Die Grafschaft Liedberg (war eine freie Grafschaft bzw. libera comitia, i.S. einer freien Volksgemeinschaft, die über ihre eigenen Angelegenheiten entschied) war ein Territorium im Herzogtum Niederlothringen, welche bis 989 direkt dem König unterstellt bzw. Königsgut war. Landesherr war bis Ende des 11. Jahrhunderts der jeweilige Pfalzgraf von Lothringen. Räumlich deckte sie sich in großen Teilen als Pfalzgrafschaft mit dem alten Nievenheimer Gau bzw. war mit diesem identisch. Noch Jahrhunderte später wurden ehemalige Gebiete der alten Freigrafschaft als „gräfliches Land“ bezeichnet.
Die freie Grafschaft nahm aufgrund ihrer militärischen Ressourcen (neben der Burg Liedberg über 50 zum Teil stark befestigte Ritterlehen, zahlreiche, wehrpflichtige Höfe (Mannlehen) und hunderte freie, wehrpflichtige Männer), eine zentrale Rolle in der Landesverteidigung des Niederrheins gegenüber den Überfällen von Sachsen (insbesondere von Widukind) und den Raubzügen der Wikinger ein.
Entstehung und Liedberger Grafengeschlecht
Die Grafschaft Liedberg entstand nach Jakob Bremer nach der Zersplitterung der Gaugrafschaft im 9. Jahrhundert – des Nievenheimer Gaus – und bestand bis zur Erbteilung im Jahre 1166. Bis zu dieser Zeit war die Grafschaft im vollen Besitz der Landesherrschaft unter anderen der Niedrigen- und der Hochgerichtsbarkeit bis Anrath und Ürdingen, sowie des Heeresbann bzgl. der Rittersitze.
Vor der großen Erbteilung 1166 gab es bereits Erbauseinandersetzungen mit dem Haus von Helpenstein, welche engste Verwandte des Hauses Liedbergs waren, wo früh viel Gebiet (Herrschaft Helpenstein) und zahlreiche Allodien verloren gingen,Franzjosef Habitz, Die Herrschaft Helpenstein (einem alten Dynastengeschlecht), in: Almanach für den Kreis Neuss 1984, S. 36–47 insbesondere die südlichen Gebiete bis zur Erftgrenze und Nievenheim. Darunter u. a. Glehn, Kleinenbroich, Büttgen, Elfgen, Gilverrath und Kapellen. Orte, wo die Helpensteiner Besitz bzw. Rechte erbten, waren : Glehn, Schlich, Hof Schlickum, Bakkehof, Horrem, Nievenheim, Kleinenbroich, Scherhausen, Schwendehof in Speck, Krawinkel, Korschenbroich, Burgel, Mortersmer, Scharanthof, 2 Schanzerhöfe (in Glehn), Hockstein (Mönchengladbach-Rheydt), Rosellen, Norf, Grevenbroich, Schlicherum, Hoisten, Weckhoven, Holzheim, Grimlinghausen, Wehl, Mühlrath, Mülfort, Winderode, Gohr, Haus Horr, Rüblinghoven (untergegangener Ort, vor Weckhoven gelegen), Hof in Sevenig, curia in Büttgen, Volkrather Hof, Blumenhof in Lüttenglehn, Besitz in Eckum, Gorbroich, Danne, Neukirchen, Omagen, Hackstein, Wickrath, Land auf dem Ham, Hof Robrychen bei Neuenberg (Rosellerheide).Vgl.Martin Kluth. Herrschaft Helpenstein, abgerufen am 20. Februar 2026/
Erster urkundlich nachgewiesener Graf mit Bezug zu Liedberg war Herimannus de Lithebereche (Hermanns comes de Lidtberg) der um 1100 in einer Urkunde des luxemburgersichen Staatsarchiv vorkommt. 1107 wird zudem noch ein Herimannus com. de Udenchirchen (Hermann Graf von Odenkirchen), frater eius Arnoldus (Bruder von Arnold), erwähnt. Er war mit Hadwig, einer Tochter des klevischen und moersischen Grafengeschlechts verheiratet. Ein Graf Hermann (comes Herimannus militaris pl. mem.) und seine Frau Gräfin Hadwig werden im Mönchengladbacher Nekrolog (Totenbuch) mehrfach erwähntNorrenberg, Peter: Geschichte der Pfarreien des Dekanates M. Gladbach. S. 46ff. Hermann und Hadwig hatten drei Töchter. Seine Tochter Hildegunde heiratete den mächtigen Grafen Lothar von der Ahr. Ihre Mutter Hadwig, sowie ihre Tochter Hildegunde (Hildegundis cometissa de Arę) werden in der Teilungsurkunde als Gräfin bezeichnet. Deren Sohn Theoderich II. wurde Graf des Ahrgaus und des nördlichen Teils der Grafschaft Liedberg. Nach seinem Tod und weil ihr ältester Sohn Hermann Priester bzw. Probst war, starb das hohe edelfreie Liedberger Geschlecht im Mannesstamm aus. Die Landeshoheit über den nördlichen Teil der Grafschaft (die Oberaufsicht über ihre Ministerialen und alle sich daraus ergebenden Rechte, Lehnsgüter und Ritterlehen) wurde als Schenkung von Hildegunde, dem Kölner Erzbischof Reinhard von Dassel übertragen und ging später in Kurköln auf.
