Der Mitcham Schmidt (, sinngemäß ‚Schmidt-Anlage‘; auch ) ist ein Ensemble zweier Bauten am Rechov Hillel in Jerusalem, Israel. Diese sind die beiden Gebäude Rechov Hillel 25 (bis 1908 Hospiz am Jaffator, danach Altes Hospiz genannt) und Rechov Hillel 27 (u. a. Schule am Jaffator, auch Klostergebäude der Borromäerinnen genannt). Deren engagierter Schulleiter Pater Wilhelm Schmidt ist Namensgeber des Mitcham Schmidt.
Im westlichen Alten Hospiz (Rechov Hillel Haus Nr. 25) befindet sich seit 1952 die Synagoge Tempio Italiano im Ostflügel des ersten Stocks und seit 1983 ist auf allen Etagen beheimatet das Nachon-Museum der Judenheit Italiens, das auf eine zwischen 1952 und 1974 entstandene Sammlung zurückgeht und nach Umberto Schlomoh Nachon () benannt ist, der die Sammlung pflegte und ausbaute.
Den östlichen Bau des Ensembles (Rechov Hillel Haus Nr. 27; erstes, eigenes Gebäude der Schmidt-Schule, auch Mädchen-Schule am Jaffator, auf oder seit 1921 ) erstand nach Jahren des Leerstands 2022 ein französischer Immobilieninvestor.
Lage Der Mitcham Schmidt befindet sich auf dem Grundstück Rechov Hillel 25/27 Ecke Rechov Angelo Levi-Bianchini. Der Rechov Hillel liegt in der westlichen Neustadt nordwestlich außerhalb der Mauern Jerusalems und beginnt in der im 19. Jahrhundert entstandenen Vorstadt Mamilla im nordwestlichen Ausläufer von Gehinnom. Die im Deutschen gebräuchliche Bezeichnung Hospiz am Jaffator, Hospiz und Schmidt-Schule am Jaffator schließt einen eher gewollten Ortsverweis ein, denn vom Mitcham Schmidt sind es 1,1 Kilometer Wegs bis zum Jaffator. Das Hospiz war dennoch nicht ungünstig gelegen, denn wer vor Eröffnung der Bahnstrecke Jaffa–Jerusalem (1892) in die Heilige Stadt pilgerte, würde von Westen kommend zwangsläufig vor Erreichen des Ziels das Hospiz am Jaffator passieren.Chaim Goren (), , in: The Italian Jewish Cultural Centre in the Heart of Jerusalem, Ruhama Bonfil (; Hrsg.), Jerusalem: , 2014, S. 15–40, hier S. 22. Keine ISBN.
Der Mitcham Schmidt gruppiert sich im Westen und Osten um einen viereckigen Hof (auch Chatzar Schmidt genannt), 1947 gegliedert als Garten westlich der MitteItziq Schwiqy () und Michael Ginzburg (), , Jerusalem: , 2016, Seite wie gesondert angegeben. Keine ISBN. und östlich davon als Schulhof, der seit 1982 als öffentlicher Platz zum Rechov Hillel im Süden offen ist. Die beiden Gebäude des Mitcham Schmidt am Rechov Hillel sind von West nach Ost mit den Hausnummern 25 und 27 adressiert. Im Norden begrenzt den Chatzar Schmidt der Merkaz haTarbujjot – Ulam Harmonjah (). Der Mitcham Schmidt grenzt östlich und nördlich unmittelbar an das drittälteste jüdische Viertel in der westlichen Neustadt, an Nachalat Schivʿa (), das in den 1860er Jahren entstand.
Geschichte Der 1857 als Franziskaner (OFM) geweihte Pater Ladislaus (bürgerlich: Eduard Schneider),NN, „Schneider Edward“, auf: Encyklopedia wiedzy o Kościele katolickim na Śląsku; abgerufen am 13. November 2022. der in Sankt Annaberg den oberschlesischen Zweig des in Aachen ansässigen, seit 1863 bestehenden Vereins vom Heiligen Grabe gegründet und dazu eigens ein Mitgliederjournal auf Polnisch herausgegeben hatte,NN (i.), „Vereinsnachrichten“, in: Das heilige Land, Verein vom heiligen Grabe (Hrsg.), Jg. 14 (1870), S. 37. kam 1875 erstmals ins Heilige Land.
