Diese Übersicht zu Frauen im Schweizer Alpinismus gibt zuerst Einblicke in die Entwicklung des Bergsteigens von Frauen in der Schweiz und listet danach einige Alpinistinnen namentlich auf.

Geschichte mini|Die Walker-Familie mit Freunden und Bergführern 1870. Hintere Reihe v. l. n. r.: Jakob Anderegg, M. J. Moore, Lucy Walker, Melchior Anderegg. Mitte v. l. n. r.; Miss Hughes, Horace Walker, Mrs F. Walker, A. W. Moore. Vorne v. l. n. r: Frank Walker, Johann Jaun

Überblick Die Anfänge des Frauen-Bergsteigens liegen im 19. Jahrhundert. Auch wenn es nur wenige Bergpionierinnen gab, waren Frauen in der Eroberung der Berge von Anfang an dabei. Frauen wurde jedoch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein weniger als Männern zugestanden, sich unnötig in Gefahr zu begeben. Zudem wurden die Frauen von Kleidervorgaben behindert. So war namentlich das Tragen von Hosen lange verpönt.

Wie bei den Männern kamen die ersten Alpinistinnen aus Grossbritannien und den USA: Die Amerikanerin Meta Brevoort bestieg 1871 als erste Frau die Dent Blanche, das Weisshorn und das Bietschhorn. Als sie sich im gleichen Jahr auch noch ans Matterhorn wagte, kam ihr die englische Alpinistin Lucy Walker zuvor. Margret Anne Jackson, eine Engländerin, unternahm 1888 vier Erstbesteigungen rund um Grindelwald, unter anderem das Lauteraarhorn und das Grosse Fiescherhorn.

Ab 1880 konnten Alpinistinnen eigenständiger auftreten und publizierten auch zunehmend. Die Zahl der Bergsteigerinnen nahm im 20. Jahrhundert weiter zu, als das Bergsteigen immer populärer wurde und Menschen aus der Mittelschicht und der Arbeiterklasse in die Berge reisen konnten. Es gab aber auch neue Hindernisse für Frauen, seien es explizite Ausschlüsse, wie beim Schweizer Alpen-Club, oder informelle Hürden, wie Patricia Putschert schreibt.

Einen Schub für das Frauenbergsteigen brachte das Sportklettern: Das Klettern in Hallen und Klettergärten war für Frauen aus Städten zugänglicher als das Alpinklettern.

In der alpinen Literatur, den Archiven und Museen gibt es vergleichsweise wenig Spuren zu Bergsteigerinnen. Ein Grund dafür ist, dass sie weniger schriftliche und bildliche Dokumente von ihren Unternehmungen hinterlassen haben und weniger über sie geschrieben worden ist.

SAC und die Frauen mini|SFAC-Ausweis von Marty Attinger, 1961, Sammlung des Alpinen Museums der Schweiz Nach der Gründung des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) im Jahr 1863 stellte sich bei gewissen Sektionen die Frage: Zählen Frauen zu den vom Alpen-Club angesprochenen «Schweizern» – oder gelten sie als Schweizerinnen? Einzelne Sektionen entschieden sich für Ersteres und gewährten den Frauen Zugang zum SAC. Dies löste Unmut aus. Die «Frauenfrage» kam 1907 zur Abstimmung, und die Männer schlossen ihre Kolleginnen schweizweit aus dem Club aus.Caroline Fink: Frauengeschichten. Wie die Frauen im SFAC ihre eigne Clubgeschichte schrieben. In: Daniel Anker (Hrsg.): Helvetia Club 150 Jahre Schweizer Alpen-Club SAC 1863–2013. SAC Verlag, Bern 2013, ISBN 978-3-85902-362-8, S. 118.

Elf Jahre nachdem in England der Ladies Alpine Club ins Leben gerufen worden war, gründeten 15 Alpinistinnen um Aline Margot-Colas (1865–1944) in Montreux den Schweizerischen Frauen-Alpen-Club (SFAC). Auf den 1. Januar 1980 fusionierten der SFAC und der SAC. Im Jubiläumsjahr 1968 zählte der SFAC 56 Sektionen und 7000 Mitglieder.Revue du Club Suisse de Femmes Alpinistes / Zeitschrift des Schweizerischen Frauen-Alpenclubs / Rivista del Club Alpino Feminile Svizzero / Revaisa dal Club Svizzer d’Alpinistas: Nos montagnes / Unsere Berge / Le nostre vette / Nossas muntagnas. Numéro de Jubilé / Jubiläumsnummer 1918–1968. 47. Jahrgang, Nr. 473/474. Zürich Mai 1968, S. 113. 2018 waren von den Neumitgliedern des SAC über 40 Prozent weiblich.

