Jerusalem, später auch unter dem Titel Dopesmoker () veröffentlicht, ist das dritte Album der amerikanischen Stoner-Doom-Band Sleep. Die Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte des Albums ist von diversen Widrigkeiten und einigen Legenden geprägt. Die sich über Jahre streckende Entstehung von Jerusalem mündete in die Auflösung der Band.
Sowohl die Aufnahme als auch die Veröffentlichung des Albums wurden durch die Kooperationspartner der Band immer wieder verzögert. Aufgrund der widerstrebenden Haltung des Vertragspartners London Records erschien Jerusalem erst am 26. Januar 1999, Jahre nach der Auflösung der Gruppe, über die Label Rise Above Records, The Music Cartel und Victor. Dabei wurde Jerusalem nicht in der von Sleep priorisierten Form verlegt. Dieser kam eine Veröffentlichung des Albums am 22. April 2003 unter dem Titel Dopesmoker über Tee Pee Records näher. Als finale Entsprechung und Verbesserung der eigentlichen Idee erschien das Album am 7. Mai 2012 über Southern Lord. Von dieser Variante ausgehend, wurde eine weitere, erweiterte Variante am 22. August 2022 über Third Man Records herausgegeben.
Konzeptionell befasst sich das Album mit dem Konsum von Cannabis als spirituelle Erfahrung. Im Text agiert die Band mit Verweisen auf das Alte Testament und die christliche Heilslehre, während die Musik abwechselnd die Stimmung der Konsumerfahrung aufgreift sowie eine Wüstenatmosphäre erzeugt. Aus dieser Kombination heraus wird das Album häufig mit Frank Herberts Dune assoziiert.
Die reduzierende, unter dem Einfluss des psychedelischen und repetitiven Space Rock entstandene Weiterentwicklung des Doom Metal ist meditativ, dröhnend, langsam und schwer. Daher wird Jerusalem neben der prägenden Bedeutung für den Stoner Doom den populären Veröffentlichungen des Drone Doom zugerechnet, einem auf Bordun, langsame Rhythmen und Akkordfolgen sowie stark verzerrte E-Gitarren konzentrierten Doom-Metal-Substil. Als solches etablierte das Album Kultstatus über das musikalische Spektrum des Doom Metal hinaus.
Bedeutung und Rezeption mini|hochkant|Blühende weibliche Hanfpflanze Trotz des „karrieristischen Selbstmords“ eines einstündigen, minimalistischen Ein-Stück-Albums ist Jerusalem eine der populärsten und einflussreichsten Veröffentlichungen des Stoner Doom. Es wurde mehrfach erweitert und wiederveröffentlicht, zunehmend kanonisiert und nahm Einzug in diverse Metal- und besonders Doom-Metal-Genre-Retrospektiven und -Bestenlisten. Mitunter wird es als das Referenzwerk des Stoner Doom geführt.
In der von Will Stockton und D. Gilson herausgegebenen Anthologie The 33 1/3 B-Sides: New Essays by 33 1/3 Authors on Beloved and Underrated Albums widmet der Autor Eric Davis dem Album einen Essay und lobte es als eine ultimative Veröffentlichung des Doom Metal. Ian Christe führt das Album in der Metal-Chronik Sound of the Beast – The Complete Headbanging History of Heavy Metal als eines von vierzehn bedeutenden Alben des gesamten Doom-Metal-Spektrums. Die Sachbuchautoren Garry Sharpe-Young, J. J. Anselmi und Aleksey Evdokimov gehen in ihren Schriften jeweils auf die Historie der Veröffentlichung und die Bedeutung des Albums ein. In Doomed to Fail lobt Anselmi Jerusalem als ein „Grenzen sprengendes Album“, Sharpe-Young beschreibt es im A-Z of Doom, Goth & Stoner Metal als einen „Mammut“ und „Leviathan“, der über die Historie zur Legende im Genre wuchs, und Evdokimov betont in seinem Doom Metal Lexicanum, dass das Album in seinem radikalen Minimalismus eines der „einflussreichsten Alben der Stoner-Doom-Szene“ ist und gerade deshalb auch eines der „widersprüchlichsten“ des sonst selten Mainstream-kompatiblen Doom Metal.
