Citera ( auch citora, citura, Plural citerák, citara, citařička, citera, citeri, citari, citarka) bezeichnet eine Gruppe von meist langgestreckten Griffbrettzithern, die in der Volksmusik von Ungarn, Tschechien und der Slowakei gespielt werden. Ein typologischer Vorläufer ist das Anfang des 17. Jahrhunderts erstmals abgebildete Scheitholt. Nur wenige (häufig vier) gleich gestimmte Melodiesaiten werden mit einem Druckstab oder mit zwei Fingern verkürzt und die übrigen Begleitsaiten als Bordun leer angerissen, weshalb die citera zu den Bordunzithern gehören.
Nach der Korpusform werden in Ungarn drei Haupttypen unterschieden: die schmale rechteckige Tränkezither (vályúcitera), die kleinköpfige Zither (kisfejes citera) mit mehreren treppenartig seitlich angeordneten Stimmstöcken für die Wirbel und die bauchige Zither (hasas citera) mit an einer Seite rundlich ausgebauchten Resonanzkörper und häufig zusätzlich mit treppenartigen Stimmstöcken. Ähnliche Typen sind in Tschechien bekannt. In der Slowakei werden dieselben Formen von Kastenzithern in fünf Typen unterteilt.
Die citera werden in der gesamten Region traditionell solistisch gespielt, als Instrumentalvortrag oder zur Gesangsbegleitung, früher vor allem von ärmeren Kleinbauern und Hirten in der Hausmusik und gelegentlich zur Tanzbegleitung bei Hochzeiten. mini|hochkant=1.5|Ungarische kleinköpfige Zither mit Griffbrett
Herkunft mini|hochkant|Ala bohemica („böhmischer Flügel“). Detail einer Miniatur im Kunigundenpassional, um 1320 Gezupfte Saiteninstrumente unterschiedlicher Bauart waren in der Antike altgriechisch als psaltérion (für eine Harfe) und lateinisch als psalterium bekannt. Die ältesten Abbildungen, die als Kastenzithern interpretiert werden, stammen von den Phöniziern aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. und zeigen auf einem Relief im Palast von Nimrud einen nahezu quadratischen Rahmen mit zehn parallelen Saiten.Curt Sachs: The History of Musical Instruments. W. W. Norton & Company, New York 1940, S. 118 Unter dem Namen psalterium decachordum findet sich eine ebensolche Darstellung im sogenannten Hieronymus-Epistel an Dardanus. Dies ist ein schwer verständlicher illustrierter Brief aus dem 9. Jahrhundert, der fälschlich dem Kirchenvater Hieronymus (347–420) zugeschrieben wird, in welchem teilweise rätselhafte und phantastische Beschreibungen von Musikinstrumenten enthalten sind. Die Abbildung zeigt König David, der dieses auch psalterium quadratum genannte Instrument senkrecht in den Händen hält.Vgl. Hanoch Avenary: Hieronymus’ Epistel über die Musikinstrumente und ihre altöstlichen Quellen. In: Anuario musical: Revista de musicología del CSIC, Band 16, 1961, S. 55–80
Mit der islamischen Expansion gelangten ab dem 8. Jahrhundert über die Iberische Halbinsel von Süden und vom 10. bis zum 12. Jahrhundert aus dem Byzantinischen Reich von Osten etliche Musikinstrumente nach Europa, darunter das persisch-arabische Hackbrett santur und die griffbrettlose Zither kanun. Im späten Mittelalter wurde mit psalterium generell eine Kastenzither bezeichnet, deren Saiten gezupft oder beim Hackbrett geschlagen wurden. Ein nach einer Abbildung aus dem 11. Jahrhundert dreieckiges Psalterium wurde auch als rota (rote, ansonsten eine Leier) bezeichnet. In der vom iberischen König Alfons X (reg. 1252–1284) in Auftrag gegebenen Liedersammlung Cantigas de Santa Maria werden neben der dreieckigen rota weitere Kastenzithern erwähnt: canon entero und medio canon (flügelförmige und rechteckige kanun) und cedra oder citara.E. Michael Gerli (Hrsg.): Routledge Revivals: Medieval Iberia. An Encyclopedia. Routledge, London 2003, S. 68
