Fachi (auch: Agram und Fatchi) ist eine Landgemeinde im Departement Bilma in Niger.
Geographie mini|hochkant=1.2|Oase Fachi aus der Vogelperspektive
Der offiziell gewordene Ortsname Fachi ist eine Bezeichnung der Tuareg, während die im Ort lebenden Kanuri und Tubu den Ortsnamen Agram verwenden.
Die Landgemeinde liegt in der zur Sahara zählenden Wüste Ténéré im Norden des Landes. Die Nachbargemeinden sind Djado im Norden, Dirkou und Bilma im Osten, N’Gourti im Südosten, Tesker im Süden, Aderbissinat im Südwesten, Tabelot und Timia im Westen sowie Iférouane im Nordwesten.
Die Oase Fachi befindet sich etwa auf halber Strecke zwischen dem (stählernen) Arbre du Ténéré und der Oase Bilma und liegt auf einer Höhe von . Sie ist die einzige Siedlung in der Gemeinde und deren Hauptort. Sie markiert die nördliche Grenze des Naturreservats Termit und Tin-Toumma. Zu den Wasserstellen außerhalb des Hauptorts zählen Achegour, Araga, Fazeï, Kaosawa und Yougoulou.
Bei einer Erhebung der Nagetierarten Nigers 2002 wurden in Fachi die Westsahara-Stachelmaus (Acomys airensis) und die Große Ägyptische Rennmaus (Gerbillus pyramidum) gefunden.
Geschichte mini|Ausschnitt einer Karte von 1903 mit Fachi (Oasis Agram) im Zentrum
Mit Dogonboulo gibt es einen archäologischen Fundplatz aus der Jungsteinzeit in der Gemeinde.
Fachi kam um 1865 unter den Einfluss der sufistischen Bruderschaft der Sanusiya. Die Bruderschaft war im Ort jahrzehntelang der Ansprechpartner für alle Belange, die mit dem Islam zu tun hatte. Sie stellte die Qādīs des Orts und leitete die meisten lokalen Koranschulen. Die Dominanz der Sanusiya hielt in Fachi relativ lange an und ging erst zu Beginn der 1930er Jahre verloren.
Noch Anfang des 20. Jahrhunderts gab es einen hohen Anteil an im Ort ansässigen Sklaven. Das Verbot der Sklaverei unter französischer Kolonialherrschaft im Jahr 1906 führte zu wirtschaftlichen Problemen, zugleich war es für Freigelassene schwierig die isoliert gelegene Oase zu verlassen. So lebten noch in den 1940er Jahren ehemalige Sklaven weiterhin bei ihren früheren Herren.
Bevölkerung In Fachi lebten bei der Volkszählung 2012 2215 Einwohner in 502 Haushalten, bei der Volkszählung 2001 2629 in 525 Haushalten und bei der Volkszählung 1988 1364 in 356 Haushalten.
In der Oase Fachi wird der Kanuri-Dialekt Fachi-Kanuri gesprochen, der eng mit dem Bilma-Kanuri der Oase Bilma verwandt ist.
Politik Der Gemeinderat (conseil municipal) hat 11 Mitglieder. Mit den Kommunalwahlen 2020 sind die Sitze im Gemeinderat wie folgt verteilt: 4 PNDS-Tarayya, 3 RDP-Jama’a, 2 ARD-Adaltchi Mutunchi und 2 MNSD-Nassara.
Der Hauptort wird von einem traditionellen Ortsvorsteher (chef traditionnel) geleitet.
Kultur und Sehenswürdigkeiten Der Ort ist von einer aus Salztonziegeln bestehenden Stadtmauer mit fünf Toren umgeben. Im Inneren von Fachi befindet sich die Burg Dada mit acht Meter hohen Mauern und vier Türmen. Sie diente den Bewohnern als Zufluchtmöglichkeit bei Raubüberfällen. In der Burg hat bis heute jede Familie mindestens einen der zum Teil noch benutzten tönernen Getreidespeicher. Da ein Brunnen vorhanden ist, waren die Bewohner den räuberischen Belagerern gegenüber im Vorteil.
In der Stadt führt ein Labyrinth von engen und verwinkelten Gassen zwischen den ebenfalls aus Salztonziegeln erbauten Flachdachhäusern hindurch. Die Architektur in Fachi spiegelt das Grundprinzip des Vierecks im Grundriss, den Räumen und den Innenhöfen wider – alle sind in einer viereckigen Form angelegt. Hauptsächlich wird mit Lehm gebaut, was jedoch schon bei einem zweitägigen Regenereignis zu schweren Schäden führen kann. Deshalb wurden vermehrt Steine in die Bauten integriert. Grundsätzlich sind alle Gebäude nach demselben Schema aufgebaut. Der Wohlstand zeigt sich weniger an der Größe des Hauses als der reichhaltigen Ausstattung im Innern.
