Bernhard Rövenstrunck (* 10. März 1920 in Essen, Stadtteil Altendorf; † 22. September 2010 in Albstadt-Tailfingen) war ein deutscher Gitarrist, Organist, Oboist, Dirigent, Komponist und Hochschullehrer.Zupfmusik, Gitarre. Jahrgang 2011, Nr. 3, S. 154 (Fachzeitschrift des Bundes Deutscher Zupfmusiker e. V.)

Leben und Wirken Bernhard Rövenstrunck kam im Alter von sechs Jahren als Sängerknabe an die Kirche St. Mariä Himmelfahrt (Essen-Altendorf) in seiner Heimatstadt Essen; dort erlernte er bis zum Jahr 1933 die Grundzüge des Gregorianischen Chorals und der klassischen Polyphonie. Von 1934 bis 1938 ging er in eine Lehre als Buchbinder (Gesellenprüfung 1938). In der gleichen Zeit besuchte er den Abendunterricht am Witte-Konservatorium Essen, und zwar in den Fächern Tonsatzlehre und Komposition (Heinz Schnitzler), Oboe (J. Schnalke) und Klavier und nahm an der Sprech- und Singschule bei Sievers in Wuppertal teil. Im Januar 1938 fand Rövenstrunck Aufnahme an der Folkwang-Hochschule in Essen, nachdem deren Direktor Hermann Erpf dies in Verhandlungen mit der NSDAP-Kreisleitung erreicht hatte. Der Komponist wurde nach eigener Aussage seit 1940 von der Gestapo verfolgt, verhört und bestraft; in seinen Papieren wurde er als »p.u.« (politisch unzuverlässig) geführt. An der genannten Hochschule studierte er bei Erpf, Ludwig Weber und W. Dietrich Tonsatz und Komposition, bei Ernst Kaller Orgel und Kirchenmusik, Oboe bei Johann Baptist Schlee, Viola bei Ottmar Gerster und Klavier bei August Weweler.

Am 2. Oktober 1940 wurde Rövenstrunck zur Wehrmacht eingezogen, sechs Wochen später wurde er Oboist bei einem Musikkorps der Infanterie. Im Herbst 1941 wurde ihm vom Bataillonskommandeur mitgeteilt, dass er an die Gestapo ausgeliefert werden solle, weil im Benediktinerkloster Gerleve Briefe von ihm mit staatsgefährdendem Inhalt gefunden worden waren (im gleichen Kloster wurde kurz danach eine »germanische Zuchtanstalt« eingerichtet). Der Kommandeur lieferte ihn nicht aus und stellte ihn unter den Schutz der Wehrmacht. Ab August 1944 befand sich der Komponist im Fronteinsatz in Calais, Compiègne, Mons und in den Niederlanden, später in Dänemark, in Ohrdruf, Jülich, Hagenau und in Süddeutschland (im Schützengraben des Hagenauer Forsts entstand die Vertonung der Zwanzig Hebräischen Balladen für Mezzosopran, Tenor und Klavier nach der Dichtung von Else Lasker-Schüler). Kurz nach Kriegsende wurde er aus einem Kriegsgefangenen-Lager in Biberach an der Riß entlassen; er bekam eine Anstellung als Dirigent und Organist in Buchau am Federsee.

An der Volkshochschule Ulm bekam Rövenstrunck ab 1948 eine Anstellung als Musikdozent (bis 1978); er leitete den dortigen Kammerchor, gab Musikkurse, unterrichtete in den Fächern Pädagogik und Gitarre und gab Konzerte als Dirigent und Gitarrist. Darüber hinaus veranstaltete er die Reihe Aktuelle Musik zusammen mit dem Pianisten Jürgen Uhde. Von 1954 bis 1975 war er auch Dirigent und Organist an der Wengenkirche in Ulm. Von 1958 bis 1980 war Rövenstrunck Hochschullehrer für Gitarre und Komposition an der Staatlichen Musikhochschule Trossingen. Er gehörte zur Kommission der 1. Lehrplanfassung Gitarre des Verbandes deutscher Musikschulen. Ab dem Jahr 1955 hielt er sich häufig in Spanien auf, insbesondere in Katalonien; er erforschte dort die katalanische Bauernmusik. Die Ergebnisse sind in dem Werk Singularitats de la Cançó Popular Catalana zusammengefasst.

Zwischen 1960 und 1968 besuchte er häufig Prag und Brünn, was diverse Auftragswerke für tschechische Ensembles und Orchester zur Folge hatte, darunter 1962 das Ballett Cervený Harlekýn. Die anderen Werke aus dieser Zeit stellen einen Zyklus von Kultmusik dar. In den 1970er- bis 1980er-Jahren bildete er ein Trio für zeitgenössische Musik mit dem Trossinger Klavierprofessor Jaime Padrós (1926–2007) und dem Akkordeonisten Hugo Noth. Zwischen 1979 und 1988 vertonte Rövenstrunck (nach der Übersetzung ins Deutsche) die gesamte Dichtung von San Juan de la Cruz, darunter die beiden Fassungen des Cántico espiritual.

