Das Kastell Namara oder Nemara () war ein kleiner vorgeschobener römischer Militärstützpunkt der Grenzschutztruppen am äußersten östlichen Rand der Basaltwüste des Hauran im Süden Syriens, Gouvernement Rif Dimaschq. Die einsam gelegene, bereits im 19. Jahrhundert bekannt gewordene Fundstätte birgt neben dieser Fortifikation auch etliche andere, meist noch nicht datierbare Befunde aus mehreren Jahrhunderten. Bekannt wurde der Ort für die Fachwelt insbesondere auch aufgrund seiner von Einheimischen hinterlassenen römerzeitlichen Inschriften. Das während des Prinzipats errichtete Kastell befindet sich auf einem saisonal umflutetem inselartigem Basalthügel zwischen zwei dort zusammentreffenden Trockentälern.
Lage Die von Südwesten kommenden Wadis al-Sham und al-Gharz sind in dieser Region die beiden großen saisonal gefluteten Trockentäler die von den Osthänge der prähistorischen vulkanischen Region des Jebel el-Druze kommend, hierher entwässern.Michael C. A. Macdonald: Transformation and Continuity at al-Namāra: Camps, Settlements, Forts, and Tombs. In: Karin Bartl, Abd Al-Razzaq Moaz (Hrsg.): Residences, Castles, Settlements. Transformation Processes from Late Antiquity to Early Islam in Bilad al-Sham. Proceedings of the International Conference held at Damascus, 5–9 November 2006 (= Orient-Archäologie 24), Deutsches Archäologisches Institut, Orient-Abteilung, Leidorf, Rahden/Westfalen 2008, ISBN 978-3-89646-654-9, S. 317–332; hier: S. 317. Die durch den basaltischen Vulkanismus entstandene mächtigen Lavafelder hinterließen im weiten Umfeld des Jebel eine ausgeprägte Basaltwüste, die sich durch den südsyrischen Hauran bis nach Jordanien hinzieht.Alison V. G. Betts: The prehistory of the basalt desert, Transjordan. An analysis. London University, Institute of Archaeology, London 1986, S. 15–16, Abb. 1.4. (Dissertation)Samuel Thomas Parker, Paul M. McDermott: A Military Building Inscription from Roman Arabia. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 28 (1978), S. 61–66; hier: S. 61. Zu den beiden Wadis gesellen sich zahlreiche kleinere Trockentäler, die sich in nordöstlicher Richtung durch die Basaltwüste des bis zur fruchtbare Schwemmlandoase von Ruhba, einem großen Gebiet mit Winter- und Frühjahrsweiden, erstrecken. Al-Namara liegt an einer Stelle, an der sich das Wadi al-Sham mit einem kleineren, von Süden her einmündenden Wadi verbindet. Die von den beiden Wadis durch fluviatile Erosion gestalteten Schluchten breiten sich im Mündungsbereich an der Fundstelle zu einem kleinen Becken aus, das von hochragenden Böschungen umrahmt wird und etwa 800 Meter in Ost-West-Richtung und 400 Meter in Nord-Süd-Richtung misst. In der Mitte des Beckens erhebt sich eine saisonal von Wasser umspülte, 616 Meter hoch gelegenen Basaltinsel, auf der das Kleinkastell errichtet wurde. Der längliche, plateauartige Hügel, den diese Insel bildet, orientiert sich ungefähr von Südwesten nach Nordosten und weist zu allen Seiten hin recht steile Flanken auf.Maurice Sartre: Namāra du Ṣafā. In: Syria 93, 2016, S. 45–66; hier: S. 46.
Von der Insel aus stromabwärts fließen die beiden vereinigten Wadis nach Norden in eine breite Ebene, die sich in Nord-Süd-Richtung über 10 Kilometer und in Ost-West-Richtung über 0,5 bis 2 Kilometer erstreckt. Diese Ebene ist als Ishbikket en-Namāra bekannt, ein Name, der auf ein Netz von Brunnen und anderen Wasserquellen hinweist. Im Osten der Ebene wurde zu Beginn der 1990er Jahre mit dem Bau eines Staudamms begonnen. Hinter dessen Staustufe nimmt das Wadi seinen weiteren Lauf in nordöstliche Richtung, bis es in die nicht weit entfernte Schwemmlandebene der Ruhba mündet. Um Al-Namara muss das Wadi al-Sham schon immer äußerst fruchtbar gewesen sein. Es gibt zahlreiche Wadiabschnitte, in denen das während der Winterniederschläge einströmende Wasser über Monate, teils offenbar auch über das ganze Jahr hinweg, durch den undurchlässigen Basaltboden Bestand hat. An einigen Stellen leben Fische in den Tümpeln und Weihern, die sowohl von Vögeln als auch von Beduinen geangelt werden. In den Zeiten vor der Errichtung des Staudamms ergossen sich die Fluten durch zahlreiche Mäander in die weite Ebene von Ishbikket en-Namara. Auch in diesen Zuflüssen stand das Wasser noch, nachdem die Hochflut ihre Kraft verloren hatte. Im Abschnitt nördlich der Staustufe gibt es zudem eine Reihe von Wasserstellen. Al-Namara wurde aufgrund seiner guten topographischen Lage von Alters her zu einem beliebten Lagerplatz der Nomaden und konnte mit relativ geringem Einsatz für eine kleine Bevölkerungszahl bewohnbar gemacht werden.