Bergführerinnen mini|Rita Christen, die erste Frau an der Spitze des Schweizerischen Bergführerverbandes Das «Central-Comité» des SAC forderte kurz nach seiner Gründung 1863 die kantonalen Sektionen auf, sich den Ausbildungen von Bergführern zu widmen. Es setzte sich die Überzeugung durch, dass künftige Bergführer ausgebildet und geprüft werden sollten. 1899 erstellte der SAC das «Reglement über die Führerkurse und Erteilung der Führerdiplome des S.A.C.» und regelte darin die Kurs- und Diplomierungsbedingungen. Bis Ende 1970er Jahre war den Frauen in der Schweiz aufgrund der Wehrdienstpflicht der Zugang zur Bergführerausbildung verwehrt.Gipfelstürmerinnen. In: thurgaukultur.ch. 4. Oktober 2019. Aldo Caminada brachte die strukturelle Barriere zum Fall: Er startete 1974 den Bergführerkurs. Da er nach seiner Rekrutenschule 1972 jeden weiteren Militärdienst verweigerte, wurde er als Dienstverweigerer zu sechs Monaten Gefängnisstrafe verurteilt und durfte seine Bergführerausbildung nicht mehr fortsetzen. Er zog das Urteil bis vor das Bundesgericht und bekam schliesslich Recht. 1977 stiess das Bundesgericht die Militärdiensttauglichkeit als Bedingung für den Bergsteigerberuf um und ebnete damit den Frauen den Weg zur Bergführerausbildung. Nicole Niquille erlangte 1986 als erste Schweizerin das Bergführerinnen-Diplom. Mit 40 Bergführerinnen lag der Frauenanteil in der Schweiz 2021 bei 2,7 Prozent. Mit Rita Christen steht seit Herbst 2020 erstmals eine Frau an der Spitze des Schweizerischen Bergführerverbandes.

Frauenseilschaften Als erste bedeutende reine Frauenseilschaft werden in der Literatur die Amerikanerin Miriam O’Brian (1898–1976) und die Französin Alice Damesme (1894–1974) genannt. Sie bestiegen neben französischen Gipfeln 1932 das Matterhorn als erste Frauenseilschaft.

Im Jahr 2021 bestiegen mehr als 700 Bergsteigerinnen aus über 20 Ländern alle 48 Viertausender der Schweiz in reinen Frauenseilschaften. Dies erfolgte im Rahmen einer von Schweiz Tourismus lancierten 100 % Women Peak Challenge.

Kurzbiografien (nach Geburtsdatum geordnet)

Henriette d’Angeville Henriette d’Angeville (1794–1871) war eine französische Bergsteigerin. Sie gilt als die «erste große Alpinistin».

Margaret Brevoort Meta Claudia Brevoort (1825–1876) war eine US-amerikanische Bergsteigerin, die vorwiegend in den Alpen unterwegs war.

Elise Brunner Elise Brunner (1831–1898) war eine in Bern geborene Bernburgerin. Sie bestieg zusammen mit ihrem Bruder Wilhelm Brunner (1832–1904) und den beiden Bergführern Christian Michel und Christian Gertsch vom 24. bis 27. September 1869 das Schreckhorn. Sie war die erste Frau in der Berner Sektion des Schweizerischen Alpen-Clubs (SAC), die zum Ehrenmitglied ernannt wurde.Veronika R. Meyer: Berg 365 Jubiläumskalender SAC St. Gallen 1863–2013, hrsg. von der SAC-Sektion St. Gallen 2013

Catharina Seiler-Cathrein Catharina Seiler-Cathrein, auch Katharina Seiler (1834–1895), war eine Schweizer Hotel-Pionierin und Bergsteigerin. Die 16-fache Mutter gilt als Pionierin des Fremdenkurorts Zermatt.

Lucy Walker Lucy Walker (1836–1916) war eine britische Alpinistin, die 1871 als erste Frau das Matterhorn erklomm.

Anna Pigeon Anna Pigeon (1836–1917) war eine englische Alpinistin, die zusammen mit ihrer Schwester Ellen, jedoch ohne männliche Angehörige, während zehn Jahren jeden Sommer in den Alpen kletterte. 1885 erschien im Selbstverlag die Broschüre «Peaks and Passes», welche Angaben zu 126 Bergtouren zwischen1869 und 1876 enthält. Bekannt wurden die beiden Schwestern durch die erfolgreiche Traversierung des damals für so gut wie unüberquerbar gehaltenen Sesiajochs von Zermatt nach Alagna am 12. August 1869.Tanja Wirz: Gipfelstürmerinnen. Eine Geschlechtergeschichte des Alpinismus in der Schweiz 1840–1940, hier+jetzt, Baden 2007, ISBN 978-3-03919-033-1, S. 225.

Anna Voigt Anna Voigt (1847–1921) war eine deutsche Alpinistin, die 1877 als erste Deutsche auf dem Gipfel des Matterhorns stand. Des Weiteren gelangen ihr zahlreiche weitere ' weibliche' Erstbesteigungen von u. a. Schweizer Bergen wie der Dufourspitze oder dem Piz Bernina.

