alt=Denkmal für Karl Marx und Friedrich Engels auf dem Karl-Marx-Forum (wiederhergestellter Zustand 2022)|mini|Denkmal für Karl Marx und Friedrich Engels auf dem Marx-Engels-Forum (wiederhergestellter Zustand 2022)

Das Marx-Engels-Forum (ehemals: Park an der Spree) im Berliner Ortsteil Mitte ist eine Grünfläche, die 1974/1975 im Zusammenhang mit der Ausgestaltung des politischen Zentrums von Ost-Berlin im Auftrag der SED-Führung entstand. Umgeben wird es von der Karl-Liebknecht-Straße im Norden, dem Park am Fernsehturm im Osten, der Rathausstraße im Süden und der Spree im Westen. Das Areal überbaute das im Zweiten Weltkrieg zerstörte und danach abgerissene Heilig-Geist-Viertel. Im Zentrum der Grünfläche befindet sich ein 1986 eingeweihtes Denkmalensemble, bestehend aus der Bronzeplastik für Karl Marx und Friedrich Engels von Ludwig Engelhardt, dem Marmorrelief Alte Welt von Werner Stötzer, die zwei Bronzereliefs Die Würde und Schönheit freier Menschen von Margret Middell sowie vier Edelstahlstelen von Arno Fischer und Peter Voigt. Die Parkanlage war seit der politischen Wende immer wieder Gegenstand erinnerungspolitischer und städtebaulicher Kontroversen.

Entstehungsgeschichte und Standortproblematik Planungen für das politische Zentrum der Hauptstadt mini|Blick vom Rathausturm auf das Heiliggeistviertel, dahinter das Stadtschloss, 1891 mini|Ähnlicher Blick auf das Marx-Engels-Forum, dahinter der Palast der Republik, 1987

Das Areal vom Mittelteil der Spreeinsel bis zum Alexanderplatz war als politisches Zentrum der DDR-Hauptstadt vorgesehen. Vor dem Zweiten Weltkrieg war dieses Gebiet, das Heilige-Geist-Viertel und das Marienviertel mit dem Neuen Markt durch enge Wohn-, Hotel und Geschäftshausbebauung geprägt, die im Krieg größtenteils durch Luftangriffe zerstört und nach 1945 enttrümmert und damit abgetragen worden waren. Der Architekt Hermann Henselmann hatte in den 1950er Jahren am Ort des späteren Marx-Engels-Forums ein Regierungshochhaus nach den Vorbildern in Moskau (Palast der Sowjets) und Warschau (Kulturpalast) vorgesehen. Vor diesem Gebäude sollte ein 25 Meter hohes Denkmal für Karl Marx und Friedrich Engels errichtet werden. Die Planungen wurden aus finanziellen Schwierigkeiten Anfang der 1960er Jahre eingestellt. Als repräsentativer Ersatz für dieses Hochhaus wurden etwas nordöstlich der Berliner Fernsehturm und auf der Spreeinsel der Palast der Republik errichtet, zwischen denen eine Abfolge von offenen Plätzen, Freiflächen und Magistralen geplant wurden als „die konsequenteste und verbindlichste Planungsleistung der DDR im Berliner Stadtraum“.Marianne Ricci: Funktion und Gestaltung von Plätzen in Ost-Berlin. Am Beispiel des Marx-Engels-Platzes und des Alexanderplatzes (1950–1970). Akademische Verlagsgemeinschaft, München 2014, (Digitalisat, Google Books); Cornelia Siebeck: „Demontage statt Abriss“ – oder: Was ist ein Gedächtnisort? In: Alexander Schug (Hrsg.): Palast der Republik. Politischer Diskurs und private Erinnerung. Berliner Wissenschaftsverlag, Berlin 2007, S. 84–107, hier S. 84 f. (Digitalisat, Google Books). Ein Teil dieser Platzabfolge war das spätere Marx-Engels-Forum. An dieser Stelle wurde 1971, nachdem die letzten aus der Vorkriegszeit verbliebenen Stadthäuser abgerissen worden waren, als Grünfläche der Park an der Spree eingerichtet. Vor der 750-Jahr-Feier Berlins 1987 wurde die rechts der Spree gelegene Keimzelle Berlins neu bebaut, unter anderem mit dem von Günter Stahn geplanten, südlich an das Areal anschließenden Nikolaiviertel, das als „Traditionsinsel“ die dichte Bebauung der Vorkriegsstadt aufnahm und einen „Bezug zum Ursprünglichen“ herstellen sollte. Als Gegenstück zu dieser historischen Planung wurde ab 1983 an der Stelle des Parks an der Spree das Marx-Engels-Forum eingerichtet.Rainer L. Hein, Steffen Pletl: Neugestaltung: Kritik an Plan für Marx-Engels-Forum. In: Berliner Morgenpost, 3. Mai 2009 (auch für das Folgende).