Im Jahr 2006 ließ das Decibel-Magazin den Musikjournalisten J. Bennett ein ausführliches retrospektives Interview mit der Gruppe führen und nahm dieses Interview in das 2009 erschienene Buch Precious Metal auf. Bennett bezeichnet das Album als das Meisterwerk der Band sowie eines des Extreme Metal insgesamt. Das gleiche Magazin nahm das Album im Jahr 2014 in die Liste The top 100 Doom Metal albums of all Time auf dem 17. Platz auf. Ebenfalls im Jahr 2014 wurde das Album als Meilenstein des Stoner Doom und Drone Doom auf dem 47. Platz der Liste Die 50 besten Doom-Alben aller Zeiten des Deaf Forever geführt. Zwei Jahre später widmete David Rees dem Album einen ausführlichen Essay im The New York Times Magazine und schloss mit der These, dass das Album „das Ausleben adoleszenter Impulse“ als Impetus des Metal mit den „Gewohnheiten des Kiffers [kombiniere], tiefe Wahrheiten in allem, was zur Hand ist, aufzudecken“. Als „Magnum Dopus [sic!]“ der Band wirke es damit „tatsächlich tiefgründig“ und von sakraler Kraft.
Entstehungsgeschichte Entgegen der kanonischen Einordnung des Albums als eines der bedeutendsten des gesamten Doom Metal und Stoner Doom, erscheine, so Rees, die Entstehungsgeschichte wie ein „Glühbirnenwitz“ über das Unvermögen von Kiffern, ein Projekt erfolgreich abzuschließen, das gemeinsam von Nancy Reagan, Initiatorin und Schirmherrin der Anti-Drogen-Kampagne „Just Say No“, und der mythologischen Figur des Sisyphos geschrieben sein könnte:
Sleep bestand über den gesamten Zeitraum der Entstehung des Albums aus dem Bassisten und Sänger Al Cisneros, dem Gitarristen Matt Pike und dem Schlagzeuger Chris Hakius. Die Musiker hatten geplant, mit ihrer Musik ihren Lebensunterhalt zu verdienen, wobei sie ihren Alltag außerhalb des Tourgeschäftes mit Gelegenheitsjobs finanzierten. Pike und Hakius arbeiteten zu dieser Zeit in einer Putzkolonne, Cisneros in einer Buchhandlung.
Labelvertrag Mit dem 1992 über Earache Records veröffentlichten zweiten Studioalbum Holy Mountain erzielte Sleep Publikums- und Kritiker-Erfolge. Zugleich erhöhte der keimende Erfolg des Stoner Rock in den 1990er Jahren das Interesse großer Unternehmen an der Band. Zu Digby „Dig“ Pearson, dem Labelinhaber des bisherigen Vertragspartners Earache Records, bestand hinzukommend ein angespanntes Verhältnis. Pearson war vorausgehend als schwieriger Charakter bekannt und die Zusammenarbeit zwischen dem Label und der aufstrebenden Band wurde, unter anderem von Axl Rosenberg und Christopher Krovatin in der Metal-Retrospektive Hellraisers, als besonders schlecht und von mangelnder Kommunikation geprägt beschrieben. Dass mit Elektra Records und London Records zwei große Unternehmen der Gruppe anboten, ihren bisherigen Vertrag aufzukaufen und ein folgendes Album zu finanzieren, erschien den Musikern als attraktive und lukrative Chance.
Sleep entschied sich, das Angebot von London Records anzunehmen. Die Gruppe hoffte auf eine bevorzugte Behandlung, da London Records Mitte der 1990er Jahre nur wenige Metal-Bands unter Vertrag hielt. Das finanzielle Angebot des Labels war hinzukommend besser als jenes von Elektra Records. Ein weiterer Faktor war die kreative Freiheit, die der Band eingeräumt wurde. Der A&R-Manager, der mit der Band für London Records verhandelt hatte, zeigte sich offen dafür, das geplante Album mit nur einem Stück zu veröffentlichen.
Bis zum endgültigen Vertragsabschluss vergingen Jahre, da Pearson die Vertragsauflösung in der Hoffnung, bestmögliche Konditionen zu erhalten, hinauszögerte. Entsprechend blockierte er den Vertrag zwischen Sleep und London Records. Nach anderthalb Jahren Rechtsstreit um die Vertragsauflösung zwischen der Band und Earache Records kam es zum Rechtsstreit um die Verlagsrechte zwischen Earache Records und London Records. Die zunehmende Wartezeit erhöhte den Druck innerhalb der Band, die das Album bereits hätte aufnehmen können. Die Bitte der Bandmitglieder an einen unbenannten Freund, eine eigenständige Aufnahme und Veröffentlichung zu finanzieren, wurde von diesem aus Angst vor einer Klage abgelehnt.
