Der Atlantikfeldzug von 1806 war eine komplexe Abfolge von Manövern und Gegenmanövern, die die Geschwader der französischen Marine und der Royal Navy im Frühjahr und Sommer 1806 im Rahmen des 3. Koalitionskrieges im Atlantik führten. Der Feldzug schloss direkt an den Trafalgar-Feldzug des Vorjahres an, bei dem die französische Mittelmeerflotte den Atlantik überquert hatte, nach Europa zurückgekehrt war und sich mit der spanischen Flotte vereinigt hatte. Am 21. Oktober 1805 wurde diese vereinigte Flotte von Horatio Nelson in der Schlacht von Trafalgar vernichtet. In der Überzeugung, dass die französische Marine während des Winters zu keinem organisierten Widerstand auf See fähig sein würde, zog der Erste Lord der Admiralität Charles Middleton die britischen Blockadegeschwader von den französischen Häfen ab. Middleton hatte sich geirrt – die französische Atlantikflotte, in Brest, war nicht in den Trafalgar-Feldzug involviert und hatte daher immer noch ihre volle Stärke. Napoleon nutzte die Verringerung der britischen Streitkräfte und beorderte zwei schwere Geschwader auf See, um die britischen Handelsrouten zu überfallen und gleichzeitig den Kontakt mit den entsprechenden Kräften der Royal Navy zu vermeiden.
Vorgeschichte Am 30. März 1805 brach die französische Mittelmeerflotte unter Vizeadmiral Pierre de Villeneuve erfolgreich aus dem Hafen von Toulon aus, umging die britische Blockadeflotte unter Vizeadmiral Nelson und segelte westwärts aus dem Mittelmeer in den Atlantik, wobei Nelson einige Tage später folgte.Gardiner: The Campaign of Trafalgar S. 122. Villeneuve überquerte mit einem spanischen Geschwader den Ozean in Richtung Karibik und ankerte in Martinique, während Nelson am 11. Juni in Barbados eintraf. Von der Ankunft der Briten in Panik versetzt, kehrte Villeneuve umgehend nach Europa zurück, während Nelson ihm abermals folgte. Villeneuve hatte den Befehl erhalten, nach Brest, dem französischen Marinehafen am Golf von Biskaya, zu segeln und sich dort mit der Flotte von Vizeadmiral Honoré Ganteaume zu vereinigen. Gemeinsam sollten sie die Royal Navy aus dem Ärmelkanal vertreiben, um eine Invasion Großbritanniens vorzubereiten.Gardiner: S. 130 Als Villeneuve jedoch am 22. Juli 1805 den spanischen Hafen Ferrol passierte, wurde er von einer britischen Flotte unter Vizeadmiral Sir Robert Calder abgefangen. In der anschließenden Schlacht von Kap Finisterre kaperte Calder zwei spanische Schiffe, konnte Villeneuves Geschwader jedoch keinen entscheidenden Schlag versetzen, bevor es nach Cádiz, Spaniens wichtigstem Atlantikhafen, entkam. Kurz darauf traf Nelson ein und leitete eine Blockade des Hafens ein.Gardiner: S. 137.
Am 21. Oktober 1805 stach die vereinte französisch-spanische Flotte unter Villeneuve von Cádiz aus in See und wurde von Nelson in der Schlacht von Trafalgar gestellt. Obwohl Nelson auf dem Höhepunkt der Schlacht fiel, fügte sein Geschwader der kombinierten Flotte eine verheerende Niederlage zu und kaperte und zerstörte mehrere französische und spanische Schiffe, darunter auch Villeneuves Flaggschiff. Die angeschlagenen Reste der französischen Mittelmeerflotte und der spanischen Atlantikflotte zogen sich nach Cádiz zurück.Gardiner: S. 173. Insgesamt kostete der Feldzug Napoleon 13 französische und 12 spanische Schiffe, womit jede Möglichkeit einer regionalen Überlegenheit zur See beseitigt und die geplante Invasion Großbritanniens, die bereits auf unbestimmte Zeit verschoben worden war, verhindert wurde. Die Ausschaltung der französischen und spanischen Flotte und das Ende der Bedrohung durch eine französische Invasion wurde in Großbritannien erleichtert aufgenommen. Middleton sah dies als Gelegenheit, die Kosten und Schäden an den Schiffen zu verringern, indem er die Blockadeflotte während des Winters abzog, in der Annahme, dass die angeschlagene französische Marine während dieser Zeit nicht in der Lage und nicht willens sein würde, auf See zu operieren.Adkins: The war for all the oceans S. 172 Er schrieb: Woodman: The Victory of Seapower S. 17.