Planungen für das Marx-Engels-Denkmal Auf Wunsch der Staatsführung sollte in Berlins neuer Mitte auf dem damaligen Marx-Engels-Platz, dem zentralen Teil der Spreeinsel, ein Denkmal für die bedeutenden Theoretiker des Kommunismus aufgestellt werden. Die Kunstkommission des Ministeriums für Kultur der DDR hatte sich für einen Entwurf des Bildhauers Ludwig Engelhardt entschieden. Er hatte ein eher unauffälliges Monument geplant: die beiden Geehrten sollten nicht größer als das Anderthalbfache eines Normalmenschen ausmachen, weil sie auch die Proportionen zu den anderen in Berlin stehenden Denkmalen von Scharnhorst, Gneisenau und den Humboldts wahren sollten. Engelhardt wollte auch keinen sehr hohen Sockel, sondern die Bronzeskulpturen eher in Augenhöhe des Betrachters platzieren. Als Standort hatte er eine Fläche neben der ehemaligen Schlossfreiheit vorgesehen, nicht mitten auf dem Platz. Im Jahr 1977 wurde der Bildhauer als künstlerischer Leiter des Projekts berufen und suchte sich weitere Mitarbeiter aus, darunter Werner Stötzer, Margret Middell, den Fotografen Arno Fischer, den Dokumentaristen Peter Voigt und als Projektleiter Friedrich Nostitz.

Im Atelier des Bildhauers Norbert Blum in einem ehemaligen Gemüseladen im damaligen Stadtbezirk Prenzlauer Berg entstand ein erstes Modell. Ein zweites Modell im Maßstab 1:1 aus Gips und Pappe, auf einer Wiese in Gummlin aufgestellt, wo sich Engelhardts Atelier befand, ermöglichte Detailschritte und -planungen. Ein inoffizieller Besuch von Erich Honecker und Kurt Hager, dem damaligen Kulturverantwortlichen im Politbüro der SED, in Gummlin mit Besichtigung des Modells brachte die Frage auf, warum Marx sitzend und Engels stehend dargestellt werden sollen. Engelhardt verglich Marx mit einem Herrscher, der auf dem Thron sitze. Honecker und Hager sagten nichts weiter dazu. Doch in einem fortgeschrittenen Stadium präsentierten andere Künstler, die mit dem Bau des Palastes beschäftigt waren, einen Gegenentwurf: die beiden Kommunisten auf einem drei Meter hohen Sockel und mit schräg gelegten Fahnen. Der Projektgruppe gelang die Abwendung dieser angedachten Veränderung, dafür sollte das Denkmalensemble nicht mehr auf dem Platz, sondern hinter dem Palast der Republik, auf einer Wiese der anderen Spreeseite, aufgestellt werden, dem späteren Marx-Engels-Forum.

Schließlich hatte Kurt Hager die Fotodokumente für die Edelstahlstelen begutachtet, er verlangte, einen lebenden Politiker mit aufzunehmen. So kam Honecker mit in den Geschichtsaufriss, was aus Sicht der Projektgruppe der einzige Kompromiss gewesen ist. Die letzten Schwierigkeiten wie Beschaffung von Böttgersteinzeug für die Porträtstudien und die Bereitstellung der außerplanmäßigen Menge Bronze für den Guss konnten noch überwunden werden. Die zehn Tonnen Bronze knappste Lew Kerbel für das zeitgleich gefertigte Thälmann-Denkmal dadurch ab, dass dessen Wandstärke verringert wurde.Friedrich Nostitz: Rückblicke auf ein umstrittenes Denkmal und einen ungewöhnlichen Staatsauftrag. „Es kam die Frage auf, warum Marx sitzt und Engels steht“. 2010.

Errichtung und Einweihung Nach einer Vorbereitungszeit von neun Jahren wurde die Anlage des Marx-Engels-Forums innerhalb der gleichzeitig neugestalteten Parkanlage am 4. April 1986 eingeweiht, kurz vor dem XI. Parteitag der SED. Die Bevölkerung nahm wenig Anteil an dieser Feierlichkeit, nachdem sich Unmut darüber geregt hatte, dass die Grünfläche für das Denkmal teilweise planiert und gepflastert worden war.Cornelia Siebeck: „Demontage statt Abriss“ – oder: Was ist ein Gedächtnisort? In: Alexander Schug (Hrsg.): Palast der Republik. Politischer Diskurs und private Erinnerung. Berliner Wissenschaftsverlag, Berlin 2007, S. 84–107, hier (Digitalisat, Google Books). Michail Gorbatschow legte im Rahmen seines Besuch beim Parteitag einen Kranz vor dem Denkmal nieder und lobte den Bildhauer; das Denkmal sei „sehr deutsch“.Mit Marx und Engels in Berührung. In: Neues Deutschland, 17. April 1986

