Carl Wilhelm August Fuhrmann (geb. 13. Dezember 1844 in Namslau bei Breslau; gest. 10. August 1925 in Berlin)Panorama-Post, Mitteilungsblatt des Fördervereins für Kaiser-Panoramen e. V., Nr. 28, Celle, Januar 2006, https://www.kaiser-panorama.de/post/Panorama-Post_28.pdf war ein deutscher Medienunternehmer und Fotograf. Er hat das Kaiser-Panorama entwickelt und vermarktet, ein Gerät, das es bis zu 25 Personen gleichzeitig ermöglichte, räumlich wirkende (also stereoskopische), farbige Bilderserien zu betrachten. Er verlieh Zyklen kolorierter, stereoskopischer Fotografien an seine Franchise-Nehmer und gilt als Pionier der systematischen Bildberichterstattung.

Lebensweg August Fuhrmann stammte aus einer landwirtschaftlich geprägten Handwerkerfamilie im schlesischen Namslau. Sein Vater und sein Großvater waren Sattlermeister, die auch Ackerland besaßen und bestellten. Der Familie gehörte ein Haus am Polnisch Tor in Namslau. August Fuhrmann war der älteste von fünf Söhnen; zwei seiner Brüder verstarben bereits im frühen Kindesalter.

August Fuhrmann war mit Emilie, geb. Sperling, (geb. 7. März 1850, gest. 3. Oktober 1926) verheiratet. Das Ehepaar hatte zwei Töchter.

Fuhrmann erlernte den Beruf des Kunsttischlers. Er wurde und wird gelegentlich auch als Physiker bezeichnet,Evangelischer Friedhofsverband Berlin-Mitte, Bekannte Personen, Grabmale, Ehrengräber (Auswahl), (online) S. a.: Bernd Poch, „Das Kaiserpanorama. Das Medium, seine Vorgänger und seine Verbreitung in Nordwestdeutschland“, () aber wohl nur aufgrund seiner Befassung mit physikalischen Themen wie Akustik (insbesondere Telefonie) und Optik (Nebelbilder, stereoskopische Fotografie) – dass er an einer Hochschule Physik studiert hat, ist unwahrscheinlich.So: Dieter Lorenz, „Das Kaiserpanorama – Ein Unternehmen des August Fuhrmann“, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie, München 2010, Einleitung, S. 19. Anderer Ansicht ist offenbar Rolf Sachsse: „August Fuhrmann wird 1844 in Namslau geboren, studiert Physik in Berlin …“, siehe: Rolf Sachsse, Historische Biografien. S. 138–140. Dort: August Fuhrmann. S. 139. In: LVR-Landesmuseum Bonn (Hrsg.), 1914 Welt in Farbe. Farbfotografie vor dem Krieg. Verlag: Hatje Cantz, Ostfildern 2013, ISBN 978-3-7757-3644-2, LVR Landesmuseum Bonn, Berliner Festspiele – Martin-Gropius-Bau. Texte von Christoph Antweiler, Rolf Sachsse, Franziska Maria Scheuer, Thomas Schleper, Wiebke Siever, Rebekka Welker.

Aus der Tatsache, dass Fuhrmann Inhaber der Königlichen Denkmünzen für 1866 und 1870/71 war,Dieter Lorenz, „Das Kaiser-Panorama – Ein Unternehmen des August Fuhrmann“, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie, München 2010, Tabelle 7, „Titel und Auszeichnungen August Fuhrmanns“, S. 57 kann gefolgert werden, dass er Teilnehmer der preußischen Feldzüge im zweiten Deutschen Einigungskrieg von 1866 und des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 war.August Fuhrmann: „Unter all den Namen, die in Betracht kamen, wurde von zahlreichen Paten die Bezeichnung Kaiser-Panorama gewählt, weil ich als Kombattant von Feldzügen zur Eröffnung in Breslau Momente und Episoden vom Krieg 1870/71 vorgeführt habe, die eine vorzügliche patriotische Stimmung und schöne Erinnerungen wachriefen.“, zit. n.: Michael Bienert / Erhard Senf, „Berlin wird Metropole. Fotografien aus dem Kaiser-Panorama“, be.bra-Verlag, Berlin 2000, S. 12

Nebelbilder und Telephonkonzerte Schon als Schüler lernte Fuhrmann so genannte Nebelbilder kennen, also die ineinander übergehende Projektion zweier verschiedener Bilder durch zwei parallel nebeneinander aufgestellten Projektoren, wobei das erste Bild allmählich abgeblendet wird, während das zweite Bild allmählich aufgeblendet wird. Durch diese Überblendtechnik kam erstmals Bewegung in die Bilder, da sich das erste Bild allmählich in das zweite zu verwandeln scheint.