mini|300px|Luftbild 1918: Der Rechov Jafo (Landstraße nach Jaffa, oben rechts), Mitcham Schmidt mit hellen Dächern, Vorbau und Türmchen (unterhalb der Mitte, ab vom Rand rechts), Monastère Ratisbonne (unten links) und Talitha Kumi (oben Mitte) mini|300px|Rund um den Mamilla-Friedhof 1946: Die Mädchenschule Talitha Kumi nordwestlich der Mitte angezeigt durchs Kürzel Sch. oberhalb des Straßennamens King George [St.], der Mitcham Schmidt ist mittig dargestellt durchs Kürzel Sch. (für Schmidt’s Girls’ College) und den östlich benachbarten Bau über dem Namenszug Bezalel St., wie der Rechov Hillel damals noch hieß Er mühte sich darum, für katholische Deutsche aller Zungen eine Anlaufstelle und Vertretung in Jerusalem einzurichten. Im Jahre 1877 konnte Schneider das 4,6 metrische Dunam große Gartengrundstück mit Zisterne und zwei kleinen Bauten 500 Meter nordwestlich vom Mamilla-Becken für 26.000 Franken der Lateinischen Münzunion erwerben,Itziq Schwiqy (), “” (Mitte 2015), auf: ; abgerufen am 13. November 2022. heute der Mitcham Schmidt, um sein Werk zu starten.
In der Umgebung hatten auch andere europäische christliche Werke ihr Tätigkeit aufgenommen, wie 1868 im 450 Meter nordwestlich gelegenen heutigen Rechov haMelech George 18 die evangelische Mädchenschule Talitha Kumi,Sie entstand 1851 als erste ihrer Art im Osmanischen Reich und bezog 1868 ihren zweiten Sitz, einen Neubau. 1873 das Aussätzigen-Asyl Jesus-Hilfe (im 500 Meter weiter südlich gelegenen Rechov Agron 20, seit 1887 Kloster der LazaristenDas Aussätzigen-Asyl Jesus-Hilfe hatte 1887 inzwischen selbst seinen Neubau bezogen.), und 1874 kaufte Alphonse Ratisbonne das 750 Meter südwestlich gelegene Grundstück für das künftige Waisenhaus Orphelinat Saint-Pierre de Sion (heute Monastère Ratisbonne der Schwestern Unserer Lieben Frau von Sion im Rechov Schmuʾel haNagid 26).
Schneiders Ziel war es wie die pietistischen Templer ebenfalls im Heiligen Land ein Siedlungswerk zu schaffen, um unter Palästinadeutschen ein katholisches Element zu etablieren (die meisten waren pietistische Templer, ein Viertel etwa landeskirchliche Protestanten,Ralf Balke, Hakenkreuz im Heiligen Land: Die NSDAP-Landesgruppe Palästina, Erfurt: Sutton, 2001, Seite wie gesondert angegeben. ISBN 3-89702-304-0. katholische und jüdische Deutsche waren zunächst wenig vertreten), wozu der heutige Mitcham Schmidt und ein ebenfalls 1876 von ihm in Absprache mit dem Verein vom Heiligen Grabe neu erworbenes Gelände in al-Qubaybah Ausgangspunkte bilden sollten. Tatsächlich kamen junge deutsche Katholiken nach Jerusalem auf der Suche nach Arbeit und einem neuen Leben, manche eigentlich auf Pilgerfahrt angereiste Wallfahrer schlossen sich ersteren an.
Bis sie sich etablieren konnten, bildeten sie im geschützten Raum in Schneiders Deutsch-katholischer Niederlassung vor dem Jaffator mit den beiden beim Kauf übernommenen kleinen Baulichkeiten eine Art Kommune und bauten sie in Eigenarbeit mit auf. Im Südwesteck des heutigen Mitcham Schmidt begannen Schneider und seine kommunardischen Mitstreiter 1877 nach seinen Plänen ein einstöckiges Gebäude, in das sie eine der beiden vorhandenen Baulichkeiten einbezogen.
Anfangs hatten das Lateinische Patriarchat, Frankreich in seinem Selbstverständnis als Schutzmacht aller Katholiken im Orient und die franziskanische Kustodie des Heiligen Landes Schneiders Bemühungen unterstützt. Er erschien vor allem als Einzelkämpfer, der Verein vom heiligen Grabe unterstützte ihn nur mental, Spenden zum Erwerb der Grundstücke kamen vor allem durch Schneiders eigenes Werben herein.
Doch als dem französischen Konsul zu Jerusalem klar wurde, dass Schneiders Ansatz schließlich auf ein katholisches Werk unter Protektion Deutschlands hinauslaufen könne, sah er Frankreichs Vertretungsanspruch bedroht und stimmte die beiden anderen Institutionen um, Schneider nicht weiter zu unterstützen, dessen kirchlicher Dienstherr versetzte ihn schließlich Anfang 1879 nach Alexandria,Chaim Goren (), „Mission, Erziehung, Gastfreundschaft und Wissenschaft: die deutschen Katholiken und Jerusalem im 19. Jahrhundert“, in: Deutschland und Deutsche in Jerusalem, Chaim Goren und Ejal Jakob Eisler (; Hrsg.), Jerusalem: , 2011, S. 226–245, hier Seite wie gesondert angegeben. ISBN 978-965-91794-0-4. wo er die Deutsche Schule der Borromäerinnen Alexandria begründete. Die Jahre 1880 bis 1884 waren schwierige Jahre für die Niederlassung vorm Jaffator ohne den tatkräftigen Schneider. Frankreich war bestrebt, Schneiders Deutsch-katholische Niederlassung vor dem Jaffator einer französischen katholischen Institution zu übertragen.