Die nächstgelegenen Kastelle entlang der eigentlichen römischen Reichsgrenze im Westen waren Diyatheh und Sa’neh.Kastell Sa’neh bei
Forschungsgeschichte Aus safaitischen Inschriften, die von hier lagernden Beduinen als Graffiti angebracht wurden, ist bekannt, dass der Ortsname Namara mindestens seit der römischen Zeit bekannt ist. Die Nomaden huldigten dort einer Göttin mit dem Namen ’lt h-nmrt, die in ihrem Glauben den Ort bewachte. Ein Echo dieser Vorstellungen schien noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts vorhanden gewesen zu sein als der deutsche Diplomat und Orientalist Johann Gottfried Wetzstein (1815–1905),Johann Gottfried Wetzstein: Ausgewählte griechische und lateinische Inschriften, gesammelt auf den Reisen in den Trachonen und um das Haurângebirge. Königliche Akademie der Wissenschaften, Berlin 1864, S. 265–266. und der britischen Reisenden Cyril C. Graham (1834–1895), als erste Europäer 1857 beziehungsweise 1858 das Castell Nemàra besuchten. Graham teilte mit, dass das mittelalterliche Mausoleum auf der Insel Graham erwähnte außerdem, dass er am Tell en-Némareh die größte ihm bis dahin bekannte Anzahl an in den Basalt geritzten Inschriften vorgefunden habe. Der gleichfalls anwesende Wetzstein erzählte eine wesentlich profanere Überlieferung zu dem Mausoleum: Graham hatte das Wort Nemara mit Nimreh verwechselt oder falsch gehört. Möglicherweise angelockt durch den Hinweis auf die vielen Inschriften besuchte am 12. April 1862 der französische Althistoriker und Politiker William Henry Waddington (1826–1894) den Ort, um die römischen und griechischen Texte zu dokumentieren.William Henry Waddington: Inscriptions grecques et latines de la Syrie. Didot, Paris 1870, S. 522–524. Mit dabei war der altertumsbegeisterte Diplomat Melchior de Vogüé (1829–1916), der semitische Inschriften transkribierte.Melchior de Vogüé: Syrie centrale. Inscriptions sémitiques. Band 2, Baudry, Paris 1868–1977, S. 146–147. Eine kurze Erwähnung findet das Castell von Namara bereits im 1885 erschienenen Band 8 der Römischen Geschichte des bedeutenden deutschen Altertumswissenschaftlers Theodor Mommsen (1817–1903): Es befindet sich Der deutsche Orientalist und Amateurarchäologe Max von Oppenheim (1860–1946) fand im Sommer 1893 an dem weithin sichtbaren Hügel im Osten einige teils gut erhaltene Ziehbrunnen vor, die bis zu fünf Meter breit waren.Max von Oppenheim: Vom Mittelmeer zum Persischen Golf. Band 1, Reimer, Berlin 1899, S. 223–225; hier: S. 223.
mini|Grabinschrift des Imru al-Qais, Sohn des Amr Am 4. April 1901 stellten der französische Altorientalist René Dussaud (1868–1958) und der orientalische Sprachexperte Frédéric Macler (1869–1938) für eine Nacht ihre Expeditionszelte in en-Nemára auf. Sie hatten während ihres kurzen Aufenthalts die Gelegenheit, das Grab des Imru al-Qais, Sohn des Amr, zu entdecken, der sich „König aller Araber“ nannte und eine in der Fachwelt weithin diskutierte Grabinschrift auf einer Tabula ansata hinterließ, die sich heute im Louvre in Paris befindet.Paris, Louvre Inventarnr. AO 4083; Eintrag in der Datenbank des Louvre. Aufgrund einer militärischen Eskalation zwischen der osmanischen Besatzungsmacht und den Beduinen mussten die Wissenschaftler ihre anschließenden Reisepläne ändern.René Dussaud, Frédéric Macler: Mission dans les regions desertiques de la Syrie moyenne. Imprimerie Nationale, Paris 1903. S. 26–27. Im Jahr 1994 unternahm Thilo Ulbert, Leiter der Außenstelle des Deutschen Archäologischen Instituts in Damaskus, eine Expedition zum römische Kastell von Namara, der sich auch der Orientalist Irfan Shahîd (1926–2016) anschloss. Da seit den Tagen Dussauds niemand ernsthaft unmittelbar an der Grablege Imru al-Qais gearbeitet hatte, versuchte Shahid diese wiederzufinden, was ihm im Rahmen der knapp gesetzten Zeit jedoch nicht gelang.Irfan Shahîd: Byzantium and the Arabs during the reign of Constantine. The Namara inscription, an Arabic “Momentum Ancyranum”, A.D. 328. In: Byzantinische Forschungen 26, 2000, S. 73–124; hier: S. 105.