Das Gesamtwerk des Komponisten (Manuskripte, Kopien und Drucke) wurde von 1974 bis 1994 von der Stadtbibliothek Ulm übernommen und katalogisiert. Der Prager Musikwissenschaftler Jaromir Palach begann im Jahr 1993 eine Monographie über den Komponisten; nachdem Palach jedoch am 11. November 1994 verstorben war, blieb die Monographie unvollendet. Er war ein Förderer der zeitgenössischen Musik („sie ist etwas, das aus der Stille kommt und in die Stille zurückkehrt“). 2004 erstellte das Institut d’Estudis Catalans eine »Diploma d’honor« für das musikalische und musikwissenschaftliche Gesamtwerk von Bernhard Rövenstrunck, darüber hinaus für „seinen Beitrag zur katalanischen Kultur“. Rövenstrunck starb am 22. September 2010 im Alter von 90 Jahren in Albstadt-Tailfingen.

Bedeutung Die Kompositionen von Bernhard Rövenstrunck zeigen einen gemäßigt modernen Stil mit zeitweiligen Anklängen an die Zwölftonmusik. Seine Veröffentlichung Singularitats de la Cançó Popular Catalana stellt einen bedeutenden Beitrag zur Kultur der spanischen Region Katalonien dar.Walter Supper: Vorwort. In: Eberhard Bonitz / Bernhard Rövenstrunck: Neue Musik für Orgel und Positiv (= 4. Veröffentlichung der Gesellschaft der Orgelfreunde; Ed. Merseburger 813). 3. Auflage. Edition Merseburger, Berlin 1963.

