Deir el-Qinn, auch Dayr al-Qinn, Deir al Quinn und Deir el-Kinn, , ist ein römisches Kastell am vorderen Limes Arabiae et Palaestinae, das trotz etlicher moderner Zerstörungen und Eingriffe noch sehr gut sichtbar ist. Die Anlage, deren antiker Name unbekannt ist,David L. Kennedy, Henry I. MacAdam, Derrick N. Riley: Preliminary Report on the Southern Hauran Survey, 1985. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 30, 1986, S. 145–153; hier: S. 148. diente als Vorposten in der unwirtlichen, ariden Klimazone der Syrischen Wüste an der äußersten östlichen Grenze des römischen Reiches. Das Kastell entstand im Vorfeld einer wichtigen, durch den Hauran geführten Militärstraße, die unter anderem vom strategisch bedeutenden, südlich gelegenen Oasenkastell Qasr al-Azraq über das nur elf Kilometer entfernte Reiterkastell Deir el-Kahf und das Kastell MothanaKastell Mothana bei nach Norden führte. Deir el-Qinn befindet sich in Nordjordanien, im Gouvernement al-Mafraq, knapp 2,2 Kilometer von der heutigen syrischen Grenze entfernt.
Lage Die eine Anhöhe überblickende Ruine des Kastells Deir el-Qinn befindet sich wie Deir el-Kahf auf einem Plateau in der nordöstlichen Basaltregion am südöstlichen Rand des HauranWolfgang Frey, Harald Kürschner: Bryosoziologische Untersuchungen in Jordanien 2. Ergänzungen und weitere neue terrestrische und epilithische Gesellschaften aus der östlichen Wüste und der Basaltregion. In: Nova Hedwigia, 59 (1994): S. 365–378; hier: S. 369. in einem Gebiet großer prähistorischer Basaltströme,Samuel Thomas Parker, Paul M. McDermott: A Military Building Inscription from Roman Arabia. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 28 (1978), S. 61–66; hier: S. 61. die sich aus der durch Vulkanismus geprägten Basaltwüste des Jebel ed-Druze durch den südsyrischen Hauran bis nach Jordanien ergossen.Alison V. G. Betts: The prehistory of the basalt desert, Transjordan. An analysis. London University, Institute of Archaeology, London 1986, S. 15–16, Abb. 1.4. (Dissertation)
Ebenso wie Deir el-Kahf liegt das rund 130 Meter höher gelegene Deir el-Qinn an der Grenze zwischen Ackerland und Basaltwüste. Daher sind die Möglichkeiten eines extensiven Ackerbaus durch die lokale Feinerde gegeben, die sich zwischen Basaltblöcken in der Felswüste eingelagert hat. Eine prägende lokale Pflanze ist in der Region das Tortuletum parnassicae, das sich in seiner optimalen Ausbildung auf kalkreichen Mergeleinschwemmungen zwischen den Basaltblöcken entwickeln und dichte Rasen bilden kann. Die größten Niederschlagsereignisse finden im Dezember statt.Alastair Kirk: A Synthesis of Climatic Data with Specific Interest in the Precipitation Record. In: Roderic W. Dutton, John I Clarke, Anwar Battikhi (Hrsg.): Arid Land Resources and Their Management. Jordan's Desert Margin. Routledge, London/New York 2009, ISBN 0-7103-0612-1, S. 47–66; hier: S. 59. Diese Feststellung ist wesentlich, denn schon der Schweizer Orientreisende Johann Ludwig Burckhardt (1784–1817) berichtete: „Die Fruchtbarkeit des Bodens im Hauran hängt ganz von der Bewässerung ab.“Wilhelm Gesenius (Hrsg.): Johann Ludwig Burckhardt’s Reisen in Syrien, Palästina und der Gegend des Berges Sinai (= Neue Bibliothek der wichtigsten Reisebeschreibungen 34), Band 1, Landes-Industrie Comptoir, Weimar 1823, S. 462.
