mini|hochkant=1.35|Die historischen Feldmarken der heutigen Gemeinde Rüdersdorf mini|hochkant=1.35|Blick auf Kalkberge mini|hochkant=1.35|Blick auf Rüdersdorfer Grund
Rüdersdorf bei Berlin ist eine amtsfreie Gemeinde im Landkreis Märkisch-Oderland in Brandenburg (Deutschland).
Geografie Lage Rüdersdorf liegt etwa 30 Kilometer östlich des Berliner Stadtzentrums. Es grenzt im Norden an die Gemeinden Fredersdorf-Vogelsdorf, Petershagen/Eggersdorf und Strausberg, im Osten an Rehfelde, im Süden an Grünheide (Mark) und Woltersdorf sowie im Westen an Schöneiche bei Berlin (die drei letztgenannten Gemeinden liegen im Landkreis Oder-Spree).
Geologie Rüdersdorf ist seit alters her durch seine in der Mark Brandenburg einmalige Lagerstätte aus Kalksteinen des Muschelkalk bekannt (zu weiteren geologischen Details siehe → Kalksteinbruch Rüdersdorf).
Gemeindegliederung Die Gemeinde Rüdersdorf bei Berlin besteht laut Hauptsatzung aus vier Ortsteilen: Hennickendorf Herzfelde Lichtenow Rüdersdorf
Dazu kommen die Wohnplätze Alt Rüdersdorf, Alte Grund, Bergbrück, Berghof, Bergmannsglück, Franz-Künstler-Siedlung, Grünelinde, Hortwinkel, Landhof, Lichtenow Dorf, Rüdersdorfer Grund, Schulzenhöhe, Seebad Rüdersdorf und Tasdorf.
Etymologie Der Name Rüdersdorf ist eine Abwandlung des älteren Rudolfsdorf. Der genannte Rudolf war Abt des Klosters Zinna zum Zeitpunkt der Dorfgründung.
Geschichte Barnimbesitz des Klosters Zinna Nachdem sich die brandenburgischen Markgrafen Johann I. und Otto III. im Vertrag von Kremmen (1236) die bis dahin dem Greifen-Herzogtum Pommern unterstehende Region zwischen Spandau und der Oder angeeignet hatten, übertrugen sie 1235 ein großes Gebiet im südlichen Barnim östlich von Köpenick dem Zisterzienser-Kloster Zinna, das hier zehn Dörfer gründete, darunter Rüdersdorf.
Der Kalkabbau wurde zu einer wichtigen Einnahmequelle des bis dahin wirtschaftlich schwachen Klosters. Bereits zum Bau des Dominikanerklosters in Strausberg 1254 wurde Rüdersdorfer Kalkstein verwendet.
Wohl noch in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstand die spätromanische Dorfkirche aus sorgfältig gelagertem Feldsteinmauerwerk,BLDAM-Datenbankeintrag Rüdersdorf Dorfkirche die der älteste noch erhaltene Bau aus der Gründungszeit Rüdersdorfs ist. Der Turm ist in seiner ursprünglichen Form erhalten, Chor und Schiff wurden im 18. Jahrhundert modernisiert. Urkundlich erwähnt wurde Rüdersdorf zuerst als Roderstorp, zwischen 1308 und 1319.
Nach dem Aussterben der Askanier 1320 wurde Rüdersdorf 1402 von den Raubrittern Dietrich und Johann Quitzow überfallen und geplündert. Auch in den Hussitenkriegen wurde Rüdersdorf 1432 in Mitleidenschaft gezogen.
Während der Reformation geriet der Barnimer Besitz des Klosters Zinna zunehmend unter die Kontrolle der Brandenburger Kurfürsten. Anfang der 1540er Jahre wurde mit Hans Badendieck ein Vogt in Kagel eingesetzt, der auch vom Kurfürsten bestätigt wurde. Der Kurfürst vergab 1544 an seinen Bruder Hans von Küstrin einen Kalkbruch bei Rüdersdorf. Im Jahr 1547 wurde Nickel Spiegel als neuer Vogt von Joachim II. ernannt. Über ihn beklagten sich die Bauern von Klosterdorf, Werder und anderer Dörfer mehrfach.
Domäne Rüdersdorf Mit der der Säkularisation des Klosters Zinna fiel der gesamte Besitz um 1553 endgültig an den Brandenburger Landesherrn. In Rüdersdorf entstand in dieser Zeit ein Jagdschloss, von dem aus der Kurfürst oft seiner Jagdleidenschaft in den heimischen Wäldern frönte. Der ehemalige Klosterbesitz wurde 1571 mit der Gründung des Domänenamtes Rüdersdorf in die kurfürstliche Verwaltung eingeordnet. Während des Dreißigjährigen Krieges brannte das von seinen Bewohnern verlassene Dorf vollständig nieder.
Nach Bericht des Landreiters waren 1652 drei Kossäten, vier Freileute, zwei Bergarbeiter, der Bergschreiber und der Pfarrer anwesend. Um 1710 waren wieder alle neu erbauten Höfe im Dorf besetzt, 1734 wurden dort 246 Bewohner gezählt.
