Furulya (, „Flöte“, genauer hatlyukú furulya, „Sechs-Loch-Flöte“) ist eine in der ungarischen Volksmusik gespielte hölzerne Kernspaltflöte von mittlerer Länge (30 bis 50 Zentimeter) und mit sechs Grifflöchern. Das allgemeine ungarische Wort für „Flöte“ bezeichnet als Kompositum weitere Flötentypen, darunter die 90 Zentimeter lange Kernspaltflöte hosszú furulya („lange Flöte“) mit fünf Grifflöchern und die Doppelflöte kettős furulya. Querflöten kommen selten vor und endgeblasene Randkantenflöten sind seit dem 20. Jahrhundert in Ungarn verschwunden.

Die ungarischen Kernspaltflöten sind traditionell nur von Männern gespielte Hirteninstrumente, die zur eigenen Unterhaltung oder meist solistisch bei Festen zur Tanzbegleitung dienten. mini|hochkant=1.3|Furulya-Spieler in Festtagskleidung

Herkunft und Verbreitung Zur vorgeschichtlichen Entwicklung und Verbreitung europäischer Flöten siehe die ukrainische Kernspaltflöte sopilka.

Kurz vor der Zeitenwende drangen römische Legionen in die Pannonische Tiefebene vor, die zu einem großen Teil im heutigen Ungarn liegt. Anfang des 5. Jahrhunderts kam das Gebiet unter die Herrschaft der Hunnen. Wesentlich für die Geschichte wurde die Einwanderung der Magyaren von Osten Ende des 9. Jahrhunderts.

Ende des 19. Jahrhunderts und im 20. Jahrhundert wurden in Ungarn einige Fragmente von Knochenflöten aus römischer Zeit ausgegraben, die im Ungarischen Nationalmuseum aufbewahrt werden. Die Flöten wurden aus Säugetier- und Vogelknochen (von einem Adler oder einem anderen großen Raubvogel) hergestellt. Die Flöten, von denen rund zehn Zentimeter lange Knochenreste erhalten sind, besaßen drei Fingerlöcher und sind teilweise mit Mustern verziert. Aus dem Beginn der Hunnenzeit wurde 1980 bei Tiszaföldvár eine Flöte aus der Ulna einer Graugans gefunden. Die in einer Länge von 12,2 Zentimetern restaurierte Röhre besitzt vier Grifflöcher mit Abständen zwischen 1,1 und 1,3 Zentimetern untereinander und wurde über ein rechtwinklig abgeschnittenes offenes Ende angeblasen. Weitere Vogel- und Säugetierknochenflöten stammen von verschiedenen Fundorten und werden in das 14. bis 16. Jahrhundert datiert.Erika Gál: New data on bird bone artefacts from Hungary and Romania. In: Heidi Luik, Alice M. Choyke, Colleen E. Batey, Lembi Lõugas (Hrsg.): From Hooves to Horns, from Mollusc to Mammoth. Manufacture and Use of Bone Artefacts from Prehistoric Times to the Present. Proceedings of the 4th Meeting of the ICAZ Worked Bone Research Group at Tallinn, 26th–31st of August 2003. Muinasaja teadus, 15, 2005, S. 325–338, hier S. 326–330

Der einfachste Flötentyp, die randgeblasene Längsflöte ohne Grifflöcher, szélenfúvó furulya („randgeblasene Flöte“), kommt seit dem 20. Jahrhundert in Ungarn nicht mehr vor. Sie wurde tilinkó (auch tilink, tilinka oder ähnlich) genannt wie die rumänische tilincă. Ebenso verschwunden sind seit der Mitte des 20. Jahrhunderts randgeblasene Längsflöten mit Grifflöchern, die als Hirtenflöten kaval in Südosteuropa weit verbreitet sind. Solche Flöten mit sechs Grifflöchern wurden Mitte des 19. Jahrhunderts hauptsächlich um Pécs im Süden des Landes gespielt. Ein Informant im dortigen Komitat Tolna bezeichnete 1961 das in seinem Besitz verbliebene Exemplar als szélfurulya („Randflöte“), ein anderer Name ist peremfurulya. Dieser Typ einer randgeblasenen Flöte mit sechs Grifflöchern ist 30 Zentimeter lang und hat einen Durchmesser von 1,3 Zentimetern.

Als Volksmusikinstrumente angefertigte Querflöten sind mit 45 bis 50 Zentimetern etwas länger als die üblichen Kernspaltflöten, sie besitzen sechs Grifflöcher in der unteren Hälfte und ein ovales Anblasloch etwa 9 Zentimeter vom oberen Ende entfernt. Querflöten werden in Ungarn oldalfúvós oder félenfúvos („seitlich angeblasene Flöte“) genannt.

