Folk [] (von englisch folk „Volks-“; gemeint ist die Volkskultur oder Folklore in Bezug auf Musik) oder Folkmusik ist insbesondere in Nordamerika und Europa ein Genre der populären Musik. Melodien und Texte traditioneller Volksmusik (nicht: Volkstümliche Musik) werden neu arrangiert oder stilistisch nachgeahmt. Die Instrumente sind meist traditionell akustisch wie Gitarre, Fidel, Flöte oder Dudelsack.
Begriff Die englischsprachige Bezeichnung für traditionelle Volksmusik bekam eine neue Bedeutung, als in den USA ab den 1920er Jahren mit der Entstehung moderner Massenmedien wie Radio und Schallplatte regionale, meist ländliche Musikkulturen landesweit beliebt wurden und sich in der Folgezeit zu überregionalen, eigenständigen Musikformen wie dem Jazz und Country entwickelten.
Herkunft Der Begriff Folk wurde unter dem Einfluss der US-amerikanischen urbanen Folk-Bewegung in den 1950er und 1960er Jahren in die deutsche Sprache übernommen. Die Popularität des nordamerikanischen, urbanen Folkrocks in den 1960er Jahren löste auch in Europa ein großes Interesse an eigenen musikalischen Traditionen aus. Besonders seit den 1960er Jahren, einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs in den USA (schwarze Bürgerrechtsbewegung, Anti-Vietnamkriegsbewegung und seit etwa 1970 auch die Frauenrechtsbewegung), lag das Augenmerk des Folkrocks auf den politischen und sozialen Problemen dieser Zeit. Daraus hat sich in Deutschland beispielsweise der Politrock entwickelt. Mit dem Abflauen der politischen Bewegungen in den 1970er Jahren verschob sich auch die Bedeutung der Folkmusik zur Unterhaltungsmusik wie dem Irish Folk. Heutzutage findet auf zahlreichen Festivals ein reger internationaler Austausch statt und Folkmusik ist sowohl in Produktion, Vertrieb als auch Konsum nicht mehr auf einzelne Staaten oder Regionen beschränkt.
Definitionen und Abgrenzung Eine einheitliche Definition des Folk-Begriffs existiert nicht. Das Verständnis ist in Nordamerika und Europa unterschiedlich. Im Englischen umfasst der Terminus Folk Music einerseits traditionelle Musik (Volkslied, Volksmusik) und andererseits moderne Popularmusik. Letztendlich bestimmen Musiker, Fans und die Musikpresse, was den Begriff ausmacht. Dabei lassen sich drei verschiedene Schwerpunkte unterscheiden: Folkmusik als moderne Form traditioneller Volksmusik, Folkmusik als zusammenfassende Bezeichnung verschiedener Stilrichtungen der nordamerikanisch geprägten Popularmusik, Folkmusik als ein Genre der internationalen Popularmusik, das sich stilistisch an traditioneller Volksmusik orientiert. Die darin angelegten Gegensätze – wie die Frage, ob städtische oder nicht-städtische Kultur vertreten sind – erschweren ein einheitliches Verständnis. Moderne Folkmusik hat abgesehen von ihrer musikalischen und stilistischen Inspiration durch traditionelle Volksmusik mit dieser nichts mehr gemeinsam.
Folk grenzt sich als Bestandteil der modernen Populärkultur von volkstümlicher Musik und Weltmusik ab. Die Grenzen zur Weltmusik sind fließend. Obwohl sich der Mainstream der Folkmusik auf europäische Traditionen bezieht und damit vom außereuropäischen Traditionsbezug der Weltmusik absetzt, sind asiatische, afrikanische und andere Musikstile ebenso Bestandteil. Ebenso bewegen sich zahlreiche Gruppen in den Zwischenbereichen zu anderen Musikrichtungen wie Rock, Country, Jazz und Techno. Weitere verwandte Begriffe sind Folkrock, Roots Music, Americana, Vernacular Music, Poplore und Filk. Auch einige Liedermacher werden als Folkmusiker bezeichnet.
