Der Einzug Christi in Brüssel (auch Der Einzug Christi in Brüssel im Jahr/Jahre 1889) ist ein Gemälde des belgischen Malers James Ensor aus den Jahren 1888/89. Es versetzt den Einzug Jesu Christi in Jerusalem, dessen am Palmsonntag gedacht wird, zeitlich in die Gegenwart des Malers und räumlich in die belgische Hauptstadt Brüssel. Ensors Darstellung verknüpft eine religiöse Prozession mit Elementen eines Karnevalsumzugs, einer Militärparade und einer politischen Demonstration. Die abgebildeten Figuren tragen Masken oder sind Karikaturen. In ihrer Gesamtheit repräsentieren sie die belgische Gesellschaft, während Ensor sich selbst mit dem Erlöser identifizierte. Prominent überschrieben ist die Szenerie auf einem Banner mit den Worten „Vive la Sociale“ („Es lebe das Soziale“). Das Bild gilt als Ensors Opus magnum, wurde aber – auch aufgrund seiner Größe – zu seinen Lebzeiten selten ausgestellt und hing in seiner Wohnung. Das J. Paul Getty Museum erwarb das Gemälde 1987 und zeigt es im Getty Center in Los Angeles.

Beschreibung Inhalt, Aufbau und Stil Das Gemälde Der Einzug Christi in Brüssel ist so groß und ausladend („einer Cinemascopeleinwand vergleichbar“ laut Joachim Heusinger von WaldeggJoachim Heusinger von Waldegg: James Ensor. Legende vom Ich. DuMont, Köln 1999, ISBN 3-7701-5024-4, S. 11.), dass es kaum auf einen Blick erfasst werden kann. Unterschiedliche Standpunkte lenken die Aufmerksamkeit auf die Details oder das Motiv als Ganzes. Aus der Nähe dominiert eine Vielzahl von Masken und Gesichtern, die lebensgroß oder sogar größer sind. In ihrer sukzessiven Betrachtung lässt sich das Bild episodisch erschließen.Patricia G. Berman: James Ensor: Christ’s Entry into Brussels in 1889. Getty Publications, Los Angeles 2002, ISBN 978-0-89236-641-5, S. 1–2. Es entsteht ein horizontales Netz von Blicken und Gesten, mit denen die Figuren wechselseitig aufeinander Bezug nehmen.Stefan Jonsson: A Brief History of the Masses. Three Revolutions. Columbia University Press, New York 2008, ISBN 978-0-231-14526-8, S. 85–86.

Erst aus der Entfernung bildet sich aus den einzelnen Figuren eine riesige Menschenmenge, die in einer Prozession durch einen weiten Boulevard zieht und sich der Bildoberfläche entgegendrängt. Eingeschlossen ist sie durch eine ineinandergeschobene, instabil wirkende Architektur, durch Häuser und Zuschauertribünen, die mit bunten Fahnen geschmückt sind. Der Eindruck von Bewegung entsteht nicht zuletzt durch unterschiedliche Fluchtpunkte in der Komposition: Das Trapez des Umzugs verjüngt sich zu einem Fluchtpunkt unterhalb des „o“ im signalroten Banner „Vive la Sociale“ am oberen Rand des Gemäldes. Die sich schlangenartig windende Menschenmenge führt zu einem zweiten Fluchtpunkt rechts des Wortes „Sociale“.

Auch der Standpunkt des Betrachters lässt sich nicht einheitlich bestimmen. Einerseits scheint er die Prozession aus erhöhter Warte zu verfolgen, vergleichbar etwa dem grünen Podium im rechten Vordergrund, andererseits steht er den Figuren in der ersten Reihe Auge in Auge gegenüber, ja die Perspektive kippt gegenüber dem Mann mit der Bischofsmütze in der Mitte sogar in eine Froschperspektive.Patricia G. Berman: James Ensor: Christ’s Entry into Brussels in 1889. Getty Publications, Los Angeles 2002, ISBN 978-0-89236-641-5, S. 2. Xavier Tricot versucht dies damit zu erklären, dass die Prozession einen Hügel herab- und wieder hinaufführt, was eine topografische Gegebenheit der Rue de la Régence oder Rue Royale in Brüssel abbilden könnte.Xavier Tricot: The Entry of Christ Into Brussels in 1889. Pandora, Antwerpen 2020, ISBN 978-90-5325-466-0, S. 33.

mini|alt=Ausschnitt des Gemäldes „Der Einzug Christi in Brüssel“. Zu sehen ist der auf einem Esel reitende Jesus mit rotem Gewand und großem gelben Heiligenschein inmitten der Prozession. Seine rechte Hand hat er erhoben, als wolle er die Menge segnen. Vor ihm sind die letzten Männer eines Spielmannszugs, an seiner Seite ihm zugewandt Figuren mit Masken und Kostümen, im Hintergrund folgt eine bunte Schar aus vielerlei maskierten und unmaskierten Figuren.|Der Einzug Christi in Brüssel (Ausschnitt)

