Lindenstraße ist eine von Hans W. Geißendörfer begründete deutsche Fernsehserie des WDR. Sie wurde erstmals im Dezember 1985 ausgestrahlt und gilt als erste deutsche Seifenoper. Im November 2018 wurde bekanntgegeben, dass die ARD-Fernsehprogrammkonferenz den Produktionsvertrag mit der Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion nicht verlängert und die Serie somit nach mehr als 34 Jahren beendet werde. Die letzte Folge der Lindenstraße wurde im März 2020 gesendet.
Entwicklung Die erste Folge wurde am 8. Dezember 1985 um 18:40 Uhr mit dem Titel Herzlich willkommen ausgestrahlt. Fortan lief die Serie wöchentlich. Die 1000. Folge wurde am 30. Januar 2005 als längere Jubiläumsfolge (46 Minuten) gezeigt und markiert den Übergang vom 4:3- zum 16:9-Bildformat. Regulärer Sendeplatz der Episoden-Erstausstrahlung war ab dem 13. März 2005 sonntags um 18:50 Uhr im Ersten Deutschen Fernsehen. Ursprünglich sollte die Serie donnerstags im Hauptabendprogramm ausgestrahlt werden; deshalb spielten die Handlungen in der Regel an einem Donnerstag. Ausnahmen waren die sogenannten „Feiertagsfolgen“, die zu Ostern, Pfingsten oder Weihnachten, aber auch an Wahltagen spielten.
Der Erfinder der Lindenstraße ist Hans W. Geißendörfer, dessen Firma Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion GmbH (GFF) die Serie produzierte. Nach eigener Aussage gab es zwei Inspirationen für die Serie; zunächst Geißendörfers eigene Kindheit in einem Mehrfamilienhaus in Neustadt an der Aisch; die zweite Inspiration ist die britische Fernsehserie Coronation Street, die in Großbritannien seit 1960 produziert und gesendet wird. Den Titel Lindenstraße steuerte der verantwortliche Fernsehspielchef des WDR Gunther Witte bei.Hans W. Geißendörfer auf Lindenstrasse.de, abgerufen am 26. November 2012.
Bei den ersten 31 Folgen der Lindenstraße führte Geißendörfer auch Regie. Später wechselte diese zwischen verschiedenen Regisseuren, u. a. Dominikus Probst und Iain Dilthey. Der langjährige Regisseur Wolfgang Frank starb im Oktober 2012.sueddeutsche.de – Traueranzeigen Seine Folgen wurden von Kerstin Krause übernommen.
Langjährige Autoren der Serie sind Michael Meisheit, der ab 1997 Drehbuchautor für die Serie (ab Folge 651 Rückkehrer) war, und Irene Fischer, die neben ihrer Rolle als Anna Ziegler ab 1999 Drehbücher schrieb (erste Fischer-Folge 763 Die Wandlung). Weitere Autoren der Lindenstraße sind unter anderem die Schriftstellerinnen Martina Borger und Maria Elisabeth Straub, die von 1985 bis 1997 gemeinsam 250 Drehbücher für die Serie verfasst haben.
Am 16. November 2018 entschied die ARD, die Lindenstraße nicht mehr fortzusetzen. Das Ende der Produktion wurde auf Ende 2019 datiert, womit die letzte Folge der Lindenstraße mit der Nummer 1758 am 29. März 2020 über die Bildschirme lief. Letzter Drehtag der Serie war am 20. Dezember 2019. Sie bekam unter Bezug auf den Namen der ersten Folge den Titel Auf Wiedersehen.. WDR Presse und Information, 16. November 2018.
Handlung mini|Gruppenbild zum 30-jährigen Jubiläum (2015) mini|Gruppenbild zum 40-jährigen Jubiläum (2025)
Örtlicher Handlungsrahmen mini|Logo bis September 2015 Die Lindenstraße spielt in München. In den Mehrfamilienhäusern der Straße wohnen Familien mit Kindern – besonders serienprägend sind die Familien Beimer-Schiller, Beimer-Ziegler und Zenker – sowie Paare ohne Kinder und Wohngemeinschaften. Auch existieren dort die Arztpraxis von Dr. Iris Brooks, die ehemals unter anderem von Dr. Ernesto Stadler, Dr. Carsten Flöter und dessen Stiefvater Dr. Ludwig Dressler betrieben wurde, sowie das griechische Restaurant Akropolis und ein Supermarkt.