Geschichte Anfänge
Ab 1765 erschienen die Reliques of Ancient British Poetry als Überarbeitung und Ergänzung einer um 1650 entstandenen Handschrift populärer Lieder. Als Folge dieser Veröffentlichung wurde über England hinaus das Interesse für traditionelles Liedgut geweckt. In Deutschland veröffentlichte Johann Gottfried Herder 1778/79 Volkslieder nebst untermischten anderen Stücken und prägte den Begriff Volkslied. Da die Melodien allseits bekannt waren und für Herder weniger interessant, wurden nur die Texte abgedruckt. Entsprechende Melodien finden sich jedoch in Friedrich Nicolais satirischer Publikation Eyn feyner kleyner Almanach Vol schönerr echterr liblicherr Volckslieder, der bereits ein Jahr vorher erschien. Joseph Haydns Musik bezieht zahlreiche Melodien und Ideen aus der Volksmusik Österreichs, Kroatiens und der Roma.
Der englische Begriff Folksong entsprach dem deutschsprachigen Volkslied. Europaweit beschäftigten sich im 19. Jahrhundert Historiker, Musik- und Literaturwissenschaftler mit der Erfassung traditioneller Musik und Kultur. Auch die klassische Musik griff nationale Traditionen auf, beispielsweise bei Schubert, Bizet, Smetana und Sibelius.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt sich mit der Öffnung der klassischen Musik für eine breitere bürgerliche und urbane Hörerschaft der Schlager; frühe Beispiele sind der Wiener Walzer und die Operette. Die deutsche Schlagermusik bleibt bis in die 1960er Jahre bestimmend für den deutschsprachigen Musikmarkt, bis sie – trotz Anpassung an neue Hörgewohnheiten (zum Beispiel Öffnung für fremdsprachige Interpreten und Texte in den 1960er Jahren) – von Rockmusik und Neuer Deutscher Welle verdrängt und heute dem Bereich der volkstümlichen Musik zugeordnet wird.
Nordamerika bis 1920 Die frühe amerikanische Folkmusik entwickelte sich aus den überwiegend ländlichen, musikalischen Traditionen der Einwanderer. Die traditionelle Musik der indianischen Bevölkerung spielte dabei keine Rolle. Hier sind als Beispiele zu nennen die Musik Québecs mit überwiegend bretonischen Ursprüngen, die davon abstammende frankophone Cajun-Musik in Louisiana, unter der afroamerikanischen Bevölkerung die Worksongs und der Negro Spiritual (ab dem 17. Jahrhundert) sowie der sich daraus entwickelnde Black Gospel, in den westlichen Expansionsgebieten entstand im 19. Jahrhundert die Western Music. Um die Wende zum 20. Jahrhundert entstehen zahlreiche der heute bekannten Genres: Zydeco entstand Anfang des 20. Jahrhunderts in den afroamerikanischen Gemeinden und übernimmt Elemente der Cajun-Musik der Blues der afroamerikanischen Gesellschaft wird ein wichtiger Vorläufer der nordamerikanischen populären Musik (Soul, Jazz und Rock), Ragtime und der New Orleans Jazz, die Hapa-haole-Musik Hawaiis wird ab 1900 auf dem amerikanischen Festland populär – vorangegangen war im 19. Jahrhundert die Verbindung einheimischer Traditionen mit denen der Einwanderer und die Herausbildung eines eigenständigen Stils. In dieser Epoche waren Minstrels und Vaudevilles wichtig für die Verbreitung der traditionellen Musik, die sonst oft nur im erweiterten familiären Kreis gespielt wurde.
Hörfunk und Schallplatte (1920–1940) miniatur|hochkant|Leadbelly mit Akkordeon
Kurz darauf entstand durch die aufkommende Schallplattenindustrie und den Hörfunk ein neues Interesse an regionalen Musiktraditionen und diese wurden dadurch auch einem neuen Publikum zugänglich. In diese Epoche fällt bereits der Erfolg der Hillbilly-Musik (später auch Old-Time Music genannt) der Blue Ridge Mountains in den südlichen Appalachen mit ihren europäischen Wurzeln. Die Region besingt unter anderem John Denver 1971 in dem Country-Hit Take Me Home, Country Roads. Die Original Dixieland Jass Band veröffentlichte 1917 die erste Jazzschallplatte. Weitere erste erfolgreiche Schallplattenaufnahmen waren 1920 Mamie Smiths Crazy Blues und 1923 Fiddlin’ John Carsons Hillbilly-Stücke Little Old Log Cabin in the Lane und The Old Hen Cackled. Beide wurden von Ralph Peer aufgenommen und produziert. Die Stadt Nashville im US-Bundesstaat Tennessee etablierte sich früh als Zentrum der Medienindustrie. Legendär ist die von dort seit 1925 wöchentlich ausgestrahlte Liveshow Grand Ole Opry. Die Bristol Sessions von 1927 markieren die Geburtsstunde der Country-Musik mit ihren ersten Stars Jimmie Rodgers und The Carter Family. Die Library of Congress richtete 1928 das Archive of American Folk Song ein – 1976 aufgegangen im American Folklife Center. Der erste Leiter war Robert Winslow Gordon. 1931 folgte ihm John Lomax in dieser Funktion, der ebenso Schüler von George Lyman Kittredge war und dessen Sohn Alan Lomax ebenfalls für das Archiv arbeitete. Zahlreiche Aufnahmen des Archivs stammen von Bascom Lamar Lunsford, der als Organisator des The Mountain Dance and Folk Festival (jährlich ab 1927) weithin bekannt war. John Lomax machte ab 1933 den Bluesmusiker Leadbelly bekannt.