Werke Werke-Katalog Orchesterwerke Konzert für Kammerorchester (Streicher) in G (1949) Musik für kleines Orchester (Flöte, Englischhorn, Klarinette in B, Fagott und Streicher; 1950) Musik in vier Sätzen (Trompete, Posaune, Celesta, Harfe, Schlagzeug und Streicher; 1951) Konzert für Violine und kleines Orchester (1952) »Elemente«, Orchestermusik in drei Sätzen (1953) »Triversi 2« für Streichorchester (1955) »Modifikationen«, Musik für Orchester in drei Sätzen (1957) »Transformationen« für Bassklarinette, Violoncello, Klavier, Schlagzeug und Streicher (1957) »Parerga« für Klavier oder Zymbal, Streicher und Schlagzeug (1957) Kammersinfonie für zwei Flöten, Oboe, Englischhorn, Bassklarinette, zwei Fagotte, zwei Hörner, zwei Trompeten, zwei Posaunen und Kontrabass (1961) Kammerkonzert für Bassklarinette, Schlagzeug und Streicher (1961) »Dialoge« für Flöte und Streicher (1962) »Konfigurationen«, fünf Orchesterstücke (1965) »Diaphanie« für drei Flöten, Trompete und Streicher (1966) »Responsorien« für Orgel, zwei Violen, zwei Violoncelli, Kontrabass und Schlagzeug (1968) »Canto di uccelli« für vier Gitarren und Orchester in drei Sätzen (1993) Bühnenwerke »Die Löwengrube«, Nachtstück mit Musik für fünf Schauspieler, Bariton, Klarinette in B, Fagott, Trompete, Kontrabass und Schlagzeug (1957) Ballett »Cervený Harlekýn« (Der rote Harlekin), 1. Fassung für gemischten Chor und Orchester (1962), 2. Fassung für gemischten Chor und Orchester, ohne Blechbläser, mit Klavier (1974) »Nausikaa« für Sprecher und Bassklarinette (1964) »Terra incognita«, Oper in zwei Akten; Singstimmen: Sopran, zwei Tenöre, zwei Baritone und eine Bassstimme; Orchester: Flöte, Posaune, Akkordeon (oder elektrische Orgel), Gitarre, Schlagzeug, zwei Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass (1972) »Canto espiritual«, Mysterienspiel als Ballett (Text: San Juan de la Cruz), für Sopran, Bariton, gemischten Chor, Sprecher, Flauta dulce (Blockflöte), Altblockflöte in F, Sopranblockflöte in C, Chirimia soprano (Schalmei) oder Oboe, Chirimia contralto oder Englischhorn, Chirimia tenor oder Heckelphon, Bajón (Pommer) oder Fagott, Corneta (Kornett), Sacabuche contralto oder Altposaune, Sarabuche tenor oder Tenorposaune, Sarabuche bajo oder Bassposaune, zwei Gitarren, Vibraphon, Xylomarimba und Schlagzeug (1982) Ballettoper »Die kleine Schöpfung« für Sopran, Mezzosopran, Tenor, Bariton, Kammerchor, Schülerchor, Sprecher, Flöte, Klarinette, Trompete, Posaune, Schlagzeug, Vibraphon, Xylophon, zwei Violinen, Viola, zwei Violoncelli und Kontrabass (1984) Katalanische Kinderoper »Festa major« in deutscher Sprache, für dreistimmigen Kinderchor, zwei Flöten, zwei Klarinetten, zwei Gralles (Schalmeien oder Oboen), zwei Trompeten, zwei Posaunen, Schlagzeug, zwei Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass, mit Schauspielern (1990) Oratorien und Kantaten Musik nach Psalmen (1946–1949) Adventsmusik zum zweiten, dritten und vierten Adventssonntag für Chor, zwei Englischhörner, zwei Fagotte, zwei Trompeten und zwei Posaunen (1955) »Inkarnation«, Oratorium in drei Teilen (Nachtgesang, Passion, Jüngstes Gericht) für Tenor, Bariton, gemischten Chor, Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, Horn in F, zwei Trompeten, zwei Posaunen, vier Violen, vier Violoncelli und zwei Kontrabässe (1956) Motette »Floret flores« für Chor und zehn Bläser (1958) Cantata »Nova canço del desembre congelat« (Neues Lied vom eisigen Dezember) für Chor, Flöte, zwei Violen und Gitarre (1960) »Llibre d’ amic e amat« (Buch vom Liebenden und Geliebten) für Sopran, Chor und Orgel (1963) »Meditationen« für Solo, Chor und Orgel (1964) »Tropen« für Solo, Chor, Gemeindegesang und Orgel (1968) »Der 145. Psalm« mit Kyrie, Alleluja und Sanctus für Solo, Chor, Streicher und Orgel (1972) »Sequenzen« nach acht Dichtungen von Notker von St. Gallen für Chor, Flöte, Bassklarinette, zwei Klaviere und Schlagzeug (1976) »Cánticos I, Poesias de San Juan de la Cruz«, 17 Dichtungen des heiligen Johannes vom Kreuz in jeweils drei Fassungen (vokal und instrumental, einstimmig mit Orgel und einstimmig mit Gitarre) in spanischer und deutscher Sprache (1985, 1990) »Cánticos II, Poesias de San Juan de la Cruz«, neun Dichtungen des heiligen Johannes vom Kreuz, für gleiche Singstimmen, Tasteninstrument, Gitarre, Blockflöte und Schlagzeug in spanischer und deutscher Sprache (1990) »Cánticos III, Poesias de San Juan de la Cruz«, acht Dichtungen des heiligen Johannes vom Kreuz, für Solostimme, Tasteninstrument und vierstimmigen gemischten Chor (1990); hiervon 2. Fassung für gleiche Simmen mit Tasteninstrument-Begleitung (1990) »Cánticos IV, Canciones entre el alma y el esposo« (Lieder zwischen der Seele und dem Geliebten), für gleiche Stimmen, Orgel, Gitarre, Blockflöte und Schlagzeug (1990) »Cánticos V, Poesias de San Juan de la Cruz«, vier Dichtungen des heiligen Johannes vom Kreuz, für gleiche Stimmen und Orgel (1990) »La Festa major«, Kantate für Chor, Musikgruppe, Erzähler und Spezialeffekte; Chorstimmen in deutscher Sprache für deutsche Aufführungen (1990) »Parerga zu Cánticos«, acht Dichtungen des heiligen Johannes vom Kreuz, für Sopran und Gitarre (1991) Zwölf katalanische Weihnachtslieder für drei bis vier gleiche Stimmen (1993) Vierzehn »Villancicos Aragoneses« (1993) »Una versión de los 14 villancicos, las melodias tradicionales con voz y guitarra« (1993) »6 Villancicos aragoneses« für Solo, Chor, Streichquintett und Schlagzeug (1994) Kammermusik Quintett für Horn und Streichquartett (1944) Sonate in C für Violine und Klavier (1948) Sonate für Englischhorn und Klavier (1949) Duo für Violine und Violoncello (1951) Streichtrio für Violine, Viola und Violoncello (1952) »In Paradiso« – Musik für Violoncello und Klavier (1952) Suite für Solovioline (1952) Musik für Solovioline (1956) Sonate für Solovioline (1958) Intrada für zehn Bläser (zwei Oboen, Englischhorn, zwei Fagotte, zwei Trompeten und drei Posaunen, 1958) Duo für Violine und Klavier (1959) »Versos« für Flöte, Bassklarinette, Klavier und Schlagzeug (1959) Quintett für Gitarre und Streichquartett (1960) Duo für Blockflöte und Gitarre (1964) »Intonationen« für Orgel, Cembalo und Klavier (1968) »Intonationen« für Akkordeon, Gitarre und Kontrabass (1968) Duo für Flöte und Violine (1971) »Polarisationen« für Akkordeon und zwei Gitarren (1971) »Adaptionen« für Akkordeon und Streichquartett (1971) »Lux et origo« für Violine und präpariertes Klavier (1973) »Cantos« für Akkordeon, Flöte und Violoncello (1974) Duo für Akkordeon und Klavier (1974) »Râg« für Akkordeon und zwei Gitarren (1976) »Spuren« für zwei Gitarren und Akkordeon (1976)