In der angrenzenden Kastanienstraße gibt es eine Shisha-Bar, das (dem ehemaligen Café Beyer im von Wendelin Streicher erbauten Haus in der Bamberger Straße 7 in Neustadt an der Aisch nachempfundene) Café Bayer, ein kleines Fitness-Studio sowie eine Autowerkstatt. In dieser Straße wohnen auch einige Hauptfiguren der Serie. In der entgegengesetzt angrenzenden Ulrike-Böss-Straße (bis Dezember 2002 Gärtnerstraße) befinden sich das Kinocenter Astor, das Café George und ein Friseursalon.
Inhaltlicher Handlungsrahmen Das Leben der Straßenbewohner wird recht realitätsnah dargestellt. Vielfältige, meist problemhaltige Facetten realen menschlichen Lebens werden in teils mehrere Jahre übergreifenden Handlungssträngen aufgegriffen. Sich allmählich entwickelnde Ehekrisen in bis dahin scheinbar heilen Familien (wie zum Beispiel in früheren Jahren bei Ehepaar Schildknecht, später bei Ehepaar Beimer und Ehepaar Sperling) zählen ebenso dazu wie Pubertätsprobleme bei den zahlreichen jugendlichen Figuren (zum Beispiel in Gestalt von Liebeskummer, verfrühter Schwangerschaft, Essstörungen, Drogenabhängigkeit) sowie auch politischer oder religiöser Extremismus. So gehörte zum Beispiel die Hauptfigur Klaus Beimer zu Jugendzeiten der Neonazi-Szene an.
Es gab Coming-out-Prozesse wie beim schwulen Carsten Flöter im ersten Jahr der Serie, später dann auch bei der lesbischen Tanja Schildknecht und anderen, langwierige Versuche zur Erfüllung von Kinderwünschen (zum Beispiel bei Valerie Zenker und Ines Kling wegen Zeugungsunfähigkeit ihres jeweiligen Partners, bei Berta Griese wegen Unfruchtbarkeit oder bei gleichgeschlechtlichen Paaren), komplizierte Krankheitsverläufe (zum Beispiel AIDS bei Benno Zimmermann Ende der 1980er-Jahre, Alzheimer bei Hubert Koch in den 1990ern, Herzkrankheit bei Erich Schiller im Jahr 2009, Parkinson bei Hans Beimer im Jahr 2015), Wechseljahres- und Alterskrisen, aber auch Berufliches (Existenzgründungen mit Restaurants und Läden) und basisdemokratisches Engagement (Parteigründungen, Bürgerbegehren).
Bezug zu gesellschaftlichen Entwicklungen Realgesellschaftliche und auch realpolitische Entwicklungen und Diskurse werden aufgegriffen und widergespiegelt. Unter anderem kann die Emanzipation der Frau innerhalb der Ehe angeführt werden, beispielsweise dargestellt durch die Figur Elfie Kronmayr bereits in den ersten Folgen.
Zum Ausdruck kommt bereits seit den frühen Serienjahren die zunehmende gesellschaftliche und rechtliche Emanzipation Homosexueller, dargestellt durch das Coming-out von Carsten Flöter 1986 sowie durch zahlreiche weitere Lesben- und Schwulenbeziehungen, wobei Carsten Flöter und Theo Klages sogar eine Hochzeit feierten. Deutlich wurde immer wieder auch, inwieweit Homosexuelle nach wie vor mit sozialen und formalen Hemmnissen zu kämpfen haben, etwa bei den Bemühungen um eine Kindesadoption: Carsten Flöter und sein Partner „Käthe“ Eschweiler adoptierten nach Auseinandersetzungen mit Behörden schließlich den jungen Felix, der mit HIV infiziert ist. 2004 kam eine weitere homosexuelle Hauptfigur in die Serie: Peter „Lotti“ Lottmann hat später eine Affaire mit Carsten und wird mit der lesbischen Tanja Schildknecht Mitinhaber des Friseursalons. Tanja Schildknecht, anfangs mit Männern liiert, kommt erst im Laufe der Serie im Jahr 1996 in eine homosexuelle Beziehung und hat später weitere. Am Ende der Serie heiratet sie die Transfrau „Sunny“, die zuvor als Mann – Marek Zöllig – lebte. 2019 wurde auch die Homosexualität von Paul Dağdelen thematisch aufgegriffen.
