Als Bodenproduktivität () wird in der Land- und Forstwirtschaft, der Agrarökonomie und der Volkswirtschaftslehre die Produktivität des Produktionsfaktors Boden bezeichnet.
Allgemeines Die Produktivität wird bei allen Produktionsfaktoren gemessen. Bei der Arbeit ist es die Arbeitsproduktivität, beim Kapital die Kapitalproduktivität.Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialkybernetik/Wissenschaftliche Jahrestagung (Hrsg.): Betriebswirtschaftliche Systemforschung und ökonomische Kybernetik, 1987, S. 124 Das Zusammenwirken aller Produktionsfaktoren wird totale Faktorproduktivität genannt. Die Bodenproduktivität wird allgemein lediglich auf die Bodennutzung – also die ökonomisch genutzte Landfläche begrenzt, Brachland ist somit nicht Teil der Bodenproduktivität. Der für Verkehr, Wohnflächen und Gewerbeflächen genutzte Bodenfür Wohn- und Gewerbeflächen gibt es das Maß der baulichen Nutzung wird als Nutzungsfläche ebenfalls ausgeklammert, so dass einzig die Urproduktion (landwirtschaftliche Nutzfläche, Wirtschaftswald und Bergbau, nicht jedoch Fischerei) für die Messung der Bodenproduktivität herangezogen wird.
Geschichte Die Physiokraten sprachen dem Boden die alleinige Produktivität zu, während Karl Marx die produktive Arbeit bevorzugte.Hans R. G. Rück, Dienstleistungen in der ökonomischen Theorie, 2000, S. 96 f. Für den Physiokraten François Quesnay war 1757 die Bodenproduktivität in der Urproduktion die alleinige Quelle des allgemeinen Wohlstandes. Der Bodenertrag ist für ihn die wesentliche Einnahme (), welche die Landwirtschaft zum einzigen Produktionsfaktor macht.Marguerite Kuczynski (Hrsg.): François Quesnay: Ökonomische Schriften, 1971, Band 1, S. 188.
Durch Beobachtung der landwirtschaftlichen Produktion gelangte Anne Robert Jacques Turgot 1767/1768 zu der Erkenntnis, dass, wenn man sonst alle Faktoren konstant hält (z. B. Größe der Ackerfläche, Menge des Saatguts und Düngers), mit zunehmendem Arbeitseinsatz zunächst mit steigenden, aber ab einem gewissen Punkt mit abnehmendem Ertragszuwachs zu rechnen ist.Bernd Schiemenz, Olaf Schönert: Entscheidung und Produktion, 2005, ISBN 3-486-57716-6, S. 106.Horst Siebert, Oliver Lorz: Einführung in die Volkswirtschaftslehre, 2007, ISBN 3-17-019437-2, S. 72. Dieses Bodenertragsgesetz geht mithin davon aus, dass die Bodenproduktivität linear abnimmt und der Bodenertrag sinkt. Johann Heinrich von Thünen Johann erkannte 1826, dass die Intensivierung landwirtschaftlicher Nutzung zur Aufrechterhaltung der Bodenproduktivität einen größeren Einsatz von Dünger erfordere: „Der Boden wird im Verhältnis der Größe der Ernten erschöpft und bedarf in dem Maße, wie die Aussaugung größer wird auch einem größeren Düngersatz.“Johann Heinrich von Thünen: Der isoli(e)rte Staat in Beziehung auf Landwirtschaft und Nationalökonomie, 1826, S. 32. Er verband die Intensivierung der Landwirtschaft mit der Erhöhung eines mit Kapitaleinsatz zusammenhängenden Arbeitseinsatzes.Gottfried Eisermann/Wilhelm Roscher/Jürgen G. Backhaus: Wilhelm Roscher und seine "Geschichte der National-Ökonomik in Deutschland", 1992, S. 12. Thünen bestätigte 1842, „dass das Mehrerzeugnis nicht in geradem Verhältnis mit der Zahl der mehr angestellten Arbeiter steigt, sondern jeder später angestellte Arbeiter liefert ein geringeres Erzeugnis als der vorhergehende“.Johann Heinrich von Thünen: Der isoli[e]rte Staat in Beziehung auf Landwirtschaft und Nationalökonomie, Teil I, 1842, S. 416. Das von Thomas Robert Malthus 1798 entwickelte Bevölkerungsgesetz ignorierte die Veränderbarkeit der Bodenproduktivität und kam zu der Schlussfolgerung, dass das weltweite Bevölkerungswachstum zu Hunger und Armut führe.Thomas Robert Malthus: An Essay on the Principle of Population, 1798/1924, S. 18
