Die Schlacht um Bachmut bezeichnet die von August 2022 bis Mai 2023 verlaufenden Gefechte um die ukrainische Stadt Bachmut in der Oblast Donezk im Russisch-Ukrainischen Krieg. Ukrainische Streitkräfte standen dabei regulären russischen Verbänden sowie Kräften der Gruppe Wagner gegenüber.

Die Schlacht ist die verlustreichste Schlacht in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Ende Mai 2023 erklärte die russische Seite, die mittlerweile zerstörte Stadt vollständig besetzt zu haben; an der nördlichen und südlichen Flanke der Stadt gingen die Kämpfe bis in den Herbst weiter, ohne dass die ukrainischen Kräfte das Terrain langfristig halten konnten.

Strategische Bedeutung Die Stadt Bachmut liegt nahe der Fernstraße M 03, die zu den beiden unter ukrainischer Kontrolle verbliebenen Donbas-Großstädten Kramatorsk und Slowjansk führt. Der strategische Wert Bachmuts ist unter Beobachtern umstritten: Das US-amerikanische Institut für Kriegsstudien bewertete die Schlacht als „strategisch belanglos“Russian Offensive Campaign Assessment, September 17. understandingwar.org, 17. September 2022. und vermutet, dass Russland hier allenfalls einen Pyrrhussieg erringen könne. Andere Medien mutmaßten, es ginge in erster Linie um einen politischen Erfolg für den Gründer der Wagner-Gruppe Jewgeni Prigoschin.Peter Beaumont: Fighting in east Ukraine descends into trench warfare as Russia seeks breakthrough. The Guardian, 28. November 2022.Russia is hurling troops at the tiny Ukrainian town of Bakhmut The Economist, 6. Dezember 2022. Nach Einschätzungen eines hochrangigen Beamten der US-Regierung war das russische Ziel der Eroberung von Bachmut vor allem von wirtschaftlichen bzw. monetären Motiven (wegen in der Nähe zur Stadt befindlichen Salz- und Gipsgruben) getrieben.

Andere Experten maßen Bachmut hingegen eine hohe militärische Bedeutung bei: Christian Mölling und András Rácz, beide von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), verwiesen darauf, dass Bachmut seit 2014, dem Beginn des Krieges im Donbas, zu den am stärksten befestigten Städten der ukrainischen Region Donezk zählte. (Bachmut lag von 2015 bis zur russischen Großinvasion im Februar 2022 etwa 20 Kilometer von der Frontlinie des Donbaskrieges entfernt.) Darum habe die russische Seite zunächst von einem Frontalangriff abgesehen und gehofft, Bachmut von Norden und Süden her weiträumig einzukreisen. Bei einem Gelingen der Operation hätte etwa der Hälfte der ukrainischen Streitkräfte die Einkesselung gedroht. Die über Charkiw und Saporischschja geplanten Vorstöße waren spätestens nach der ukrainischen Rückeroberung Chersons im September 2022 gescheitert. Neben Bachmut existieren im Donbas noch drei weitere, ukrainische Festungsstädte: Kostjantyniwka, Slowjansk sowie Kramatorsk, letztere mit dem Hauptquartier der ukrainischen Streitkräfte im Donbas. Entsprechend vermutete Andrew Milburn, Gründer des US-Militärdienstleisters Mozart Group, dass Putin Bachmut als Zwischenziel bei der Besetzung des gesamten Donbas betrachtete, da es neben Kramatorsk und Pokrowsk eine der letzten drei größeren Städte in der Oblast sei, die die Ukraine halte.

Das International Institute for Strategic Studies (IISS) bezeichnete die Schlacht um Bachmut und Soledar als einen Abnutzungskrieg; die strategische Signifikanz von Bachmut reduziere sich darauf, ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt in der Region zu sein. Laut dem IISS ging es Russland in der Schlacht um Bachmut darum, die ukrainischen Streitkräfte zu binden und zu verschleißen und dadurch zu verhindern, dass es zu einer Bodenoffensive – zum Beispiel von Saporischschja aus mit Stoßrichtung Melitopol – komme. Unabhängig davon, wer gewinnt, hätte ein Erfolg in Soledar und Bachmut neben der politischen Bedeutung (der Symbolwirkung und einer Anhebung der Kampfmoral) vor allem die Erkenntnis, dass den gegnerischen Streitkräften enorme Verluste zugefügt wurden. Ein Sieg der Schlacht hätte jedoch den Preis ebenfalls hoher Verluste in den eigenen Reihen. Nachdem Lyman und Isjum bei der ukrainischen Gegenoffensive in der Ostukraine im September 2022 wieder unter die Kontrolle der Ukraine gerieten, verlor Bachmut militärstrategisch an Wert, weil es den russischen Truppen nicht mehr möglich war, von Lyman, Isjum und Bachmut aus die Ballungsräume Kramatorsk und Slowjansk anzugreifen.

