mini|Wolfenbütteler Psalter von 1513 mit handschriftlichen Notizen Martin Luthers (Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel) Die Privatbibliothek Martin Luthers war eine Büchersammlung, die der Wittenberger Reformator aufgebaut hatte und die nach seinem Tode 1546 zerstreut wurde. Nur ein geringer Teil seiner Bücher ließ sich identifizieren. Das liegt vor allem daran, dass Luther fast nie Besitzvermerke in seine Bücher eintrug.
Luther als Bibliotheksbenutzer Erfurt In seiner Zeit als Augustinereremit in Erfurt nutzte Luther die Bibliothek seines Klosters. Die Erfurter Niederlassung seines Ordens hatte zwischen 1502 und 1516 ein Bibliotheksgebäude neu errichten lassen, nachdem ihr die große Privatbibliothek des Propstes von St. Severi, Laurentius Grimme, gestiftet worden war.Heinrich Schleiff, Michael Sußmann: Baugeschichte des Erfurter Augustinerklosters - aus der Vergangenheit in die Zukunft. In: Lothar Schmelz, Michael Ludscheidt (Hrsg.): Luthers Erfurter Kloster. Das Augustinerkloster im Spannungsfeld von monastischer Tradition und protestantischem Geist. Burkhardt, Erfurt 2005, S. 13–36, hier S. 28. Im Erdgeschoss des 24,5 m × 10 m großen Baus war eine Pultbibliothek aufgestellt, wie Kettenspuren an erhaltenen Büchern der vorreformatorischen Zeit zeigen.Kathrin Paasch: Die Bibliothek der Augustinereremiten in Erfurt, 1998, S. 354. Einen Katalog oder Inventar gibt es nicht, nur ein Bruchteil des einstigen Bestandes ist erhalten und der vorreformatorischen Klosterbibliothek sicher zuzuweisen: 8 Handschriften, 62 Inkunabeln, 7 Drucke des 16. Jahrhunderts.Kathrin Paasch: Die Bibliothek der Augustinereremiten in Erfurt, 1998, S. 363. Eine Gruppe von Büchern der Erfurter Klosterbibliothek mit Randbemerkungen Luthers gelangte über mehrere Zwischenstationen in die Ratsschulbibliothek Zwickau, wo sie 1890 von Georg Buchwald entdeckt wurden:Georg Buchwald: Randbemerkungen Luthers. In: Weimarer Ausgabe der Werke Luthers, Band 9, Böhlau, Weimar 1893, S. 1 f. mini|Kirchenvater Augustinus, Schlussstein der 1945 zerstörten Bibliothek des Augustinerklosters Erfurt Augustinus: Opuscula, Augustinus: De trinitate, Augustinus: De civitate Dei, Petrus Lombardus: Sentenzen (Textus sententiarum cum conclusionibus ac titulis questionum sancti Thome), Anselm von Canterbury: Opuscula, Johannes von Trittenheim: Liber lugubris de statu et ruina monastici ordinis (mit Nr. 5 zusammengebunden), Johannes Tauler: Predigten.
Auf dem Titelblatt der Opuscula Augustinus’ findet sich folgende lateinische Notiz in Luthers Handschrift: „Der selige Augustinus starb im Jahr des Herrn 433. Und nun, nämlich 1509, ist er vor 1076 Jahren gestorben.“ Demnach hat Luther im Jahr 1509 in der Erfurter Klosterbibliothek mit dem Band gearbeitet.Georg Buchwald: [Randbemerkungen Luthers] Zu Augustini Opuscula. In: Weimarer Ausgabe der Werke Luthers, Band 9, Böhlau, Weimar 1893, S. 2–15, hier S. 3.
Jun Matsuura entdeckte 1984 bisher unbekannte Randbemerkungen Luthers in einem Sammelband, der unter anderem Wilhelm von Ockhams Quodlibeta septem. de sacramento altaris enthält. Auch dieses Buch gehörte ursprünglich in die Bibliothek des Erfurter Augustinerklosters und befindet sich heute in der Staatsbibliothek zu Berlin.Jun Matsuura (Hrsg.): Erfurter Annotationen 1509–1510/11, Köln/Weimar/Wien 2009, S. xv-xvi. Weitere Randbemerkungen aus Luthers Erfurter Klosterzeit fanden sich in folgenden Büchern, die heute in der Universitätsbibliothek Erfurt aufbewahrt werden:Jun Matsuura (Hrsg.): Erfurter Annotationen 1509–1510/11, Köln/Weimar/Wien 2009, S. xvi.
