Der Wegebussard (Rupornis magnirostris), gelegentlich auch Großschnabelbussard genannt, ist ein kleiner, auffallend langschwänziger bussardartiger Greifvogel aus der Gattung Rupornis innerhalb der Familie der Habichtartigen. Er ist in Mittel- und Südamerika weit verbreitet und zählt dort zu den häufigsten Greifvögeln.
Er erreicht etwa die Größe eines Turmfalken, ist im Durchschnitt aber etwas schwerer als dieser und wirkt kräftiger und massiger. Die sehr variabel gefärbte Art ist häufig an Wege- und Straßenrändern zu sehen, wo sie auf Zaunpfählen oder Telegrafenmasten Ausschau nach geeigneten Beutetieren hält. Außer dem deutschen verweisen auch einige anderssprachige Trivialnamen auf diese Verhaltensweise (engl.: Roadside Hawk, span. Bussardo Caminero). Die Geschlechter unterscheiden sich in der Gefiederfärbung nicht; Weibchen sind im Durchschnitt nur unmerklich größer, können aber um bis zu 25 % schwerer als Männchen sein.
Der Wegebussard ist ein Nahrungsgeneralist, der sich von einer Vielzahl unterschiedlicher Beutetiere ernährt; große Insekten spielen aber immer eine prominente Rolle, worauf sich mit Insect Hawk ein weiterer englischer Trivialname bezieht.Theresa Panasci: Roadside Hawk In: David F. Whitacre (Hrsg.): Neotropical Birds of Prey: Biology and Ecology of a Forest Raptor Community. Cornell University Press Ithaka NY 2012; Kindle Version (ohne Seiten). Bisher wurden keine regelmäßigen Wanderungen oder Zugbewegungen dokumentiert. Das Gelege des – meist nur saisonal verbundenen – Paares umfasst in den Tropen nur ein Ei, in den Subtropen dagegen sind Zweiergelege die Regel.
Rupornis magnirostris wurde 1788 von Johann Friedrich Gmelin als Falco magnirostris erstbeschrieben.Carl von Linné und Johann Friedrich Gmelin: Systema naturae per regna tria naturae. Leipzig 1788; S. 283 Online. Als Sammelort des Typusexemplars gibt er Cayenna (= Cayenne) an. Das lat. Artepitheton verweist auf den verhältnismäßig großen Schnabel dieser Art. Die Herleitung des Gattungsnamens ist unklar: Er besteht entweder aus griech. rhypos (ῥύπος) = Schmutz, Erde und ornis (ὄρνις) = Vogel und könnte sich auf die Färbung des Vogels beziehen, die oft eine schmutziggraue oder erdfarbene Tönung aufweist.James A. Jobling: The Helm Dictionary of scientific Bird Names. Christopher Helm, London 2010, ISBN 978-1-4081-2501-4, oder aus lat. rupes = Fels und griech. ornis.W. S. Clark und N. J. Schmitt: Raptors of Mexico and Central America. Princeton University Press 2017, ISBN 978-0-691-11649-5; S. 186–189.
Der Wegebussard, dessen Bestand aufgrund anhaltender großflächiger Rodungen des Primärwaldes, die für die Art neue Freiflächen schaffen, leicht zunimmt, steht in keiner Gefährdungskategorie.BirdLife International (2021) Species factsheet: Rupornis magnirostris. Heruntergeladen am 10. Januar 2021.
Die Gattung ist monotypisch, die Art dagegen in hohem Maße polytypisch. Ferguson-Lees führt 14 Unterarten an, das HBW 12.R. O. Bierregaard B. F. D. Boesman und G. M. Kirwan (2020): Roadside Hawk (Rupornis magnirostris). Version 1.0. In Birds of the World (J. del Hoyo, A. Elliott, J. Sargatal, D. A. Christie, and E. de Juana, Editors). Cornell Lab of Ornithology, Ithaca, NY, USA. .
Obwohl diese Art zu den am besten untersuchten neotropischen Greifvögeln gehört, sind noch einige Fragen zur Biologie offen.