Verlauf Früher Beschuss und russisches Vordringen (August–Dezember 2022) mini|links|Der Frontverlauf am 25. September 2022 mini|links|Der Frontverlauf am 29. November 2022

Nach den Schlachten um Sjewjerodonezk und Lyssytschansk zogen sich die ukrainischen Truppen in der ersten Julihälfte 2022 in die Gegend um Bachmut zurück. Die nachrückenden russischen Truppen, bestehend aus regulären Verbänden und Wagner-Söldnern, griffen die Stadt am 1. August 2022 von Süden und Südosten her an. Auf russischen Informationskanälen wurde der Beginn der Schlacht um Bachmut ausgerufen. Am folgenden Tag verstärkten die russischen Streitkräfte ihre Luftangriffe und den Beschuss von Bachmut und begannen einen Bodenangriff auf den südöstlichen Teil der Stadt. Am gleichen Tag ordnete die Ukraine eine Evakuierung der Gegend an. Diese wurde bereits zuvor als notwendig angesehen, da nach immer wieder erfolgten Angriffen auf die Infrastruktur die Versorgung der Bevölkerung im anstehenden Winter nicht mehr sichergestellt werden konnte. Bis Mitte November 2022 konnten so laut ukrainischen Angaben mehr als 30.000 Zivilisten aus dem Kriegsgebiet evakuiert werden, darunter 4.604 Kinder und 1.878 Behinderte. Von den ursprünglich 70.000 Einwohnern verblieben Mitte Oktober schätzungsweise noch 15.000 in der Stadt.Louisa Loveluck, Robyn Dixon: In bloody battle for Bakhmut, Russian mercenaries eye a symbolic prize. Washington Post, 22. Oktober 2022.

mini|Wolodymyr Selenskyj in der Region Donezk, wo er sich am 20. Dezember 2022 mit ukrainischen Soldaten traf, die die Stadt Bachmut verteidigen. Am 20. September wurde der Wagner-Kommandeur Alexei Nagin bei Bachmut getötet; er wurde posthum zum Helden der Russischen Föderation ernannt.Zwei Top-Männer von Putin sterben bei Gegenoffensive. blick.ch, 3. Oktober 2022. Nach ukrainischen Angaben bestand zwischenzeitlich ein Kräfteverhältnis von fünf zu eins zugunsten der Russen. Das russische Kommando warf immer wieder neue Truppen gegen die gut befestigten ukrainischen Stellungen, so dass es hier zu hohen Verlusten kam.Nils Metzger: Diese Stadt hält Russland seit Monaten stand. ZDF, 25. November 2022. Von russischer und ukrainischer Seite kam es zu schweren Artilleriebeschuss.Andreas Rüesch: Russlands Truppen greifen weiter an – aber sie erleiden offenbar hohe Verluste. NZZ, 8. November 2022. Russland setzte auch iranische Drohnen vom Typ Shahed 136 ein.Kylie Atwood: Iran is preparing to send additional weapons including ballistic missiles to Russia to use in Ukraine, western officials say. CNN, 1. November 2022. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj beklagte die Zerstörung von Bachmut durch die russischen Streitkräfte. Am 20. Dezember besuchte er die Frontstadt, um ukrainischen Soldaten Auszeichnungen zu überreichen. Am 21. Dezember 2022 konnten russische Kräfte im östlichen Industriegebiet der Stadt Fuß fassen und zeitweise in die Wohngebiete vorrücken. Bereits einen Tag später, am 22. Dezember 2022, verlautbarte Petro Kuzyk, Kommandant des ukrainischen „Independence-Bataillons“, dass die ukrainischen Truppen die Stadt weiterhin vollständig unter Kontrolle hätten. Jeden Tag gäbe es „etwa sieben bis zehn Versuche, in unsere Stellungen einzudringen, auch nachts“. Serhij Tscherewatyj, Sprecher der östlichen Gruppierung der ukrainischen Streitkräfte, gab während des 24/7 Newscast der Ukrajinska Prawda an, dass die russischen Streitkräfte „keinen Erfolg beim Durchbrechen der Verteidigungslinien gehabt hätten“. „Manchmal“, so Tscherewatyj, „brachen ihre Einheiten bis zu den Außenbezirken von Bachmut durch, aber sie wurden von den ukrainischen Streitkräften wieder zurückgedrängt.“ Er betonte unter anderem, dass „die russischen Streitkräfte unglaublich hohe Verluste verzeichnen“ – die „weit höher als die der Verteidiger“ seien. Zahlen nannte Tscherewatyj jedoch keine. Am 26. Dezember sagte der ukrainische Gouverneur von Donezk, Pawlo Kyrylenko, dass über 60 Prozent der Infrastruktur in Bachmut beschädigt oder vollständig zerstört sei.