Elizabeth Hawkins-Withshed Elizabeth Alice Hawkins-Withshed (1861–1934), verwitwete Burnaby, verwitwete Main, seit 1900 Elizabeth Alice (Aubrey) Le Blond, war eine irische Bergsteigerin. Sie gehörte zu den Gründerinnen des englischen Ladies' Alpine Club (1907) und war zeitweise dessen Präsidentin. Vermutlich war sie 1883 die erste Frau, die einen Anfänger auf den Col du Tour im Montblanc-Massiv führte und 1886 amtete sie als Expertin an einer der ersten schweizerischen Bergführerprüfungen im Engadin.Tanja Wirz: Gipfelstürmerinnen. Eine Geschlechtergeschichte des Alpinismus in der Schweiz 1840–1940, hier+jetzt, Baden 2007, ISBN 978-3-03919-033-1, S. 240. alternativtext=Dankeskarte von Christian Klucker an Anna Huber (1924)|mini|Dankeskarte von Christian Klucker an Anna Huber (1924)

Anna Huber-Baumgartner Anna Huber (1862–1940) war eine in St. Gallen geborene Alpinistin. Sie verbrachte zumindest ihre zweite Lebenshälfte im Fextal im Engadin. Mit dem Bergführer Christian Klucker bestieg sie mit 63 Jahren als erste Frau den Ago di Sciora.

Aline Margot-Colas Aline Margot, geboren 1865, war eine Hotelière mit einer grossen Liebe zu den Bergen. Sie bereiste die ganze Welt und bestieg Gipfel sowohl in Neuseeland, Kenia, in den Anden, den Rocky Mountains als auch in den Dolomiten, den Pyrenäen und in der Schweiz. Mit über 60 Jahren kletterte Aline Margot auf den Grépon bei Chamonix. Da die Männer im Schweizer Alpen-Club (SAC) keine Frauen duldeten, gründete sie am 27. Februar 1918 in Montreux eine erste Vereinigung von bergbegeisterten Frauen, aus dem nach drei Monaten der Schweizerische Frauen-Alpen-Club (SFAC) hervorging.

Eleonore Noll-Hasenclever Eleonore Noll-Hasenclever (1880–1925) war eine deutsche Bergsteigerin und selbständige Bergführerin.

Hanni Bay Hanni Bay (1885–1978) war eine Schweizer Malerin und Alpinistin. Ihre Tätigkeit als Bergsteigerin war Inspiration vieler ihrer künstlerischen Werke.

Beatrix von Steiger Beatrix von Steiger (1889–1974) war eine Schweizer Kulturschaffende und Bergsteigerin.

Gret Mittelholzer Gret Mittelholzer (1899–1997) war eine Schweizer Bergsteigerin. Sie unternahm mit dem Bergführer Bruno Primi anspruchsvolle Bergtouren. Beispielsweise gelang dieser Seilschaft 1936 die Wiederholung der Comici-Route an der Civetta, eine der damals schwierigsten Klettereien. Ihre bergsteigerischen Leistungen hielt sie im Verborgenen. Als eine der ersten Frauen studierte Mittelholzer an der Universität St. Gallen Ökonomie und arbeitete für die Nationalbank. Bei Orell Füssli war sie für das Direktionssekretariat zuständig und erhielt als erste weibliche Mitarbeiterin den Direktorenrang. Sie war die Schwester von Luftfahrtpionier Walter Mittelholzer. alternativtext=Loulou Boulaz (1959)|mini|Loulou Boulaz (1959)|157x157px

Loulou Boulaz Loulou Boulaz (1908–1991) war eine der ersten Extrembergsteigerinnen der Schweiz und Skirennfahrerin. Sie habe den Bergsport mit einer feministischen Einstellung verbunden und immer wieder Grenzen überschritten, etwa indem sie – trotz Verbot – im Konkubinat lebte.

Mäusi Lüthy Martha «Mäusi» Lüthy (1911–2002) war eine Schweizer Alpinistin, Skirennfahrerin und Erstbegeherin von Kletterrouten im Jura und in den Berner Alpen.

Betty Favre Berthe «Betty» Favre (1918–1977) war eine Schweizer Bergsteigerin, Fotografin und Autorin.

Claude Kogan Claude Kogan (1919–1959) war eine französische Bergsteigerin. Im Herbst 1954 stellte sie am Cho Oyu mit 7600 Metern den Höhenweltrekord für Frauen auf.

Gaby Steiger Gaby (Gabriella) Steiger (1921–2009) war eine der ersten Extrembergsteigerinnen der Schweiz. alternativtext=Yvette Vaucher (2018)|mini|Yvette Vaucher (2018)|160x160px

Yvette Vaucher Yvette Vaucher (1929–2023, geborene Yvette Pilliard) war eine Schweizer Bergsteigerin. Sie war die erste Frau, die die Nordwand des Matterhorns bestiegen hat. Zudem war sie die erste weibliche Fallschirmspringerin der Schweiz.

Agnes Dubler