mini|Carillon in der Turmlaterne von Sint Janstoren in Gouda (Niederlande) mini|Modernes Carillon-Manual in der Mariahilfkirche (München) mini|hochkant|Carilloneur Brian Swager am Spieltisch des historischen Carillons von Amédée Bollée in der Kathedrale von Perpignan

Ein Carillon (/kaʁi'jɔ̃/; ) oder Turmglockenspiel ist ein spielbares, großes Glockenspiel, das sich typischerweise in einem Turm oder einem eigens errichteten Bauwerk befindet. Die World Carillon Federation (WCF) definiert „Carillon“ als Glockenspiel mit mindestens 23 Glocken. Es besteht aus chromatisch oder diatonisch gestimmten Glocken, die mit einer Klaviatur von einem Spieler (Carilloneur, früher auch Glockenist)vgl. Abschnitt IV. Die Glockenisten in Eugen Thiele: Das Glockenspiel der Parochialkirche zu Berlin, Berlin 1915; Nachdruck in: Neue Töne für das alte Berlin: die Parochialkirche und ihr Glockenspiel, Neuauflage der Gedenkschrift von 1915 mit neuem Anhang, Berlin 2012, S. 75–84 (S. 65–74 der Originalausgabe) oder mechanisch (etwa mit einer Walze oder durch elektronische Steuerung) gespielt werden können. Die konzertante Spielbarkeit unterscheidet es von der Spieluhrform des Glockenspiels, seine Größe und die Art der Glocken vom Orchesterröhrenglockenspiel.

In den Niederlanden gibt es den größten Bestand an Glockenspielen weltweit: insgesamt 806 Glockenspiele (davon 158 Carillons nach WCF-Standard). Auch in Belgien hat fast jede Stadt ein Carillon.

Gelegentlich tragen auch Kompositionen für andere Instrumente, die Glockenmotive zitieren oder nachahmen, den Titel Carillon.

Geschichte Carillon ist die französische Bezeichnung für ein „Turmglockenspiel“. Der Ausdruck bezeichnet auch das in Kapellen und Orchestern gespielte Metallstabglockenspiel und Musikstücke, die für das Glockenspiel bestimmt sind. Der Name ist von „quatrillionem“ abgeleitet, dem rhythmischen Anschlag von vier Glocken, wie er bereits im 14. Jahrhundert vom Turmwächter angewandt wurde.

Seinen Ursprung hat das Carillon in Belgien, den Niederlanden und Nordfrankreich. Das erste gestimmte Carillon wurde 1652 von Pieter und François Hemony gegossen und in Zutphen aufgebaut. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts geriet diese Kunst in Vergessenheit. Erst im späten 19. Jahrhundert wurde die fast vergessene Kunst des Carillonspiels wiederentdeckt. Einen großen Beitrag leistete der belgische Carillonneur (niederländisch: beiaardier) Jef Denyn aus Mechelen, der dort 1922 die Koninklijke Beiaardschool (Königliche Carillonschule) gründete.Wim Alings: Kentekens in stad en land. Nefkens, Utrecht 1978, S. 38–39. Sie entwickelte sich zu einer international renommierten Ausbildungsstätte,Carillonschule Mechelen (niederländisch, englisch) die die belgische Tradition des Carillonspiels bis heute prägt.Zu den Besonderheiten der belgischen und der niederländischen Traditionen des Carillonspiels siehe Wim Alings: Kentekens in stad en land. Nefkens, Utrecht 1978, S. 39. Das von dieser Schule ausgehende Programm zur Erhaltung und Weitergabe der Carillon-Kultur wurde 2014 von der UNESCO in ihr Register guter Praxisbeispiele der Erhaltung immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

1953 wurde in Amersfoort die Nederlandse Beiaardschool (Niederländische Carillonschule) gegründet.Wim Alings: Kentekens in stad en land. Nefkens, Utrecht 1978, S. 39–41. 1935 gab es in den Niederlanden 60 Carillons, 1965 waren es 120 und 1978 bereits gut 200.Wim Alings: Kentekens in stad en land. Nefkens, Utrecht 1978, S. 35.