Die intensive moderne Erforschung geht auf das Engagement des britischen Altorientalisten Michael C. A. Macdonald zurück. Aufgrund der für die Fundstätte zerstörerischen Auswirkungen, die der Bau des Staudamms durch die Entnahme fluvitialer Sedimente aus den Schotterbänken um die Insel verursachte, wurde Macdonald dazu bewogen, dem syrischen Antikendienst einen archäologischen und epigraphischen Rettungsversuch für Al-Namara vorzuschlagen. Der Antikendienst reagierte sofort, veranlasste mit dem zuständigen Ministerium die Einstellung des Schotterabbaus und stimmte der Rettungsuntersuchung zu. Für Macdonald und seine Mannschaft begannen die Arbeiten im Herbst 1996. Die archäologische Unterstützung leiteten der Syrer Hassan Hatoum und die Franzosen Frank Braemer und Jean-Claude Échallier, während Macdonald zusammen mit dem Syrer Hussein Zeinaddin die epigraphischen Funde auswertete. Der Fundplatz von Al-Namara ist wegen des Ausmaßes, der Dichte und Vielfalt der Besiedlung in und um die Stätte bemerkenswert. Dies ist in der Mitte der Basaltwüste, östlich des Jebel el-Druze ungewöhnlich. Macdonalds Projekt Namarah Rescue Survey wurde noch 1996 abgeschossen.Michael C. A. Macdonald: Transformation and Continuity at al-Namāra: Camps, Settlements, Forts, and Tombs. In: Karin Bartl, Abd Al-Razzaq Moaz (Hrsg.): Residences, Castles, Settlements. Transformation Processes from Late Antiquity to Early Islam in Bilad al-Sham. Proceedings of the International Conference held at Damascus, 5–9 November 2006 (= Orient-Archäologie 24), Deutsches Archäologisches Institut, Orient-Abteilung, Leidorf, Rahden/Westfalen 2008, ISBN 978-3-89646-654-9, S. 317–332; hier: S. 318.
Die französischen Althistoriker Maurice Sartre und Annie Sartre-Fauriat, die sich auch als Epigraphikerin einen Namen gemacht hat, untersuchten während zweier Aufenthalte im April und Mai 2011 insbesondere die Inschriften.Maurice Sartre: Namāra du Ṣafā. In: Syria 93, 2016, S. 45–66; hier: S. 47 (Fußnote).
Baugeschichte mini|320px|Das Kleinkastell mit seinem Umfeld
In seinem Geschichtswerk Res Gestae des um 395 verstorbenen Ammianus Marcellinus beschreibt dieser die spätantike Provinz Arabia.László Borhy: Terminologie spätrömischer Befestigungen bei Ammianus Marcellinus. In: Erika Juhász (Hrsg.): Byzanz und das Abendland VI. Studia Byzantino-Occidentalia (= Antiquitas – Byzantium – Renascentia 38), ELTE Eötvös-József-Collegium, Budapest 2019, ISBN 978-615-5897-24-5, In: S. 13-66. Dort gebe es Ammianus betont mit seinen Aussagen ganz besonders, die Abhängigkeit des wirtschaftlichen Wohlstands von einem effektiven Grenzschutzsystem und zusätzliche rückwärtige Sicherungsmaßnahmen für die wichtigsten Großstädte.Ignacio Arce: Qasr Hallabat, Qasr Bshir and Deir el Kahf. Building techniques, architectural typology and change of use of three “Quadriburgia” from the “Limes Arabicus”. Interpretation and significance. In: Stefano Camporeale, Hélène Dessales, Antonio Pizzo (Hrsg.): Arqueología de la construcción II, Los procesos constructivos en el mundo romano: Italia y provincias orientales. (= Anejos de Archivo Español de Arqueología 57), Certosa di Pontignano, Siena, 13-15 de noviembre de 2008, Madrid/Mérida 2010, ISBN 978-84-00-09279-5, S. 455-481; hier: S. 459.