mini|Clara Lehmann, genannt Cläre, 1930er Jahre Cläre Lehmann (geboren als Clara Lehmann am 22. September 1874 in Linden bei Hannover; gestorben am 6. Januar 1942 in Hamburg-Harvestehude), jüdischer Abstammung, genannt „Clärchen“, war eine deutsche Pädagogin, Gründerin und Direktorin einer Privatschule in Hamburg.Vorsteher-Akte Cläre Lehmann. In: Staatsarchiv Hamburg (StAHH), Oberschulbehörde (OSB) II, Signatur B 192 Nr. 3.Ursula Randt: Die Cläre Lehmann-Schule. In: Maajan – Die Quelle. Heft 76, 2. Quartal 2005, S. 2631–2633.Sabine Brunotte: Cläre Lehmann * 1874. In: Stolpersteine Hamburg, auf: stolpersteine-hamburg.de
Familie Cläre Lehmann wurde als siebtes von neun Kindern des Pferdehändlers Gottschalk Lehmann (geboren am 30. Dezember 1833 in Polle bei Hameln; gestorben am 9. Juli 1890 in Linden bei Hannover)Sterbebuch Linden, Standesamt Linden. In: Stadtarchiv Hannover, Signatur: StA IV 650-564/1890. und dessen Ehefrau Catharine „Käthchen“, geb. Davis (geboren am 22. September 1836 in Altenkirchen bei Coblenz), in der Falkenstraße 66 zu Linden geboren.
Sie hatte sechs ältere Geschwister,
Ida (geboren am 19. Juli 1862 in Linden), Theodor (geboren am 12. Januar 1864 in Linden; gestorben 1916), Emma (geboren am 2. Januar 1866 in Linden), Richard (geboren am 18. September 1867 in Linden; gestorben am 11. März 1940 in Hamburg),Richard Lehmann, geboren am 18. September 1867 in Linden, gestorben am 11. März 1940 in Hamburg, Friedhof Ohlsdorf, Beerdigungsregister Nr. 177 1, 13. März 1940, Grablage Kr 8 B 35/III, beigesetzt am 10. Juni 1940. Louis (geboren am 13. Juli 1869 in Linden; gestorben am 13. Juni 1870 ebenda) und Mathilde „Tilli“ (geboren am 7. Oktober 1872 in Linden; gestorben am 14. Oktober 1931 in Hamburg, verheiratete Grünhut),Mathilde Lehmann, geboren am 7. Oktober 1872 in Linden, gestorben am 14. Oktober 1931 in Hamburg, Friedhof Ohlsdorf, Beerdigungsregister Nr. 351 3, beigesetzt am 23. Oktober 1931.
von denen eines bereits im Kleinkindalter verstarb. Außerdem hatte sie zwei jüngere Schwestern,
Laura Margarethe „Grete“ (geboren 22. April 1877 in Linden,Geburtenbuch Linden, Standesamt Linden. In: Stadtarchiv Hannover, Signatur: StA IV 201-411/1877. gestorben am 22. Juli 1939 in Hamburg)Beerdigungsregister Lehmann, Laura Margarethe, geboren am 22. April 1877 in Linden, gestorben am 22. Juli 1939 in Hamburg, letzter Wohnort Heilwigstraße 46, ohne Beruf, mosaische Konfession, Todesursache: Gehirnschlag, Grablage 2 a: 299 (Urnenhain des alten Krematoriums in der Alsterdorfer Straße), Friedhof Ohlsdorf. und Anna (geboren am 8. September 1878 in Linden;Geburtenbuch der Stadt Linden, Urkunde Nr. 828, ausgestellt am 18. September 1878, Vorname Anna nachgetragen am 7. November 1878. Eltern: Käthchen Lehmann, geborene Davis, und der Pferdehändler Gottschalk Lehmann, beide mosaischer Religion. In: Stadtarchiv Hannover, Signatur: StA IV 204-828/1878. gestorben am 6. Januar 1942 in Hamburg).Anna Lehmann * 1878. In: Stolpersteine Hamburg, auf: stolpersteine-hamburg.de
Ausbildung und Auslandstätigkeit Cläre Lehmann besuchte eine Höhere Töchterschule und absolvierte anschließend das Lehrerinnenseminar, an dem sie das Staatsexamen bestand, um damit an mittleren und höheren Mädchenschulen unterrichten zu können. Nachdem ihre gesamte Familie nach Hamburg umgezogen war, unterrichtete sie dort an verschiedenen Höheren Töchterschulen. Als sich eine Gelegenheit bot, in England weitere berufliche Erfahrungen zu machen, zog sie gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Anna nach Manchester. Dort übernahm Cläre die Leitung einer Preparatory School in Victoria Park, die auf die Manchester High School for Girls und die Manchester Grammar School vorbereitete. Für diese Preparatory School bestand ein Pensionat für deutsche Mädchen, in dem Cläres jüngere Schwester Anna tätig wurde.