Der Erfolg des Hillbilly ließ zahlreiche Bands entstehen und bekannt werden. Ab 1937 entwickelten Bill Monroes Blue Grass Boys den Bluegrass aus der Hillbilly-Musik. Weitere wichtige frühe Vertreter dieser Musik sind The Stanley Brothers und Earl Scruggs. In dieser frühen Zeit lagen die Zentren der Folkmusik in den südlichen Regionen der Ostküste.
Folkrevival und Entwicklung zum Folkrock (1940–1970) In den anschließenden Jahrzehnten entwickelte die US-amerikanische Folkmusik eigenständige Texte und Melodien – unter Beibehaltung der traditionellen Bezüge. Der erste Poet der Folkmusik war Woody Guthrie (verfilmt 1976 mit David Carradine als Woody Guthrie), der in den 1930er und 1940er Jahren vor allem über die Situation der Menschen während der Weltwirtschaftskrise sang. Sein Lied This Land Is Your Land ist heute fester Bestandteil US-amerikanischer Kultur. Er popularisierte den Talking Blues als Form des Sprechgesangs. Ebenso von Bedeutung war sein Freund und Kollege Cisco Houston. 1940 lernte er Pete Seeger kennen und schrieb mit ihm einige am Folk orientierte Gewerkschaftslieder. In den späten 1940er Jahren wurden die Weavers und Pete Seeger immens populär. Pete Seeger wurde mit Liedern wie We Shall Overcome und Where Have All the Flowers Gone (deutsch: Sag mir, wo die Blumen sind) als erster Folksänger auch international weit bekannt. Ebenso griff er auch die Folklore anderer Länder auf. Das urbane New York etablierte sich ab 1940 als Zentrum dieser emanzipierten Folkmusik; Folkways Records war ein wichtiges Plattenlabel. Die dieser neuen Musik zu Grunde liegende Idee, die traditionelle Musik der europäischen Einwanderer zu nutzen, um ihrem Denken und Fühlen Ausdruck zu verleihen, führten teilweise auch zur Verfolgung durch den McCarthyismus.
In den 1950er Jahren begannen sich in den USA immer mehr junge Menschen meist aus der weißen Mittelschicht für die Rootsmusik – Folk, Blues und Country – ihres Landes zu interessieren, deren Elemente sich immer häufiger zu mischen begannen. Das wichtigste amerikanische Ereignis war das Newport Folk Festival, das ab 1959 jährlich stattfand.
Mit der Entfaltung der Rockmusik in den 1960er Jahren erlebte auch der Folk in der Form des Folkrocks eine Blüte und internationale Popularität. Die zentrale Rolle des Textes machte ihn geeignet für die Protestsongs der verschiedenen sozialen Bewegungen. Beispielhaft ist die Entwicklung Bob Dylans – der mit Blowin’ in the Wind eine Hymne dieser Zeit komponierte – vom Folk- zum Rockmusiker in dieser Zeit. Andere international bekannte Musiker des amerikanischen Folkrocks sind Joan Baez, Phil Ochs und Arlo Guthrie, der Sohn von Woody Guthrie. Zunächst war der Folkrock umstritten, wie Bob Dylans Einsatz einer elektrischen Gitarre auf dem Newport Festival 1965 zeigte. Dafür wurde er vom Publikum ausgebuht. Mit dem Ende der Ära des Folkrevival fand das Festival ab 1971 nicht mehr statt und wurde erst 1985 wiederbelebt.
Folkmusik in Europa (ab 1970) mini|Die schwedische Nyckelharpa war nur noch wenig in Gebrauch, als sie durch das Folkrevival als Instrument international bekannt wurde