Doch Schneider blieb auch von Ferne nicht untätig, er initiierte ein Komitee aus Mitgliedern des Vereins vom Heiligen Grabe, darunter Wilhelm Leopold Janssen, und anderen katholischen Aktivisten, um den Verein zu bewegen, zu Gunsten seines in den Kinderschuhen befindlichen Werkes einzutreten. Janssen, der persönliche Schikanen aus dem Bismarckschen antikatholischen Kulturkampf kannte, ergriff energisch Initiative zur Bewahrung des Werkes Schneiders. Ihm gelang 1881 zunächst einmal, auf seinen Namen, denjenigen eines religiösen Laien, die Grundstücke des Ordensmannes Schneider zu übertragen, womit sie vor religiösem anderweitigem Zugriff sicher waren. Die fortgesetzte Zurückhaltung des Vereins führte zum Zerwürfnis.
Ende 1884 begann Janssen Schneiders Projekt umzukrempeln, weg von der Kommune angehender Siedler hin zu einem regulären Pilgerhospiz, einer Schule und einer Vertretung katholischer Deutscher im Lande. Um kommunardische Typen fernzuhalten, nahm das Hospiz keine Abenteurer mehr auf, sondern am besten Verheiratete, wahre Pilger oder Geschäftsreisende. Im Mai 1885 erlangte Janssen für die Deutsch-katholische Niederlassung vor dem Jaffator die Protektion durchs deutsche Konsulat Jerusalem und der von ihm, Janssen, Schneider und dem Komitee initiierte Palästinaverein der Katholiken Deutschlands, dessen Name schon das programmatische Anliegen anzeigte, trat im September des Jahres dann offiziell ins Leben.
Seine Mitglieder wählten Janssen zum Vorsitzenden.Chaim Goren (), , in: The Italian Jewish Cultural Centre in the Heart of Jerusalem, Ruhama Bonfil (; Hrsg.), Jerusalem: , 2014, S. 15–40, hier S. 17. Keine ISBN. Janssen übergab die Liegenschaften in Jerusalem und al-Qubaybah, die er nur treuhänderisch verwaltet hatte, dem neuen Verein. Janssen bestellte als ersten Leiter der Werke des Vereins im Lande 1887 den jungen, jüdisch geborenen Neophyten Pater Joseph Aaron Stein.Chaim Goren (), , in: The Italian Jewish Cultural Centre in the Heart of Jerusalem, Ruhama Bonfil (; Hrsg.), Jerusalem: , 2014, S. 15–40, hier S. 24. Keine ISBN.
Als erstes wurde der halbfertige Bau im südwestlichen Eck des Grundstücks als Hospiz am Jaffator für katholische Pilger aus Deutschland ausgebaut. Seit das Pilgerhospiz im August 1908 ins just fertiggestellte Paulus-Haus umgezogen war, wurde die Bezeichnung Altes Hospiz () gebräuchlich, während der Bau selbst komplett in die Nutzung als Alumnat der Schmidt-Schule überging.
Theodor Sandel lieferte den Entwurf für das Hospiz im neogotischen Stil und führte die Bauarbeiten. Der Bau begann 1885 und war Ende 1886 außen fertig gestellt, während sich der Ausbau der 30 Räume in Parterre und erstem Obergeschoss bis Oktober 1887 hinzog, zu welcher Zeit Pater Stein die Kapelle im ersten Stock einweihte.Chaim Goren (), , in: The Italian Jewish Cultural Centre in the Heart of Jerusalem, Ruhama Bonfil (; Hrsg.), Jerusalem: , 2014, S. 15–40, hier S. 25. Keine ISBN. Gottesdienste wurden wahlweise auf Deutsch oder Arabisch gehalten. Auch die Gestaltung der Kapelle hatte Sandel geplant und geleitet, wobei der Bildhauer Christoph Daniel Paulus (1848–1936) und der Maurer Gottlieb Friedrich Gohl (1859–1912Ejal Jakob Eisler () und Ulrich Gräf, Der historische Friedhof der Tempelgesellschaft in Jerusalem / The historic cemetery of the Temple Society in Jerusalem, Landeskirchliches Archiv Stuttgart der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und Verein für württembergische Kirchengeschichte (Hrsgg.), Stuttgart: Landeskirchliches Archiv Stuttgart, 2023, S. 164. ISBN 978-3-944051-23-9.) aus der Templersiedlung im Emeq Rephaʾim die beiden Altäre schufen, ein Tischler aus der Kommune das Gestühl fertigte und bunte Kirchenfenster aus Deutschland geliefert wurden.