Middleton hatte die Stärke der Flotte von Brest, die am Feldzug von 1805 nicht beteiligt gewesen war und sich daher in voller Stärke befand, völlig falsch eingeschätzt. Er hatte auch Napoleon unterschätzt, der festgestellt hatte, dass Villeneuves kurzer Aufenthalt in der Karibik eine große Bedrohung für den britischen Handel darstellte, indem er die Konvois verzögerte und Panik unter den westindischen Kaufleuten auslöste.Rose: British West India Commerce as a Factor in the Napoleonic War S. 35. Napoleon war ebenfalls beeindruckt von der Wirkung des Kommandounternehmens von Konteradmiral Zacharie Allemand, das am 17. Juli 1805 aus Rochefort entkommen war und den britischen Handel im Atlantik erheblich gestört hatte.Rodger: The command of the ocean S. 545.Clowes: The Royal Navy Band V. S. 169. Um diese Reaktion erneut zu provozieren, erteilte er im November 1805 dem Kommandanten in Brest, Vizeadmiral Honoré Ganteaume, den Befehl, zwei starke Geschwader für den Einsatz im Atlantik vorzubereiten. Diese sollten Brest am 13. Dezember im Schutz der Dunkelheit verlassen, um tief in den Atlantik vorzudringen und alle Handelskonvois abzufangen, auf die sie trafen. Anschließend sollten sich die Geschwader aufteilen und im Südatlantik und in der Karibik den britischen Interkontinentalhandel so stark wie möglich stören. Die Befehle legten Ganteaume und seinen Offizieren nahe, sich nicht auf einen Kampf mit gleich großen oder größeren Streitkräften der Royal Navy einzulassen, um das Risiko zu vermeiden, in einer Schlacht aufgerieben zu werden.Woodman: The Victory of Seapower S. 20.
Ganteaume standen für sein Unternehmen, das mindestens 14 Monate dauern sollte, 11 Linienschiffe zur Verfügung, darunter die Impérial, das Flaggschiff von Vizeadmiral Corentin-Urbain Leissègues, der mit vier weiteren Linienschiffen, zwei Fregatten und einer Korvette, in die Karibik fahren sollte. Sein Geschwader nahm über 1.000 französische Soldaten an Bord, um die Garnison in Santo Domingo unter General Jean-Louis Ferrand zu verstärken. Anschließend sollte es zwei Monate lang Jamaika blockieren, bevor es entlang der amerikanischen Ostküste nach Neufundland segelte und nach Frankreich zurückkehrte, wenn die Lebensmittelvorräte zur Neige gingen. Das andere Geschwader wurde Konteradmiral Jean-Baptiste Willaumez zugeteilt. Er hatte den Auftrag, auf den Schifffahrtswegen des Südatlantiks zu kreuzen, anschließend zu den Leeward-Inseln zu segeln, mit den französischen Kolonien Martinique, Guadeloupe und Französisch-Guayana in Verbindung zu treten und Barbados zu blockieren. Wenn der britische Widerstand zu stark würde, sollte er in den Südatlantik vor St. Helena zurückkehren und von dort nach Frankreich, zurückkommen. Sein Geschwader bestand aus sechs Linienschiffen, zwei Fregatten und zwei Briggs.Zu seinen Kapitänen gehörte Jérôme Bonaparte, der jüngere Bruder des Kaisers.
