mini|Quintilians Institutio oratoria in der Handschrift Florenz, Biblioteca Medicea Laurenziana, Plut. 46.12, fol. 1r, aus dem Jahr 1476 Die Institutio oratoria (lateinisch; übersetzt etwa „Ausbildung des Redners“; „Unterricht in der Beredsamkeit“; „Unterweisung in der Redekunst“)Im humanistischen Sinne, also die „Erziehung des Redners“. von Quintilian (* um 35; † um 96) ist die wichtigste und ausführlichste erhaltene Darstellung der antiken Redekunst.
Einführung mini|Idealisierte Darstellung Quintilians beim Lehren der Redekunst (Kupferstich, 1720) Die Institutio oratoria ist ein zwölfbändiges lateinisches Handbuch über die Theorie und Praxis der Rhetorik. Das Werk stammt von dem römischen Rhetoriker Quintilian nordspanischer Herkunft, der in Rom einen öffentlich besoldeten Lehrstuhl bekleidete. Das Werk wurde um das Jahr 92 n. Chr. verfasst und befasst sich auch mit der grundlegenden Erziehung und der Entwicklung des Redners selbst.
Der besonders durch Cicero geprägte Quintilian schrieb sein Buch in den letzten Jahren der Herrschaft von Kaiser Domitian (reg. 81–96), in einer Zeit, in der schon der geringste Verdacht auf mangelnden Respekt vor dem Kaiser ein Kapitalverbrechen darstellte. Die soziale und politische Korruption grassierte. In einer Geste höchster Ironie ernannte sich der verkommene Domitian selbst zum censor perpetuusvgl. Domitian’s Perpetual Censorship and the Numismatic Evidence (T. V. Buttrey) – in Teilansicht; vcoins.com: censor perpetuus (“This coin shows the rare appearance of the full imperial title ‘Censor Perpetuus.’ While earlier emperors had held this office, Domitian was the first to take it ‘in perpetuity,’ an extravagant act notably advertised on this coin.”) (womit er seine dauerhafte Amtsgewalt als Censor unterstrich) und machte sich damit zum Verantwortlichen für die öffentliche Moral.James Jerome Murphy: Quintilian on the teaching of speaking and writing, Southern Illinois University Press 1987, XX.
In einem solchen Umfeld war es für Redner schwer, in die Fußstapfen Ciceros (106–43 v. Chr.) zu treten,Unter anderem der Verfasser von De oratore („Über den Redner“). der einen Teil seines rednerischen Ruhms seiner öffentlichen Anprangerung von Staatsfeinden verdankt. Seit Augustus und der Herrschaft der Kaiser waren solche Positionen schlichtweg zu gefährlich. Folglich hat sich die Rolle des Redners geändert, er musste sich nun darauf beschränken, vor Gericht zu argumentieren. Quintilian versuchte jedoch, ein wenig vom Idealismus der alten Zeiten wieder einzuführen.
Der irische Historiker und Jesuit Aubrey Gwynn (1892–1983) formuliert es in seinem Buch Roman Education from Cicero to Quintilian so:
Im Mittelalter war die Rhetorik einer der Zweige des Triviums, einer Lehre, die sich im Wesentlichen auf drei antike Traktate stützte: Ciceros De inventione, die ihm zugeschriebene Rhetorica ad Herennium und Quintilians Institutio oratoria.Roland Barthes: L’ancienne rhétorique, Communications, 16, 1970, Recherches rhétoriques, S. 187 Die Rhetorik war ein wichtiger Bestandteil des Triviums.
Auch in der Folgezeit war das bedeutende, durch reiche persönliche Erfahrung geprägte Hauptwerk Quntilians über die Jahrhunderte hinweg fast durchgehend hoch geschätzt.vgl. Zeittafel zur Geschichte der Institutio Oratoria und ihres Einflusses: The History and Rhetoric of Institutio Oratoria (MSU) Es hat stark auf die Humanisten gewirkt und stellt die Grundlage des noch bis in neuere Zeit hinein wirksamen Ciceronianismus dar.
Das Werk ist nicht nur ein Zeugnis für die Blüte der römischen Sprachkultur, sondern auch eine wertvolle Geschichtsquelle. Quintilians eigene Reden sind verloren.