Wechsel von Töchter- zu Knabenschulen Durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 mussten die beiden Schwestern ebenso wie ihre deutschen Schülerinnen zurück nach Deutschland. Dort herrschte durch den Kriegsausbruch, die zahlreichen Kriegsfreiwilligen bzw. die eingezogenen Männer an den Schulen ein großer Mangel an Lehrern. Auf diese Weise gelangte Cläre Lehmann nacheinander an die Oberrealschule Eppendorf (heute: Gymnasium Eppendorf) und die Oberrealschule auf der Uhlenhorst (später Berufsschule des Handwerks) in der Averhoffstraße 38,Oberrealschule auf der Uhlenhorst. In: GYM Hamburg, auf: gymnasium-hamburg.net an denen sie von nun an Knaben unterrichtete.
Gründung einer Privatschule Im Jahr 1918 entschloss sie sich zur Selbständigkeit und gründete im Stadtteil Harvestehude die private Vorschule des Fräuleins Cläre Lehmann für Knaben,Vorsteher-Akte Cläre Lehmann. In: Staatsarchiv Hamburg (StAHH), Oberschulbehörde (OSB) II, Revisionsvermerk vom 18. Dezember 1918. In: Staatsarchiv Hamburg, Oberschulbehörde, Signatur II B 192 Nr. 7.Hamburger Adressbuch 1931, Abschnitt Unterrichtswesen, S. 47 - I. im Hamburger Adressbuch verzeichnet ab der Ausgabe für 1920.Hamburger Adressbuch 1920, Abschnitt II – Einwohner- und Firmen-Verzeichnis, S. II – 542, Spalte 3. Dazu konnte sie Räumlichkeiten der Backstein-Stadtvilla in der Heilwigstraße 46 nutzen,Dem Denkmalschutzamt in Hamburg liegen gem. schriftlicher Auskunft vom 2. November 2022 so gut wie keine Informationen zum Gebäude Heilwigstraße 46 in Harvestehude vor, insbesondere keine bauliche Charakterisierung, keine Angaben zum Architekten und Baujahr, ebensowenig zur einstigen Nutzung als Schulgebäude. Eine handschriftliche interne Notiz seitens der Bauprüfabteilung des Bezirksamts Eimsbüttel auf Fotos des Gebäudes, die am 18. September 1975 angefertigt worden sind, legt als Baujahr des Gebäudes die Zeit um 1891/1893 nahe. ein über Eck gebautes großzügiges Gebäude mit vorgebautem Pavillon, das über einen zentralen Zugang und einen Seiteneingang mit zwei Treppenhäusern verfügt, und dessen Grundstück rückseitig an die Alster grenzt.
Für das Gebäude war ihr älterer Bruder Richard, ein Privatier, ab 1918 als Besitzer eingetragen,Hamburger Adressbuch 1918, Abschnitt IV – Alphabetisches Verzeichnis der Strassen, Plätze und Brücken, S. 312, Spalte 3.Hamburger Adressbuch 1919, Abschnitt IV – Alphabetisches Verzeichnis der Strassen, Plätze und Brücken, S. 320, Spalte 3. während ihre dort mitwohnende jüngere Schwester Anna in der Mönckebergstraße 11 (Rappolthaus) ab 1920 zeitweise eine Handelsvertretung der Schokolade-Werke Deli AG aus dem böhmischen Lobositz unterhielt.Hamburger Adressbuch 1920, Abschnitt IV – Alphabetisches Verzeichnis der Strassen, Plätze und Brücken, S. IV – 334, Spalte 3.Hamburger Adressbuch 1922, Abschnitt IV – Alphabetisches Verzeichnis der Strassen, Plätze und Brücken, S. 256, Spalte 3.Hamburger Adressbuch 1923, Abschnitt II – Personen- und Firmenverzeichnis, S. 630, Spalte 2. Es liegt nahe, dass Richard Lehmann das Gebäude erworben hat, um die Privatschulgründung durch seine jüngere Schwester Cläre zu ermöglichen, weil mit dem vorherigen Besitzer des Hauses zum selben Zeitpunkt auch dessen Mieter, darunter ein den Pavillon nutzender Verein, nicht mehr unter dieser Wohnanschrift verzeichnet waren.