Der südwestlich der Oase angelegte Steinkreis von Fachi () stammt aus der französischen Kolonialzeit. Er diente als Orientierungspunkt für die Luftfahrt. Der eigentliche Steinkreis hat einen Durchmesser von etwa 52 m. Er besteht aus einer niedrigen Steinmauer, mit einem im Kreisinneren aus Steinen gelegten Schriftzug FACHI. Rund um den Kreis sind acht weitere Mäuerchen erhalten, die vier Ecken und vier Seiten eines Quadrats mit einer Seitenlänge von rund 620 m markieren. Ein vergleichbarer, wenn auch kleinerer Orientierungspunkt in der Wüste Ténéré ist der Steinkreis des Adrar Madet.
Die Helden des 1978 erschienenen Roman Atemlos des britischen Schriftstellers Desmond Bagley reisen durch Fachi.
Wirtschaft und Infrastruktur Dattelpalmen Die Kanuri nehmen für sich in Anspruch, die ersten Dattelpalmen gepflanzt zu haben, doch wahrscheinlich sind solche Pflanzungen schon früher entstanden. Dattelpalmenpflanzungen genießen unter den Kanuri eine hohe Wertschätzung. Jeder Bewohner der Oase besitzt Dattelpalmen; schon ein neugeborenes Kind erhält anlässlich seiner Namensgebung die ersten Pflanzen. Ein gut gepflegter Besitz an Dattelpalmen reicht aus, um die Ernährung einer Familie zu sichern, das heißt die notwendigen eingeführten Grundnahrungsmittel zu erwerben.
Die natürliche Befruchtung durch männlichen Blütenstaub, den Wind oder Insekten übertragen, reicht nicht aus. Die Befruchtung der weiblichen Blüten, in Fachi birra, „Dattelhochzeit“, genannt, ist ein wichtiges Ereignis, das von religiösen Veranstaltungen begleitet ist. Die Befruchtung wird durchgeführt, indem man einen männlichen Blütenzweig in den weiblichen steckt. Jede Befruchtung wird von dem Spruch: „Allahu akbar fero kwa“ (fero = Jungfrau, kwa = heirate, empfange) begleitet. Die Befruchtung der einzelnen Palmen ist zwar der individuellen Sorge des Eigentümers überlassen, aber die birra ist eine Angelegenheit der ganzen Gemeinschaft.
Bei der Dattelernte ist die gesamte Bevölkerung von morgens bis abends unterwegs. Man muss in den Wipfel der Palme klettern, um an die Fruchtzweige heranzukommen – das obliegt den Männern. Der abgeschnittene Fruchtzweig wird hinuntergeworfen und von Frauen, Kindern und älteren Männern erwartet, die ihn sofort abernten. Die Datteln werden in Körben oder Säcken in die Stadt gebracht. Die Zeit der Dattelernte ist eine Zeit täglicher Streitigkeiten, sei es um das Anrecht auf herabgefallene Früchte, sei es um die Teilung der Ernteerträge von Palmen, die mehrere Eigentümer haben. Es ist aber auch die Zeit der spontanen Geschenke angesichts der aufgehäuften Mengen, der Großzügigkeit bei der Teilung, bei der Rückzahlung einer Schuld, der Nachsicht gegen einen ertappten Dieb.
Gärten Gärten befinden sich in der Oase Fachi zwischen den Sanddünen, wo lehmiger Boden und Wasser in erreichbarer Tiefe vorkommt. Die Gärten sollen im Fall einer ökonomischen Krise durch das Ausbleiben der Karawanen die Existenz der Bewohner von Fachi sichern. Mühsam an der Gartenarbeit ist das Abtragen des Sandes, der über dem fruchtbaren lehmigen Boden liegt. Alle anderen Arbeiten wie Säen, Jäten, Bewässern, Ernten gelten als leichte Arbeiten, die Frauen und Kindern zugemutet werden können. Die Erntemengen sind gering und der Arbeitsaufwand ist groß, aber die Freude über die Ernte lässt die damit verbundenen Mühen vergessen. Jeder Haushalt besitzt im Durchschnitt etwa zwei bis drei Gärten.
Die Qualität des Gartenlandes wird unterteilt in „Weizengarten“ und „Luzernegarten“. „Weizengärten“ benötigen einen ziemlich salzfreien, besonders guten Boden und salzfreies Wasser, damit Weizen gedeihen kann. Sie machen etwa 34 % des genutzten Gartenlandes aus. Bewässert werden die „Weizengärten“ mit Ziehbrunnen, da sie viel Wasser benötigen. Die Luzerne gilt als wichtigste Anbaupflanze. Die „Luzernegärten“ haben salzhaltige Böden und mehr oder weniger salzhaltiges Brunnenwasser. Da sie nur wenig Wasser benötigen, werden sie von Hand bewässert. Sie machen etwa 66 % der genutzten Gartenfläche aus.