Songwriting Über mehrere Jahre hinweg schrieb die Band an dem Album. Die Musiker nahmen mitunter Bezug zu ihren Anfängen als Schüler und beschrieben die Entstehung und das zentrale Stück als Konsequenz und Höhepunkt der gemeinsamen Zeit. Konkret Gestalt nahm das Album dabei nach der Veröffentlichung von Holy Mountain an. Sleep bestritt für die Promotion dieses Albums mehrere Tourneen und Einzelauftritte in den Vereinigten Staaten und Europa. Unter anderem tourte Sleep mit Hawkwind und The Melvins. Während der Soundchecks dieser Auftritte wurden die Ideen für Jerusalem entworfen. Diese Fragmente wurden anschließend in Hotelzimmern, Unterkünften und bei Proben in ihrer Heimat San José weiter ausgearbeitet. Eine erste Rohfassung des Stücks wurde Teil des Repertoires der Auftritte im Jahr 1994. Bereits in dieser Variante wurde deutlich, dass das Album aus nur einem besonders langen Stück bestehen würde.
Das Material wurde von der Band weiter geprobt, verfeinert und arrangiert. Bis zur Aufnahme des Albums arbeitete die Band etwa vier Jahre daran. Im Zuge der Ausarbeitung wurde der Song langsamer und die Band änderte den Titel. Anfänglich und auch bei Auftritten als Dopesmoker benannt und angekündigt, entschied die Band, das Stück aufgrund der Wüstenthematik umzubenennen. Während der Ausarbeitung des Stücks nahm das Interesse an Wüsten-Themen und der Region des mittleren und nahen Osten zu. Die Idee, das Stück Jerusalem zu nennen, entstand als Witz während einer Probe. Die Idee erschien den Musikern amüsant und passend, wodurch das Stück fortan neu benannt war. Erst zu späteren Veröffentlichungen wurde das Album erneut als Dopesmoker betitelt. Cisneros unterschied die Alben grob als zwei Namen des gleichen Stücks. Jerusalem stünde eher für die langsamen und Dopesmoker für die schnelleren Passagen.
Sleep war 1995 bereit für die Aufnahme, jedoch verzögerte sie sich durch den anhaltenden Rechtsstreit zwischen Earache und London um ein weiteres Jahr. Dieser Umstand sowie die unklare Vertragslage wirkte sich negativ auf das Verhältnis der Musiker zueinander und die Stimmung in der Band aus.
Aufnahmeprozess mini|Bilder der Stadt Jerusalem, nach der das Album ursprünglich benannt wurde Nachdem alle rechtlichen Fragen geklärt waren, fanden die Aufnahmesitzungen im Studio Record Two Mendocino in der Nähe von Comptche in Kalifornien im Jahr 1996 statt. London Records stellte der Band dazu ein Budget von 75.000 $ zur Verfügung. Entgegen der Legende, dass die Gruppe das vollständige Kapital in Cannabis investiert habe, wurden große Teile des Budgets in Gitarren und Gitarrenverstärkern angelegt. Als exklusives Element ließ sich die Band einen Verstärker mit leuchtend grüner Verkleidung von der Firma Matamp in der Reihe „Matamp Green“ bauen. Matamp gestaltete einen Röhrenverstärker, adaptierte in der Reihe seit 1992 das Aussehen der Verstärker des Unternehmens Orange Music Electronic Company, änderte allerdings die Farbe und den Aufdruck von „Orange“ zu „Grün/Green“. Mit all den ihnen zur Verfügung stehenden Instrumenten häuften die Musiker fortwährend immer langsamer eingespielte Tonspuren an, womit ein besonders monumentaler und dröhnender Klang erzeugt wurde.
In zwei Sitzungen von je einem Monat unter der produzierenden Begleitung von Billy Anderson spielte die Band das Album ein. In der ersten Sitzung wurde der Großteil der Musik eingespielt, während in der zweiten Details nachgearbeitet und verfeinert wurden. Weitere Tontechniker und Studios wurden erst nachträglich von London Records in die Albumgestaltung eingebracht. In der Zeit zwischen den Sitzungen probte die Band. Die Musiker bemühten sich zunehmend darum, Geld zu verdienen, um ihren Alltag zu finanzieren. So berichtete Hakius davon, in dieser Zeit als Gebrauchtwagenhändler gebrauchte PKW überteuert an Schüler verkauft zu haben. Das Ritual des täglichen Konsums von Cannabis lenkte die Musiker von Konflikten untereinander und dem Druck des Labels ab, hielt das Bandgefüge aufrecht und nahm eine zentrale Rolle im weiteren Schaffensprozess ein.