Forschungsgeschichte Bis ins 21. Jahrhundert waren nur wenige Wissenschaftler an diesem Ort, weder die frühen großen Expeditionen wie die des österreichischen Althistorikers Alfred von Domaszewski (1856–1927) und des deutsch-amerikanischen Philologen Rudolf Ernst Brünnow (1858–1917) noch die der Princeton University und ihres leitenden Archäologen Howard Crosby Butler (1872–1922). Selbst der provinzialrömische Archäologe Samuel Thomas Parker (1950–2021), einer der umtriebigsten Limesforscher in Jordanien während der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, kam nicht nach Deir el-Qinn. Der schottische provinzialrömische Archäologe David L. Kennedy vermutete, die Abgelegenheit der Ruinenstätte sei der Grund, weshalb ihr weniger Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Als einer der frühen Besucher war allerdings der österreichisch-britische Archäologe Aurel Stein (1862–1943), der den römischen Limes in Jordanien und dem Irak von 1938 bis 1939 besuchte, im Jahr 1939 vor Ort. Seine Angaben gelten nach wie vor als die detailliertesten. Im Oktober 1950 besuchte der kanadische Archäologe Frederick Victor Winnett (1903–1989) auf einer epigraphischen Studienreise der American Schools of Oriental Research die RuinenFrederick Victor Winnett: An Epigraphical Expedition to North-Eastern Transjordan. In: Bulletin of the American Schools of Oriental Research, Nr. 122, 1951, S. 49–52, S. 50. und entdeckte als Erster die bisher einzige bekannte Inschrift im Kastell, die bis zu ihrer Erstbesprechung 1989 jedoch nicht veröffentlicht wurde.Henry I. MacAdam, David F. Graf: Inscriptions from the Southern Hawran Survey, 1985 (Dafyana, Umm al-Quţtayn, Dayr al-Qinn). In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 33, Amman 1989, S. 177–197; S. 184. Im Vergleich mit dem im April 1951 erschienenen Artikel von Frederick Victor Winnett im Bulletin of the American Schools of Oriental Research, Nr. 122, S. 49–52, wird deutlich, dass die Fundangabe „1951“ bei MacAdam und Graf falsch ist. Der ebenfalls als Finder erwähnte William L. Reed war von 1951 bis 1952 Direktor der American Schools of Oriental Research, wird von Winnett jedoch nicht als einer der Teilnehmer seiner Expedition von 1950 erwähnt. Im Jahr 1978 wurde das erste Luftbild der Ruinenstätte publiziert.
Im Rahmen seiner Studie zu den byzantinischen und islamischen archäologischen Plätzen im Hauran besuchte der britische Kunsthistoriker und Archäologe Geoffrey R. D. King 1980 das Kastell.Geoffrey King: Preliminary Report on a Survey of Byzantine and Islamic Sites in Jordan 1980. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 26, 1982, S. 85–95; hier: S. 95. Im Jahr 1985 fand unter der Leitung Kennedys und des Althistorikers und Archäologen Henry Innes MacAdam der Southern Hauran Survey statt, bei dem auch Deir el-Qinn besucht wurde.David L. Kennedy, Henry I. MacAdam, Derrick N. Riley: Preliminary Report on the Southern Hauran Survey, 1985. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 30, 1986, S. 145–153.Henry I. MacAdam, David F. Graf: Inscriptions from the Southern Hawran Survey, 1985 (Dafyana, Umm al-Quţtayn, Dayr al-Qinn). In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 33, Amman 1989, S. 177–197. Ausgrabungen fanden an diesem Fundplatz noch nicht statt.
Baugeschichte Der antike Komplex umfasst das Kastell, einen Turm in dessen zentralem Innenhof, ein großes Außenreservoir und eine Reihe von Zisternen mit Wasserkanälen, Resten des Lagerdorfs (Vicus) sowie ein weiteres großes quadratisches Gebäude, dessen Funktion unbekannt ist. Bis heute wurde von Deir el-Qinn kein Plan veröffentlicht, doch lässt sich die Gesamtanlage auf vertikalen Luftbildern erkennen.