Salinen mini|beza- und kantu-Salz in Fachi
Die Salinen (mándari) von Fachi verdanken ihre Entstehung unterirdischen Salzablagerungen, die wahrscheinlich durch die Austrocknung der Ténéré-Seen entstanden sind. Das Grundwasser durchfließt diese Salzlager, nimmt dabei Salz auf und tritt als gesättigte Sole in geringer Tiefe in Erscheinung. Um eine Saline zu erschließen, müssen Sand und Erde auf dem Gelände so weit abtragen werden, dass die Sole ungehindert an die Oberfläche treten kann. Durch die geringe Luftfeuchtigkeit und die ständige Einstrahlung der Sonne verdunstet das Wasser rasch, das Salz scheidet sich ab und ist für die Menschen verfügbar. Der Höhepunkt der Salzgewinnung ist während der heißen Monate von Mai bis September. Im Sommer müssen die Arbeiter in den Salinenbecken Temperaturen von 70 °Celsius ertragen, was die meisten nicht länger als eine Stunde aushalten. Salinenarbeit wird in Fachi als die schwerste Arbeit betrachtet.
Salz wird in zwei Qualitäten produziert: Weißes, voll auskristallisiertes Salz wird unter der Bezeichnung beza gehandelt. Es ist als Speisesalz für den menschlichen Verbrauch bestimmt. Die zweite Salzqualität, kantu genannt, hat eine graugelbe Farbe. Es ist ein Gemisch aus verschiedenen Salzsorten und wird als Viehsalz verwendet. In Fachi entfallen etwa 25 % der Produktion auf beza-Salz, 75 % auf kantu-Salz. Um eine Überproduktion zu verhindern, erkundigt man sich im Frühjahr bei den Karawanenunternehmern nach dem voraussichtlichen Bedarf für die nächste Karawanenzeit, die im Herbst beginnt.
Das Salz steht im Mittelpunkt des Karawanenhandels. „Ohne Salz gäbe es Fachi nicht“, so charakterisiert man in Fachi die elementare Bedeutung des Salzhandels. Die Karawanen sind zwar an Datteln interessiert, jedoch erst an zweiter Stelle. Obwohl das Salz für die Ökonomie große Bedeutung hat, verleiht der Besitz von Salinen nicht annähernd das soziale Prestige wie der Besitz von Dattelpalmen oder Gärten. Der Grund dafür ist, dass Salinenbesitz auch Salinenarbeit bedeutet. Von allen Arbeiten ist sie die schwerste und schmutzigste, eine Arbeit, die nach Auffassung der Leute von Fachi mit der Würde eines freien Kanuri eigentlich nicht vereinbar ist.
Karawanenhandel mini|Sahara-Dünen von Fachi-Bilma
Fachi ist hochgradig abhängig von Importen. Viele Produkte müssen aus einer Entfernung von über 1000 Kilometern herangeschafft werden. Wegen der teilweise hohen Dünenzüge ist Fachi für LKWs kaum erreichbar.
Den höchsten Rang unter allen Waren räumen die Leute von Fachi dem Getreide ein, ihrem Hauptnahrungsmittel. 98 % des eingeführten Getreides ist Hirse, die als einziges Getreide in großen Mengen verfügbar ist. An zweiter Stelle steht das Bedürfnis nach Schafen und Ziegen, die als Opfertiere bei religiösen Anlässen gebraucht werden. Die Tiere müssen eingeführt werden, da Kleintierzucht in Fachi wegen fehlender Weiden nicht stattfindet. Trockenfleisch von Ziegen, Schafen, Kamelen, Rindern oder Wildtieren wird als Nahrungsmittel angeboten. Frischfleisch ist eher selten, da der Transport von Tieren mühsam ist und somit viele Verluste in Kauf genommen werden müssen. Fett gelangt nach Fachi in Form von Butter, Erdnuss- und Palmöl, in geringer Menge wird auch Kamelfett angeboten. Die Fettlieferung der Karawanen reicht aber nicht aus, deshalb ist Fett Mangelware. Weitere Handelswaren, die über den Weg der Salzkarawanen nach Fachi kommen, sind Milchprodukte und Industriewaren. Ein wichtiges Bedürfnis betrifft die Bekleidung, auch Sandalen und Ziegenlederschuhe. Tongefäße, die einen unverzichtbaren Teil der Haushaltsausstattung darstellen, werden in Fachi nicht hergestellt, sie werden deshalb von den Karawanen geliefert. Holzkohle an Stelle des qualmenden Kamelmistes oder rasch verbrennender Palmzweige sind Luxus. Die Genussmittel Tee und Zucker gehören nicht zu den Grundbedürfnissen, bringen jedoch Lebensfreude und soziales Prestige. Ein hochgeschätztes Genussmittel sind Kolanüsse. Bei Festen, besonders Hochzeiten, wird Parfum gebracht.