Die umfangreichen Filmaufnahmen der Bauarbeiten von 1981 bis 1986 wurden nicht öffentlich gemacht, nachdem der Unmut der Bevölkerung deutlich geworden war, sondern erst für Jürgen Böttchers Dokumentarfilm Konzert im Freien aufbereitet, der zur Berlinale 2001 erstmals gezeigt wurde.Der Ort: Marx-Engels-Forum. In: Spreeinsel.de. Die Berliner Fotografin Sibylle Bergemann begleitete im Auftrag des DDR-Kulturministeriums die Entstehung des Denkmals von 1975 bis 1986 in allen Werkphasen und hielt diese in einer „grandiose[n] Serie von Schwarz-Weiß-Aufnahmen“ fest. Das zugehörige Bild des an einem Kranhaken „schwebenden Engels“ bei der Montage des Denkmals wurde in die Dauerausstellung des New Yorker Museum of Modern Art aufgenommen.Benedikt Erenz: Sibylle Bergemann: Engels am Haken. In: Die Zeit, 4. November 2010. Zur „Auftragsarbeit“ Bergemanns Martin Schieder: Affirmation und Differenz. Die „Dokumentation der Entstehung des Marx-Engels-Denkmals“ von Sibylle Bergemann. In: Sigrid Hofer, Martin Schieder (Hrsg.): Fotografieren in der DDR (= Schriftenreihe des Arbeitskreises Kunst in der DDR. Band 2). Dresden 2014, S. 68–88. Siehe die Serie und das Engels-Bild Das Denkmal. In: Dossier: Ostzeit. Bundeszentrale für politische Bildung, 2009; Sibylle Bergemann: German, 1941–2010. In: Museum of Modern Art (englisch).

Gestaltung und Rezeption mini|Marmorrelief Alte Welt von Werner Stötzer mini|Bronzerelief Die Würde und Schönheit freier Menschen von Margret Middell, dahinter die Edelstahlstelen und das Denkmal

Auf einer runden, gepflasterten Freifläche im Zentrum des Forums sind verschiedene Skulpturen platziert. Laut dem Berliner Denkmalpfleger Hubert Staroste artikuliert sich die „Monumentalität“ der Anlage „flächenhaft“, sodass man sich deren Botschaft einer marxistischen Geschichtsdeutung „erlaufen“ müsse.Für das Folgende Friedrich Nostitz: Rückblicke auf ein umstrittenes Denkmal und einen ungewöhnlichen Staatsauftrag. „Es kam die Frage auf, warum Marx sitzt und Engels steht“, 2010; Hubert Staroste: Politische Denkmäler in Ost-Berlin im Spannungsfeld von Kulturpolitik und Denkmalpflege. Ein Bericht zu Arbeit der „Kommission zum Umgang mit den politischen Denkmälern der Nachkriegszeit im ehemaligen Ost-Berlin“. In: Florian Fiedler (Bearb.): Bildersturm in Osteuropa. Die Denkmäler der kommunistischen Ära im Umbruch (= Hefte des Deutschen Nationalkomitees ICOMOS, Internationaler Rat für Denkmäler und Schutzgebiete. Band 13). Lipp, München 1994, S. 84–86, hier S. 85, doi:10.11588/ih.1994.0.22527.

Hauptteil des Ensembles und an zentraler Stelle aufgestellt ist eine Plastik, die von Engelhardt selbst stammt: überlebensgroße Bronzefiguren von Karl Marx (sitzend) und Friedrich Engels (daneben stehend, Höhe: 3,85 Meter), den Verfassern des Kommunistischen Manifests und Vaterfiguren des Sozialismus, auf einem flachen Sockel. Die Szene zeigt laut Staroste eine fotoähnliche Momentaufnahme.

Um die Marx-Engels-Skulptur herum stehen im Bogen angeordnet acht doppelseitige, flächige Edelstahlstelen, die von Arno Fischer, Peter Voigt, Norbert Blum (* 1938), Hans Gutheil, Jürgen Frenkel (* 1942), Günther Köhler (1929–1988) und Friedrich Nostitz (* 1946) gestaltet wurden. In Augenhöhe positioniert befinden sich 144 postkartengroße Fotodokumente aus der Geschichte der Arbeiterbewegung mit dem Titel „Der weltrevolutionäre Prozess seit Karl Marx und Friedrich Engels bis in die Gegenwart“. Die Motive hatten Fischer und Voigt bei großen Fotoagenturen wie Magnum Photos und dem Staatlichen Historischen Museum in Moskau ausgesucht.Matthias Dell: Peter-Voigt-Archiv in Berlin: Eine Bilddatenbank auf zwei Beinen. In: Deutschlandfunk Kultur, 26. September 2018. Diese Stelen mit den mittels eines Elektro-Erosionsverfahrens eingebrannten Fotodokumenten waren damals eine Weltneuheit.