mini|Doppel-J-Schiene mini|Doppel-J-Schiene mini|Doppel-J-Schiene, Detailaufnahme mini|alt=Röntgenbild des Bauchraums mit einliegender Doppel-J-Schiene bei sichtbaren, krankhaften Nierensteinen|Röntgenbild des Bauchraums mit einliegender Doppel-J-Schiene im rechten Harnleiter. Nierensteine im Nierenbecken (rote Pfeile) und im Harnleiter (gelbe Pfeile), wo die Urinabflusshinderung die Harnleiterschienung nach sich zog. Die Harnleiterschienung ( oder ; Stent, deutsch ‚Gefäßstütze‘,In: Frankfurter Allgemeine Zeitung für Deutschland. 6. Januar 2010, S. N1. medizinisches Implantat zum Offenhalten von Gefäßen oder Hohlorganen,Peter Reuter: Springer Lexikon Medizin. Springer, Berlin u. a. 2004, ISBN 3-540-20412-1 (Lemma Stent). benannt nach dem englischen Zahnarzt Charles Thomas Stent) ist ein Verfahren zur Einlage eines dünnen Katheters in einen Harnleiter, um eine ungehinderte Harnableitung vom Nierenbecken zur Harnblase zu gewährleisten. Die Harnleiterschienung findet im Rahmen einer Ureterorenoskopie statt. Verwendung finden spezielle Ureterenkatheter. Am geläufigsten ist die zum postoperativen Verbleib vorgesehene an beiden Enden gebogene Doppel-J-Schiene (auch DJ-Schiene, DJ-Katheter oder kurz „DJ“).
Geschichte Bereits im 19. Jahrhundert setzte der deutsche Chirurg Gustav Simon zur Behandlung von Harntransportstörungen ein Röhrchen in einen menschlichen Harnleiter ein. Offenbar erfolgte dieses Vorgehen zuerst nur bei Frauen. Der österreichische Urologe Josef Englisch forderte deshalb 1887, „die Vervollkommnung dieser Methode und deren Anwendung beim männlichen Geschlechte anzustreben.“ Denn „der von Simon nicht nur als diagnostisches, sondern auch als Heilmittel angerathene Catheterismus der Ureteren würde von grossem Vortheile sein.“Josef Englisch: Hydronephrose. In: Albert Eulenburg (Hrsg.): Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde. 2. Auflage. 9. Band, Verlag Urban & Schwarzenberg, Wien / Leipzig 1887, S. 689–698, Zitate S. 696. Dortige Quelle: Josef Englisch: Ueber primäre Hydronephrose. In: Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. Band XI, mit ausführlichem Literaturverzeichnis.
Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte der kubanische Urologe Joaquín Albarrán in Paris die erste Harnleiterschiene, welche aus einem mit Lack beschichtetem Stoff bestand.Miron Yousif: Analyse des Keimspektrums von Kurzzeit-, Langzeit- und nierentransplantierten HarnleiterschienenträgerInnen. (Diplomarbeit, Medizinische Universität Graz 2017, 55 Seiten).
Diese HarnleiterkatheterRoche Lexikon Medizin. 5. Auflage. Verlag Urban & Fischer, München / Jena 2003, ISBN 3-437-15156-8, S. 1897. nannte man später auch Ureterschienungsdrain (; siehe Drainage (Medizin)) oder Uretersplint.Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Berlin / Wien 1974 Loseblattsammlung, 6. Ordner (S–Zz), ISBN 3-541-84006-4, S. U 36. Ein Splint (englisch ) ist ein Sicherungselement. Manche Urologen sprachen beim Harnleiterdauerkatheterismus mit einem Schienungsrohr oder auch bei den Harnleiterverweilkathetern einfach von inneren Splinten mit an beiden Enden eingerollten KunststoffröhrchenJürgen Sökeland: Urologie. 10. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart / New York 1987, ISBN 3-13-300610-X, S. 120 f. (Katheterkringel oder Einrollenden; Einrolleffekt). Zum Beispiel gab es den Pflaumer-Katheter (nach Eduard Pflaumer) und den Hryntschak-Drain (nach Theodor Hryntschak).
Bei der Hydronephrose bestand die Therapie schon früh „bei der Unmöglichkeit eines [retrograden] Harnleiterkatheterismus in der Nierenfistelung“, also in der äußeren Schienung. Ebenso hat man früher bei Harnröhrenfisteln Ureterenkatheter in die einzelnen Fistelgänge eingeführt, um eine konzentrierte Lapislösung zu instillieren.
Moderne Kunststoffkatheter, deren proximales Ende im Nierenbecken und deren distales Ende in der Blase liegen, kamen erstmalig 1966 in Deutschland und 1967 in den USA zum Einsatz. Es handelte sich hier um einfache Schläuche.