Aussehen Der Wegebussard ist ein kleiner, aber untersetzt und massig wirkender, meist graubrauner Greifvogel. In seiner Gesamterscheinung ähnelt er einem kleinen Habicht. Auffallend sind die oft kapuzenartig vom übrigen Körper abgesetzte, meist graue oder graubraune Kopf-, Hals- und Nackenpartie, die kurzen Flügel (2,1–fache Körperlänge), die beim sitzenden Vogel weit vor der Spitze des verhältnismäßig langen, gebänderten Schwanzes enden und die ausdrucksvollen, großen Augen mit gelber Iris. Ist der Vogel angespannt, dreht und wendet er häufig den Schwanz. Er fliegt mit relativ flachen, schnell aufeinanderfolgenden Flügelschlägen, denen eine kurze Gleitphase folgt. Er segelt selten und rüttelt nicht. Bei einigen Unterarten sind im Flug die bis auf die gefingerten Enden rostbraunen Handschwingen kennzeichnend. Die Geschlechter sind feldornithologisch nur durch ihr Verhalten zu unterscheiden, da kein Färbungsdimorphismus besteht, der Größendimorphismus mit maximal 7 % zugunsten der Weibchen gering ist und bei dem zwar mit bis zu 25 % beträchtlichen Gewichtsdimorphismus eine breite Überschneidungsmenge besteht. Die Art ist häufig an Straßenrändern zu beobachten, wenn sie auf Telegrafenmasten oder Weidepfählen nach Beutetieren Ausschau hält. Habitus, Färbung und das wenig scheue und akustisch auffällige Verhalten machen adulte Wegebussarde annähernd unverwechselbar.
In Veracruz wurde ein melanistischer Jungvogel beobachtet; ob solche Färbungsvarianten häufiger vorkommen, ist nicht bekannt.
Erwachsenengefieder (Rupornis magnirostris magnirostris) mini|Adulter Wegebussard (R. m. magnirostris), deutlich die rotbraunen Armschwingen und der kapuzenartig abgesetzte Kopf- und Brustbereich mini|Wegebussard, 1. Jugendgefieder. In diesem Federkleid fliegen Jungvögel aus mini|Wegebussard, 2. (definitives) Jugendgefieder Hier werden die Merkmale des nominotypischen Taxons detailliert beschrieben. Davon abweichende Merkmale der Unterarten werden im Abschnitt Wegebussard#Systematik kurz erwähnt.
Kopf, Nacken, Rücken und Flanken sind schiefergrau. Ein feiner, weißer Überaugenstreif ist meist ausgebildet, kann aber auch fehlen. Die subterminal dunklen und terminal ganz fein weiß gerandeten Armschwingen sind bei gefalteten Flügeln nur aus der Nähe zu erkennen, auch die rostroten Felder der Handschwingen sind oft verdeckt, sodass beim sitzenden Vogel nur die schwarz-cremefarben gebänderten Endfedern immer sichtbar sind. Der Bürzel ist auf weißem Grund schwarz gebändert. Der lange, leicht gerundet abschließende Schwanz ist auf grauem Grund deutlich vierfach schwarz gebändert (häufig sind davon die ersten beiden Basalbänder verdeckt), wobei das Subterminalband das breiteste ist. Er endet in einem feinen, weißen Terminalband. Der Schwanz überragt die Flügelspitzen erheblich. Auf der Unterseite sind Kehle und oberer Brustbereich grau; der Kehlbereich kann aber auch schmutzigweiß sein und feine graue Längszeichnungen aufweisen. Diese Gefiederregion ist oft deutlich, kapuzenartig von der Bauchseite abgesetzt, die auf weißem Grund auffallend kastanienbraun oder rötlichbraun gebändert ist. Ebenso gefärbt ist das körpernahe Drittel der bis zum Intertarsalgelenk befiederten Beine. Der Rest ist weniger stark und eher grau gebändert und wirkt hell, manchmal fast weiß. Die Unterschwanzdecken sind hellgrau oder fast weiß. Die Unterflügeldecken sind auf weißem Grund fein schwarz gestrichelt und zonal deutlich von den Schwingen abgesetzt. Die Handschwingen und die äußeren Armschwingen sind bis auf die schwarz-cremefarben gebänderten sieben äußersten, gefingerten Federn deutlich hell rehbraun, eine Färbung, die zum Körper hin verblassend in ein verwaschenes Weiß übergeht. Die leicht gebuchteten Flügel sind undeutlich dunkelgrau gerandet und weiß begrenzt. Die Iris der Augen ist gelb, ebenso ist die Wachshaut gefärbt, die das basale Drittel des sonst dunkel schiefergrauen Hakenschnabels bedeckt. Schließlich sind auch die Laufbeine gelb.