Ein weiterer Flötentyp, der um die Mitte des 20. Jahrhunderts selten geworden war, sind die längs geblasenen Kerbflöten oder Kerbgefäßflöten, die über eine Kerbe am Ende des langen Halses eines Flaschenkürbisses angeblasen werden. Eine ovale Gefäßflöte ohne Hals mit drei Grifflöchern wurde pásztordoromb („Hirten-Schnurrer“) genannt und war dem Namen nach ein Hirteninstrument. Doromb, wie die Maultrommel in Ungarn heißt, ist mit drymba für die Maultrommel der Huzulen in der Ukraine sprachverwandt.

Kernspaltflöten ohne Grifflöcher sind zumeist einfache Pfeifen, die im Frühjahr aus der Rinde von frischen Weidenzweigen hergestellt werden. Sie sind unter einigen beschreibenden Namen wie fűzfafütyülő, fűzfasip („Weidenpfeife“), fűzfafurulya („Weidenflöte“) und fűzfatilinkó („Weidenflöte-ohne-Fingerlöcher“) bekannt. Die Rinde wird von einem geraden Abschnitt eines Zweigs durch leichtes Klopfen gelöst und mit einer drehenden Bewegung vorsichtig abgezogen, damit sie unversehrt bleibt. Begleitet wird diese Tätigkeit durch aufgesagte oder gesungene Verse (Bastlöseverse), die eigens für diesen Zweck überliefert sind und mit alten Fruchtbarkeitsritualen in Verbindung stehen. Der Kernspalt entsteht durch einen Holzstöpsel, der an einer Längsseite abgeflacht und in das Rohrende eingesteckt wird. Grifflochlose Kernspaltflöten werden auch aus beständigeren Holunderzweigen hergestellt und dienen überwiegend als Kinderspielzeug.Bálint Sárosi, 1967, S. 69–72

Unter den europäischen Volksmusikinstrumenten haben Blasinstrumente den höchsten Anteil an den unterschiedlichen Typen (je nach Land zwischen einem Drittel und der Hälfte). Grifflochlose Kernspaltflöten waren in Ungarn Kinderinstrumente oder dienten Hausierern dazu, auf sich aufmerksam zu machen. Allgemein gehören sie zu den Obertonflöten und sind typische Hirteninstrumente, die als einfache Pflanzenröhren (von Weidenzweigen abgezogene Rinde), aus gespaltenen und nach dem Aushöhlen durch eine Bastwicklung wieder verbundenen Zweighälften oder aus Metallröhren hergestellt werden. Andere mittel- und osteuropäische Längsflöten haben typischerweise drei bis sechs Grifflöcher.Andreas Michel, Oskár Elschek: Instrumentarium der Volksmusik. In: Doris Stockmann (Hrsg.): Volks- und Popularmusik in Europa. (Neues Handbuch der Musikwissenschaft, Band 12) Laaber, Laaber 1992, S. 314–316

Namen Kernspaltflöten mit Grifflöchern werden in Ungarn meist furulya genannt. Regionale Abwandlungen dieses Wortes sind furugla und furuglya im westlichen Landesteil Transdanubien und in Nordungarn furollya. Die Etymologie ist unklar; das Wort ist unter anderem mit serbisch und kroatisch frula, (eine Blockflöte), slowakisch fujara (eine lange Schnabelflöte der Schäfer in der Slowakei), ukrainisch flojara (auch floyara, Флояра), griechisch floyera, albanisch flojere, floere oder floer, und rumänisch fluier (allgemeine Bezeichnung für Flöten in Rumänien und der Republik Moldau) verwandt. Das stets im Bereich Hirtenflöten vorkommende Wortumfeld wird spekulativ entweder auf Griechisch floarion, „Baumrinde“ oder auf das lateinische Verb flare, „blasen“, zurückgeführt.Ilija Casule: Burushaski shepherd vocabulary of Indo-European origin. In: Acta Orientalia, Band 70, 2009, S. 147–195, hier S. 183 Letztgenannte Herleitung führt über das altfranzösische flaüte zu „Flöte“.