Unter einem Ureterenkatheterismus verstand man nach Maximilian Nitze und Leopold Casper die „Einführung eines dünnen, biegsamen Röhrchens in die Harnleitermündungen von der Harnblase aus unter Kontrolle und Leitung des Cystoskops zur getrennten Gewinnung des Urins aus der rechten und linken Niere.“Otto Roth, Karl Doll, Hermann Doll (Hrsg.): Klinische Terminologie. Zusammenstellung der in der gesamten Medizin gebräuchlichen technischen Ausdrücke mit Erklärung ihrer Bedeutung und Ableitung. 10. Auflage. Georg Thieme Verlag, Leipzig 1925, S. 549.
Begriffe Die Uretersonden werden grundsätzlich in fünf verschiedene Formen eingeteilt: Harnleiterschiene oder Ureterschienungsdrain Harnleiterkatheter filiformer Bougie zur Aufdehnung von Harnleiterengen Schlingensonden zum Beispiel nach Ludwig Zeiss (1900–1958) zur Extraktion von Ureterkonkrementen Ballonsonden zum Beispiel nach Dourmashkin zur Ureterdehnung
Indikationen Es gibt eine große Indikationsbreite zur Einlage einer Harnleiterschiene für therapeutische und diagnostische Zwecke. Die Harnleiterschiene kann der Wiedereröffnung (Deobstruktion) des Harnleiters infolge von Harnsteinen oder Harnleiterverletzungen dienen. Sie ist eine der möglichen Therapien bei Harnleitersteinen, die nicht spontan oder mit medikamentöser Unterstützung den Harnleiter verlassen. Sie kann auch vor oder nach Eingriffen mittels Ureterorenoskopie zur Harnableitung erfolgen, insbesondere jedoch postoperativ bei behandlungsbedürftigen Residualkonkrementen oder Komplikationen.
Weitere Indikationen sind harnleitereinengende Prozesse im kleinen Becken, zum Beispiel Tumoren, oder die Notwendigkeit der intraoperativen Ureterdarstellung bei unübersichtlicher Anatomie.
In Einzelfällen ist bei Harnleiterstrikturen eine dauerhafte Harnleiterschienenversorgung möglich.
Umstritten ist ein ipsilaterales Harnleiter-Stenting bei Patienten mit Blasenkrebs, um das vom Tumor betroffene Ostium ureteris während der transurethralen Tumorresektion zu öffnen oder um den jeweiligen oberen Harntrakt perioperativ zu entlasten. Atypische Lokalisationen von Rezidivtumoren wiesen seit langem auf die Möglichkeit einer Tumorzellimplantation (Seeding) im betroffenen Ureter hin. Als Alternative zur Harnleiterschiene ist an eine iatrogene Nierenfistelung zu denken, um eine Nierenmetastasierung zu verhindern.
Kontraindikationen Weil durch die Harnleiterschienung die Ventilfunktion an der Stelle des Eintritts des Harnleiters in die Blase außer Kraft gesetzt wird, gibt es bestimmte Umstände, unter denen eine Harnleiterschienung nicht vorgenommen werden darf. Die Ventilfunktion verhindert nämlich im Normalfall den Rückfluss von Harn aus der Blase zurück in die Niere (vesikorenaler Reflux). Das Hauptrisiko eines solchen Rückstromes besteht in der Ausbreitung von Infektionskeimen aus dem unteren Harnwegsbereich in das Nierenbecken, was zu einer Nierenbeckenentzündung (Pyelonephritis) führen kann. Diese wiederum beinhaltet das Risiko einer lebensbedrohlichen Urosepsis (Blutvergiftung).
Eine Harnleiterschienung kommt demnach nicht in Betracht, wenn Umstände vorliegen, die einen Rückfluss von Harn aus der Blase zurück in die Niere begünstigen, oder wenn ein Harnwegsinfekt oder ein Verdacht auf einen solchen vorliegt. Im Einzelnen gehören hierzu unter anderem folgende Umstände:Bedros Taslakian: Antegrade ureteral stenting. In: Bedros Taslakian, Aghiad Al-Kutoubi, Jamal J. Hoballah (Hrsg.): Procedural Dictations in Image-Guided Intervention. Non-Vascular, Vascular and Neuro Interventions. Springer, 2016, ISBN 978-3-319-40845-3, S. 213–216.