Die neue Teilung incl. der Übertragung der Landeshoheit an Kurköln war historisch und regional so bedeutsam, das ihr fast alle hohen Edlen, Grafen und Herren, Kirchenvertreter des Niederrheins als Zeugen beiwohnten, urkundliche werden genannt werden u. a.: Hermann, Propst der großen Kirche von Köln; Philipp, Dekan derselben; Gerhard, Propst von Bonn; sein Bruder Hugo, Propst am Gradus; Bruno, Propst von St. Georg; Hermann, Propst von Knetterheide; Gernod, Propst von Hovenborn; Nikolaus, Abt von Siegburg; Alard, Abt von St. Martin; Hermann, Graf von Saffenberg, Vogt der großen Kirche; sein Bruder Adolf; Heinrich von Arberg, Vizegraf; Heinrich, Graf von Geldern; Wilhelm, Graf von Jülich; Ulrich, Graf von Are; Theoderich, Graf von Honstaden; Everhard, Graf von Seina; Engelbert, Graf von Berg; Heinrich, Graf von Cuijk; Goswin, Graf von Heinsberg; Gerhard von Mühlfort; Konrad von Linnep und Hermann von Hengsbach, Florentius von Kempen, Hermann von Dyck, Engelbert von Hurnen, Gerhard von Ambere, Rabodo und sein Bruder Constantin von Berg, Everwin von Holze, Arnold, der Vizevogt der Burg Meer, Hermann von Werbe, Giselbert von Berge, Arnold von Heilislo; die Ministerialen des heiligen Petrus; Gerhard, der Kölner Vogt; Hermann von Alftra, Heinrich von Volmudestein, Heinrich von Alpheim, Hermann der Kämmerer, Hermann von Heppendorf, Gottfried von Zülpich, Gerhard der Weiße von Köln, Konrad von Burgele – und viele andere, sowohl Ministeriale als auch Grafen und Freie, die als Zeugen zugegen waren.Theod. Jos. Lacomblet: Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins oder des Erzstifts Köln, der Fürstentümer Jülich und Berg, Geldern, Meurs, Cleve und Mark sowie der Reichsstifte Elten, Essen und Werden. 1840
Die Kölner Erzbischöfe haben 1151 die Herzogsgewalt des Herzogtums Ripuarien neu verliehen bekommen. Der südliche Teil der Grafschaft ging an das Haus Randerath über und kam 1267 ebenfalls vollständig zu Köln. Die Landeshoheit über beide Teile der Grafschaft – ging 1166 an die neuen Herzöge bzw. Erzbischöfe von Köln als neue Landesherren, damit endete die Grafschaft.
Das große Erbgut von Hildegunde, mit Eigentum weit über die Grenzen der Grafschaft (u. a. in Königswinter, Overmuth an der Maas etc.) wurde zur Stiftung des Klosters Meer verwendet. Der große, weitverstreute Liedberger Eigenbesitz ist ein Indiz, dass das Liedberger Dynastengeschlecht eng mit den Ezzonen (Vorname Hermann) verwandt war bzw. eine Nebenlinie des Hauses der Ezzonen am Niederrhein entstammte. Ein Teil des umfangreichen Ezzonen-Besitz ging vermutlich 1085 nach dem Tod von Hermann II. (Lothringen) auf die Liedberger Nebenlinie über.
Auflösung der Grafschaft bzw. des Neusser Gau
Der südliche Teil der Grafschaft ging nach Auflösung der Herrschaft Helpenstein 1413 in die Grafschaft Hülchrath (Kurköln), August von Haeften:Die Grafschaft Hülchrath in ihren Beziehungen zur Vogtei der Domkirche und des Domstifts von Cöln. In: Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande. Bd. 39/40 (1866) (ein Lehen von Kurköln), dem späteren Amt Hülchrath von Kurköln auf -ausgenommen die Unterherrschaft Helpenstein. Der nördliche Teil der Grafschaft in die kurkölnischen Ämter Oedt und Linn, sowie den Vogteien Neersen (mit Anrath), Willich und Budberg auf. Die restliche Herrschaft und Burg Liedberg zusammen mit diversen Allodien u. a. Steinhausen fiel an die Herren von Randerath und verblieb bis 1278 beim Haus Randerath und bildete danach das Amt Liedberg von Kurköln.