Daneben kommen auch andere Namen für die Kernspaltflöten vor, darunter pikula und fapicula von italienisch flauto piccolo, „kleine Flöte“, und in manchen Orten tilinkó (von der grifflochlosen Flöte übernommen). Die in Rumänien in der Region Moldau lebenden ungarischsprachigen Tschangos bezeichnen die Kernspaltflöten als szűtü, abgeleitet vom ungarischen Verb süvölt, „peifen, heulen“. Mit dem Partizip Präsens dieses Verbs, süvöltő („pfeifend“), werden in Nordostungarn die grifflochlosen Weidenrindenflöten benannt. Aus dem 19. Jahrhundert sind von den moldawischen Ungarn auch die Schreibweisen sültü und szültü überliefert. Das Wort ist mit sijaltös (shialtysh) für einen anderen Typ einer Hirtenflöte (vgl. koncovka) der Tscheremissen in Russland verwandt.István Pávai: The Folk Music of the Moldavian Hungarians. In: Hungarian Heritage, Band 3, Budapest 2002, S. 42–48, hier S. 46 Eine weitere Bezeichnung, die nur in der Literatursprache auftaucht, ist pásztorsíp („Hirtenpfeife“), zusammengesetzt aus pásztor, „Schäfer“, und síp, „Pfeife“.Bálint Sárosi, 1967, S. 73

Das Wort süvöltő ist der erste literarische Beleg für eine Flöte, vermutlich eine Kernspaltflöte, in einem ungarischen Text. So lautet die Übersetzung von lateinisch fistula(„Röhre, Pfeife“) in „Das Schlägler ungarische Wörterverzeichnis“ aus dem 15. Jahrhundert.István Szamota (Hrsg.): A Schlägli magyar... („Das Schlägler ungarische Wörterverzeichnis, mit Einleitung und Erläuterungen und mit dem Faksimile des Wörterverzeichnisses.“) Budapest 1894 Laut einem fragmentarisch erhaltenen Wörterbuch von Anfang des 16. Jahrhunderts bestand die süvöltő aus Pflanzenrohr oder Knochen. In der „Ungarischen Enzyklopädie“ des bedeutenden Gelehrten János Apáczai Csere (1625–1659) von 1653 werden unter den Musikinstrumenten síp, süvöltő und Sackpfeife erwähnt. Da síp („Pfeife“) ein Rohrblattinstrument war, muss es sich bei süvöltő um eine Kernspaltflöte gehandelt haben. Der Name süvöltő wird ferner in Gáspár Miskolczis zoologischem Werk Egy jeles vadkert, avagy az oktalan állatoknak... von 1702 erwähnt.Die Materialangaben übernimmt István Pávai, 2020, S. 168, von Ödön Beke: Süvöltő. In: István Bibó (Hrsg.): Népünk és Nyelvünk. Szeged 1935, S. 29f Furulya wird in der ungarischen Literatur erst ab der Mitte des 17. Jahrhunderts verwendet.Bálint Sárosi, 1967, S. 80

Bauform mini|hochkant|Schematische Darstellung der Tonerzeugung bei der furulya. Block (dugó), Windkanal und hinterständiger Aufschnitt (Schneidekante, szélhasító) Sechs-Loch-Flöte Die üblichen Kernspaltflöten haben sechs Grifflöcher an der Oberseite, aber kein Daumenloch. Die Schneidekante befindet sich fast immer an der Unterseite und wird über einen Windkanal vom rechtwinklig abgeschnittenen Ende angeblasen. Ein schnabelförmiges Mundstück besitzen nur die seltenen Flöten mit einem vorderständigen Aufschnitt. Die Länge variiert zwischen 30 und 60 Zentimeter, kürzere Flöten werden nur als Kinderspielzeug verwendet und Längen über 50 Zentimeter sind selten. Ein 53 Zentimeter langes Museumsexemplar aus Nordungarn hat einen Innendurchmesser von durchgehend 1,6 Zentimetern, ein 39 Zentimeter langes Exemplar aus Transdanubien besitzt oben einen Innendurchmesser von 1,5 und unten von 1,2 Zentimetern und ein weiteres Exemplar aus der Ungarischen Tiefebene misst bei 38 Zentimetern Länge innen durchgehend 1,4 Zentimeter.

Die am häufigsten verwendeten Materialien waren Holunderzweige, gefolgt von Ahorn und in seltenen Fällen auch die Zweige anderer Gehölze oder in der Tiefebene Schilfrohre, falls kein geeignetes Holz verfügbar ist. Holunder wird im Herbst oder Winter verarbeitet. Aus einem geraden knotenfreien Abschnitt eines Zweigs wurde das Mark mit einem Eisendraht oder Hartholzstab herausgedrückt und die so erhaltene Röhre zum langsamen Trocknen ohne direkte Sonneneinstrahlung ausgelegt. Nachdem das Holz bis zu zwei oder drei Jahre getrocknet war, wurde die Röhre mit einem Bohrer und Schleifpapier auf den gewünschten Durchmesser erweitert. Häufig wurde vom unteren Ende mit einem dünneren Bohrer eingebohrt, sodass hier eine Verengung der ansonsten zylindrischen Röhre entstand. Bei Tschangos und Siebenbürger Ungarn sind die Flöten am unteren Ende 5 bis 8 Millimeter enger als am oberen.