Nach seiner Kunsttischlerlehre zog Fuhrmann zunächst als Schausteller für Nebelbilder mit einer Dreifach-Laterna magica (einem so genannten Agioskop) von Stadt zu Stadt. Nach anfänglichen wirtschaftlichen Erfolgen nahm die Konkurrenz durch andere Nebelbild-Schausteller zu, und so gab Fuhrmann diese Unternehmung wieder auf und wandte sich der Konstruktion und Vorführung neuer elektro-akustischer Geräte zu, und zwar dem 1876 von Alexander Graham Bell bis zur Marktreife weiterentwickelten Telephon und dem 1877 von Thomas Alva Edison herausgebrachten Phonographen. Er bot so genannte Telephonkonzerte an, bei denen die Live-Musik eines Orchesters per Telefonkabel auf Lautsprecher in einem entfernt liegenden Zuhörerraum übertragen wurde – heute würde man in diesem Zusammenhang wohl eher von einer PA-Anlage als von einem Telephon sprechen, aber das Grundprinzip der elektrischen Übertragung eines akustischen Signals unter Zuhilfenahme von Mikrophon, Verstärker und Lautsprecher ist sehr ähnlich. Solche Telefonkonzerte veranstaltete Fuhrmann noch bis in die späten 1890er Jahre.

Stereoskopie Parallel dazu begann Fuhrmann, sich für Stereoskopie, also räumlich wirkende Fotografie, zu interessieren. Aus London, damals eine Hochburg der Stereofotografie, ließ er sich eine größere Anzahl Stereogramme nebst Betrachtungsgerät kommen, um so den aktuellen Stand dieser Technik zu erkunden. Auf der Londoner Industrieausstellung 1851 Great Exhibition hatte der französische Optiker Jules Duboscq (1817–1886) seine Stereoskope zur Betrachtung von Stereo-Daguerreotypien vorgestellt, die er nach Ideen und Plänen des schottischen Physikers und Privatgelehrten David Brewster (1781–1868) konstruiert hatte. Brewster hatte im Jahr 1849 die erste Zwei-Objektive-Kamera herausgebracht, mit der man stereoskopisch Bilder auch von sich bewegenden Motiven aufnehmen konnte, da sie die beiden für den räumlichen Eindruck erforderlichen Fotografien gleichzeitig aufnahm. Bis dahin mussten die beiden Teilbilder nacheinander belichtet und die Kamera zwischen den beiden Aufnahmen im Augenabstand verschoben werden. Bei bewegten Motiven führte das aufgrund der Bewegung des Motivs zu zwei unterschiedlichen Bildinhalten, was den räumlichen Eindruck störte. Am 7. Januar 1854 erwarb der Pariser Achille Quinet (1831–1900) ein Patent auf eine „Binokular“-Kamera, der er den Namen „Quinetoscop“ gab.Martin Kohler, „Historische Entwicklung der Stereophotographie, Geschichte der Stereoskopie“, (online) 1861 ersann der amerikanische Arzt und Schriftsteller Oliver Wendell Holmes, Sr. (1809–1894) ein einfaches und preiswertes Stereoskop. Dieses Holmes’sche Stereoskop wurde der Standardapparat der folgenden Jahrzehnte und war um 1900 auch in Privathaushalten zu finden.Wundersames Sammelsurium.info, „Stereoskope“, (online)

Die Stereo-Fotografie blieb für ungefähr hundert Jahre populär, mit Höhepunkten in den 1850er Jahren, um 1900 und in den 1950er Jahren.

Entwicklung des Projektionsapparates mini|August Fuhrmanns Kaiserpanorama 1880

Das große Interesse der Öffentlichkeit an stereoskopischen Fotografien machte Fuhrmann sich geschäftlich zunutze. Der gelernte Kunsttischler entwickelte ab den 1870er Jahren einen hölzernen Rundbau, um den bis zu 25 Benutzer auf Stühlen saßen und durch Stereo-Okkulare ins Innere dieses Rundbaus schauten, durch das ein Zyklus von 50 Stereo-Dia-Paaren lief. Nach jeweils etwa 20 Sekunden beförderte ein durch ein Uhrwerk angetriebener Dreh-Mechanismus die Bilder um eine Position weiter. So wurde es möglich, mehreren Personen gleichzeitig einen Zyklus von Bildern zu zeigen, ohne dass die Zuschauer ihre Plätze tauschen mussten.Ulrich Pohlmann, „So weit das Auge reicht – Das Kaiser-Panorama als Schaufenster zur Welt“, S. 6, in: Dieter Lorenz, „Das Kaiserpanorama – Ein Unternehmen des August Fuhrmann“, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie, München 2010