Anforderungen mini|Modernes Carillon-Pedal (Mariahilf, München)

Die World Carillon Federation (WCF) verlangt von einem klassischen Carillon, dass es über mindestens 23 Glocken (chromatisch über zwei Oktaven) verfügt und die Glocken direkt von einem Spieltisch aus mechanisch mit Seilzügen angeschlagen werden können.

Bei modernen Instrumenten kann der Impuls auf den Klöppel auch elektrisch (Elektromagnet) oder pneumatisch (Luftdruck) übertragen werden. Voraussetzung ist, dass auch hier die Klöppel dynamisch (laut und leise) gespielt werden können. Der Spieltisch ist meist mit Stocktasten versehen, manchmal auch mit einer Klaviatur.Deutsche Glockenspielvereinigung: Was ist ein Carillon

„Glockenspiel“ ist ein Überbegriff, der zum Beispiel auch tragbare und von Hand angeschlagene Instrumente umfasst.

Gespielte Stücke können auch gespeichert und später automatisch wiedergegeben werden, beispielsweise mechanisch-traditionell mit dem Welte-System oder über eine Computersteuerung.

Aufbau mini|Carilloneur am Spieltisch des Carillons in der Mayo Clinic

Die Klöppel der Glocken oder außerhalb der Glocke angeordnete, federnd gelagerte Hämmer sind mit Zugdrähten und Kipphebeln mit den Tasten des Spieltisches verbunden und werden mechanisch von dem Carilloneur gespielt. Der Spieltisch eines Carillons ist dem einer Orgel ähnlich. Er besteht aus einem Rahmenwerk, in dem die Stöcke für das Manual und die Tasten des Pedals eingebaut sind. Die Stöcke des Manuals sind wie Klaviertasten angeordnet. Die Abstände zwischen den einzelnen Stöcken sind mit 58 mm jedoch wesentlich größer als bei einem Klavier.WCD: Carillon Keyboard Standards

Spielweise mini|Mobiles Carillon der Glockengießerei Perner, Passau

Da für das Anschlagen der Glocken eine große Kraft erforderlich ist, wird das Manual eines Carillons normalerweise mit der Faust gespielt, genauer gesagt mit dem mittleren Glied des kleinen Fingers. Die größeren Glocken können zudem nicht nur per Manual, sondern zusätzlich mit den Füßen per Pedal gespielt werden. Bei manchen Carillons können die größten Glocken nur per Pedal gespielt werden.

Aufgrund der Maße der Tasten können pro Hand nur ein bis maximal drei Töne mit Intervallen bis zu einer Quinte gespielt werden. Um beispielsweise zwei Töne gleichzeitig mit einer Hand zu spielen, wird die Hand geöffnet und die Stöcke werden mit Daumen und Zeigefinger heruntergedrückt.

Die Glocken beim Carillon sind nicht mit einer Dämpfung versehen, so dass vor allem die tiefen Glocken sehr lange nachklingen. Somit ist es auch nicht mehr möglich, den Klang einer einmal angeschlagenen Glocke noch zu beeinflussen, bis diese ausgeklungen ist. Des Weiteren klingen die großen Glocken wesentlich lauter und länger als die kleineren Glocken. Zudem ist der Teilton der kleinen Terz deutlich hörbar, was bei lang nachschwingenden Tönen schnell zu Dissonanzen führen kann. Somit erfordert das Carillonspiel eine sehr stark wechselnde Dynamik, die durch die Anschlagstärke der Stöcke reguliert wird, um Dissonanzen zu minimieren.