James Anderson of Hermiston ging 1801 davon aus, dass sich der Boden durch chemische Einflüsse und Bearbeitung immer weiter verbessere und die Bodenproduktivität bei weiser Bodenbewirtschaftung von Jahr zu Jahr zunehme.James Anderson of Hermiston: Recreations in Agriculture, Natural History, and Miscellaneous Literature, 1801, S. 1 ff. David Ricardo zufolge muss bei zunehmender Bodenproduktion und sinkender Bodenproduktivität der Anteil der Bodenrente an der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung steigen und als Folge davon der Profitanteil an der Wertschöpfung sinken.Peter Sass/Harm Rehders: Die Untersuchung der Profitraten-Unterschiede zwischen den westdeutschen Industriebranchen nach dem 2. Weltkrieg, 1975, ISBN 978-3-16-336901-6, S. 1. Ricardo untersuchte 1817 die Besiedlung neuer Territorien und die Auswirkungen derselben auf Bodenproduktivität und Nahrungsmittelpreise.David Ricardo: Principles of Political Economy and Taxation, 1817, S. 1 ff. John Stuart Mills Ackerbaugesetz besagte, dass die Grenze der Bodenproduktivität erreicht ist, sobald kein weiterer technischer Fortschritt mehr stattfindet.Alfred Nüssing: Über die Bevölkerung, in: Kosmos, Band 2, 1885, S. 126.
Im Jahre 1871 wurden in Deutschland lediglich 0,9 Tonnen Roggen pro Hektar geerntet, 1912 schon 1,57 Tonnen. 1871 zog man 5 Tonnen Kartoffeln aus dem Hektar, 1914 erntete man bereits 13,5 Tonnen vom Hektar.Die Volksschule, Band 37, Ausgaben 7–18, 1941, S. 188. Im Jahre 2016 lagen die Ernteerträge bei 5,56 (Roggen) bzw. 45,4 (Kartoffeln). Im Jahre 2017 lag weltweit der Hektarertrag für Mais bei 5,6 Tonnen/Hektar, gefolgt von Reis (4,5), Weizen (3,4) und Gerste (3,0).Statista Das Statistik-Portal: Getreideertrag pro Hektar Anbaufläche der wichtigsten Getreidearten weltweit in den Jahren 1993/94 bis 2017/2018, abgerufen am 22. Februar 2018. Am gesamten Marktobst haben in Deutschland Äpfel mit 30,9 Tonnen/Hektar die höchste Ernteproduktivität, gefolgt von Birnen (22,4), Pflaumen/Zwetschgen (12,2), Erdbeeren (Freiland; 11,5) und Mirabellen/Renekloden (9,2).Statistisches Bundesamt: BMEL (123), 2015. Werner Sombart ging 1960 davon aus, dass die Bodenproduktivität steigt, wenn mehr Agrarprodukte aus dem Boden erwirtschaftet werden können.Werner Sombart: Allgemeine Nationalökonomie, 1960, S. 149.
Im Jahre 1981 hat die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen einer „Welt-Boden-Charta“ zugestimmt, worin unter anderem die steigende Notwendigkeit der Nahrungsmittelproduktion, die Verbesserung und Erhaltung der Bodenproduktivität und der Schutz der Bodenressourcen Vorrang für eine optimale Landnutzung genießen.Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung (Hrsg.): Welt im Wandel: Grundstruktur globaler Mensch-Umwelt-Beziehungen, 1993, S. 81.
Der Nobelpreisträger Theodore W. SchultzTheodore W. Schultz: Die Ökonomie der Armut, in: Theodore W. Schultz (Hrsg.): In Menschen investieren: Die Ökonomie der Bevölkerungsqualität, 1986, S. 1 ff. kritisierte 1986: „Die unterschiedliche Bodenproduktivität ist keine nützliche Variable. Sie erklärt nicht, warum die Bevölkerung in seit langem besiedelten Gebieten der Erde arm ist. Menschen in Indien waren jahrhundertelang arm, sowohl auf dem Dekkan-Plateau , wo die Produktivität der durch Regen bewässerten Böden gering ist, als auch auf den äußerst fruchtbaren Böden Südindiens…“.Theodore W. Schultz: Ökonomie der Armut, in: Horst Klaus Recktenwald, Karl-Dieter Grüske (Hrsg.): Die Nobelpreisträger der ökonomischen Wissenschaft 1969-1988, Band II, 1986, ISBN 978-3-87881-047-6, S. 661. Als Maßstab für die Armut ist die Bodenproduktivität freilich nicht geschaffen.
