Strömen Bluts! Der lebe nicht und schmeck’ des Landes Frucht, Der heim des schönen Landes Frieden sucht! Getilgt ist Zwist, gestreut des Friedens Samen: Daß er hier lange blühe, Gott, sprich Amen! (Richard III, Akt 5, Szene 5)
Traditionelle historische Darstellung von Richard III Auffallend in dieser Tradition der Geschichtsschreibung und Literatur war die Beschreibung von Richard III. von England (1452–1485; Regierungszeit 1483–1485) als schwacher Herrscher und seine Charakterisierung als deformierter Buckliger und Mörder. Einer der entscheidenden Autoren, der diese Tradition begründete, war Thomas More mit seiner Abhandlung über die Geschichte Richards III. Shakespeare setzte diese Tradition durch seine Historien bzw. Geschichtsstücke fort, die das 15. Jahrhundert thematisieren: Richard II, Heinrich IV., Teil 1, Heinrich IV., Teil 2, Heinrich V., Heinrich VI., Teil 1, 2 und 3 sowie Richard III. Vgl. beispielsweise Edward Burns: William Shakespeare: Richard III. Horndon, Devon 2005, ISBN 0-7463-0916-3, Kapitel 2: Deformations of History., S. 38 ff.
Diese traditionelle Darstellung der englischen Geschichte dominierte die Geschichtsschreibung des Vereinigten Königreichs und des Commonwealths bzw. Amerikas bis ins 20. Jahrhundert hinein. Allerdings machten bereits im 17. und 18. Jahrhundert verschiedene Historiker und Autoren Einwände gegen diese vorherrschende Sichtweise in der englischen Geschichtsschreibung geltend.Siehe Reese, M. M. The Cease of Majesty: A Study of Shakespeare’s History Plays, Edward Arnold Publishers LTD., London 1961, insbesondere Kapitel 2 und 3.
Der revisionistische Historiker Paul Murray Kendall, Verfasser eines der bedeutsamen neueren Werke über die realgeschichtliche Figur Richards III, war unter anderem in dem geschichtswissenschaftlichen Diskurs im 20. Jahrhundert entscheidend daran beteiligt, auf die Verzerrungen in der dominierenden Darstellungstradition der Geschichte Englands aufmerksam zu machen.Paul Murray Kendall: Richard III, George Allen und Unwin Ltd., London 1955, vgl. neben der umfassenden Darstellung hier als Überblick etwa Preface, S. 7 f., und Prologue, S. 15–23. Siehe ebenso Paul Murray Kendall (Hrsg.): Richard III: The Great Debate: Sir Thomas More’s History of King Richard III and Horace Walpole’s Historic Doubts on the Life and Reign of King Richard III, Norton, New York und London 1965, Neuausgabe 1992, ISBN 0-393-00310-8, überblickhaft etwa General Introduction, S. 5–23.
Das Konzept des „Merry England“ bietet in diesem Zusammenhang eine gegenteilige Perspektive der historischen Entwicklung Englands. Genauer gesagt haben sich vor allem Ricardianische Historiker, so etwa Vertreter der Richard III Society oder der Society of Friends of King Richard III, bemüht historische Perspektiven aufzuzeigen, die entscheidende Errungenschaften und Vorzüge der kurzen Regierungszeit von Richard III. in den Vordergrund stellen.Vgl. John Gillingham: The Wars of The Roses: Peace and Conflict in Fifteenth-Century England. Louisiana State University Press 1981, Phoenix Paperback, London 2005, ISBN 1-898801-64-9, hier als Überblick bes. Introduction: The Making of the Myth, S. 1–14, bes. S. 3 ff. Siehe ferner Edward Burns: William Shakespeare: Richard III. Horndon, Devon 2005, ISBN 0-7463-0916-3, Kapitel 2: Deformations of History., S. 38 ff.
Ursprüngliche Quellen des Tudor-Mythos Die Anglica Historia von Polydor Vergil, Bücher 23–25 über Richard III.; Gesamte Ausgabe von 1555 (Heinrich VII. Offizieller Historiker von Heinrich VII.). Erstdruck 1534.Polydore Vergil, Anglica Historia (1555 version). Siehe dazu auch E. M. W. Tillyard: Shakespeare’s History Plays. Erstausgabe Chattoo und Windus 1944, Penguin Books, Harmondsworth, S. 32 ff. Sir Thomas Mores: History of King Richard III, Erstausgabe 1513Vgl. die Neuausgabe von Simon Webb (Hrsg.): The History of King Richard III. Langley Press, Durham 2015. Mores Veröffentlichung ist durchaus parteiisch und stellt Richard feindlich gesonnen dar. Einige Jahre nach Richards Tod behauptete More zufolge ein zeitgenössischer Autor oder Historiker aus Warwickshire namens John Rous, Richard habe zwei Jahre im Mutterleib verbracht und sei schließlich mit einem vollen Satz Zähne und vollem Haar geboren worden. Thomas More beschrieb Richard als „bösartig, zornig, neidisch … kleinwüchsig, kranke Gliedmaßen, krummer Rücken“. Mores Quelle war John Morton, der unter Heinrich VII. Erzbischof von Canterbury war und unter Eduard IV. und Richard III als Bischof von Ely gedient hatte. Andere von More in seiner Veröffentlichung aufgenommene Quellen umfassen verschiedene Tudor-Berichte, darunter die von John Rous und Polydore Vergil. More liefert ebenso eigene zeitgeschichtliche Zeugnisse.Charles Gross: The Sources and Literature of English History from the Earliest Times to about 1485. Longmans, Green & Company, 1900. p. 297. Siehe auch den Textauszug in der deutschen Übersetzung bei Günter Jürgensmeier (Hrsg.): Shakespeare und seine Welt. Hier: Thomas More: König Richard III. Galiani, Berlin 2016, ISBN 978-3-86971-118-8, S. 115–130.
Weitere historische Fortschreibung des Tudor-Mythos Edward Halls Union of the Noble and Illustre Families of Lancaster and York (1548), das damals wiederum als Referenz herangezogen wurde.