mini|Norman Finkelstein im Jahr 2005 Norman Gary Finkelstein (* 8. Dezember 1953 in Brooklyn, New York City) ist ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler. Er verfasste mehrere Bücher zum Themenkomplex des Zionismus, des Nahostkonflikts und des Gedenkens an den Holocaust. In Deutschland wurde er 2000 mit seinem Buch Die Holocaust-Industrie bekannt, das eine Debatte über die Erinnerungskultur zu diesem Ereignis, über seine Singularität und Entschädigungen für NS-Zwangsarbeiter verstärkte.

Leben Familie Finkelsteins aus Polen stammende Eltern, Maryla Husyt und Zacharias Finkelstein, wurden als Juden nach der deutschen Besetzung Polens verfolgt. Beide überlebten den Aufenthalt im Warschauer Ghetto, die Mutter zudem das Konzentrationslager Majdanek, der Vater das KZ Auschwitz. Alle anderen Verwandten wurden umgebracht. Nach dem Zweiten Weltkrieg wanderten Finkelsteins Eltern in die USA aus.Interview mit E-international Relations, 4. November 2013. In dem Interview spricht Norman Finkelstein auch über seine Familiengeschichte. Abgerufen am 12. Dezember 2017.

Akademischer Werdegang Finkelstein machte 1974 seinen Bachelor-Abschluss an der Binghamton University im US-Bundesstaat New York und ging anschließend an die École pratique des hautes études in Paris. 1978 und 1979 war er Dozent an der Princeton University im Bereich Politikwissenschaften, an der er 1980 seinen Master erlangte. Von 1981 bis 1982 war er Dozent für Politikwissenschaft an der Rutgers University. 1988 promovierte er im Department of Politics in Princeton über eine Theorie des Zionismus. Von September 1988 bis Mitte 1992 war er als Junior-Professor am Brooklyn College und von 1992 bis 1998 als außerordentlicher Professor für allgemeine Studien an der New York University. Von 1992 bis 2001 war er im Fachbereich politische Wissenschaften außerordentlicher Professor am Hunter College der NY University. Von 1998 bis 2003 war er als Gastprofessor an der katholischen DePaul University in Chicago tätig, anschließend als Junior-Professor im Bereich Politikwissenschaften.

Noam Chomsky zufolge hätten Finkelsteins Professoren an der Princeton-Universität ihn wegen der Veröffentlichung seiner Kritik an Joan Peters Buch From Time Immemorial in seinem Studium behindert. Dies habe seine akademische Laufbahn nachhaltig negativ beeinflusst. Erst nachdem Chomsky Finkelstein den Wechsel an eine andere Fakultät vermittelt hatte, schloss er dort sein Studium mit dem Grad des Ph.D. ab. Da Finkelstein darauf folgende universitäre Stellenangebote abgelehnt habe, die von ihm verlangten, seinen „Kreuzzug“ zu beenden, habe er zunächst als Sozialarbeiter auf Teilzeitbasis arbeiten müssen.Noam Chomsky: The Fate of an Honest Intellectual. In: Understanding Power, The New Press, New York 2002, S. 244–248.

Im Juni 2007 wurde Finkelsteins Bewerbung für einen Lehrstuhl an der DePaul University abgelehnt, was dieser als politisch motiviert kritisierte. Der Universitätsleiter Dennis H. Holtschneider wies schließlich den Vorwurf einer politisch motivierten Ablehnung von Finkelsteins Bewerbung zurück und äußerte Missfallen über öffentlichen Druck von Gegnern Finkelsteins. Er begründete die Ablehnung mit fehlendem Respekt Finkelsteins für die Notwendigkeit der freien Befragung seiner Fürsprecher im Bewerbungsprozess.New York Times 2007, wörtlich schreibt die New York Times, der Universitätsleiter meine, Finkelstein is an excellent teacher and a nationally recognized public intellectual but does not “honor the obligation” to “respect and defend the free inquiry of associates.”. Die Fakultät für politische Wissenschaften hatte zuvor für eine Anstellung von Finkelstein gestimmt.

Publikationen Theorie des Zionismus Gegenüber vielen positiven Rezensionen beurteilte Finkelstein in seiner Doktorarbeit das 1984 erschienene Buch From Time Immemorial von Joan Peters im Ergebnis als weitgehend falsche, nur vordergründig wissenschaftliche Darstellung der Verhältnisse in Palästina vor und nach der Gründung des Staates Israel. Seine Versuche, eine Rezension in US-Medien zu veröffentlichen, waren anfangs erfolglos; erst durch Noam Chomskys Eintreten erschien Finkelsteins Artikel in dem kleinen Magazin In These Times.Norman G. Finkelstein: A Spectacular Fraud: From Time Immemorial, In: In These Times, 5. September 1984, S. 12–14. Er fand jedoch zunächst weder in der Fachwelt noch der Presse Beachtung.

Erst nachdem Peters Buch in Großbritannien erschienen war und Chomsky Finkelsteins Untersuchungen dazu dort bekannt gemacht hatte, wurden die Rezensenten auf ihn aufmerksam.Vgl. Noam Chomsky: The strange case of 'From Time Immemorial', continued. Leserbrief in der New York Times, 18. März 1986. In der Folge erhielt From Time Immemorial in Großbritannien zahlreiche negative Kritiken, unter anderem im renommierten London Review of Books und im Observer.Ian Gilmour, David Gilmour: Pseudo-Travellers, in: London Review of Books, 7. Februar 1985. S. 8f. Albert Hourani: An ancient war, in: The Observer (London), 3. März 1985, S. 27. Auch in den USA wurden die zuvor positiven Rezensionen relativiert.