Zitat (Inst. orat. 11‚3,180)
Siehe auch De causis corruptae eloquentiae (Von den Ursachen des Verfalls der Beredsamkeit) von Quintilian (verloren) Dialogus de oratoribus (Dialog über die Redner) von Tacitus (zugeschrieben)
Textausgaben und Übersetzungen M. Fabii Qvintiliani Oratoriarvm Institvtionum Lib. XII. una cum Declamationibus eiusdem argutissimis […]. Apvd Sanctam Coloniam, in aedibus Eucharij Ceruicorni, & Heronis Fuchs, 1521 (Digitalisat). Ludwig Radermacher: Quintilianus. Institutionis Oratoriae. Libri XII. Edidit Ludwig Radermacher. Addenda et corr. collegit et adiecit Vinzenz Buchheit. Pars prior: Libros I–VI Continens / Pars secunda: Libros VII–XII Continens. B. G. Teubner, Leipzig 1965 (2 Bände) M. Fabii Quintiliani Institutionis Oratoriae Liber 1, hrsg. mit einer Einführung und Kommentar von Francis Henry Colson. Cambridge University Press, Cambridge 1924; erneut ebenda 2013, ISBN 1-107-68906-6; sowie Olms, Hildesheim 2013, ISBN 978-3-487-30329-1 (nur Buch 1; Colson liefert vor allem eine breite Darstellung der Rezeptionsgeschichte bis 1920). M. Fabi Qvintiliani Institvtionis oratoriae libri dvodecim. Herausgegeben von Michael Winterbottom (Oxford Classical Texts). Zwei Bände, Oxford University Press, Oxford 1970 (kritische Ausgabe des lateinischen Textes, für wissenschaftliche Arbeit unerlässlich). Quintilian: Über Pädagogik und Rhetorik. Eine Auswahl aus der „Institutio oratoria“. Herausgegeben und übersetzt von Marion Giebel. Goldmann, München 1974 (Auszüge aus den Büchern 1, 2 und 10; Buch 12 komplett; knappe Erläuterungen und ausführliche Einleitung der Herausgeberin). Quintilian: De l’institution oratoire. Zwölf Bücher in sieben Bänden, hrsg. von Jean Cousin und Paul Jal (= Collection des universités de France, Série latine). Les Belles Lettres, Paris 1975–2000, ISBN 2-251-01202-8 (Band 1), ISBN 2-251-01203-6 (Band 2) usw. (ausführliche Einleitungen und Anmerkungen, in Französisch). Quintilian: Institutio oratoria X. Lehrbuch der Redekunst, 10. Buch. Herausgegeben von Franz Loretto. Reclam, Stuttgart 1995, ISBN 3-15-002956-2 (lateinisch und deutsch, mit Kommentar). Quintilian: The Orator’s Education. Herausgegeben von Donald A. Russell (Loeb Classical Library). Revidierte Auflage, Harvard University Press, Cambridge/MA 2001, ISBN 0-674-99591-0 (für Band 1) usw. (mit reichhaltigen Anmerkungen). Marcus Fabius Quintilianus: Ausbildung des Redners. Zwölf Bücher. Herausgegeben von Helmut Rahn. Fünfte Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011 (lateinisch und deutsch; einzige vollständige Übersetzung in Deutsch). Quintilian: Pädagogische Texte aus der Antike, hrsg. von Walter Burnikel (= Exemplarische Reihe Literatur und Philosophie. Band 34). Sonnenberg, Annweiler 2013, ISBN 3-933264-74-X (Quellensammlung, 20 Texte aus den ersten beiden Büchern der Institutio, neu übersetzt vom Herausgeber, zusätzliche Erläuterungen oder Zusammenfassungen weiterer Quellen).
Literatur Marcus Fabius Quintilianus: Ausbildung des Redners. Zwölf Bücher, hrsg. von Helmut Rahn. Fünfte Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011 (lateinisch und deutsch; einzige vollständige Übersetzung in Deutsch). Tomas Albaladejo, Emilio del Rio, Jose Antonio Caballero (Hrsg.): Quintiliano. Historia y actualidad de la retórica (= Colleción Quintiliano de retorica y comunicación. Band 2). 3 Teilbände, Ed. Instituto de Estudios Riojanos, Logroño 1998, ISBN 84-89362-37-8. Tobias Dänzer: Die Legitimität des Redners. Quintilians Institutio oratoria zwischen Herrschaft, Recht und Philosophie (= Zetemata. Heft 160). C. H. Beck, München 2024, ISBN 978-3-406-81402-0. Florens Deuchler: Quintilian. Nachantike Spuren der „Institutio oratoria“. Mutmaßungen über das libro dell’arte von Cennini. Notate zu Sulzers Theorie. Peter Lang, Bern 2017, ISBN 978-3-0343-2675-9. Perrine Galand, Fernand Hallyn, Carlos Lévy, Wim Verbaal (Hrsg.): Quintilien ancien et moderne. Etudes réunies. Brepols Publishing, Turnhout 2010, ISBN 978-2-503-52865-6. Aubrey Gwynn, S.J.: Roman Education from Cicero to Quintilian. Teachers College Press, New York 1926. Laura Loporcaro: Reading Quintilian. Didactic authority in the Institutio Oratoria. Oxford University Press, Oxford 2025, ISBN 978-0-19-891150-0. Wilfried Stroh: Die Macht der Rede. Eine kleine Geschichte der Rhetorik im alten Griechenland und Rom. List, Berlin 2011, ISBN 3-548-61011-0. Karl-Wilhelm Weeber: Lernen und Leiden. Schule im Alten Rom. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2014, ISBN 3-8062-2895-7. Eckart Zundel: Lehrstil und rhetorischer Stil in Quintilians „Institutio oratoria“. Untersuchungen zur Form eines Lehrbuches. Haag und Herchen, Hanau 1998, ISBN 3-88129-403-1.
Hilfsmittel Eckart Zundel: Clavis Quintilianea. Quintilians „Institutio oratoria“ (Ausbildung des Redners) aufgeschlüsselt nach rhetorischen Begriffen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1989, ISBN 3-534-07322-3 (Begriffsregister zur Quintilian-Ausgabe von Rahn).
Weblinks
Lateinischer Volltext von Quintilians Institutio oratoria in The Latin Library Englische Übersetzung bei LacusCurtius Wolfram Ax: „Quintilian für Lehrer. Bemerkungen zu Buch 1 und 2 der Institutio oratoria“, in der Pegasus-Onlinezeitschrift
Einzelnachweise
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