Bekannte Carillon-Komponisten David Bohn Adolf Brunner Matthias van den Gheyn Johannes Gruytters Staf Nees Leen 't Hart

Bekannte Carilloneure Carilloneur Glockenspiel Leben Jacob van Eyck Utrecht 1590–1657 Hans Uwe Hielscher Wiesbaden * 1945 Thomas Jörg Frank Wiesbaden * 1972 David Kellner Stockholm 1670–1748 Ulrich Leykam Düsseldorf * 1948 Reinhard Raue Geldern 1953–2006 Wilhelm Ritter Kassel Aschaffenburg Berlin 1950–2018 Staf Nees Mechelen 1901–1965 Frank Steijns Martin Stephan Halle * 1952 René Vanstreels

Ausgewählte Carillons Deutschland Standort Ort Zahl der Glocken Masse aller Glocken Inbetriebnahme Gießer Bergfried-Park Saalfeld/Saale 25 9.060 kg 1924 Ulrich, Apolda Roter Turm Halle (Saale) 76 54.980 kg 1993 Schilling, Apolda Karlsruher Glockengießerei Carillon im Tiergarten Berlin-Tiergarten 68 48.000 kg 1987 Eijsbouts Pfarrkirche Maria Hilf in der Au München-Au 65 22.000 kg 2012 Eijsbouts Pfarrkirche St. Josef Bonn-Beuel 62 10.200 kg 1960 Schilling, Heidelberg Französischer Dom Berlin-Mitte 60 29.000 kg 1987 Feingusswerk Pößneck / Neustadt a.d. Orla nach Entwürfen von Peter und Margarete Schilling Bartholomäusturm (profaniert) Erfurt 60 13.600 kg 1979/1992 Schilling, Apolda Parochialkirche Berlin-Mitte 52 8.600 kg 2016 Petit & Fritsen, Eijsbouts St. Nikolai (Ruine, Mahnmal) teilweise (entwidmet) Hamburg-Altstadt 51 13.000 kg 1993 Eijsbouts Neubaukirche (profaniert) Würzburg 51 3.600 kg 2005 Petit & Fritsen Kieler Kloster Kiel 50 4.085 kg 1999/2005 A. Bachert, Karlsruhe; Perner, Passau Carillon im Olympiapark München-Am Riesenfeld 50 3.600 kg 1972 2007 abgebaut, eingelagert Eijsbouts Stiftskirche St. Marien Herrenberg 50 2.510 kg 2012 Eijsbouts Marktkirche Wiesbaden 49 11.071 kg 1986 Eijsbouts, (1986), Gebr. Rincker, Sinn (1962), Andreas Hamm, Frankenthal (1862) Pfarrkirche Unsere Liebe Frau Eppingen 49 3.983 kg 1986 Karlsruher Glockengießerei Krankenhaus Henriettenstiftung Hannover 49 2.600 kg 1960 Schilling, Heidelberg Marktturm des Rathauses Aachen 49 2.500 kg 1979 Eijsbouts Gustav-Adolf-Stabkirche Hahnenklee 49 2.000 kg 2002/2005 Schilling, Heidelberg Perner, Passau Pfarrkirche St. Martin Illertissen 49 1.500 kg 2006 Eijsbouts Alter Rathausturm Köln 48 12.500 kg 1958 Eijsbouts Turm des Neuen Rathauses Chemnitz 48 5.200 kg 1978 Schilling Apolda Schloss Johannisburg Aschaffenburg 48 2.100 kg 1969 Eijsbouts Pfarrkirche St. Philippus und Jakobus Geisa 48 2.003 kg 2002 Eijsbouts Stiftskirche St. Martin und St. Maria Kaiserslautern 47 10.000 kg 2009 Bachert, Karlsruhe Rathaus Magdeburg 47 6.000 kg 1974 Schilling, Apolda Alte Nikolaikirche Frankfurt am Main 47 3.500 kg 1957/1959/1994 F. W. Schilling, Heidelberg Eijsbouts Karlskirche Kassel 47 2.750 kg 1957/1989 F. W. Schilling, Heidelberg Karlsruher Glockengießerei Pfarrkirche St. Aldegundis Emmerich am Rhein 43 7.000 kg 2000 Petit & Fritsen Christianskirche Hamburg-Ottensen 42 5.400 kg 1938 Schilling, Apolda Nikolaikirche (entwidmet) Berlin-Mitte 41 1.400 kg 1987 Schilling, Guss in Waren Kornmarktkirche (profaniert) Mühlhausen 41 1991 Schilling, Apolda Altes Schulhaus Markt Weilbach 39 2.032 kg 2006/2016 Bachert St. Marien zu Lübeck Lübeck 37 16.760 kg 1908 (32) / 2019 (5) Schilling, Apolda; Rincker, Sinn Pfarrkirche St. Anna Düren 37 3.500 kg 1964 Petit & Fritsen Rathausturm Melle 37 1.767 kg 2010 Eijsbouts Museum für Zeit – Pfälzisches Turmuhrenmuseum Rockenhausen 37 2014 Eijsbouts Rathaus Gera 37 1.024 kg 1988 Feingusswerk Pößneck / Neustadt an der Orla Stiftskirche Kloster Wechselburg Wechselburg 36 980 kg 1988 Pößneck Fünfgiebelhaus am Universitätsplatz Rostock 32 500 kg 1986 Schilling; VEB Waren Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt Schirgiswalde 29 1991 Schilling, Apolda Rathaus Heidelberg 26 800 kg 1961 Schilling, Heidelberg Carillon am Schlachtermarkt Schwerin 26 330 kg 1991 Schilling; Waren Park Bergfried Saalfeld 25 8.500 kg 1924: Glocken1986: Carillon Ulrich-AG, Apolda; Schilling, Apolda Altes Rathaus Offenburg 25 400 kg 1989 Pößneck Ehrenhain Potsdam 24 400 kg 1987 Schilling; VEB Waren Pfarrkirche Erscheinung des Herrn Altenburg 24 300 kg 1982 Schilling, Apolda St. Johanniskirche Lößnitz im Erzgebirge 23 2.400 kg 1939 Schilling in Apolda Carillon im Stadtpark Bonn-Bad Godesberg 23 1979 Eijsbouts Reformations-Gedächtnis-Kirche zur Heiligen Dreifaltigkeit Worms 23 1956/2015 Gebr. Rincker, Sinn