Horizontal untergliedert sich die Prozession in Schichten. Von unten nach oben folgt auf die kunterbunte Schar von Gesichtern und Masken ein uniformierter Spielmannszug und anschließend der auf einem Esel reitende Christus, begleitet von Figuren der Commedia dell’arte.Xavier Tricot: The Entry of Christ Into Brussels in 1889. Pandora, Antwerpen 2020, ISBN 978-90-5325-466-0, S. 38. Hinter ihm lösen sich die im Vordergrund überdeutlichen Formen und Figuren im Licht auf, schließlich besteht die Menschenmenge nur noch aus Punkten und verschwindet im Horizont. Rechts der Prozession stehen der Zeremonienmeister und drei Clowns auf einem Podium. Links betrachten Zuschauer das Spektakel von Balkons. Somit lässt sich das Bild vertikal in drei Sektionen teilen, die durch die Enden des Banners am oberen Rand markiert sind, so dass insgesamt ein Mosaik entsteht.Xavier Tricot: The Entry of Christ Into Brussels in 1889. Pandora, Antwerpen 2020, ISBN 978-90-5325-466-0, S. 38. Mehrere Spruchbänder und Fahnen ragen in das Bild und verdecken teilweise die Menschenmenge.Ulrike Becks-Malorny: Ensor. Taschen, Köln 2016, ISBN 978-3-8365-6053-5, S. 48. Die Inschriften lauten in Blockbuchstaben „Vive la Sociale“ („Es lebe das Soziale“)Joachim Heusinger von Waldegg: James Ensor. Legende vom Ich. DuMont, Köln 1999, ISBN 3-7701-5024-4, S. 174. und „Fanfares doctrinaires / toujours réussi“ („Doktrinäre Fanfaren stets erfolgreich“).Xavier Tricot: Ensors vielfältige Christusdarstellungen. In: Inge Herold, Johan Holten: James Ensor, Ausstellungskatalog Mannheim 2021. Deutscher Kunstverlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-422-98635-0, S. 168.

Obwohl sich der Titel des Bildes auf ihn bezieht und er sich im Mittelpunkt des Trapezes der Prozession befindet, tritt der einreitende, die Menschen segnende Christus gegenüber dem Panoptikum der Parade in den Hintergrund. Die vermeintliche Hauptfigur wirkt winzig gegenüber der Menge, die den Vordergrund beherrscht. Für die Kunsthistorikerin Patricia G. Berman wirkt es, als seien die Figuren zu sehr mit ihrem eigenen Stolzieren und Feiern beschäftigt, um die Gegenwart des Heilands wahrzunehmen.Patricia G. Berman: James Ensor: Christ’s Entry into Brussels in 1889. Getty Publications, Los Angeles 2002, ISBN 978-0-89236-641-5, S. 1. Dennoch hebt er sich mit seiner mächtigen Gloriole, weichgezeichnet und in warmen Farben deutlich von den karikierten Fratzen der Prozessionsteilnehmer ab. Ein Banner am rechten Bildrand bezieht sich explizit auf ihn: „Vive Jesus Roi de Bruxlles“ („Es lebe Jesus, König von Brüssel“), wobei das „e“ in „Bruxelles“ ausgelassen ist.

Zur uneinheitlichen Perspektive des Bildes gesellt sich auch eine stilistische Uneinheitlichkeit. Sorgfältig ausgearbeitete Passagen finden sich neben flüchtig bearbeiteten, opake neben transparenten Stellen, räumlich gestaltete Partien neben flächigen.Ulrike Becks-Malorny: Ensor. Taschen, Köln 2016, ISBN 978-3-8365-6053-5, S. 49. Das Motiv wurde in mehreren Farben auf einer weißen Grundierung detailliert vorgezeichnet, die Unterzeichnung schimmert an einigen Stellen durch einen dünnen Farbauftrag. Andere Stellen sind in einem breiten Impasto gearbeitet. Die Farbe ist in einfachen Pinselstrichen aufgetragen, ohne dass sich komplizierte überlappende Schichten ergeben.Mark Leonard, Louise Lippincott: James Ensor’s Christ’s Entry into Brussels in 1889. Technical Analysis, Restoration, and Reinterpretation. In: Art Journal Vol. 54, No. 2, Conservation and Art History (Sommer 1995), DOI:10.2307/777458, S. 20–22. Neben den Pinselborsten nutzte Ensor auch Pinselspitze und Malmesser, malte auf getrockneter Farbe ebenso wie nass-in-nass. Dabei bevorzugte er reine, unvermischte Farben.Mark Leonard, Louise Lippincott: James Ensor’s Christ’s Entry into Brussels in 1889. Technical Analysis, Restoration, and Reinterpretation. In: Art Journal Vol. 54, No. 2, Conservation and Art History (Sommer 1995), DOI:10.2307/777458, S. 22. Die Kunsthistorikerin Ulrike Becks-Malorny beschreibt: „Rot, Grün, Gelb und Blau, mit Weiß voneinander abgesetzt. Farben wie Trompetenstöße, satte und reine Farbakkorde!“Ulrike Becks-Malorny: Ensor. Taschen, Köln 2016, ISBN 978-3-8365-6053-5, S. 45. Laut Heusinger von Waldegg lösen „die schrillen Farbkontraste schwer definierbare Emotionen“ aus und signalisieren „akustische und atmosphärische Sensationen“.