Zum israelisch-palästinensischen Konflikt 1995 veröffentlichte Finkelstein sein erstes Buch Image and Reality of the Israel-Palestine Conflict (deutsche Ausgabe 2002), das sich mit dem Nahostkonflikt, der Geschichte des Staates Israel und erneut mit dem „jüdischen Nationalismus“ (Zionismus) befasste. Darin widmete er den Thesen von Benny Morris, einem der „Neuen israelischen Historiker“, breiten Raum. Morris vertritt die These, dass die palästinensischen Flüchtlinge vor 1948 großenteils nicht infolge von Aufrufen arabischer Autoritäten geflohen, sondern im Krieg der arabischen Staaten gegen Israel vertrieben oder zur Flucht gezwungen worden seien.

Finkelstein unterstützte das Recht der Palästinenser auf gewaltfreien Widerstand und verglich Israels Vorgehen ihnen gegenüber mit Methoden der Gestapo. Jüdische Organisationen warfen ihm deshalb Antisemitismus vor. Daraufhin verwies er auf Interview-Aussagen eines israelischen Militäroffiziers, der gesagt habe, man müsse bei der Erstürmung dicht besiedelter Flüchtlingslager auch von den Methoden der Nationalsozialisten, etwa in Bezug auf das Warschauer Ghetto, lernen.. In: Haaretz, 25. Februar 2002 Als Jude und Sohn von Holocaust-Überlebenden verweist Finkelstein häufig auf seinen familiären Hintergrund, um Vorwürfe, er sei Antisemit, als absurd zurückzuweisen. Ludger Heid deutete dies als eine problematische Strategie, seine Ansichten glaubhafter erscheinen zu lassen.Dazu schrieb Heid in seiner Rezension zu Finkelsteins Buch Antisemitismus als politische Waffe: „Finkelsteins zugespitzte Behauptung lautet: Es gibt eine anti-palästinensische Politik Israels, praktiziert unter tätiger Mithilfe der USA, die den Judenmord instrumentalisiert und damit moralische Erpressungen rechtfertigt. Wer Israel kritisiere, solle als verkappter Antisemit erscheinen, Berichte über das durch die israelische Besatzung hervorgerufene Leid der Palästinenser sollen tabu sei, denn nur Israel stehe die Rolle als Opfer zu. […] Dass Finkelstein Sohn von Überlebenden des Warschauer Ghettos ist, macht seine Antithesen nicht glaubwürdiger, man könnte im Umkehrschluss eher sagen, dass er die gleiche argumentative Methodik benutzt, die er seinen Kritikern vorwirft. Und da ist noch etwas anderes, was nicht unbeachtet bleiben sollte, und hier sollte man ebenso wenig zimperlich sein wie er selbst: Finkelstein scheint sich in der Rolle als jüdischer - und damit scheinbar unangreifbarer - Kronzeuge - zu gefallen, der den Israel- und Judenfeinden (antisemitische/antizionistische) Stichworte liefert.“ Ludger Heid, Kronzeuge mit Chuzpe: Norman G. Finkelstein zieht erneut gegen Israel zu Felde. In: Süddeutsche Zeitung, 6. Juni 2006. Finkelstein sieht sich als Verfechter universeller Menschenrechte, der besonders die USA und Israel für ihre Menschenrechtsverletzungen kritisiert und ihre Politik als Imperialismus einordnet.

2012 bezeichnete Finkelstein die Initiatoren der gegen Israel gerichteten Kampagne Boycott, Divestment and Sanctions als „Sekte“, der es „nicht um die Rechte der Palästinenser, sondern um die Zerstörung Israels“ gehe und die „ihre Marschbefehle von Gurus aus Ramallah“ bekomme. Ihr Vorgehen nannte Finkelstein „albern und kindisch.“Das Video-Interview mit Frank Barat vom 9. Februar 2012 wurde später von letzterem aus Youtube entfernt – dies geschah auf Wunsch Finkelsteins, der sagte, „das Video hat einigen Schaden angerichtet.“ Vgl. Dokumentation des Interviews. Zu einem der Kernpunkte des Nahostkonflikts, dem palästinensischen Flüchtlingsproblem, sagte er: „Wird die Öffentlichkeit es vernünftig finden, wenn sechs Millionen Palästinenser in ein Land strömen, das jetzt 1,8 Millionen Palästinenser und 5,5 Millionen Juden hat? Ich glaube nicht, dass man das vermitteln kann.“Ein Kronzeuge fällt um: Norman Finkelstein wettert gegen die Israel-Boykottbewegung, Jüdische Allgemeine vom 8. März 2012.

Im Jahr 2008 warf Israel Finkelstein vor, auf einer Reise in den Libanon Kontakte zur Hisbollah aufgenommen und diese bei der Einreise verschwiegen zu haben, und belegte ihn mit einem zehnjährigen Einreiseverbot.Israel denies entry to high-profile critic Norman Finkelstein, Ha'aretz, 24. Mai 2008

Vergleiche zum Nationalsozialismus Um die aus seiner Sicht verwerfliche Politik Israels zu kritisieren und die untragbare Situation der Palästinenser zu verdeutlichen, greift Finkelstein in seinen Reden und Publikationen häufig auf NS-Vergleiche zurück. Die Israelis täten den Palästinensern genau das an, was ihre Vorfahren in der Zeit des Nationalsozialismus hätten erdulden müssen.Deutschland Uber Alles. The Grandchildren of Holocaust Survivors from World War II are doing to the Palestinians exactly what was done to them by Nazi Germany. Artikel von Norman Finkelstein vom 16. Januar 2009 auf seiner Website. Abgerufen am 12. Dezember 2017.