Mobile Carillons in Deutschland Mobiles Carillon von Olaf Sandkuhl in Rostock, 37 Glocken, 2004. Montiert auf einem LKW mit überdachter Spielkabine. Mobiles Carillon der Glockengießerei Perner, Passau, 49 Glocken, 2012

Schweiz mini|hochkant|Carillon in Disentis/Mustér Carillon der Abtei Saint-Maurice, 49 Glocken, Gewicht insgesamt 14 Tonnen, größtes Instrument der Schweiz, Einweihung: 24. September 2004 Carillon der Cathédrale Saint-Pierre in Genf, 37 Glocken Carillon der Kirche Sainte-Croix in Carouge, 36 Glocken Carillon in Zofingen in der Turmstube des Stiftsturmes, 25 Glocken, seit 1985 Carillon in Lens (Wallis), Eglise Saint-Pierre-aux-Liens, 24 Glocken Carillon in Pully, Eglise de la Rosiaz, 24 Glocken Carillon in Disentis/Mustér, 20 Glocken, seit 2013

Österreich mini|hochkant|Glockenspiel im Stift Heiligenkreuz

Glockenspiel am Innsbrucker Dom, 48 Glocken Carillon im Zisterzienser-Stift Heiligenkreuz (Niederösterreich), 43 Glocken, 1982 Glockenspiel in der Neuen Residenz (Salzburg), 35 Glocken, 1702

Belgien Die zwei Carillons der Kathedrale St. Rombouts, Mechelen