Castrum Liedberg Stammburg der Grafen von Liedberg und des späteren "Hauses Liedberg" (so wurde Liedberg in Urkunden oft genannt) war das Castrum Liedberg, von dem heute noch der Bergfried der Festung (Burg) erhalten ist.Paul Clemen:Die Kunstdenkmäler der Städte und Kreise Gladbach und Krefeld.Schwann, 1896 Die Bezeichnung Castrum weist darauf hin, dass es sich um eine Festung mit überregionaler Bedeutung handelte. Bis heute gibt es keinen Gesamtplan der mittelalterlichen Festungsanlage, die einen erhebliche Umfang gehabt haben musste – da Bergfried und Schloss bereits im 11. Jahrhundert eine Einheit bildeten. Darauf weisen das Alter der Grundmauer des Schlosses hin, die auf das 11. Jahrhundert datiert werden.Kristin Dohmen: Schloss Liedberg : Bauforschung im Kontext der Denkmalinstandsetzung. Enthalten in: Jahrbuch der rheinischen Denkmalpflege. - Worms. - 42.2011, S. 72–113 Verteilt über das Herrschergebiet gab es eine Vielzahl von Ritterlehen (s. u.), die selbst wieder befestigt waren und zur Verteidigung und Militärdienst auf Liedberg verpflichtet waren.
Territorium, Orte und Gräfliches Land Räumlich erstreckte sich die Grafschaft Liedberg im Norden bis Krefeld (Grenze Kastell Krefeld-Gellep incl. der Herrschaft Neersen), im Süden bis Gustdorf (incl. des Gebiets der Herrschaft Dyck), im Westen bis zur Niers (incl. das Gebiet der Reichsherrschaft Myllendonk) und im Osten bis zur Erft und dem Rheine bis zur Stadt Neuss mit der südlichen Grenze Nievenheim (Höhe des röm. Kastells Haus Bürgel, war bis 14. Jhd. linksrheinisch), ein Gebiet mit mehr als 600 km². Zu Liedberg gehörte ein großes abhängiges Siedlungsgebiet mit den Orten Liedberg, Steinhausen, Rubbelrath, Steinforth, Schlich, Glehn, Schelsen, Zoppenbroich, Kleinenbroich, Schiefbahn, Kehn, Holzheim, Kaarst, Meer, Büderich, Nierst, Sierst und Krefeld. Zu Liedberg gehörten zahlreiche Allodien (freies Erbgut bzw. Eigentum) die auch außerhalb der Grafschaft z. B. in Königswinter, Overmuth an der Maas, Sulsen, Wahlscheid und Wolsdorf lagenThomas R. Kraus: Die Entstehung der Landesherrschaft der Grafen von Berg bis zum Jahre 1225. 1981. S. 121.
Ursprüngliches gräfliches Land
Nach Jakob Bremer gehörten ursprünglich folgende Gemeinden zum Gräflichen Land: Giesenkirchen, Bedburdyck, Korschenbroich, Pesch, Schelsen, Liedberg, Kleinenbroich, Büttgen, Glehn, Holzheim, Hemmerden, Kapellen, Gustdorf und Elfgen.
Reste des gräflichen Landes 1450-1609
Vom ursprünglichen gräflichen Land waren 1450 bis 1609 noch Elfgen, Glehn und Büttgen vorhanden.
Liedberger Gerichtshoheit und Freigrafschaft Liedberg besaß das Waldgrafenamt (Aufsichtsrecht) über ausgedehnte Waldungen zwischen der Niers, der Erft und dem Niederrhein, dem Mühlgau und im nördlich gelegenen Kehldachgau bis über Kempen, Budberg und Mörs hinausJakob Bremer: Das kurkölnische Amt Liedberg. Kühlen, M.Gladbach, 1930, 208 ff.. Schon seit den Karolingern standen alle Wälder und Brüche unter besonderen Holz-, Wald- oder Wildgrafen, welche die Gerichtsbarkeit (sog. Holzgeding bzw. niedere Gericht) innehatten und die Wälder des Königs verwalteten. Sie entschieden über Wald- und Wildberechtigung, über Holz- und Feldfrevel, Schuldsachen, kleinere Strafsachen und hatten die Aufsicht über Wege. Das Liedberger Hoch- und Holzgericht (welche z. T. bis in die Neuzeit vorhanden blieb, die Anrather Holzbank außerhalb des Amtes Liedbergs) hatte umfangreiche Rechte.
Ein Teil des Gebietes der Grafschaft Liedberg, bildete zusammen mit den Herrschaften Myllendonk und Dyck eine alte Gau-Grafengerichtsbarkeit, welche in den Weisthümern als „freie Grafschaft“, August von Haeften:Die Grafschaft Hülchrath in ihren Beziehungen zur Vogtei der Domkirche und des Domstifts von Cöln. In: Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande. Bd. 39/40 (1866), S. 229 bzw. als gräfliches Land bzw. gräfliches Gericht bezeichnet wirdJakob Bremer: Die reichsunmittelbare Herrschaft Dyck der Grafen jetzigen Fürsten zu Salm-Reifferscheidt. Grevenbroich 1959. S. 31 ff..