Am 17. August 1888 nahm das Patentbüro in London August Fuhrmanns Spezifikationen für ein „Revolving Stereoscopic Panorama“ an. Am 17. Dezember 1889 akzeptierte das deutsche Patentamt Fuhrmanns Patentanmeldung für ein „Selbsteinkassierendes Wandelpanorama“, eine leicht abgewandelte Variante des ersteren.Veronica Peselmann, „Enacting public perception in the late 19th century. The Kaiserpanorama“, in: Figurationen, Band 17, Nr. 02, 2016, S. 71–88, https://www.vr-elibrary.de/doi/pdf/10.7788/figurationen-2016-0208 . S. a.: Esther Bang, „1890: August Fuhrmann’s Kaiserpanorama“, medium.com, https://medium.com/designscience/1890-23d19547b3c6 Zum Zeitpunkt seiner Patentierung war das Kaiser-Panorama aber bereits seit acht bzw. neun Jahren erfolgreich im geschäftlichen Einsatz. Das Publikum konnte gegen 20 Pfennige Eintrittsgebühr durch das Betrachten wöchentlich wechselnder Bildserien virtuell an kulturellen, sportlichen und politischen Ereignissen des kaiserlichen Deutschland sowie an Exkursionen in ferne Landschaften und Städte teilnehmen. In Fuhrmanns Werbung hieß es: „Durch das Kaiserpanorama ist das Problem gelöst, die Welt mit der Welt bekannt zu machen.“

Sonderlich originell war Fuhrmanns „Erfindung“ allerdings nicht – eine vergleichbare Konstruktion hatte Brewster bereits im Jahr 1856 vorgeschlagen. Bereits ab 1866 begab sich der Schausteller Alois Polanecky (1826–1911) mit seinem „Glas-Stereogramm-Salon“ auf die Reise, der der von Brewster vorgeschlagenen Bauweise entsprach. Polanecky hatte seinen Stereogramm-Salon vermutlich nicht selbst konstruiert, sondern dem französischen Fotografen Claude-Marie Ferrier abgekauft, der später übrigens stereoskopische Fotografien an August Fuhrmann lieferte.Jochen Schönfeld, „Die Stereoskopie – Zu ihrer Geschichte und ihrem medialen Kontext“, Magisterarbeit, Fakultät für Kulturwissenschaften der Universität Tübingen, S. 33 , siehe dort auch die Fußnoten Nr. 124 und 125, (online; PDF); unter Berufung auf: Doris Rauschgatt, „Alois Polanecky (1826-1911), Der Pionier des Kaiserpanoramas und sein »Glas-Stereogramm-Salon«“, in: Fotogeschichte, Heft 72, 1999 Siehe auch: Jörg Stöger, „Die Realismusmaschine – Stereoskopie im Diskurs medialer Bildlichkeit“, Diplomarbeit, Universität Wien, Juli 2009, (online; PDF)

Entwicklung des Kaiser-Panorama-Unternehmens 1880 eröffnete Fuhrmann in Breslau sein erstes „Kaiser-Panorama“. Nach etwa zwei Jahren, im Mai 1982, verließ Fuhrmann Breslau und zog nach Frankfurt am Main um. Bereits nach neun Monaten beendete Fuhrmann seine Vorführungen in Frankfurt wieder.stereoskopie.com – Welt der Stereoskopie, Raumbildverlage / Kaiser-Panorama, (online) 1883 verlegte Fuhrmann seine Stereobilderschau nach Berlin in die Kaiserpassage, die den Boulevard Unter den Linden mit der Friedrichstraße verband.

Fuhrmanns Unternehmen wurde dank seiner geschickten Werbe- und Vertriebsstrategie wirtschaftlich rasch sehr erfolgreich und außerordentlich populär.Stadtmuseum Berlin, „Das Kaiserpanorama – Räumliche Bilder aus Kaisers Zeiten“, (online)

1889 hatte Fuhrmann bereits 38 ständige Filialen in europäischen Großstädten.Jochen Schönfeld, „Die Stereoskopie – Zu ihrer Geschichte und ihrem medialen Kontext“, Magisterarbeit, Fakultät für Kulturwissenschaften der Universität Tübingen, (online; PDF)

In einer frühen Form des Bildjournalismus versorgte August Fuhrmann von seiner „Weltpanoramazentrale“ in Berlin aus bald bis zu 250 Filialen in Europa und in Übersee mit stereoskopischen Bildern auf der Grundlage von Lizenzvergaben. Um 1907 gab es Fuhrmann’sche Panoramen in etwa 247 Städten, davon 162 in Deutschland, die übrigen vor allem in Österreich-Ungarn, der Schweiz, in Luxemburg, Belgien, Dänemark, Finnland, Schweden, Russland und im Balticum.stereoskopie.com, Welt der Stereoskopie, „Raumbildverlage / Kaiserpanorama“, (online)