Severischer Wachturm? Eine bemerkenswerte Abweichung von den typischen Bauschemata der Spätantike weist ein auffällig sorgfältig gebauter, 7,30 × 7,30 Meter umfassender Wachturm auf, der im Inneren in zwei Räume gegliedert ist.David L. Kennedy: The Roman Army in Jordan. Council for British Research in the Levant, Henry Ling, London 2004, ISBN 0-9539102-1-0, S. 78–79. Das Bauwerk wurde auf einem kleinen gewachsenen Basaltfelsen innerhalb des zentralen Innenhofs im Kastell errichtet und besaß ein rustiziertes Quadermauerwerk. Nach Meinung Kennedys lässt die solidere Bauweise und Qualität des Mauerwerks, die dieser Turm besitzt, möglicherweise auf ein älteres Entstehungsdatum schließen. Am wesentlich besser erforschten Kleinkastell Qasr el-Uweinid kam er auf eine ähnliche Theorie, da sich auch dort ein in hoher Qualität errichteter Turm deutlich von dem umgebenden spätrömischen Mauerwerk unterschied.David L. Kennedy: The Roman Army in Jordan. Council for British Research in the Levant, Henry Ling, London 2004, ISBN 0-9539102-1-0, S. 62–66; hier: S. 64. Der spanische Architekt und Archäologe Ignacio Arce, unter anderem Lehrstuhlinhaber an der Deutsch-Jordanischen Hochschule in Amman, wies darauf hin, dass einige der sauber bearbeiteten Steine in Deir el-Qinn sogenannte „Steinmetzzeichen“ aufwiesen. Dies könnte in einem parallelen Vergleich zu den älteren Bauspuren in Deir el-Kahf auf eine Gründung während der Regierungszeit des Kaisers Septimius Severus (193–211) hinweisen.Ignacio Arce: Qasr Hallabat, Qasr Bshir and Deir el Kahf. Building techniques, architectural typology and change of use of three “Quadriburgia” from the “Limes Arabicus”. Interpretation and significance. In: Stefano Camporeale, Hélène Dessales, Antonio Pizzo (Hrsg.): Arqueología de la construcción II, Los procesos constructivos en el mundo romano: Italia y provincias orientales. (= Anejos de Archivo Español de Arqueología 57), Certosa di Pontignano, Siena, 13-15 de noviembre de 2008, Madrid/Mérida 2010, ISBN 978-84-00-09279-5, S. 455–481; hier: S. 476.Ignacio Arce: De Roma al Islam: tecnología y tipología arquitectónica en transición (campana 2009). Misión Arqueológica Española en Jordania, Instituto Juan de Herrera. In: Informes y Trabajos. Excavaciones en el Exterior 3, 2009 S. 188–211; hier: S. 208.
Spätantikes Kastell Die mit ihren vier Flanken sehr genau an den Haupthimmelsrichtungen orientierten UmfassungsmauernDavid L. Kennedy: Archaeological Explorations on the Roman Frontier in North-east Jordan: The Roman and Byzantine Military Installations and Road Network on the Ground and from the Air (= BAR International Series 134), British Archaeological Reports, Oxford 1982, ISBN 0-86054-165-7, S. 235. bilden einen rund 73 × 56 Meter großen rechteckigen Grundriss (= 0,41 Hektar) und bestehen aus grob behauenen Basaltblöcken, die unverputzt blieben. Diese Bauart erinnert stark an die während der Tetrarchie (293–311) in dieser Region entstandenen Kastelle. Das Mauerwerk ist etwa einen Meter stark und stellenweise noch zwei oder mehr Meter hoch erhalten. Es kann sich in dieser Hinsicht somit nicht mit den wesentlich höher erhaltenen Bauresten in Deir el-Kahf messen. Insbesondere die westliche und nördliche Umfassungsmauer sind in einem relativ guten Zustand erhalten geblieben. Parallel zur Umfassungsmauer sind in Deir el-Qinn an deren Innenseiten zumindest im Norden, Westen und Süden Raumfluchten angebaut, die einzelne, rund 5 × 6 Meter große Kasernenstuben beinhalteten, die einst mit Bögen, deren Ansätze heute noch stehen, überwölbt waren. Die Stuben wurden von einem großen zentralen Innenhof aus betreten, der das Zentrum des Kastells dominierte.