Bonaventura: Opuscula parva (2 Bände), Giorgio Valla: De expetendis et fugiendis rebus (2 Bände).
Wittenberg
Kurfürstliche Bibliothek Die Schlossbibliothek war 1512 vom Kurfürst Friedrich dem Weisen gegründet wordenErnst Hildebrandt: Die kurfürstliche Schloß- und Universitätsbibliothek zu Wittenberg. In: Zeitschrift für Buchkunde 2 (1925), S. 34–42, hier S. 38 (Digitalisat). und befand sich zunächst in einem Raum seiner neuerrichteten Wittenberger Residenz. Das war für die Nutzung durch Universitätsangehörige ungünstig. 1536 ließ Johann Friedrich von Sachsen die Bücher in der obern großen hofstuben neu als Pultbibliothek aufstellen.Ernst Hildebrandt: Die kurfürstliche Schloß- und Universitätsbibliothek zu Wittenberg. In: Zeitschrift für Buchkunde 4 (1925), S. 157–188, hier S. 176 (Digitalisat). Die Ausleihe eines Werks war nur für Professoren möglich und bedurfte einer besonderen Genehmigung.Ernst Hildebrandt: Die kurfürstliche Schloß- und Universitätsbibliothek zu Wittenberg. In: Zeitschrift für Buchkunde 4 (1925), S. 157–188, hier S. 179.
Während Philipp Melanchthons Arbeit in der Schlossbibliothek sich mehrfach belegen lässt, ist für Luther nur eine Benutzung nachweisbar:Holger Flachmann: Martin Luther und das Buch: eine historische Studie zur Bedeutung des Buches im Handeln und Denken des Reformators, Tübingen 1996, S. 32. Er entlieh in der Schlossbibliothek wahrscheinlich vor 1530 ein Exemplar des 1515 in Leipzig gedruckten Werks Der Spiegel hochlöblicher Bruderschaft des Rosenkranzes Mariä. Der Verfasser Marcus von Weida, ein Dominikaner, leitete mit dieser Schrift zum Rosenkranzgebet an. Luther trug in dem entliehenen Andachtsbuch sarkastische Randbemerkungen ein.Hans Volz: [Randbemerkungen Luthers] Zum Spiegel hochlöblicher Bruderschaft des Rosenkranzes Mariä. In: Weimarer Ausgabe der Werke Luthers, Band 60, Böhlaus Nachf. Weimar 1980, S. 183–191.
Bibliothek des Augustinerklosters Wohl aus der Bibliothek des Wittenberger Augustinerklosters stammt ein 1514 in Lyon gedruckter Folioband mit Schriften Gabriel Biels: Collectorium und Canonis Misse Expositio. Luther trug Randbemerkungen in das Collectorium ein, wahrscheinlich im Zuge seiner Auseinandersetzung mit der scholastischen Theologie 1516/17. Als das Augustinerkloster 1525 aufgelöst wurde, gingen dessen Bücher in Luthers Privatbibliothek über. Er äußerte in den Tischreden, dass er auch Bücher behalte, mit denen er sich als Mönch gequält hätte. Jedenfalls nutzte er den Band auch in späterer Zeit, wie die Randbemerkungen zeigen. Er wird heute in der Bibliothek des Evangelischen Predigerseminars Wittenberg aufbewahrt.Weimarer Ausgabe der Werke Luthers, Band 59, Böhlaus Nachf. Weimar 1980, S. 25–53.