Jugendgefieder Soweit bekannt, beginnen Nestlinge kurz vor dem Ausfliegen in ein unauffälliges, braun gesprenkeltes Jugendkleid zu wechseln. Dieses Federkleid tragen sie während der Führungszeit. Charakteristisch sind die schiefergrauen Beine, der helle Schnabel mit dem noch gelben Schnabelspalt und die dunkle Iris. Noch im Geburtsjahr vermausern die Jungvögel dieses Federkleid und wechseln in das definitive Jugendkleid. Danach mausern sie bereits in das Erwachsenenkleid, ein weiteres Immaturgefieder folgt nicht. Bis auf kleine Details sind die Jugendkleider der einzelnen Unterarten gleich. Die meisten Deckfedern der matt kastanienbraunen Oberseite sind rehbraun gerandet, sodass ein unruhig gesprenkelter Eindruck entsteht. Kopf und Nacken erscheinen durch die helle Längsstrichelung etwas heller als der Rücken. Auffallend ist ein langer, weißer Überaugenstreif, der hinter dem Schnabelansatz beginnt und bis in den Nacken verläuft. Der Schwanz weist auf der Oberseite fünf dunkle Querbänder auf. Der Kehl- und Brustbereich ist auf hellem Grund deutlich unregelmäßig braun längsgestrichelt, zum Teil auch braun getropft. Die übrige Brust und der Bauch sind bereits braun quergestreift, doch ist die Streifung unregelmäßiger und dunkler als im Erwachsenengefieder. Der schmutzigweiße Schwanz weist auf der Unterseite 5–6 schmale, dunkelgraue Bänder auf. Die Unterflügeldecken sind auf hellem, fast weißem Grund dicht schwarz gestrichelt. Der hellgraue Schnabel wird zur Spitze hin schwarz, die Wachshaut ist blassgelb. Ebenso sind Iris und Beine gefärbt.
Biometrische Daten R. m. saturatus und R. m. pucherani aus den südlichsten Bereichen des Verbreitungsgebietes sind die größten Vertreter der Art, während R. m. grazilis, eine Inselrasse von Cozumel, die kleinste Unterart ist.
Kleine Männchen weisen eine Gesamtlänge von 33 Zentimetern auf, während große Weibchen mit bis zu 41 Zentimetern vermessen wurden. Das geringste Gewicht wurde mit 206 Gramm (R. m. petulans, ♂) festgestellt, das höchste mit 515 Gramm (R. m. pucherani, ♀). Die Spannweite schwankt zwischen 72 und 85 Zentimetern.
Stimme Der Wegebussard ist eine sehr ruffreudige Art, die vor allem in der Vorbrutzeit häufig zu hören ist und auch außerhalb dieser akustisch aktiv bleibt. Die Vokalisationen unterscheiden sich zwischen den einzelnen Unterarten eher geringfügig; die Toncharakteristik kann etwas variieren.
Der Hauptruf ist ein langgezogenes, schrill-scharfes, mehrsilbiges Wiiieeeäääh.... Dieser Ruf ist auf der ersten Silbe betont und klingt dumpfer werdend, abfallend aus.xeno-canto-Hauptruf Er ist sowohl von fliegenden als auch von sitzenden Vögeln und oft im Duett zu hören. Häufig ist auch eine gereihte, polyfon klingende Ruffolge zu vernehmen. Diese Rufreihe besteht meist aus 4 bis 6 Einzelelementen, kann aber auch über 20 Einzelrufe umfassen. Sie scheint hauptsächlich als Alarmruf eingesetzt zu werden.xeno-canto Rufreihe. Diese beiden Rufe werden bei unterschiedlicher Erregung vielfältig variiert. Jungvögel betteln mit einem hellen, an den Ton einer Quietschente erinnernden Ruf, der dem gereihten Ruf adulter Vögel ähnelt, dem aber der nasale Toncharakter fehlt.xeno-canto-Bettelruf eines Jungvogels
Verbreitung, Wanderungen, Lebensraum und Raumbedarf mini|Geografische Verbreitung des Wegebussards Der Wegebussard ist eine ausschließlich neotropische Greifvogelart, deren Brutverbreitung sich etwa von 24° N bis 39° S erstreckt. Selten werden einzelne umherstreifende Individuen im Rio-Grande-Gebiet in Südtexas festgestellt. Die Art ist in weiten Teilen des sehr großen Verbreitungsgebietes ein häufiger und aufgrund seiner eher auffälligen, nicht scheuen Lebensweise ein relativ leicht zu beobachtender Vogel.Gary Stiles und Alexander F. Skutch: Birds of Costa Rica. Cornell, Ithaca 1989. S. 107, ISBN 978-0-8014-9600-4.
Verbreitung