Figuren Zahlreiche Interpreten haben versucht, die Figuren aus dem Bild mit bekannten Persönlichkeiten oder Personen aus Ensors Umfeld zu entschlüsseln. Laut Patricia G. Berman wollte Ensor sein Werk allerdings nicht durch die Identifikation von Individuen, Zeichen oder Symbolen festlegen lassen.Patricia G. Berman: James Ensor: Christ’s Entry into Brussels in 1889. Getty Publications, Los Angeles 2002, ISBN 978-0-89236-641-5, S. 19. Daher hinterließ er keine Hinweise für eine Entschlüsselung. Xavier Tricot sieht das Bild vielmehr als Porträt aller sozialen Schichten: jung und alt, Mann und Frau, Bürger und Arbeiter, Beamte, Anwälte, Richter, Ärzte, Musiker, Kirche und Militär. Reale und fiktive Charaktere stehen nebeneinander. Einige sind menschliche Masken, andere maskierte Menschen, wieder andere unmaskiert. Das Gemälde stellt somit einen Querschnitt der belgischen Gesellschaft dar.Xavier Tricot: The Entry of Christ Into Brussels in 1889. Pandora, Antwerpen 2020, ISBN 978-90-5325-466-0, S. 49.

In der linken unteren Ecke befindet sich eine Figur mit Karnevalsmaske, daneben Gevatter Tod mit einem Zylinder. Über den beiden sind unter anderem eine japanische Okina-Maske, eine afrikanische Maske und ein Eulenkopf zu erkennen.Xavier Tricot: The Entry of Christ Into Brussels in 1889. Pandora, Antwerpen 2020, ISBN 978-90-5325-466-0, S. 48. Ein junger Mann mit einer Studentenmütze fixiert den Tod, möglicherweise ein Student der Université libre de Bruxelles. Über ihm befindet sich ein küssendes Paar, die Frau eine Marianne mit phrygischer Mütze, ein Symbol der französischen Republik. Der Kuss wurde als korrumpierte Moral des durch egalitäre Ideen verführten Mobs interpretiert. Für den Literaturwissenschaftler Stefan Jonsson beraubt hingegen die Kommune den braven Bürger mit dem öffentlichen Kuss seiner Autorität.Stefan Jonsson: A Brief History of the Masses. Three Revolutions. Columbia University Press, New York 2008, ISBN 978-0-231-14526-8, S. 90. Neben dem Studenten ist ein Bürger mit Melone in die Farben der französischen Trikolore gewickelt, daneben steht eine junge Frau mit einer Haube. Über ihnen ist ein junges Mädchen von einer afrikanischen Maske fasziniert. An deren Seite folgt eine Pierrot-Figur.

In der Mitte der ersten Reihe befindet sich der Tambourmajor mit einem typischen Tambourstab in einer ungewöhnlichen, nach hinten gebeugten, fast liegenden Haltung. Mit seiner goldenen Mitra und der roten Robe erinnert er eher an einen Bischof. Tricot fragt, ob es sich um einen echten oder einen Narrenbischof handelt und ob seine liegende Haltung bedeutet, dass er (weg-)getragen wird. In der Literatur wird die Bischofsfigur häufig mit dem französischen Philosophen Émile Littré assoziiert. Stephen McGough verweist hierbei auf ein Porträt Littrés in Ensors Zeichnung Der Einzug in Jerusalem, die 1885/86 dem Gemälde vorausgegangen war. Das Porträt basierte seinerseits auf einer Fotografie von Félix Nadar.Xavier Tricot: The Entry of Christ Into Brussels in 1889. Pandora, Antwerpen 2020, ISBN 978-90-5325-466-0, S. 38, 42. Für Perrin Stein hat Ensor den atheistischen Sozialreformer in ein Bischofsgewand gesteckt.Perrin Stein: Der Einzug Christi in Brüssel im Jahre 1889. In: Christopher Hudson (Hrsg.): Meisterwerke im J. Paul Getty Museum, Getty Publications, Los Angeles 1997, ISBN 0-89236-434-3, S. 120. Als Anführer der Feierlichkeiten bildet er einen Gegenpol zum bescheidenen, demütigen Christus im Hintergrund.Christ’s Entry into Brussels in 1889 auf getty.edu.