Luther als Buchbesitzer Als typischer Gelehrter des 16. Jahrhunderts baute Luther seine Privatbibliothek durch eigene Einkäufe und Buchgeschenke seiner Freunde auf. Neuerscheinungen der Frankfurter Messe behielt Luther im Blick. Er gab genau an, welche Bücher dort für seine Bibliothek erworben werden sollten.Holger Flachmann: Martin Luther und das Buch: eine historische Studie zur Bedeutung des Buches im Handeln und Denken des Reformators, Tübingen 1996, S. 30–35. In seiner Programmschrift An die Ratherren aller Städte deutschen Lands (1524) machte er Vorschläge, wie eine Bibliothek idealerweise aufgebaut werden sollte: Aber meyn rad ist nicht, das man on unterschied allerley buecher zu hauff raffe ... Erstlich sollt die heylige schrifft beyde auff Lateinisch Kriechisch Ebreisch und Deudsch, und ob sie ynn noch mehr sprachen were, drynnen seyn. Darnach die besten ausleger ... Darnach solche buecher, die zu den sprachen zu lernen dienen, alls die Poeten und Oratores ... Denn aus solchen mus man die Grammatica lernen. Darnoch sollten seyn die buecher von den freyen kuensten und sonst von allen andern kuensten. Zuletzt auch der Recht und Ertzeney buecher … Mit den fuernemsten aber sollten seyn die Chronicken und Historien …Weimarer Ausgabe der Werke Luthers, Band 15, Böhlaus Nachf. Weimar 1899, S. 51 f. Zum Aufbau der Schlossbibliothek, der während seiner Professur in Wittenberg stattfand, äußerte er sich nicht.
Ernst Thiele charakterisierte Luthers Umgang mit den Büchern in seiner Bibliothek so: „Luther las gern mit der Feder in der Hand und gab seinem Beifall oder Mißfallen sofort am Rande des Buches Ausdruck, ließ sich auch wohl zum Weiterspinnen eines Gedankes aus der Lektüre anregen und benutzte die Einbanddeckel und Vorsatzblätter zu selbständigen Notizen. Fast die Hälfte der Bücher sind Bibeln oder Bibelteile in deutscher oder fremder Sprache. In ihnen sind die Randglossen in der Mehrzahl Studien zur Übersetzung in das Deutsche.“Ernst Thiele: Die Originalhandschriften Luthers, Weimar 1917, S. 243.
Altes Testament Bereits vor 1519 erwarb Luther eine hebräische Bibel, die (ausweislich ihrer hebräischen und jiddischen Einträge) zwei jüdische Vorbesitzer hatte. Diese Bibel wurde in Brescia gedruckt und im Stuttgarter Raum gebunden; auf welchen Wegen sie in Luthers Besitz gelangte, ist unbekannt. Luther nutzte sie zeit seines Lebens; seine Einträge darin waren meist lateinisch, selten deutsch.Christoph Mackert: Luthers Handexemplar der hebräischen Bibelausgabe von 1494 – Objektbezogene und besitzgeschichtliche Aspekte. In: Irene Dingel, Henning P. Jürgens (Hrsg.): Meilensteine der Reformation. Schlüsseldokumente der frühen Wirksamkeit Martin Luthers. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2014, S. 70–78, hier S. 73–76.
Beim Wolfenbütteler Psalter handelt es sich um Arbeitsmaterial aus dem Universitätsbetrieb: Für seine Psalmenvorlesung 1513 ließ Luther den Text des lateinischen Psalters mit breitem Seitenrand und weiten Zeilenzwischenräumen in kleiner Auflage drucken. Sein ungebundenes Handexemplar, angefüllt mit Notizen zur Vorlesung, bewahrte Luther in seiner Privatbibliothek auf und verschenkte es in den 1540er Jahren.Jun Matsuura: Psalterdruck und Manuskripte zu Luthers Psalmenvorlesung (1513–1515) – Ihre Wege durch die Geschichte. In: Irene Dingel, Henning P. Jürgens (Hrsg.): Meilensteine der Reformation. Schlüsseldokumente der frühen Wirksamkeit Martin Luthers. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2014, S. 70–78, hier S. 28–45. Ebenfalls im Kontext dieser Psalmenvorlesung nutzte Luther ein Exemplar des von Faber Stapulensis 1509 veröffentlichen Quincuplex Psalterium. Es wurde 1885 in der Sächsischen Landesbibliothek entdeckt: „In der That: ein wertvolles Stück aus Luthers Handbibliothek ist hier entdeckt, ein Buch, dessen Randglossen uns einen unmittelbaren Einblick in des Reformators Studierstube gewähren. Wir sehen hier, wie er für seine Vorlesungen vorarbeitet, wir können controllieren, mit welchen Hülfsmitteln er in das Schriftverständniß einzudringen bemüht ist.“Weimarer Ausgabe der Werke Luthers, Band 4, Böhlau, Weimar 1886, S. 464. Das Buch ist seit 1945 verschollen.