Die Umweltbewegung wurde in den 1980er-Jahren durch die Figur Benny Beimer verkörpert, der auf Grund seiner Aktionen sogar kurz vor dem Abitur des Gymnasiums verwiesen wurde. In den frühen 1990er-Jahren wurde mit der Figur Hubert Koch gezeigt, dass auch ältere Menschen engagiert für Umweltschutz kämpfen und hierbei vor Konflikten mit Behörden nicht zurückschrecken. Es wurde auch vorübergehendes Scheitern solcher Engagements und der damit verbundene Frust aufgezeigt: Philipp Sperling erfuhr 1995 eine herbe Ernüchterung bei seinen Versuchen zur Eindämmung des Autoverkehrs. Dies hielt das Ehepaar Beimer-Ziegler nicht davon ab, ein Jahr später ein Bürgerbegehren für eine verkehrsberuhigte Zone zu initiieren, nachdem der Sohn Tom bei einem Autounfall beinahe ums Leben gekommen wäre. 2008 wurde in der Lindenstraße mit einer Fahrradaktion für den Umstieg aufs Fahrrad geworben.
Der gesellschaftliche Trend zu Vegetarismus und Veganismus war ebenfalls Thema: Marion Beimer präsentierte beim Festessen zu Weihnachten 1994 eine lebendige Gans, deren Schlachtung sie nicht übers Herz gebracht hatte. Julia von der Marwitz und Klaus Beimer, später auch Felix Flöter engagierten sich in diesem Zusammenhang als Tierrechtler und ernährten sich vegan, und auch die Ärztin Eva Sperling lebte, ebenso wie zeitweise Helga Beimer und Tanja Schildknecht, vegetarisch. Antonia Zenker ernährte sich ebenfalls vegan.
Immer wieder wurden auch schwere Krankheiten und die damit verbundenen persönlichen Schicksale in den Handlungssträngen aufgegriffen. So erkrankte 1987 Maike Schildknecht und 2000 Vasily Sarikakis an Leukämie, 2004 Maya Starck an Darmkrebs und 2011 Sabrina Buchstab an Bauchspeicheldrüsenkrebs. 2013 grassierte in der Lindenstraße eine Variante des EHEC-Erregers.
Kontinuierlich thematisierte die Serie das zeitweise Aufleben von Rechtsextremismus: Neben den Neonazi-Aktivitäten von Klaus Beimer und Olli Klatt (Willi Herren) in deren Jugend kam es vor, dass das griechische Restaurant Akropolis aus fremdenfeindlichen Motiven heraus überfallen wurde und der Altnazi Franz Wittich eine Gruppierung Gleichgesinnter um sich scharte. Doch nicht nur Rechtsextremismus, auch militanter Islamismus wurde zum Thema, verkörpert 2009 durch den konvertierten Timo Zenker.
Auch Liebes- und Beziehungsprobleme waren Bestandteil der Serie. So finden sich auch noch Jahre später Anspielungen auf die Trennung von Helga und Hans Beimer. 2000 erstach Momo Sperling seinen Vater Kurt Sperling, da dieser zuvor mit Momos Freundin Iffi Zenker eine Liebesaffäre hatte und Momo nun glaubte, dass sein Vater auch mit seiner neuen Freundin ein Verhältnis habe. 2004 und 2005 plant Olaf Kling, die vier Frauen Gaby Zenker, Anna Ziegler, Mary Sarikakis und Nina Beimer zu erschießen, da dieser im Glauben ist, dass diese schuld sind, dass die Ehe zu seiner Frau Ines Kling gescheitert ist. 2018 stalkt Timo Zenker aufgrund von Wahnvorstellungen Jack Aichinger.
Zu Zeiten der allgemeinen Wehrpflicht beschäftigte sich das Drehbuch auch mit der Umgehung des Wehrdienstes seitens junger Männer: Benny Beimer litt während seines Zivildienstes an Überbelastung, „Zorro“ Pichelsteiner kam wegen Totalverweigerung ins Gefängnis, Klaus Beimer gelang nach hartnäckigem Kampf die Ausmusterung. Auslandseinsätze der Bundeswehr wurden insofern thematisiert, als Enzo Buchstab als Soldat in Afghanistan ein Kriegstrauma erlitt.
Wachsenden Leistungsdruck in der Gesellschaft versuchte die Serie ebenfalls widerzuspiegeln: Gabi Zenker litt 2010 an Schikanen ihrer profitorientierten Chefin, die sie schließlich von einem Privatdetektiv beschatten ließ, um Vorwände für eine Kündigung zu finden. Wachsende Zukunftsängste junger Menschen bezüglich ihrer Berufschancen drückten sich ebenfalls in Handlungssträngen aus: Lea Starck kämpfte um ihre Zulassung fürs Gymnasium. Tom Ziegler verlor das Stipendium für ein Sportgymnasium, nachdem bei einem Dopingtest sein Cannabiskonsum offenkundig wurde.