Der vom arabischen kanun abgeleitete Name canon bezeichnete in Westeuropa vom 12. bis zum 14. Jahrhundert mehrere Abkömmlinge der arabischen Zither.Joan Rimmer, Nelly van Ree Bernard: Canon (ii). In: Grove Music Online, 2001 Das Wortumfeld citara, das über lateinisch cithara auf altgriechisch kithara für eine große Leier zurückgeht, wurde in der zunächst allgemeinen Bedeutung „gezupftes Saiteninstrument“ ins Spanische, Portugiesische und weitere Sprachen übernommen. Bis um 1500 war citara, cithara, citola, citula und ähnlich eine lateinische Bezeichnung für die antike Leier, eine Harfe, für die Cister, eine seit dem 12. Jahrhundert in unterschiedlichen Formen belegte Kastenhalslaute, oder für die kleinere Citole.Laurence Wright: The Medieval Gittern and Citole: A Case of Mistaken Identity. In: The Galpin Society Journal, Band 30, Mai 1977, S. 8–42, hier S. 23 Ab dem 16. Jahrhundert kommt die Cister in europäischen Sprachen in unterschiedlichen Ableitungen wie cithara, citre und cittern vor, im Deutschen als Cither, Zitter, Zither, Sister und Zister.Vladimir Ivanoff: Cister. I. Begriffs-Definitionen. In: MGG Online, November 2016 Erst Anfang des 19. Jahrhunderts gingen die deutschen Namen auf Kastenzithern vom Typ des Scheitholtes über.Ulrich Wegner, Andreas Michel: Zithern. A. Allgemeines. I. Name und Begriff. In: MGG Online, November 2016
Sebastian Virdung bildet in seinem musiktheoretischen Werk Musica getutscht und außgezogen von 1511 ein dreieckiges Psalterium mit einer Spitze oben ab. Anders als das in den Cantigas und bei Virdung senkrecht abgebildete Psalterium wurden die aus dem Orient eingeführten Zithern und deren Weiterentwicklungen in einer waagrechten Position gespielt. Im 17. Jahrhundert erhielten die westeuropäischen Zithern und Hackbretter einen rechteckigen oder trapezförmigen Resonanzkörper und eine Anzahl von Saiten, die ein annähernd chromatisch gestimmtes Instrument ergaben.Nelly van Ree Bernard, Mary Remnant: Psaltery. 2. The instrument: medieval and Renaissance. In: Grove Music Online, 2001 Anhand der Abbildungen lassen sich die westeuropäischen mittelalterliche Kastenzithern nach ihren Korpusformen einteilen in: mini|Dreieckiges Psalterium in Sebastian Virdung: Musica getutscht und außgezogen, 1511
dreieckiges, senkrecht gespieltes Psalterium bis zum 14. Jahrhundert rechteckiger Korpus, senkrecht gespielt und mit den Stimmwirbeln oben rechteckiger Korpus, waagrecht mit den Saiten quer auf den Knien des Spielers ruhend ab dem 12. Jahrhundert kleiner trapezförmiger Korpus mit einwärts gebogenen Seiten, die längste Saite nahe am Körper des Musikers, mit zwei Plektren gespieltIan Pittaway: The Psilvery Psound of the Psaltery: a brief history. Early Music Muse, 4. September 2015 halbtrapezförmige Zither, mit der langen Seite quer vor dem Körper des Musikers, rechtwinklig rechts die Reihe der Stimmwirbel, „halber canon“: italienisch mezzocanone, deutsch Metzkanon, französisch micanon im 15. Jahrhundert halbtrapezförmiger Korpus, dreichörig besaitet, mit einem Plektrum oder den Fingern gespielt ab dem 14. Jahrhundert halbtrapezförmig, die schräge Seite ist jedoch abgetreppt, Stimmwirbel auf der linken Seite und mit einem Plektrum gespielt.Sibyl Marcuse, 1975, S. 211
In Zentraleuropa bildete sich im 14. Jahrhundert aus dem micanon ein flügelförmiger Psalteriumtyp heraus, der später den Namen ala bohemica („böhmischer Flügel“) erhielt und die Form eines schlanken schiefen Trapezes mit einem kreisförmigen Kopf an einem Ende besaß. Zahlreiche Abbildungen aus dem 14. und 15. Jahrhundert zeigen Varianten dieses weiterhin senkrecht gespielten Typs mit unterschiedlichen Saitenzahlen.
In Osteuropa trat um dieselbe Zeit ein anderer vom kanun abgeleiteter Typ mit einer dreieckigen Grundform auf, der gusli genannt wird (zu dessen Verbreitung und Namen siehe husle). Der Musiker hält diesen als helmförmig oder psalteriumförmig beschriebenen Typ auf Illustrationen in russischen Manuskripten aus dem 14. Jahrhundert senkrecht vor sich, mit den Saiten waagrecht und der längsten Saite unten. In Abbildungen aus dem 16. Jahrhundert weicht die Spitze oben einer eher runden (helmartigen) Form. Diese bis heute in manchen Regionen von Russland existierende Kastenzither mit 11 bis 36 Saiten wird waagrecht auf den Knien des Musikers liegend gezupft.Ulrich Morgenstern: Russland. A. Volksmusik. II. Instrumentale Volksmusik. 2. Das traditionelle Instrumentarium. c. Chordophone. In: MGG Online, November 2021 Ein anderer schlanker Typ von griffbrettlosen Kastenzithern, der in Russland ebenfalls gusli genannt wird, gehört zu den „baltischen Psaltern“, ebenso wie die alte längliche Form der finnischen kantele und die litauische kankles.