Bestehende Harnwegsinfektion Verdacht auf eine Harnwegsinfektion Behinderung des Harnabflusses unterhalb der Blase (Prostatavergrößerung; Harnröhrenverengung = Harnröhrenstriktur): Risiko eines Rückflusses wegen erhöhten Drucks in der Blase durch einen Harnstau Überaktive Blase (Reizblase): Risiko eines Rückflusses wegen eines häufig erhöhten Drucks in der Blase Harninkontinenz (Blaseninkontinenz): zeitweilig erhöhter Blasendruck
Verfahren und Material Man unterscheidet die innere von der äußeren Schienung. Bei der inneren Schienung (Ureter-Endoprothese) verbleibt die gesamte Schiene innerhalb des Körpers, während das Ende einer äußeren Schiene außerhalb des Körpers liegt. Und bei der inneren Schienung differenziert man zwischen antegrader und retrograder Schienung, je nachdem, ob die Schiene von oben nach unten oder in umgekehrter Richtung eingeführt wird.Dirk Manski: Urologielehrbuch.de. 15. Auflage. Stadtbergen 2020, ISBN 978-3-946441-03-8.
Harnleiterschienen können den Urin durch die Harnröhre, durch die Harnblase, durch ein Urostoma (Conduit), durch eine Nierenfistel (Nephrostoma, perkutane Nephrostomie, Pyelostomie) oder auch durch die Bauchdecke ausleiten. Davon abhängig ist die Art des geplanten Eingriffs.
Der retrograde Eingriff kann entweder in Lokalanästhesie oder in Vollnarkose durchgeführt werden. Der Patient wird in der Steinschnittlage gelagert. Mit einem Zystoskop (BlasenspiegelGeorg A. Narciß: Knaurs Wörterbuch der Medizin. Droemer Knaur, München 1988, ISBN 3-426-26361-0, S. 205.) oder einem Ureterorenoskop wird über die Harnröhre vorgehend die Blase dargestellt. Von dort wird über einen Arbeitskanal unter Sicht ein perforierter Ureterkatheter in den Harnleiter vorgeschoben. In der Regel werden dabei die ableitenden Harnwege per lokaler retrograder Kontrastmittelgabe und Durchleuchtung dargestellt. Das im Nierenbecken liegende Ende des Katheters rollt sich in Form eines „J“ ein, genauso das in der Harnblase liegende Ende, daher der Name „Doppel-J-Schiene“. Beide „J“ führen zu einer sicheren Lage des Katheters.
Sowohl der gekrümmte wie auch der gerade Anteil der Schienen ist perforiert, um Eintritt und Austritt von Harn zu ermöglichen. So sollen Urinansammlungen im Ureter außerhalb der Schiene verhindert werden. Diese Löcher werden als Augen oder genauer als Seitenaugen bezeichnet; es gibt auch Harnleiterschienen ohne Seitenaugen.
Die passende Schienenlänge wird anhand der Körpergröße des Patienten oder mithilfe eines Röntgenbildes ermittelt. Sie beträgt beim Erwachsenen meist zwischen 24 und 30 Zentimetern. Der Außendurchmesser beträgt zwischen vier und zehn Charrière (1,3 bis 3,3 mm). Die Innendurchmesser (Kaliber) unterliegen materialabhängig großen Schwankungen.
Zumeist werden beidseits zentral offene Doppel-J-Schienen verwendet. Je nach Verwendungszweck gibt es rigide aus Polyvinylchlorid oder Polyethylen bestehende Katheter oder weiche aus Silikon oder Polyurethan. Moderne Harnleiterschienen haben eine hydrophile Außenbeschichtung und eine Innenbeschichtung mit Heparin, um Kalkablagerungen zu verhindern. Im medizintechnischen Großhandel werden importierte Gebinde von 50 Schienen verschiedener Größe mit Führungsdrähten (pusher) zum Einzelpreis von unter 4 Euro angeboten.
Mono-J- und Doppel-J-Katheter gehören ihrer Form nach zu den Pigtail-Kathetern, da Anfang und Ende zu jeweils einem Kringel aufgewunden sind, um ein Verrutschen (Migration) nach der Positionierung des Katheters zu vermeiden, und deswegen wie Schweineschwänzchen aussehen. Mitunter wird jedoch streng zwischen Pigtail-Katheter und J-Katheter unterschieden, denn beim Pigtail handelt es sich sensu stricto mindestens um einen Vollkreis (Ring wie beim Ringelschwänzchen), während das distale J nur einen Halbkreis bildet. Im Handel spricht man auch vom Doppel-Pigtail; damit sind nicht jeweils zwei Vollkreise an beiden Enden, sondern an beiden Enden jeweils nur ein Vollkreis gemeint. Die Bezeichnung Doppel-J bedeutet nicht die Verdoppelung zweier J-Halbkreise zu einem Vollkreis () an einem Ende, sondern jeweils ein Kringel am Katheteranfang und am Katheterende.