Abnutzungskämpfe und Fall von Soledar (Januar–April 2023) Anfang Januar 2023 erklärte der britische Militärnachrichtendienst Defence Intelligence, dass die Ukraine Ende Dezember ihre Stellungen in Bachmut verstärkt habe und beide Kriegsparteien im Dezember hohe Verluste in Bachmut hinnehmen mussten. Der Nachrichtendienst bewertete die bei Bachmut erfolgten Angriffe der russischen Streitkräfte und der Wagner-Söldner im Dezember als schwach bzw. „poorly supported“ und schätzte die Wahrscheinlichkeit, dass Russland im Januar ein Durchbruch in Bachmut gelinge, als gering ein.

Am 7. Januar behauptete die russische Söldnerorganisation Gruppe Wagner, im Kampf um die rund 14 Kilometer nördlich gelegene Stadt Soledar Fortschritte erzielt zu haben. In den darauf folgenden Tagen war die Stadt ebenfalls besonders umkämpft. Angaben zur militärischen Lage waren widersprüchlich. Der Kommandeur des ukrainischen Heeres, Oleksandr Syrskyj, besuchte laut Selenskyj Truppen in Bachmut und Soledar, um Verstärkungen in der Verteidigung zu organisieren. Selenskys politische Entscheidung, das zerstörte Bachmut weiter verteidigen zu lassen, statt einen Rückzug zu befehlen, wurde im Nachhinein von einigen Militärexperten als Fehlentscheidung kritisiert, mit der Begründung, dass das ukrainische Militär während der Schlacht um Bachmut einige der erfahrensten Einheiten verlor (die dann in der ukrainischen Gegenoffensive fehlten). Am 8. Januar 2023 wurde bekannt, dass Russland seine Angriffe auf Soledar verstärkte. Russischen Angaben, wonach Soledar am 10. Januar weitgehend unter russischer Kontrolle sei, widersprach die ukrainische Seite. Jedoch schrieben westliche Leitmedien am 11. Januar, dass die Söldnergruppe Wagner Soledar fast komplett eingenommen habe. Belegt ist, dass der Anführer der Söldnerorganisation Jewgeni Prigoschin mit seinen Kämpfern eine Salzmine bei Soledar aufsuchen konnte.

Laut Einschätzungen betrug die Personenstärke der Ukraine an der Soledar-Bachmut-Front um den 10. Januar herum nach mehreren Verstärkungen 30.000 Soldaten. Sie fehlen für Offensiven, die an anderen Orten geplant waren. Durch die russische Mobilisierung und Wagner-Rekrutierungen kann Russland zudem mehr Einheiten als zu Beginn des Krieges einsetzen. Mitte Januar 2023 lebten in Bachmut noch etwa 8000 Zivilisten. Laut der ukrainischen Regionalbehörde waren zu dieser Zeit 60 % aller Gebäude in Bachmut komplett zerstört.20 Uhr-Tagesschau vom 15. Januar 2022. Gleichzeitig sank die Temperatur in der Stadt, deren Gasversorgung im Mai 2022 zusammengebrochen war, auf −15 °C. Laut einer Einschätzung des britischen Militärnachrichtendienstes vom 18. Januar hatten ukrainische Militärs nach der Einnahme Soledars Schwierigkeiten, Bachmut zu versorgen. Wegen der Einnahme Soledars war demnach eine von zwei Hauptversorgungsrouten nach Bachmut bedroht oder gar nicht mehr benutzbar. In der dritten Januarwoche 2023 berichtete der Bundesnachrichtendienst den Mitgliedern des Deutschen Bundestages, dass „derzeit“ eine dreistellige Zahl von ukrainischen Soldaten täglich an der Front sterbe. Der BND warnte, dass eine Niederlage in der Schlacht um Bachmut erhebliche Folgen für die Ukraine hätte, da für Russland damit weitere Vorstöße ins Landesinnere möglich würden. Der BND berichtete zudem, dass Russland derzeit eigene Soldaten wie Kanonenfutter behandle und offenbar hohe Verluste der eigenen Streitkräfte toleriere. Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs starben zwischen dem 6. Januar 2023 und dem 31. Januar 2023 etwa 17.000 russische Soldaten und Söldner in und bei Bachmut.