mini|Werbliches Inserat in der CV-Zeitung, 20. Mai 1937 Der damals mit anderer Bedeutung als heute verwendete Begriff Vorschule stammt aus dem Kaiserreich. Vorschulen wurden während des Verlaufs der Weimarer Republik zugunsten der Grundschule bis auf wenige Ausnahmen offiziell aufgehoben (siehe Weimarer Reichsverfassung, Artikel 146 und Weimarer Schulkompromiss).Schulgeschichte bis 1945: Von Preußen bis zum Dritten Reich. In: Bundeszentrale für politische Bildung, auf: bpb.de Cläre Lehmann verwendete den Begriff Vorschule ausweislich der hier abgebildeten Werbeinserate auch noch 1937 und bis einschließlich Dezember 1939.Central-Verein-Zeitung – Blätter für Deutschtum und Judentum, XVI. Jahrg. (1937), Nr. 20, 20. Mai 1937, Rubrik Erziehung und Unterricht, S. 7.Central-Verein-Zeitung – Blätter für Deutschtum und Judentum, XVI. Jahrg. (1937), Nr. 21, 27. Mai 1937, Rubrik Erziehung und Unterricht, S. 12; dto. Central-Verein-Zeitung – Blätter für Deutschtum und Judentum, XVI. Jahrg. (1937), Nr. 22, 3. Juni 1937, Rubrik Erziehung und Unterricht, S. 6.Hamburger Adreßbuch 1940, Straßenverzeichnis: Strassen der Hansestadt Hamburg, Alphabetteil: Straßen des Stadtbezirks Hamburg, S. IV – 543, Spalte 2. Die Vorschule der Cläre Lehmann entsprach in etwa einer heutigen Grundschule, da sie sechs- bis zehnjährige Knaben aufnahm, unterschied sich jedoch dadurch, dass sie teil- und zeitweise mit Internat betrieben wurde. Vorschulen boten meist drei Klassen- bzw. Jahrgangsstufen und bereiteten auf den Besuch eines Gymnasiums vor.
Eine private Vorschule wurde ausschließlich von Kindern wohlhabender Eltern besucht, da ein erhebliches Schulgeld zu bezahlen war, insbesondere für Interne eines Internats war dieses ein signifikanter Kostenfaktor. Der Unterricht in einer solchen privaten Vorschule führte üblicherweise zu einem sehr guten Bildungsniveau, das diesen Schülern einen guten Start beim Eintritt in ein Gymnasium ermöglichte. Viele Vorschüler aus solchen Privatschulen besuchten anschließend ein Internat, ergo weiterhin eine Privatschule. Ein Wechsel dieser Schüler in staatliche Schulen ergab sich eher selten und kam meist durch pekuniäre Probleme zustande (Inflation und Hyperinflation, Weltwirtschaftskrise).
Der Unterricht in der Heilwigstraße 46 begann mit vierzehn Schülern. Die Schülerzahl wuchs jedoch mit jedem Schuljahr deutlich an und lag 1924 bereits bei 90, im Jahr 1930 sogar bei 110 Schülern, obwohl die Lizenz auf 95 Schüler limitiert war.Vorsteher-Akte Cläre Lehmann. In: Staatsarchiv Hamburg (StAHH), Oberschulbehörde (OSB) II, Statistik. In: Staatsarchiv Hamburg, Oberschulbehörde, Signatur B 192 Nr. 5. Die Schule nahm zeitweise Interne (Schüler, die im Internat wohnten) und Externe (Schüler, die bei ihren Familien wohnen blieben) auf.Central-Verein-Zeitung – Blätter für Deutschtum und Judentum, XVI. Jahrg. (1937), Nr. 20, 20. Mai 1937, S. 7. Durch Zeitzeugen überliefert, sind einzelne Kinder temporär auch als reine Pensionsgäste aufgenommen worden. Dies insbesondere, wenn deren Eltern verreisten, primär wohl während der NS-Zeit um die Mitte der 1930er Jahre, als Deutsche jüdischer Abstammung versuchten, im Rahmen ihrer Emigrationsbemühungen die damit verbundenen Angelegenheiten direkt im Ausland bzw. in Übersee zu klären.Detlef Aberle: Aufbau im Untergang, Teil IV, siehe Kapitel Die „Schwestern Lehmann“, auf: einstueckdeutschland.com Eine konfessionelle Beschränkung der Vorschule der Cläre Lehmann gab es nicht, es wurden Kinder aus christlichen und jüdischen Elternhäusern aufgenommen. Die Kinder aus protestantischen Familien bildeten dort eine deutliche Mehrheit.
mini|Werbliches Inserat im Jüdischen Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg, 10. Dezember 1937 Ab 1933 allerdings wurden aufgrund der zunehmenden Ausgrenzung und Diskriminierung an staatlichen Schulen vermehrt jüdische bzw. „nicht-arische“ Kinder aufgenommen. Nach Angaben eines männlichen jüdischen Zeitzeugen, der als Kind zusammen mit seiner Schwester in der Stadtvilla der Geschwister Lehmann untergebracht war, seien dann ausschließlich jüdische Mädchen unterrichtet worden. Im Juli 1937 charakterisierte die Schulbehörde die Privatschule des Fräuleins Cläre Lehmann als „Filiale der Talmud Tora Schule“, da sie zu einer rein jüdischen Grundschule umgewandelt wurde. Zu dieser Zeit weist ein werbliches Inserat aus, dass sowohl Mädchen als auch Knaben aufgenommen und in jüdischer Religion unterrichtet wurden (siehe Abbildung). 1937 wurden in vier Klassen noch 70 Schüler unterrichtet, im Mai 1938 nur noch 52, möglicherweise im Kontext zunehmender Emigration.