Dezember 1805 Am 13. Dezember 1805, als der Großteil des britischen Blockadegeschwaders in der Bucht von Cawsand vor Anker lag und der Rest durch einen Wintersturm weit vor die Küste getrieben wurde, segelten die französischen Geschwader unbemerkt von Brest in den Golf von Biskaya. Innerhalb von zwei Tagen waren sie fast 500 Seemeilen (930 km) in den Atlantik vorgedrungen und trafen dort auf einen britischen Handelskonvoi. Der Konvoi befand sich auf dem Weg von Gibraltar nach Großbritannien und wurde von der HMS Polyphemus unter Kapitän Robert Redmill und der Fregatte HMS Sirius unter Kapitän William Prowse eskortiert. Am gleichen Tag tauchte im Norden ein zweiter Konvoi auf, der aus 23 Schiffen bestand und von Cork in die Karibik fuhr. Er wurde von den Fregatten HMS Arethusa unter Kapitän Charles Brisbane, der HMS Boadicea unter Kapitän John Maitland und der Brigg HMS Wasp begleitet.
Willaumez' kaperte eine Reihe von Schiffen aus Redmills Konvoi und konnte die Sirius isolieren, die nur knapp einem Kampf mit vier französischen Linienschiffen entging. Nachdem der Konvoi auseinandergetrieben war, sammelte Willaumez seine Schiffe und sandte die Fregatte Volontaire mit den Prisen nach Teneriffa. Anschließend begab er sich nach Süden in das ihm zugewiesene Operationsgebiet. Im Norden näherte sich Leissègues in der Nacht allmählich Brisbanes Konvoi, schloss aber erst am Morgen des 16. Dezembers zu ihm auf. Daraufhin formierte Brisbane seine drei Kriegsschiffe zu einer Schlachtlinie, die von drei der größeren Handelsschiffe begleitet wurde. Dies ermöglichte es den 17 anderen Schiffen zu entkommen. Leissègues ignorierte den flüchtenden Konvoi bildete seine eigene Schlachtlinie und versuchte weiter auf Brisbane aufzuschließen. Bei Einbruch der Dunkelheit gab Leissègues die Verfolgung auf und wandte sich nach Süden. Daraufhin entsandte Brisbane die Boadicea nach Brest und die Wasp zu den Blockadegeschwadern entlang der Atlantikküste mit der Warnung vor einer französischen Operationen im Ostatlantik. Brisbane selbst hielt den Kontakt zu Leissègues, für einen weiteren Tag aufrecht, bevor die Franzosen schließlich abdrehten. Anschließend segelte Brisbane mit dem Rest seines Konvois weiter nach Süden und suchte das britische Blockadegeschwader in Cádiz auf.
Am 20. November 1805 traf das französische Geschwader von Allemand, das sich auf dem Rückweg nach Frankreich befand, vor den Ilhas Selvagens auf einen britischen Konvoi, auf dem Weg von Großbritannien nach Gorée. Begleitet wurde der aus 6 Handelsschiffen bestehende Konvoi von der der Brigg HMS Lark unter dem Kommando von Frederick Langford. Als sich die Franzosen näherten gab Langford den Befehl den Konvoiverband aufzulösen. Er selbst wandte sich nach Norden um das Geschwader vor Cádiz unter Konteradmiral John Thomas Duckworth aufzusuchen. Nachdem Langford am 26. November Cádiz erreicht hatte, stach Duckworth unmittelbar darauf in See um Allemand zu verfolgen. Von Cádiz aus nach Süden segelnd, erreichte Duckworths Geschwader am 5. Dezember Madeira und passierte zehn Tage später Teneriffa, ohne ein französisches Schiff zu sichten. Auf der Weiterfahrt nach Süden zu den Kapverdischen Inseln musste sich Duckworth eingestehen, dass das französische Geschwader entkommen war, worauf er sich nach Norden zurückzog und am 23. Dezember auf den dezimierten Konvoi von Brisbane traf. Duckworth verfolgte die mutmaßliche Route von Leissègues' Schiffen und wählte einen Kurs nach Norden, bei dem er das französische Geschwader abzufangen hoffte. Am 25. Dezember gegen 06:45 Uhr konnten Späher von Duckworths Geschwader bei 30°52′N 20°16′W, etwa 200 Seemeilen (370 km) nordwestlich der Kanarischen Inseln, neun Segel in der Ferne ausmachen. Da Duckworth von neun französischen Schiffen ausging, glaubte er zunächst, dass es sich um Allemand handeln müsse. Als er sich jedoch den Franzosen weiter näherte, wurde klar, dass es sich um Willaumez handelte.