Ermittlung Die volkswirtschaftliche Kennzahl der Bodenproduktivität ist der auf die Nutzfläche bezogene Bodenertrag.Verlag der Sozialistischen Monatshefte (Hrsg.): Sozialistische Monatshefte, Band 1, 1919, S. 25. Die Bodenproduktivität gibt das Verhältnis aus Bodenertrag .und der dafür erforderlichen Landfläche .wieder: . Als Berechnungseinheit dient die Landfläche von 1 Hektar. Werden auf einer Landfläche von 1 Hektar 3 Tonnen Weizen geerntet und auf einer anderen Fläche 4 Tonnen, so weist die letztere eine höhere Bodenproduktivtät auf: . Bodenproduktivität beinhaltet den reinen Bodenertrag ohne Berücksichtigung der investierten Arbeit und des investierten Kapitals.Justus Liebig-Universität Gießen, Geographisches Seminar (Hrsg.): Gießener geographische Schriften, Ausgaben 37–40, 1976, S. 50. Dabei wird übersehen, dass faktorbezogene Produktivitäten stets das Zusammenwirken aller Produktionsfaktoren reflektieren: In der Arbeitsproduktivität steckt die Kapazität eingesetzter Maschinen, in der Kapitalproduktivität ist die Arbeitsleistung der Arbeitskräfte berücksichtigt.Gottfried Bombach: Probleme der Produktivitätsmessung, in: Konjunkturpolitik, 1959, S. 322. So kann beispielsweise ein Arbeiter mit einem Bagger mehr Erde bewegen als mit einer Schaufel; die Arbeitsproduktivität verbessert sich durch den Kapitaleinsatz, obwohl sich Umfang und Intensität des Arbeitseinsatzes nicht verändert haben.Horst Penzkofer, Heinz Schmalholz, Lothar Scholz: Innovation, Wachstum und Beschäftigung, 1989, ISBN 978-3-11-011987-9, S. 100.
Wirtschaftliche Aspekte Einflussfaktoren der Bodenproduktivität Der Boden ist der einzige, kaum beliebig vermehrbare Produktionsfaktor (Ausnahmen: Landgewinnung, Melioration, Rodung) und unterliegt deshalb einer natürlichen Knappheit.
Einflussfaktoren der Bodenproduktivität sind insbesondere Anbautechnik, Betriebsgröße (Kleinbauern, Großbetriebe), Bodendegradation, Cash Crops oder Food Crops, Düngung, Fruchtfolge (Sommerweizen, Winterweizen), Landnutzung, Größe der Nutzfläche, Pflanzenschutz, Saatgut, technischer Fortschritt, Umwelt oder Witterung (Dürre oder Überschwemmungen führen zu Ernteausfall). So ist beispielsweise die Anbautechnik auch von der Bodenart abhängig, so dass etwa Hackbau von Hackfrüchten im Hackbaugürtel stattfindet, Ackerbau durch Nutzpflanzenanbau mit PflugEduard Hahn: Die Entstehung der Pflugkultur. Eine Erwiderung, in: Zeitschrift für Ethnologie 48/6, 1916, S 341 Anm. 1. oder moderner Landtechnik. Durch umfassende Meliorationsmaßnahmen kann die Bodenproduktivität erhöht werden.Walter Wittmann: Der unbewältigte Wohlstand, 1972, S. 47. Das gilt auch für die extensive Landwirtschaft, die durch Nutzung von relativ großen Landflächen gekennzeichnet ist, und die intensive, deren Produktivität durch Bewässerung, mineralische Düngung, Rodung, Terrassenfeldbau und Trockenlegung verbessert werden kann. Eine geringe Bodenproduktivität ist für die extensive Landwirtschaft kennzeichnend und geht in der Regel mit einer hohen Arbeitsproduktivität einher.Benedikt Bilgeri, Franz Vögel: Landstände und Landtag in Vorarlberg, 1961, S. 32. Deshalb ist in den trockenen Tropen infolge geringer natürlicher Bodenproduktivität die extensive Weidewirtschaft verbreitet.Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (Hrsg.): Zeitschrift für ausländische Landwirtschaft, Band 5, 1966, S. 71. Höhere Bodenproduktivität kann durch Mineraldünger, Saatgut oder Herbizide/Pestizide/Fungizide erreicht werden.Ernst Langthaler: Schlachtfelder, 2016, S. 376. Die Fruchtfolge führt bei Dreifelderwirtschaft zu einer höheren Bodenproduktivität als bei der Zweifelderwirtschaft. Wasser- und Winderosion sind die Hauptursachen der Bodendegradation, wodurch die Bodenproduktivität abnimmt.
Bodenproduktivität und Arbeitsproduktivität