Auf Rüdersdorfer Grund und Boden entstand 1664 am Kesselsee eine kurfürstliche Steinbrecheransiedlung namens Alter Kalckgrundt mit zehn Hausstellen. Einige Jahre später entstand im Tal des Mühlenfließes eine weitere Steinbrecheransiedlung in der Nähe des alten Bergschreiberhauses namens „Neue Berge“. Für den Ausbau Berlins und Cöllns zur Festungsstadt lieferte Rüdersdorf große Mengen an Kalkstein. Beide Ansiedlungen bildeten den Kern des später gegründeten Bergmannsdorfes Kalkberge. König Friedrich II. ließ, um den Bergbau zu fördern, Häuser für Kolonisten mit der Verpflichtung zur Bergarbeit 1764–1765 erbauen. In Rüdersdorf entstand von 1784 bis 1785 die Kolonie Hortwinkel für invalide Soldaten des Königs. Am 12. Mai 1812 brach im Dorf ein Brand aus, der sämtliche Bauernhöfe erfasste. Eine neue Kolonie zwischen Rüdersdorf und dem Hortwinkel war um 1845 im Entstehen. Sie trug als Bergarbeitersiedlung den Namen Neue Welt. Im Jahr 1856 hatte Rüdersdorf 1224 Einwohner, davon 13 Bauernfamilien, 105 Arbeiter- und 172 Bergarbeiterfamilien.
Nachdem die ab 1860 angelegten östlichen Abschnitte der Preußischen Ostbahn von Berlin aus zunächst nur auf Umwegen über Stettin oder Frankfurt zu erreichen gewesen waren, wurde 1867 auch deren westlicher Abschnitt vom (alten) Berliner Ostbahnhof nach Küstrin eröffnet, der in nur 6 km Abstand am Rüdersdorfer Tagebau vorbeiführt. Zwei Jahre später, 1869, ging eine Stichbahn bis an den Rand der Kalkgruben in Betrieb, die bei Fredersdorf-Vogelsdorf von der Hauptstrecke abzweigt. Sie wurde nun wichtiger als der Kanaltransport.
Am Kalksee, einem natürlichen See südwestlich des Ortskerns im Verlauf des Rüdersdorfer Mühlenfließes, wurden um 1865 auf dem Grundstück einer alten Ziegelei ein Gasthaus und ein Seebad erbaut, Rüdersdorf wurde damit ein Ausflugsort der Berliner. Im Juli/August 1887 verbrachte Theodor Fontane hier seinen Urlaub.
Seit 1877 verband die Dampfschifffahrt die Rüdersdorfer Kalkberge mit Erkner an der Niederschlesisch-Märkischen Eisenbahn (Berlin–Frankfurt–Breslau). Im Jahr 1900 zählte Rüdersdorf 2996 Einwohner.
Kalkberge-Rüdersdorf wurde 108 vom Stummfilm entdeckt. Zahlreiche Filmgesellschaften nutzten die dortigen Kalksteinbrüche, den Ort und die Seen als Freiluftatelier. Damit verbunden sind bekannte Namen von Regisseuren und Filmschauspielern wie Harry Piel, Ernst Lubitsch, Joe May, Harry Liedtke, Pola Negri, Lil Dagover, Maria Carmi, Henny Porten, Hilde Sessak, Hans Albers und Emil Jannings.
Durch den Bau der Straßenbahn Schöneiche haben die Ortsteile Rüdersdorf und Kalkberge seit 1912 eine Verbindung zum Bahnhof Berlin-Friedrichshagen an der oben genannten Strecke Berlin–Frankfurt.
mini| Rüdersdorf-Kalkberge vor 1910 mini|hochkant|In der Gemeinde Kalkberge 1933 abgestempelte Dienstmarke
Großgemeinde Kalkberge-Rüdersdorf In den 1920er Jahren gab es erste Überlegungen, die eigenständigen Gemeinden Rüdersdorf, Kalkberge und Tasdorf zu vereinigen. Innerhalb der drei Gemeinden (besonders in Kalkberge und Tasdorf) gab es dagegen großen Widerstand der Gewerbetreibenden und Grundbesitzer. Am 31. März 1931 entstand die Großgemeinde Kalkberge (ab 1934 Rüdersdorf genannt) aus den Landgemeinden Kalkberge, Rüdersdorf und Tasdorf mit 10.707 Einwohnern. Sie vereinte in sich sowohl die industriellen Anlagen (Zementfabriken, Kalkwerke und Kalksteinbrüche) wie auch die ländlichen Gebiete der drei Gemeinden.
Arbeiten zum Bau der Reichsautobahn Berliner Ring begannen 1934, und 1937 wurde der östliche Ring mit den mächtigen Brückenviadukten am Talübergang Rüdersdorf eröffnet. Die Preussag errichtete von 1935 bis 1938 in der ehemaligen Kiesgrube der Kalksandsteinfabrik Michel 70 Wohnhäuser. Dort wurden 1936 50 Bergarbeiterfamilien aus der Niederlausitz angesiedelt. Die Siedlung wurde Bergmannsglück genannt.