mini|Scherrzither oder Kratzzither aus dem Alpenraum Unmittelbare Vorläufer für die citera-Typen sind über manche Ähnlichkeiten der Korpusformen bei den erwähnten Zithern hinausgehend die seit dem 16. Jahrhundert so benannten Scheitholte, die zu den Griffbrettzithern gehören und sich damit wesentlich von den Psalterien unterscheiden. Die erste zuverlässige Beschreibung und Abbildung eines Scheitholtes – ein langrechteckiger Kasten mit zwei Melodie- und zwei Bordunsaiten – findet sich in Michael Praetorius Werk Syntagma musicum. II. De Organographica aus dem Jahr 1619. Zu den in die europäische Volksmusik eingegangenen Varianten des Scheitholtes gehören die Scherrzither im Alpenraum, die épinette des Vosges in Frankreich, die Hummel in Norddeutschland (hommel in den Niederlanden, humle in Dänemark), die langeleik in Norwegen, die citre in Slowenien und die citera oder citara in Ungarn, der Slowakei und Tschechien.Andreas Michel: Zithern. C. Europäische Kastenzithern. I. Griffbrettzithern. 1. Scheitholte und Kratzzithern. In: MGG Online, November 2016
In Polen waren im 15. Jahrhundert laut dem um 1460 von einem gewissen Pavel aus Prag verfassten Liber viginti artium eine Reihe von Saiteninstrumenten in Gebrauch, darunter alintegra (ein Zupfinstrument), arfa (Harfe), cimbalum (Hackbrett), cithara (Cister) und andere Lauteninstrumente sowie tubalcana (Trumscheit). Ein dreieckiges Psalterium mit zehn doppelchörigen Saiten wird in dem um 1400 entstandenen Florianer Psalter unter dem Namen szaltarz erwähnt.Katarzyna Morawska: The Middle Ages. Part 2: 1320–1500. (The History of Music in Poland, I, herausgegeben von Stefan Sutowski) Sutowski Edition, Warschau 2001, S. 163, 165 Ansonsten gab es in Polen vor dem 18. Jahrhundert fünfsaitige Kastenzithern von Typ der „baltischen Psalterien“.Jan Stęszewski: Poland. II. Traditional music. 2. Sources and research. In: Grove Music Online, 2001
In Slowenien ist die bis heute existierende Kastenzither (citre) neben dem Akkordeon (harmonika) das beliebteste Volksmusikinstrument. Sie entstand im 17. Jahrhundert aus dem Scheitholt zunächst als einfache Bordunzither (bordunske citre). Weiterentwicklungen sind die Akkordzither (akordične citre) und die seltene, mit dem Bogen gestrichene Violinzither (violinske citre).Mira Omerzel-Terlep: Slovenia. In: Timothy Rice, James Porter, Chris Goertzen (Hrsg.): Garland Encyclopedia of World Music. Band 8: Europe. Routledge, London 2000, S. 918
Verbreitung Ungarn mini|Ungarische bauchige Zither mit einem kleinen Stimmstock Kastenzithern werden in Ungarn citera, citora und citura genannt. Aus der südungarischen Stadt Szeged ist eine kirchliche Zehntliste des Jahres 1522 überliefert, die sämtliche Namen der Einwohner enthält. Bei den meisten Beinamen, die eine berufliche Tätigkeit bedeuten, übten ihre Namensträger auch den entsprechenden Beruf aus. Unter den lateinischen Namen finden sich ein „Tubicinator“ (Trompetenspieler) und zwei „Citarista“. Letztgenannter Name bezeichnete dem Kontext entsprechend mutmaßlich Geigenspieler, die es in der Stadt zahlreich gab.A. Kubinyi: Spielleute und Musiker von Buda (Ofen) in der Jagello-Epoche. In: Studia Musicologica Academiae Scientiarum Hungaricae, Band 9, Nr. 1/2, 1967, S. 77–97, hier S. 86, Fn. 31 Am Hof des böhmisch-ungarischen Königs Ludwig II. (reg. 1522–1526) verkehrte auch der deutsche Komponist Thomas Stoltzer und unter den Spaßmachern am Hof wird ein Zitherspieler namens Matthias Keller aufgeführt.Z. Falvy: Spielleute im mittelalterlichen Ungarn. In: Studia Musicologica Academiae Scientiarum Hungaricae, Band 1, Nr. 1/2, 1961, S. 29–64, hier S. 52