Während des Zweiten Weltkrieges mussten mehr als 2000 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus 16 Nationen in Steinbrüchen der Preussag, im Betonwerk und im Zementwerk Zwangsarbeit verrichten. Auch sowjetische Kriegsgefangene in einem separaten Lager, die unter KZ-ähnlichen Bedingungen lebten, sowie französische und italienische Militärinternierte mussten für kriegswichtige Produktion arbeiten.
Bei Bombenangriffen und bei Kampfhandlungen im Ort starben 35 Menschen, darunter mehrere Kinder. Insgesamt fielen im Zweiten Weltkrieg 305 Soldaten aus Rüdersdorf. Am 21. April 1945 wurde Rüdersdorf der Roten Armee übergeben.
Die Rote Armee errichtete im ehemaligen Preussag-Zementwerk Rüdersdorf anschließend ein Kriegsgefangenenlager, das ab Mai 1945 mit Zaun und Wachttürmen um das Werk vervollständigt wurde. Im Lager gab es ein zweites Lager, in dem höhere NSDAP-Kader, KZ-Leiter und -personal interniert waren. Etwa 30.000 Gefangene mussten das Zementwerk demontieren. Das Stalin-Regime ließ es als Reparation in die Sowjetunion transportieren. Mitte Juni 1945 wurden Soldaten, die unter etwa 17 Jahren waren, aussortiert und in Jugendkompanien gesammelt.Fritz Pietrowiak: Nur der Wille zählt. edition fischer, Frankfurt/Main 2009, ISBN 978-3-89950-445-3, S. 69–87. Im Kriegsgefangenenlager Rüdersdorf starben nach 1945 750 Menschen.
In Rüdersdorf wurde in der Nachkriegszeit der größte baustoffproduzierende Betrieb in der DDR aufgebaut. Die sich in den folgenden Jahrzehnten ausweitende Zementproduktion ging mit erheblichen Umweltproblemen einher. Der Ort erhielt 1953 durch den Bau der Ernst-Thälmann-Schule ein neues Schulgebäude mit 16 Klassen- und Fachräumen, 1956 wurde das Kulturhaus Martin Andersen Nexö eröffnet. Von 1965 bis 1967 wurden am Kalksee neue medizinische Einrichtungen für den Ort und Kreis erbaut. Es entstand das neue Kreiskrankenhaus mit Kinderstation und Poliklinik.
Mit dem Beschluss, 1969 eine fünfte Drehrohrofenstraße im Zementwerk IV zu erbauen, wurden tiefgreifende Maßnahmen in der Struktur des Ortsteils Kalkberge notwendig. Die Teilortverlagerung im Bereich der Reden-, Garten-, Breitscheid-, Schulstraße und Straße der Jugend begann 1972. Sämtliche Grundstücke wurden geräumt, und die Bewohner zogen in die Neubauwohnungen in der Brückenstraße. Anfang der 1980er Jahre wurden die Wohnhäuser am Seilscheibenpfeiler und große Teile der Heinitzstraße geräumt und abgerissen. Der Heinitzsee – ehemals ein gefluteter Tagebau – wurde zwischen 1975 und 1976 gesümpft und für den Restabbau genutzt. Damit war nicht nur der einstige Königssee verschwunden, sondern auch die historischen Wohngebiete des Bergmannsdorfes Kalkberge.
In der Wendezeit 1989/1990 und mit der Wiedervereinigung Deutschlands waren auch Politik, Verwaltung und Wirtschaft in Rüdersdorf erheblichen Veränderungen unterworfen.
Mit der Privatisierung des Kalksteintagebaus und der Zementfabriken sowie dem Abriss zerschlissener Fabrikgebäude verbesserte sich die Umweltsituation deutlich. Die gravierenden Staubemissionen in Rüdersdorf wurden bis 1995 erheblich gesenkt.
Am 23. September 2008 erhielt die Gemeinde den von der Bundesregierung verliehenen Titel „Ort der Vielfalt“.
Verwaltungsgeschichte Rüdersdorf gehörte seit der Klosterauflösung 1571 direkt zum Kurfürstentum Brandenburg. Der Großteil der heutigen Gemeinde Rüdersdorf zählte vom Mittelalter an bis 1817 zum Kreis Oberbarnim. Nur Tasdorf gehörte zum Niederbarnim. Die Domäne Rüdersdorf wurde 1817 dem Kreis Niederbarnim zugeordnet. Ab 1952 gehörte das gesamte heutige Gemeindegebiet zum Kreis Fürstenwalde im DDR-Bezirk Frankfurt (Oder). Seit 1993 liegt die Gemeinde im brandenburgischen Landkreis Märkisch-Oderland. Von 1894 bis 1952 bestand das Amtsgericht Rüdersdorf.
Amt Rüdersdorf